Review: Sophie Zelmani – Seifenblasen-Pop wärmt das Herz (30.10.2017, Zürich)

Es ist immer gut, den Montag mit einem Konzert zu versüßen. Das finden auch viele andere, denn das heutige Konzert der Schwedin Sophie Zelmani in Zürich ist ausverkauft. Schon recht zeitig beginnt sich an diesem Abend der Bogen F zu füllen. Die begehrten Plätze vor der Bühne und in der ersten Etage sind bereits frühzeitig reserviert. Und während wir alle auf Sophie Zelmani und ihre Band warten, bleibt genügend Zeit, sich um zu sehen. Auf der Bühne mutet es etwas esoterisch und ungewohnt an. Verschiedene Gitarren, Bässe, ein Kontrabass, ein Keyboard und ein kleines Schlagzeug füllen die Bühne schon weitestgehend aus. Sitzgelegenheiten, ein Tischchen mit Kerze und einem Glas Rotwein, an der Wand ein zersprungener Spiegel. Alles etwas durcheinander und ungewohnter drapiert. Und eigentlich ist die Bühne bereits schon gut gefüllt. Davor versammelt sich ein eher älteres Publikum mit erwartungsvollen Gesichtern und der begründeten Hoffnung, dass die Musiker irgendwo auf dieser Bühne noch ein Plätzchen finden werden.

Sophie Zelmani (Foto: Silke Kemnitz bs! 2017)

Und das tut die Band auch: Sophie Zelmani, in eine übergroße weiße Tunikabluse mit schwarzer Fliege und Zylinder gekleidet, betritt verschüchtert die Bühne, schlängelt sich durch den Bühnenaufbau und setzt sich auf einen Stuhl. Gefolgt von ihrer Band, bestehend aus einem Gitarristen, einem Bassisten und einem Drummer, die ihre Plätze neben und hinter Sophie Zelmani auf der Bühne einnehmen. Und ohne große Worte beginnt die Band gleich mit dem ersten Song. Song fertig, leise haucht Sophie Zelmani ein „Thank you“ in ihr Mikrofon, schlägt die Augen lieber gleich wieder zu und weiter zum nächsten Song. Und so geht es mehr oder weniger den Abend über weiter. Erst später richtet Sophie Zelmani auch mal ganze Sätze an die ZuhörerInnen. Entertainment und Kontakt zum Publikum ist eindeutig nicht die Stärke der Band.

Eher im Gegenteil: Anfänglich erweckt Sophie Zelmani noch den Eindruck, dass sie am liebsten meilenweit entfernt wäre und ein Konzert vor einem ausverkauften Publikum nun wirklich nicht unter den Top 100 ihrer Lieblingsbeschäftigungen zu finden ist. Hilfesuchend schaut sie immer wieder zu ihrem Gitarristen, dann zum Bassisten, zur Decke, kurz zum Publikum. Mist, immer noch alle da. Dann doch lieber wieder die Augen zu. Aber im Verlauf des Abends spielt Sophie Zelmani sich etwas wärmer. Oder ist es die Aussicht, die Bühne bald wieder verlassen zu dürfen, die sie beflügelt? Wir werden es vermutlich nicht herausfinden. Und es ist auch nicht wichtig. Denn genau mit diesem vollkommen konträren Gegenentwurf zu einer Bühnensau berührt Sophie Zelmani ihre Fans. Und bleibt sich und ihrer Musik dabei vollkommen treu. Das Publikum zumindest liebt es. Überall verzückte Gesichter, ein Lächeln umspielt die Mundwinkel, zwischen den einzelnen Songs begeisterter Applaus.

Sophie Zelmani (Foto: Silke Kemnitz bs! 2017)
Sophie Zelmani (Foto: Silke Kemnitz bs! 2017)

Und so geht es den Abend über weiter. Song um Song. Fast zwei Stunden lang. Und mit jedem Song entsteht im Bogen F ein Hauch mehr von dem Sophie Zelmani – Spirit. Ein Spirit von mystischen, sanften Musikgebilden, zart, zerbrechlich, empfindsam. Musikgebilde, die direkt die Seele streicheln. Musikgebilde, die sich zu einem rosaroten feingliedrigen Blumenstrauß zusammenfügen, sich zu kleinen melancholischen Seifenblasen verdichten. Musikgebilde, die sanft diskrete musikalische Wunderkerzen entzünden. Und das alles ruhig, empfindsam und ohne große Aufregung. Und ohne große Variationen.

Und so träumt sich die Band und das Publikum an diesem Abend in eine unaufregend – empfindsam- zartrosafarbene Seifenblasenwelt.

Sophie Zelmani (Foto: Silke Kemnitz bs! 2017)

Überhaupt Variationen: Auch so etwas, wofür Sophie Zelmani einen Gegenentwurf hat. Und der heißt in diesem Fall konsequente Beständigkeit: Seit über 20 Jahren spielt die Band bereits in der Konstellation zusammen. In regelmäßigen Abständen erscheint eine neue CD, die Letzte in diesem Jahr. Die Musik bewegt sich immer irgendwo zwischen Singer/Songwriter-Folk-Pop.

Thematisch drehen sich die Songs überwiegend um das weite und komplizierte Thema Liebe und allem was dazu gehört. Keine Überraschungen, keine Variationen. Veränderungen sind nun mal nicht so Sophie Zelmanis Ding. Macht aber auch nichts.

Sophie Zelmani (Foto: Silke Kemnitz bs! 2017)

Denn so ist ein Sophie Zelmani Konzert eine berechenbare Komponente, ein Fels in der Brandung und ein ruhender Pol in dieser schnelllebigen, lauten und oft hektischen Welt. Genauso wie ein neues Album von Sophie Zelmani. Und nach fast zwei Stunden Aufenthalt in dieser unaufregenden mystisch-zerbrechlichen Seifenblasen-Welt fernab der harten und rauen Realität entlässt uns Sophie Zelmani zurück in den kalten Abend auf Zürichs Straßen.

Galerien (by Silke Kemnitz bs! 2017):

Sophie Zelmani (Foto: Silke Kemnitz bs! 2017)

Setlist:

  1. No Victims
  2. To Know You
  3. I Pray
  4. Composing
  5. Going Home
  6. My Song
  7. So Long
  8. Ready
  9. I Wonder
  10. Memories
  11. Precious Burden
  12. Breeze
  13. Once
  14. When Times Are Bad
  15. Dreamer
  16. I Can’t Change
    Encore
  17. Everywhere
  18. Oh Dear

Links:
sophie-zelmani.com

Judith Sander
Judith Sanderhttps://www.be-subjective.de
Es gibt Sucht-Charaktere, die entsagen und es gibt andere, die setzen sich ins Epizentrum ihres Verlangens. Nein, Judith ist keine Schweizer Taschenmesserwerferin, sie ist bekennend schokoladensüchtig und metzelt ohne zu zucken für ‘ne Toblerone oder Eiscreme oder Tobleroneeiscreme oder.. na jedenfalls: Die Frau ist echt Zucker, echt hart drauf, hat ein feines Näschen, legt sich für die richtigen Dinge ins Zeug, in die Kurve und nascht am allerliebsten an kleinen, unbekannten Bands in ruhiger Atmosphäre. Wer die olle Genießerin dennoch ans Messer liefern will, sperrt sie – in einen rosa Rüschen-Alptraum gehüllt – mit stinkenden Dränglern ins Musikantenstadl und nimmt ihr das letzte Milkyway weg.

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