Review: Sacred Reich & Bliksem packen den Hirsch bei den Hörnern (27.07.2016, Nürnberg)

Sacred Reich (Foto: Toni Gunner)

Zugegeben: Ich hatte schon ein wenig ein mulmiges Gefühl dabei als ich zu diesem Gig fuhr, denn der Terroranschlag in Ansbach lag gerade mal drei Tage zurück und dazu muss ich erwähnen, dass ich nicht nur in Ansbach hauptberuflich arbeite, sondern auch nur knapp zehn Minuten davon entfernt wohne.

Rund circa 40 Km trennt Nürnberg von Ansbach und als ich am „Hirsch“-Gelände ankomme, merk man schon eine gewisse „Bedrücktheit“ der Anwesenden. Aber die Zeichen standen auch ganz klar auf Sturm und man wollte sich von den Attentaten nicht abschrecken und die kommende Freude an Konzerten nehmen lassen!

Am Einlass wurden Taschenkontrollen durchgeführt (und die Art und Weise wie sie durchgeführt wurde, was ich selber sah, fand ich in Ordnung), was wohl zukünftig vermehrt der Fall sein wird, aber im Namen der Sicherheit ist das absolut von Nöten. Wer da meckert, der kann auch gleich daheim bleiben…

The American Way

Beim Betreten vom „Hirsch“ erblicke ich am Merchandise-Stand vier Personen, worauf ich schlagartig ein riesiges Grinsen im Gesicht habe: Sacred Reich verticken persönlich ihr Merch. Klar, das ist nichts außergewöhnliches, da viele „kleinere“ Bands ihre Sachen selber verticken, aber für mich ist das ein Debüt und zugleich eine Ehre den Herrschaften die Hand zu schütteln und „Hallo“ zu sagen. Sänger Phil Rind, freut sich über den Anblick meines Sacred Reich T-Shirts (Motiv: Das Cover von „The American Way“) und man plaudert ein wenig miteinander.

Megasympathisch die Herren!

Was einen noch mehr freut ist die Tatsache, dass ich sogar noch meine CD signiert bekam, die ich im Auto liegen hatte. Höflich gefragt, CD geholt, Stift noch organisiert, unterschreiben lassen und schon bin ich total happy. Ja werter Leser, ich bin nun mal ein Fanboy und stehe auch dazu!

Aber die Musik spielt natürlich hier die Hauptrolle und die begann pünktlich um 20:00 Uhr mit den belgischen Thrashern Bliksem als Vorband. Wer die Band noch nicht kennt, dem sei gesagt, dass hier eine Frontdame am Werke ist (Peggy Meeussen), die eine beeindruckende Stimme vorzuweisen hat. Selbstbewusst und routiniert wirkt sie auf mich und erinnert durch ihre Tattoos entfernt an eine rothaarige Maria Brink (In This Moment). Beim Opener `Crawling In The Dirt` lässt sie gleich mal einen fetten Schrei los, dass jeder der bereits anwesenden Zuschauer weis, dass sie kein „zierliches Püppchen“ ist, sondern eine gestandene Frau.

Jawoll!

`Kywas` und `Room Without A View´ komplettieren das Anfangstrio der aktuellen Scheibe „Gruesome Masterpiece“ ehe man mit `Disciples` einen Track vom Vorgänger und gleichzeitigen Debüt „Face The Evil“ spielt. Die Band agiert sehr agil auf der Bühne und man merkt ihnen den Spaß am Spielen an. Auch im optischen Sinne macht die Band eine gute Figur. Gitarrist Jeroen De Vriese sieht ein wenig aus wie ein besser frisierter und rasierter Johann Hegg (Amon Amarth) aber spielt mit seiner Gitarre starke Sachen die das Stageacting sehr unterhaltsam unterstreichen lässt. Da ich persönlich ein Faible für Drummer habe, schaue ich Schlagzeuger Rob Martin auch ein wenig auf die Finger. Was mich bei ihm beeindruckt ist diese Leichtigkeit die er an den Tag legt. Man muss bedenken, diese Spielart ist allgemein eine starke körperliche Anstrengung, aber mit einer Leichtfüßigkeit und einem Lächeln im Gesicht zockt er sein Set. Bravo!

`Twist The Knife` heißt der nächste starke Nackenbrecher der gespielt wird. Allgemein spielen Bliksem feinen leicht melodiösen Thrash Metal der auch mal genug Raum zum Luft holen lässt, ehe mit fetten Leads weiter gebangt wird. `Face The Evil´, `Barbaric Nation` und ´Fucked Up Avenue` demonstrieren dies erneut. Und ehe man sich versieht, sind 40 Minuten rum und man bekommt noch zum Abschluss `The Life On Which I Feed`.
Die rund 350 Anwesenden sind mehr als erfreut über Bliksem und die Band erntet mehr als nur einen Höflichkeitsapplaus. Ich bin mir sicher, dass einige neue Hörer, bis hin zu neuen Fans gewonnen wurden.

Lobenswert aus meiner Sicht fand ich dass Gitarrist Jeroen, der nach dem Gig, als der Umbau für Sacred Reich von statten ging, mir eine Setlist von der Bühne gab und meinte ich könnte ja am Merchandise Stand bei ihnen mal vorbeikommen. Na, da lasse ich mich nicht zweimal bitten und somit: gesagt – getan. Sängerin Peggy verkauft fleißig CD´s und T-Shirts und freut sich über den Anblick der Setlist und meiner dazugehörigen Frage ob ich das signiert haben könne. Drummer Rob stößt kurz darauf hinzu und unterschreibt dies auch. Selbst der Aushilfsbassist setzt seinen „Willy“ darunter. Danach tausche ich mich mit der Band noch über die verschiedensten Themen aus und kann attestieren, dass es sich um die Belgier um nette, freundliche und sympathische Personen handelt.

Wer die Band noch nicht kennt: anchecken!

Während ich noch mit Bliksem plaudere, höre ich die ersten Takte von `The American Way´. Ein Blick auf die Uhr verrät mir die Zeit: 21:15 Uhr. Huch, jetzt muss ich mich aber sputen! Ich verabschiede mich von Bliksem mit bedauern, aber man möchte ja den Sacred Reich Gig sehen. Peggy und Rob zeigen dafür vollstes Verständnis. Man wünscht sich noch alles Gute und viel Spaß mit dem restlichen Abend und schon „tänzle“ ich mich durch die Zuschauermenge (Michael Jackson wäre über manche meiner Moves stolz auf mich gewesen…). Die Anzahl der in der Halle befindlichen Besucher ist höher als bei Bliksem.

Sacred Reich

Schätzungsweise 500 Leute müssten es sein. Ausverkauft ist es jedenfalls nicht. Liegt an den Anschlägen der vergangenen Tage, das manche doch lieber zu Hause geblieben sind oder doch daran, dass das Konzert an einem Mittwochabend stattfindet und manche wegen der Arbeit nicht kommen konnten? Vielleicht eine Mischung aus beidem…

Sacred Reich (Foto: Toni Gunner)
Sacred Reich (Foto: Toni Gunner)

Diejenigen, die heute anwesend sind, können sich jedenfalls an einem superben Gig von Sacred Reich erfreuen. Die Texte der Jungs aus Phoenix/Arizona treffen selbst nach mehr als 20 Jahren immer noch genau den Nerv der Zeit und sind aktueller denn je. Nach dem Auftakt `The American Way` folgt ´Administrative Decisions´, ein feiner Brecher vom „Ignorance“ Album, ehe man „neueres“ spielt wie `Free`, um dann den Gassenhauer `Death Squad` (dieses Breitwandriff! Monströs!) auszupacken.

Danach meldet Phil zu Wort und sagt dem Publikum in was für einer verrückten und kranken Welt wir leben. Gemeint sind nicht nur bescheuerte Politiker, sondern auch die Attentäter die Angst und Schrecken verbreiten. „Diese Menschen wollen uns nur Angst machen und unseren Spaß verderben, aber davon lassen wir uns nicht abbringen“. Die schönste Geste dabei ist, dass man zu mehr Nächstenliebe aufgerufen wird und man den Menschen der gerade links oder rechts neben einem steht, in den Arm nehmen soll. Es ist ein schönes Bild, wie der „Hirsch“ sich gegenseitig umarmt. Und ja, das hat der allgemeinen Stimmung gut getan.

Passend dazu sagt Phil den nächsten Song an: ´One Nation`. Die Menge bangt mit und reißt die Arme samt Fäusten bzw. „Pommesgabeln“ in die Höhe. `Love…Hate` bietet da keinen Abbruch, sondern noch mehr Ekstase. Bevor Sacred Reich den nächsten Song spielen, fragt Phil die Leute nach den einzelnen Alben ihrer Diskographie und wer sie zu Hause im Schrank stehen hat. Als nach der letzten Scheibe „Heal“ gefragt wird, winkt er ab und meint, dass das eh keiner haben wird, da es nicht so gut ist. Deswegen gibt es nun auch den Titeltrack zu hören. Aber das allein reicht nicht und man bekommt noch `Blue Suit, Brown Shirt` mitserviert.

Sacred Reich (Foto: Toni Gunner)
Sacred Reich (Foto: Toni Gunner)

Beeindruckend ist Gitarrist Wiley Arnett, der den ganzen Abend lang, total locker und abgeklärt, aber dennoch hochkonzentriert wirkt. Drummer Greg Hall bringt auch nichts aus der Ruhe und verdrischt sehr tight sein Schlagzeug. Jason Rainey mimt den Hardcore-Jungen an seiner Gitarre (was zum allgemeinen Hardcore-Vibe der Band passt) und Phil Rind lächelt so sympathisch, dass man einfach mitlächeln muss. Allgemein gibt Phil und die Band an diesem Abend dieses Gefühl als wollen die Jungs sagen: „Hey, wir sind nur Sacred Reich und freuen uns heute Abend hier sein zu dürfen. Ohne euch wären wir erst gar nicht hier. Und wenn ihr Spaß habt, dann haben wir den auch. Danke an euch!“. Später sagt Phil das auch (mit anderen Worten) zum Publikum und grinst dabei wie ein sympathischer Staubsaugervertreter (ohne das nun böse oder abwertend zu meinen!).

War Pigs

Eine freundliche, harmonische und supertolle Stimmung ist vorhanden an diesem Abend. Was danach folgt ist dann ganz großes Kino, denn es folgt ein Hightlight nach dem anderen: Erst das Black Sabbath Cover zu ´War Pigs`, dass man eigentlich fast schon als eigenen Sacred Reich Song bezeichnen könnte, weil es immer im Repertoire vorhanden war. Außerdem klingt es sehr fett und härter als Original. Der Band macht es auch sichtlich Spaß dieses Lied zu spielen, denn auch die Massen sind begeistert davon und singen lautstark u.a. „Oh Lord, Yeah!“ mit.

Sacred Reich (Foto: Toni Gunner)
Sacred Reich (Foto: Toni Gunner)

Dann folgt der Nackenbrecher `Ignorance`, bei dem ich versuche Greg mit meinem Luftschlagzeug zu folgen (keine Chance…). Mit Leib und Seele bin ich dann aber bei `Crimes Against Humanity´ dabei, ehe dann alle `Who´s To Blame` mitsingen. Die letzten Kraftreserven werden gesammelt und man schreit lautstark ´Independent` mit.
Mit tosendem Beifall, verlässt man die Bühne und verabschiedet sich. Moment, das kann aber noch nicht alles gewesen sein, oder? Nein, natürlich nicht, denn nach den „Zugabe“-Rufen kommen Sacred Reich selbstverständlich zurück auf die Bühne, denn ein Song fehlt noch: `Surf Nicaragua`. Und natürlich bekommt das Nürnberger Publikum den zu hören. Die Menge geht steil und jeder der noch bei Stimme ist bzw. einen Ton von sich geben kann, vereint sich zu den Worten:

“You fight for democracy and the „American Way“,
But you’re not in your country, „What am I doing here?“ you say
But now it’s too late, you’re entering Managua
If you had brought your surfboard, you could surf Nicaragua”

Nach 75 Minuten ist der Abend dann wirklich zu Ende. Das Publikum ist beigeistert, feiert, jubelt und applaudiert lautstark. Phil grinst immer noch wie ein Honigkuchenpferd, zückt sein Smartphone und fotografiert die Menge (das Bild ist u.a. auf der Sacred Reich Facebookseite zu sehen). Man verabschiedet sich und die Leute treten den Heimweg an.

Aus persönlicher Sicht muss ich sagen, obwohl es Personen gibt, die die „kurze“ Spielzeit bemängeln würden, sollte man bedenken, dass Sacred Reich seit ihrer Reunion kein neues Album gemacht haben und somit das letzte Studiowerk stolze 20 Jahre zurückliegt. Man muss ihnen sogar Respekt zollen, dass sie ohne neue CD auf Tour gehen und, für eine „kleinere“ (aber dennoch wichtige) Band, nur auf ihre bisherigen Werke zurückgreifen können. In meinen Augen war alles dabei, was ich als Fan hören wollte. Was aber noch fast wichtiger ist, dass Sacred Reich und im Speziellen Phil Rind durch seine Art und Ausstrahlung einem die „Bedrücktheit“ und Angst der letzten Tage nahm und die Freude an solchen Konzert- und kommenden Festivalabenden zurückgab.

Sacred Reich (Foto: Toni Gunner)
Sacred Reich (Foto: Toni Gunner)

Vielen Dank an Bliksem und Sacred Reich für diesen Abend!

Abschließend sei nur noch zu sagen, dass man sich nicht von den Anschlägen einschüchtern und sich den Spaß des Lebens verderben lassen sollte. Sonst entgehen euch schöne Abende wie dieser.

FUCK TERRORISM!

Herzlichen Dank senden wir hier an Toni Gunner. Sie half uns mit Fotos vom Graspop Metal Meeting aus.

Links:
www.sacred-reich.com
www.bliksemmusic.com

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Michael Gerlinger
Bei Mike handelt es sich im Einzelnen um allerhand mittelfränkische Verhandlungsmasse, ein wahrer Gentleman, ein wahrer Poet Den Löwenanteil seiner irdischen Sternzeit fristet Metalmike, wie wir ihn nennen, auf 49°17`60" N, 10°33`34" O in der Multi Media Abteilung eines Glücksgefühl-Sortimentas. In den 90ern war Gentlemicha der erste, der sich “Musik ist (mein) Leben!” auf die Pommesgabel hat tätowieren lassen, deswegen reichte das Taschengeld auch nicht für ‘ne Baumpatenschaft. Weil Metalmike jeden Tag einen Clown frühstückt, sperren wir ihn in der Regel statt Jack in die Box und füttern ihn für den Rest des Tages hauptsächlich mit Rock- und Metalscheiben, von Weichspülern bis hin zum richtig steilen Zeug à la Mgla, Lifelover und Co.