Review: Mother Tongue Lives – Aber so was von!!! (20.07.2016, Dresden)

Mother Tongue 2016 (Foto: Isabelle Hannemann)

Endlich! Endlich mal wieder ein Konzert im Beatpol, endlich mal wieder ein Konzert von Mother Tongue – endlich mal wieder eine Show im geilsten Liveclub dieser Stadt von einer der besten Livebands dieses Planeten!!

Schon wenn man die Treppen im Aufgang hochsteigt, kann man sich an den Wänden die Poster ehemals stattgefundener Gigs bewundern, was bis in den Innenbereich des ehemaligen Tanzsaals durchzieht, welcher mit seiner Säulen an den Seiten und der tiefer gelegten Tanzfläche dem Beatpol diese einmalige Atmosphäre verschafft. Man kann förmlich riechen, dass hier in den letzten Jahrzehnten Live(rock)gechichte(n) geschrieben wurden, dazu genügt eigentlich auch ein kurzer Blick auf die Liste der „Hall of Fame“ der Clubwebseite und beim Runterscrollen entdeckt man, das hier eigentlich (fast) jeder schon mal gespielt hat. Auch Mother Tongue.

So schließt sich also der Kreis.

Ähnlich drückte sich auch Bassist und Hauptsänger David Gould zu Beginn des Konzertabends aus, als er erwähnt, dass sie 2002 zum Tourstart der „Streetlight“ Platte hier gespielt haben (damals hieß das Ding ja noch Starclub) und dies ja schon eine ganze Weile her sei. Recht hat er und eigentlich müsste der Bericht an dieser Stelle auch schon zu Ende sein, denn…

wie soll ich das in Worte fassen,..

was am besagten Mittwochabend in diesem Club danach abgegangen ist, wer es nicht selber mit eigenen Augen gesehen, mit eigenem Ohr gehört bzw. am eigenen Körper gespürt hatte. Okay, ein Versuch ist es wert.

Mother Tongue (Foto: Isabelle Hannemann)
Mother Tongue (Foto: Isabelle Hannemann)

Ohne Vorband und nach einiger Wartezeit ertönten die ersten Akkorde von „Burn Baby“ und der Funk(e) sprang sofort aufs Publikum über. Ich persönlich habe die Band vor etlichen Jahren das letzte mal in der 60erJahre-Halle auf dem Faust-Gelände in Hannover erleben dürfen und Konzerte von der 1990 in Austin gegründeten Band haben absoluten Jam-Charakter. Der ständige Energiewechsel zwischen den Songs ist quasi auch ziemlich symbolisch für das ständige Auf und Ab der Band-Karriere, was ironischer Weise viel besser nach L.A. passt, wohin die Band Mitte der 90er mit der Veröffentlichung des gleichnamigen Debüts hingezogen ist. Nach vielversprechenden Start, Support u.a von The Cult und Kyuss bzw. namenhaften Fürsprechern in Person von Ian Astbury und Trent Reznor, gab’s nach Streitigkeiten mit dem Majorlabel 1996 dann erstmal die Auflösung. Der Neustart erfolgte mit neuen Label Noisolution und der Veröffentlichung der beiden Klassiker „Streetlight“ 2002 bzw. „Ghost Note“ 2003 – welche dieser Tage als Doppelalbum wieder veröffentlicht wurde. In dieser Zeit sicherten Mother Tongue im Vergleich zu den USA gerade in Europa und vor allem in Deutschland durch etliche Livegigs eine sehr treue Anhängerschaft. Argumente dafür z.B. diese Tour bzw. die von 2010 zum 20jährigen Bandjubiläum oder die Kompilation „The Best of Mother Tongue“ des VISIONS Mag in der August-Ausgabe des selben Jahres.

Bekanntermaßen gilt der eigene Prophet im eigenen Lande nicht viel, so ist es auch keine Wunder also, dass es in der englischsprachigen Wikipedia-Version keinen Eintrag zur Band gibt. 2008 erschien mit einiger Verzögerung der letzte und damit immer noch aktuelle Longplayer „Follow the Trail“. Seitdem folgt die treue Fanschar dem Mother Tongue-Trail zu jeder Gelegenheit, welche es gibt die Kalifornier live und in Farbe zu sehen. Wer sie einmal in dieser Konstellation erlebt hat, möchte dies wieder und wieder und wieder tun, so auch an diesem Abend…

Mother Tongue (Foto: Isabelle Hannemann)
Mother Tongue (Foto: Isabelle Hannemann)

Endlich sind also die Herren David Gould, Christian Leibfried, Bryan Tulao und Sasha Popovic zurück auf der Bühne. Auch die anfänglichen Soundprobleme an der Gitarre wurden auf die Mother Tongue-Art gelöst: Der Ruf aus dem Publikum nach einem Drumsolo wurde umgehend in die Tat umgesetzt. Danach folgte eine gut zweistündige Show mit einem Querschnitt aus den vier Schaffenswerken der Band, so u.a. „Casper“, „Damage“, „Nightmare“ oder auch „Trouble Came“. Und da die letzte LP schon fast 10 Jahre alt ist, ist hier das Sisters of Mercy-Prinzip angesagt –

all Hits are Killers, no Fillers.

Dabei groovete Gloud in seinem unnachahmlichen Spiel und natürlich nur echt mit Hut am Bass. Leibfried und Tulao sorgten mit phantastisch dynamischer Saitenakrobatik für das jeweilige Songtempo, während sie sich am Mikro abwechselten. Und für den passenden Rhythmus am Schlagwerk war der großartige Popovic zuständig.

Mother Tongue (Foto: Isabelle Hannemann)
Mother Tongue (Foto: Isabelle Hannemann)

Im Zugabenteil kommen dann zwei meiner absoluten Favoriten vor. „CRMBL“ wurde Lou Reeds „Walk on the Wild Side“-Reminiszenz angespielt und beim letzten Track durfte zum zweiten Mal ein textsicherer und glühender Mother Tongue-Fanatiker aus der Front-Crowd das Mikro übernehmen und zusammen mit der Band „F.T.W.“ performen, was von allen weiteren Anwesenden wiederholt absolut begeistert gefeiert wurde, ganz gleich ob in der ersten Reihe, auf den Seitenflügeln oder hinten an der Bar. Das Publikum war an diesem Abend altersmäßig gut durchmischt, passend zur über 25jährigen Bandgeschichte, und ich bin mir sicher, dass alle wieder die Gelegenheit einer Mother Tongue-Show nutzen werden, wenn sie dafür die Chance bekommen. Für diejenigen, welche das jetzt lesen und noch kein Konzert der Band gesehen haben: Unbedingt machen.

To-Do-List-Before-Die: Mother Tongue live erleben!

Mother Tongue (Foto: Isabelle Hannemann)
Mother Tongue (Foto: Isabelle Hannemann)

Die Band aus der Stadt der Engel hat in Sachen Rock immer noch den Funk im Groove und umgekehrt, den Beispielsweise die Red Hot Chili Peppers spätestens nach „Californication“ verloren haben und immer noch suchen. Im Vergleich zu Mother Tongue klingen die mittlerweile wie eine gewöhnliche Alternative Collage Rock-Band und sorgen live für mehr Einschlafmomente als für Wachmacher. Also spart Euch das Geld und gebt es lieber für die wichtigen Sachen aus – z.B. für Mother Tongue. Durch ihre anderen Jobs spielen die ihre Konzerte eigentlich nur noch aus Liebe zur Musik. Passend dazu kann man sich auch auf der Bandwebseite von etlichen Konzerten aus der Vergangenheit den jeweiligen Mitschnitt runterladen.

Mother Tongue (Foto: Isabelle Hannemann)
Mother Tongue (Foto: Isabelle Hannemann)

Hört Euch durch die Diskographie „Follow the Trail“, „Ghost Note“, „Streetlight“ und „Mother Tongue“. Seht Euch dazu die Konzertfotos auf der Webseite an und lest hier unbedingt auch das Interview mit der Band.

Mothertonguelives – aber so was von!!!

Weitere Konzertfotos in unserer Galerie:

Links:
www.mothertonguelives.de
www.noisolution.de/band/mother-tongue
www.poptrip.net/mother-tongue
www.beatpol.de

[Anmerkung der Redaktion: Beitrags-Fotos vom 12.07.2016 im Knust HH]