Review: Mother’s Cake + NAP – ’ne fette Hauskatze auf Anabolika (14.03.2017, Hannover)

Mother's Cake (Foto: Isabelle Hannemann bs!)

Gerade noch pünktlich bringe ich meinen Arsch ins Lux und nehme meinen Platz im Stereo-Dreieck mit einigen Metern Abstand zur Bühne ein. Ich fokussiere mich. Heute geht es nicht darum, entspannt am Tresen herumzuschimmeln und sich berieseln zu lassen. An diesem Abend möchte ich die Musik in all ihren Facetten und möglichst frei von Fremdreizen begreifen, auch wenn das in sich schon ein Widerspruch darstellt. Egal, man kann es wenigstens versuchen. Ich habe einige Erwartungen. Und ich sollte nicht enttäuscht werden.

NAP (Foto: Isabelle Hannemann bs!)

NAP -ausnahmsweise mal in Versalien – eröffnen den Abend mit einem Paukenschlag. NAP, das sind weder verzuckerte Frühstücks-Cerealien, noch eine Firma für Abrechnungssoftware, sondern ein oldenburger Power-Trio, das nichts anbrennen lässt. Wirklich alles, vom Design ihres Artworks bis hin zur Produktion des im letzten Jahr erschienenden Debüt-Albums „Villa“, nehmen die Jungs selbst in die Hand.

Die Heavy-Rock-Raumfähre hebt ab.

Augenblicke später hat der Klang-Tsunami, welchen die drei Bleichgesichter scheinbar mühelos zu erzeugen im Stande sind, meine anfänglichen Zweifel einfach fortgespült. Oktaven bis tief in die Vor-Hölle und immer wieder aus der Ur-Suppe hervorblitzende, kristalline Melodien tragen ebenso zur gewaltigen Dynamik von NAP bei wie die blubbernde, perfekt eingespielte Rhythmus-Sektion. Der nahezu makellos ausgesteuerte Bühnen-Sound trägt einen wichtigen Teil dazu bei. Chapeau an dieser Stelle an die Anlage und Techniker des Lux.

„dieser Song geht raus an alle Arschlochmenschen“

NAP (Foto: Isabelle Hannemann bs!)

Während der Spacerock-Satellit mich auf seinem turbulenten Weg durch den Orbit mitreißt, wird mir aber eines klar: Dieses Flugobjekt ist weitgehend unbemannt. Sänger und Gitarrist Ruphus bemüht sich zwar redlich, mit mantrischen Gesängen und rauen Shouts, wie bspw. in dem Wutbrocken „Ungeheuer“ („dieser Song geht raus an alle Arschlochmenschen“ – sympatisch) in Jerry Cantrell/Layne Staley – Manier gegen die Macht seines eigenen Instruments und denen seiner Raumschiff-Crew anzukommen, jedoch gefallen mir NAP immer dann am besten, wenn die Vocals eben nicht von der Eleganz und Kraft des Riff-Gewitters ablenken.

Diese Band hat keine Probleme damit, instrumental zu funktionieren.

NAP (Foto: Isabelle Hannemann bs!)

Gänsehaut bescheren mir auch die ruhigen Momente, in denen mich die Gitarre des Front-Hippies etwas an die überlebensgroßen Drone-Landschaften eines Dylan Carlson erinnern. Diese werden mir mit einer Gelassenheit entgegengebracht, als würde Ruphus nicht auf der Bühne stehen, sondern gerade die Regale eines Bio-Ladens einsortieren.
Ich habe solche Typen früher nie leiden können. Aus dem einfachen Grund, weil ich neidisch auf deren musikalische Souveränität war. Die Fähigkeit, sich ohne die Zuhilfenahme jeglicher Plattitüde und allein durch die Verschmelzung mit dem Instrument vollkommen authentisch und unangreifbar zu machen. Tja, aber das kommt wohl davon, wenn man früher nicht fleißig genug geübt hat. Heutzutage ziehe ich meinen imaginären Hut und bin froh, heute Abend Zeuge vom Schaffen einer jungen Band zu werden, die gleichsam virtuos und frisch klingt.

NAP (Foto: Isabelle Hannemann bs!)

Gegen Ende des Sets setzen NAP zur Kurs-Korrektur an. Das Tempo zieht an, die Strukturen werden klarer, kantiger. Und im Handumdrehen watet die Band knietief im Sauerkraut-Sumpf und rockt so staubtrocken durch den interstellaren Nimbus, das sich Michael Rother vergnügt das Kinn reiben würde. Hierzu passt der Titel des akustischen Umkremplers: „Autobahn“. Ich spüre wie sich nunmehr nicht nur mein Kopf, sondern auch sämtliche meiner Extremitäten zu bewegen beginnen.

Auch das Finale des Sets, „Let`s surf“ twangt tierisch und als der letzte Akkord die Umbaupause einleitet, bin ich schon etwas durch den Wind, mit welcher musikalischen Qualität ich hier gerade bombardiert wurde. Höflich wird sich beim Publikum für dessen Erscheinen bedankt und euphorisch auf den Main-Act hingewiesen. Mich zumindest brauchen sie nicht zu überzeugen.

Mother’s Cake (Foto: Isabelle Hannemann bs!)

Mother’s Cake. Zwei gelockte und recht schmächtige Männer in schwarz/weiß gestreiften Shirts, sowie ein ziemlich stämmiger Zeitgenosse mit einer Van Halen-Gedächnis-Bassgitarre nehmen ihre Plätze auf der Bühne ein. Mother’s Cake können auf ein beeindruckendes Schaffen und eine Zusammenarbeit mit solch Lichtgestalten wie Iggy PopOmar Rodriguez oder Wolfmother zurückblicken.1 Heute sind sie Headliner. Die Blicke der drei treffen sich und es wird zum ersten Song eingezählt. Die darauf folgende Funk-Rock-Explosion hat die Durchschlagskraft einer aufgemotzten Hilti-Schlagbohrmaschine und zimmert mir in den nächsten 75 Minuten einen guten Piep in die Ohren und ein Grinsen ins Gesicht. Für sich genommen kann jeder der drei Österreichischen Duracell-Hasen mit beeindruckenden Tricks aufwarten. Wenn sie dann aber aufeinander losgelassen, scheint sich ihre Power zu potenzieren.

Sprich: Drei mal eins gleich neun.

Mother’s Cake (Foto: Isabelle Hannemann bs!)

Nimm ein Gerüst aus furztrockenen Funk-Drums, die nur allzu gern in Polyrhythmen zum Marsch blasen, ein paar hoffnungslos verdreckte Stimmbänder, welche sich – oft ins Falsett abdriftend – mit souligem Timbre durch jede noch so undurchsichtige Nebelwand schneiden und paare dies mit dem brutalsten Slap-Bass, den du finden kannst. Dazu eine Gitarre die singt, knarzt, wunderschön heult oder im Fuzz-Gewitter kollabiert, jedoch immer song-dienlich und nie aufdringlich wirkt und dann hälst du ihn in der Hand, den Bastard namens Mother’s Cake, der einfach nirgendwo reinpassen möchte, dir aus der Hand gleitet, wenn du mal nicht aufpasst, denn noch bevor du das letzte Schrapnell aus dieser erbarmungslosen Groove-Kanone verkraftet hast, fordert dich die Band erneut heraus.

Keine 15 Minuten auf der Bühne verwandelt sich das Funk-Rock Ungetüm plötzlich in eine Feuerspeiende Analog-Techno-Maschine. Das Publikum nimmt die Veränderung auf wie der Kaffee die Milch. Binnen kürzester Zeit befinde ich mich in einer wabernden Masse aus warmen Körpern.

Mother’s Cake (Foto: Isabelle Hannemann bs!)

Mother’s Cake sind quasi permanent auf Tour und man hört und spürt jeden Tropfen Blut und Schweiß, der in die Songs dieser Knallköpfe floss. Das groovt und moved wie ein Korb Klapperschlangen. Sänger/Gitarrist Yves Krismer’s rasiermesserscharfe Hooklines, oft inflationär mit Hall garniert, retten den Kuchen immer wieder davor, in all seiner Frickeligkeit in sich zusammenzufallen. Bassist Benedikt Trenkwalder hat nicht nur eine beeindruckende physische Präsenz, sein Bass knurrt auch wie eine fette Hauskatze auf Anabolika. Gegen ihn wirkt sein Bandkollege an der Sechs-saitigen fasst ein wenig schüchtern.

Und plötzlich wird es still. Sehr still.

Etwa in der Mitte des Sets beginnt ein hypnotisierendes Delirium, die Lichter werden gedimmt. Die nächste Dimension wird aufgestoßen. Es wird gesäuselt, gesoult und getrip-hopt. Eine Shoegaze-Wand mit der Dichte eines Neutronensterns baut sich auf. Das ist Blues-Antimaterie. Scheinbar ewig zieht sich der Sog ins Klang-Nirvana. Das räumlich eher knapp bemessene Lux fühlt sich zehn mal so groß an.

Mother’s Cake (Foto: Isabelle Hannemann bs!)

Die Klimax kommt spät, aber gewaltig.

Zuvor wird sich des T-Shirts entledigt und die Alibi-Kippe angezündet. Mother’s Cake blasen zum letzten Angriff. Jetzt wird auch der Über-Hit und mein persönlicher Höhepunkt, das Funk-Metal-Ungetüm „Runaway“ rausgehauen. Bon Scott-isch wird der Song-Titel herausgebellt und brennt sich mit Hilfe des Slap-Inferno in meine Seele. Die freigesetzte Energie ist beängstigend. Zurück im hier und jetzt blicke ich mich um und sehe, dass es allen ziemlich gut zu gehen scheint. Und nach einem ausgiebigen Nachschlag verlässt die Band die Bühne und lässt mit der Erinnerung an ein schlichtweg herausragendes Live-Erlebnis zurück.

One must die
One can live
The cycle of nature
no one can resist

Noch einmal sei an dieser Stelle gesagt, dass meine höchst subjektive Einschätzung des Abends ohne den brillanten Bühnensound vielleicht weniger euphorisch ausgefallen wäre.2 Aber nur vielleicht.

Text: Felix Mohr

Galerien (by Isabelle Hannemann bs!)

Galerien (by Rune Fleiter bs!):

Setlist Nap:

  1. donnerwetter
  2. larva
  3. neuer song noch ohne titel
  4. sabacia
  5. ungeheuer
  6. autobahn
  7. xurf
Mother’s Cake (Foto: Isabelle Hannemann bs!)

Setlist Mother’s Cake:

coming soon… maybe.

Links:
www.facebook.com/motherscake
www.facebook.com/napband

Anmerkungen:
1 Reviews von Mother’s Cake als Support von Wolfmother 2016 in Hannover & Bremen.

2 Sabina Sloth ist die Soundfee.