Review: „Müssen alle Mit“ in Stade – sogar die Wespen (2018)

Müssen alle Mit Impressionen (Foto: Thea Drexhage bs! 2018)

Stade. 47.000 Einwohner. Niedliche Fachwerkhäuser. Die Elbe vor der Haustür. Und als klingt das alles nicht schon gemütlich genug veranstalten die Stadianer mit kräftiger Hilfe von Tapete Records auch noch das gemütlichste Festival des Sommers. Der Einlass verläuft stressfrei, die Leute kommen ganz gemächlich, nach und nach, sodass sich die ersten Gäste statt mit dichtem Gedränge nur mit ein paar Wespen rumplagen müssen.

OVE (Foto: Thea Drexhage bs! 2018

Anmoderiert wird der Tag von OVE, der sich im Laufe des Tages ebenfalls liebevoll um die Bespaßung der ganz kleinen Stadianer kümmert, denn auch diese müssen mit!

Zimt (Foto: Thea Drexhage bs! 2018)

Das musikalische Programm beginnt ebenfalls eher gemächlich mit den orgelndenAugsburgerInnen von Zimt. Die Songs sind süß, etwas 80er angehaucht und leider nur wenig abwechslungsreich. Vor der Bühne herrscht nur wenig Treiben. Die Gäste machen es sich lieber mit der unaufdringlichen Hintergrundbeschallung auf Decken und Liegestühlen in der Sonne gemütlich.

Im Westen nichts Neues.

Etwas lebendiger wird es im Anschluss mit den Hamburger Jungs von Swutscher die mit ihrem element-of-crime-esken Sound genau den Zeitgeist des derzeitigen deutschen Indierock verkörpern. Swutscher klingen nach mittelwild durchschwoften Nächten in der DDR, Zigarettenrauch und der ollen Kneipe um die Ecke. Es macht Spaß, den gutgelaunten jungen Herren zuzusehen und sich dabei das ein oder andere kühle Gerstengetränk zu gönnen.

Swutscher (Foto: Thea Drexhage bs! 2018)

Fick‘ die Welt mal im Ernst

Goldroger (Foto: Thea Drexhage bs! 2018)

Mit Goldroger AUS KÖLN weht bereits kurze Zeit später ein ganz anderer Wind. Lebendiger und deutlich weniger verkatert liefert der junge Rapper mit den wahnsinnig cleveren Texten und dem wirklich talentierten Gitarristen, weit abseits dessen, was in Deutschland unter Rap verstanden wird, eine ordentliche Show die den ein oder anderen Besucher von den Liegestühlen vor die Bühne lockt.

Rocko Schamoni (Foto: Thea Drexhage bs! 2018)

Die meisten Leute nutzen die Gelegenheit und bleiben direkt für Rocko Schamoni stehen, der versucht, das Publikum mit dem ein oder anderen Scherz auf seine Seite zu ziehen, die Begeisterung über diese verschwindet jedoch nach der vierten Wiederholung. Auch musikalisch sind König Rocko und die Gästeschar nicht auf einer Wellenlänge, zumindest gehen sämtliche Mitsingaufforderungen ordentlich in die Hose.

Fun. Out. Fake.

Die Nerven (Foto: Thea Drexhage bs! 2018)

Auch Die Nerven sind eine dieser Indie-Zeitgeist Bands, was keineswegs schlecht gemeint ist. Rotzig und laut wecken diese die müden Stadianer das erste Mal richtig auf, vor der Bühne ist sogar sowas wie Bewegung zu erkennen, doch das scheint den jungen Herren aus Stuttgart nicht. Sie machen kein Geheimnis aus ihrer schlechten Laune über die geringe Publikumsbeteiligung, welche besonders in Schlagzeuger Kevin Kuhn gebündelt zu sein scheint. Diese Attitüde kommt nur bei wenigen gut an und verhagelt den musikalisch tollen Auftritt.

Die Nerven (Foto: Thea Drexhage bs! 2018)

Esst doch alle einfach mal ´nen Snickers! Dann klappt’s auch wieder mit dem Publikum!

Wie das mit dem nett sein gehen kann beweisen Kettcar wie immer vorbildlich. Die

Kettcar (Foto: Thea Drexhage bs! 2018)

sympathischen Hanseaten sind spontan für den verhinderten Turbostaat eingesprungen, was im Vorfeld für einiges an Enttäuschung sorgte. Nichtsdestotrotz ist der Auftritt ein ganzer Erfolg. Von den Deichen bis zu den Landunsbrücken sitzen die Songs perfekt und wickeln alle die sich darauf einlassen und nicht mehr wegen Turbostaat (welche bereits versprochen haben im kommenden Jahr zu spielen) schmollen, um den kleinen Finger.

Cars and trains and broken pa.

The Notwist (Foto: Thea Drexhage bs! 2018)

Bei aller Liebe zu den wunderbaren Kettcar muss an dieser Stelle jedoch gesagt werden, dass der eigentliche Höhepunkt des Abends noch aussteht. Die unglaublichen The Notwist haben sich ihren Weg bis nach Stade gebahnt und beweisen einmal mehr, warum sie bereits seit den 90ern zu den ganz großen der deutschen Indie und Artrock Szene zählen. Die Menschen sind sofort gebannt von all der Magie auf der Bühne, der auch der Ausfall der PA ausgerechnet beim großartigen „Pilot“ keinen Abbruch tut.

The Notwist (Foto: Thea Drexhage bs! 2018)

Um die Stimmung nach The Notwist oben zu halten, haben die Veranstalter mit 2Raumwohnung genau die richtigen eingeladen. Elektronische Popmusik mit viel Nebel und Lichteffekten lässt die Gäste bei Temperaturen unter 36° noch bis spät in die Nacht tanzen.

2Raumwohnung (Foto: Thea Drexhage bs! 2018)

Fazit: Das MAMF ist ein durchaus gelungenes kleines Festival mitten im schönen Stade. Das Gelände mitten im Kulturpark bietet genügend Platz für die zahlreichen Besucher. Die Wartezeiten zwischen den Bands sind trotz nur einer einzelnen Bühne angenehm kurz, aber dennoch lang genug, um sich an den zahlreichen kulinarischen Ständen und dem gratis Trinkwasser den Bauch vollzuschlagen. Alles könnte perfekt sein, wäre da nicht ein ganz massiver Wermutstropfen für die umweltbewussten unter uns:

Alle Müssen Mit Impressionen (Foto: Thea Drexhage bs! 2018)

Wenn man bedenkt, dass von der Bühne aus immer wieder darum gebeten wurde, den eigenen Müll fachgerecht zu entsorgen, ist es umso verwunderlicher, dass die Veranstalter ausgerechnet Heliumballons als Werbemittel ausgewählt haben. Diese sieht man leider am Laufenden Band in den Himmel steigen, was beim Gedanken an die Nähe zur Elbe und der Nordsee schon Bauchschmerzen verursacht.

Denn was Ballons und ihre langen Kunststoffschnüre im Meer anrichten, sollte eigentlich kein Geheimnis mehr sein.

Liebe Veranstalter, bitte überdenkt diese Maßnahmen doch einmal bis zum nächsten Jahr, um das Festival noch viel viel schöner zu machen, als es eigentlich schon ist.

Galerien (by Thea Drexhage bs! 2018):

Links:
www.müssenallemit.de
www.tapeterecords.de

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Thea Drexhage
Thea Drexhage hat Salma Hayek einiges voraus! 100 mm. Wie die meisten Frauen der Redaktion, Duffy, Beth Ditto, Joan Rivers oder Angus Young kann sie die MusikerInnen aus dem Bühnengraben also völlig problemlos sehen, wenn jemand ihren Hocker trägt, wird aber - das hat sie mit Salma dann doch wieder gemein - dennoch viel zu oft auf Ihre Körpergröße, ihre Mähne und ihre leicht misanthropischen Anflüge reduziert. Damit sie also nicht im nächstbesten Titty Twister von Sonnenunter- bis Sonnenaufgang Menschenmengen und Bläser mätzelt, halten wir “Aggro-Thea”, die zuvor ganze Landstriche in Mecklenburg Vorpommern ausgerottet hat, halbtags im spießbürgerlichen Oldenburger Exil an der langen Leine. Seither legt sich die scheißpünktliche existentialistische Besserwisserin analog mit Satre, Camus & Kodak an und ja, auch wir müssen neidlos zugestehen, dass der Instagram-Account ihrer beiden Katzen “Salma” und “Hayek” mehr Follower pro Tag hat, als unser webzine im ganzen Jahr.