Review: ZAZ in Dresden – Wenn Musik keine Übersetzung braucht (18.07.2026, Dresden)

Kommt eine Französin nach Dresden und denkt, niemand versteht sie?

Denkste.

Ob tatsächlich alle Menschen in der ausverkauften Jungen Garde jedes französische Wort verstehen, lässt sich an diesem Sommerabend kaum beurteilen. Mein eigenes Schulfranzösisch endet jedenfalls irgendwo in der zehnten Klasse – und hilft mir bei den Ansagen von ZAZ nur bedingt weiter. Eigentlich gar nicht.

Aber vielleicht ist das auch vollkommen egal.

Denn Dresden versteht ZAZ. Oder besser: Dresden fühlt ZAZ. Und ZAZ fühlt Dresden.

Französisches Sommerflair im Großen Garten

ZAZ (Foto: Kristin Hofmann bs! 2026)
ZAZ (Foto: Kristin Hofmann bs! 2026)

Die Junge Garde ist erneut ausverkauft. Diesmal sind nicht nur die Stehbereiche, sondern auch die Ränge im amphitheaterähnlichen Rund gut gefüllt. Das Publikum ist bunt gemischt, bewegt sich tendenziell aber eher in der Altersklasse 35 plus. Dazwischen stehen jüngere Fans, Familien und Eltern mit ihren Kindern. Und vor allem stehen dort sehr viele Menschen, die tanzen wollen.

Eine Vorband gibt es nicht. Um 20 Uhr soll es direkt losgehen, doch zunächst bleibt die Bühne leer. Erst gegen 20.15 Uhr erscheint ZAZ per Liveübertragung auf der großen Leinwand. Mit einer Handkamera filmt sie sich selbst, spricht auf Französisch ins Mikrofon – und freundlicherweise laufen deutsche Untertitel über das Bild.

Ein kleiner Vorgeschmack darauf, was an diesem Abend funktioniert: Sprache ist hilfreich, aber nicht zwingend notwendig. Dann kommt ZAZ auf die Bühne. Viel ist noch gar nicht passiert, doch Dresden tanzt bereits.

ZAZ singt nicht nur – sie lebt ihre Musik

ZAZ (Foto: Kristin Hofmann bs! 2026)
ZAZ (Foto: Kristin Hofmann bs! 2026)

Vom ersten Moment an wirkt ZAZ, als könne sie gar nicht anders, als Musik mit ihrem gesamten Körper auszudrücken. Sie singt nicht einfach ihre Lieder. Sie hüpft, dreht sich, wirft die Arme in die Luft, geht auf die Knie und bewegt sich immer wieder ganz nah an den Bühnenrand.

Nichts daran wirkt einstudiert oder mechanisch. Vielmehr scheint die Musik direkt durch sie hindurchzufließen. Und dann ist da natürlich diese Stimme. Rau, warm, samtig und sofort wiederzuerkennen. Eine Stimme, die gleichzeitig kraftvoll und leicht klingt, als würde ZAZ seit dem Aufstehen nichts anderes tun, als singend und tanzend durch den Tag zu gehen. Selbst anspruchsvolle Passagen wirken bei ihr beinahe mühelos.

Ihre Musiker tragen diese Leichtigkeit mit. Gemeinsam entsteht ein Sound zwischen französischem Chanson, Pop, Jazz und rhythmischer Lebensfreude, der die Junge Garde in eine kleine sommerliche Parallelwelt verwandelt.

Ein Glas Wein und ein Käseteller hätten das Bild eigentlich nur noch vervollständigt.

Verstanden habe ich wenig – gespürt dafür umso mehr

ZAZ (Foto: Kristin Hofmann bs! 2026)
ZAZ (Foto: Kristin Hofmann bs! 2026)

Die meisten Ansagen hält ZAZ auf Französisch. Einzelne deutsche Sätze liest sie charmant von einem Zettel ab und wird dafür jedes Mal begeistert gefeiert.

Der genaue Inhalt ihrer längeren Geschichten bleibt für alle ohne ausreichende Sprachkenntnisse ein Geheimnis. Doch ihre Mimik, ihre Gesten und der Klang ihrer Stimme vermitteln oft genug, worum es geht.

Mal wirkt sie nachdenklich, mal ausgelassen, dann wieder schelmisch oder berührt. Selbst wenn die einzelnen Worte fehlen, kommt die Stimmung an. Vielleicht liegt genau darin eine besondere Stärke dieses Konzerts: Niemand muss jedes Detail übersetzen können, um sich angesprochen zu fühlen.

Auch die Lieder bewegen sich zwischen Leichtigkeit und Melancholie. Stücke wie „Éblouie par la nuit“, „On ira“, „Si jamais j’oublie“ oder das bekannte „Je veux“ tragen ganz unterschiedliche Emotionen in sich. Und trotzdem fügt sich alles zu einem warmen, lebendigen Sommerabend zusammen.

Es liegt etwas in der Luft. Vielleicht Liebe. Vielleicht Fernweh. Vielleicht einfach diese seltene Konzertmagie, die sich nicht vernünftig erklären lässt.

Dresden ist erstaunlich textsicher

ZAZ (Foto: Kristin Hofmann bs! 2026)
ZAZ (Foto: Kristin Hofmann bs! 2026)

Während ich sprachlich regelmäßig den Anschluss verliere, zeigt sich das Dresdner Publikum ausgesprochen textsicher. Refrains werden laut mitgesungen, Melodien sofort aufgenommen und Tanzbewegungen begeistert erwidert. Offenbar können hier deutlich mehr Menschen Französisch, als man zunächst vermuten würde. Oder sie haben ihre Hausaufgaben gemacht.

Auf jeden Fall entsteht schnell eine enge Verbindung zwischen Bühne und Publikum. ZAZ muss Dresden nicht lange zum Mitmachen auffordern. Die Menschen klatschen, wiegen sich zur Musik und tanzen zwischen den Sitzreihen, auf den Wegen und vor der Bühne.

Dabei geht es nicht um große Choreografien oder ein spektakuläres Showkonzept. Die Wirkung entsteht durch ZAZ selbst. Durch ihre Energie, ihre Stimme und diese unbändige Freude daran, Musik mit anderen Menschen zu teilen.

Ein Spaziergang mitten durch die Junge Garde

Irgendwann reicht ihr die Distanz der Bühne nicht mehr. Begleitet von Kameras steigt ZAZ zunächst in den Bühnengraben und anschließend mitten ins Publikum. Sie läuft quer durch die Junge Garde, bewegt sich zwischen den Fans hindurch, tanzt, singt und sucht immer wieder direkten Kontakt. Das Publikum dreht sich nach ihr um, streckt die Hände aus und versucht, einen Blick oder einen kurzen gemeinsamen Moment zu erwischen.

ZAZ wirkt dabei quirlig, nahbar und vollkommen in ihrem Element. Mal steht sie mitten zwischen den Menschen, mal ist sie schon wieder einige Reihen weitergezogen. Die Livebilder auf der Leinwand sorgen dafür, dass auch der Rest der Garde ihrem Weg folgen kann. Es ist einer dieser Momente, in denen die räumliche Trennung zwischen Künstlerin und Publikum beinahe vollständig verschwindet.

Mehr Augenblicke, weniger Displays

Ganz verschwunden sind allerdings auch an diesem Abend die Smartphones nicht. Immer wieder ragen mehr Handys als Hände in die Luft. Viele möchten den Moment festhalten, filmen die Bühne oder verfolgen ZAZ durch das Publikum lieber über das eigene Display. Das gehört inzwischen wohl zum Konzertalltag.

Trotzdem wäre es manchmal schön, würden noch mehr Menschen einfach nur hinschauen. Oder wenigstens die Taschenlampe einschalten, wenn die Künstlerin sich ein großes Lichtermeer wünscht. Denn manches wirkt in der Erinnerung stärker als in einem verwackelten Handyvideo. ZAZ selbst lässt sich davon nicht bremsen. Sie tanzt, singt, lacht und krabbelt zwischendurch beinahe zu den Menschen in den ersten Reihen. Ihre Energie bleibt bis zum Ende erhalten.

„Ich liebe dich“ auf Französisch-Deutsch

Zum Abschluss versucht sie sich noch einmal an der deutschen Sprache. Vom Zettel liest sie ein charmant ausgesprochenes „Ich liebe dich“ ab. Dresden versteht das natürlich sofort und gibt die Liebe lautstark zurück.

Nach rund zwei Stunden endet ein Konzert, das ohne große Effekte auskommt und trotzdem voller Bilder steckt. Eine Französin, die mit jeder Faser ihres Körpers Musik macht. Eine ausverkaufte Junge Garde, die singt, tanzt und sich für einen Abend ein wenig nach Urlaub anfühlt. Und ein Publikum, das vielleicht nicht jedes Wort versteht, aber trotzdem genau weiß, was gemeint ist.

ZAZ braucht keine perfekte Übersetzung. Ihre Stimme, ihre Bewegungen und ihre Leidenschaft erzählen genug.

Dresden fühlt ZAZ. ZAZ fühlt Dresden. Und manchmal ist das gegenseitige Verstehen tatsächlich so einfach.

Galerie (by Kristin Hofmann bs! 2026)

Setlist ZAZ:

ZAZ (Foto: Kristin Hofmann bs! 2026)
ZAZ (Foto: Kristin Hofmann bs! 2026)
  1. Je pardonne
  2. Mon sourire
  3. Mon vrai moi
  4. On peut comme ça
  5. Qué vendrá
  6. La flamme
  7. Les passants
  8. Comme ci, comme ça
  9. Paris sera toujours Paris (Maurice Chevalier Cover)
  10. J’imagine que tu sais
  11. Au pays des merveilles
  12. Mon cœur tu es fou
  13. Éblouie par la nuit
  14. Sains et saufs
  15. La fée
  16. Si jamais j’oublie
  17. On ira
    Encore:
  18. Camarade
  19. Esta tarde vi llover (Armando Manzanero Cover)
  20. Je veux

Links:

Kristin Hofmann
Kristin Hofmannhttp://www.fotokatz.de/
Kristin Hofmann, das schnurrende Fotokatzl, ist uns von den Elbwiesen zwischen Nightwish und Lacrimas Profundere im Fotograben irgendwie zugelaufen. Das „Spätzchen“ fährt in der Regel nicht die Krallen aus, voll auf weißblaue Vierräder ab und hat die anderen sechs Nerdzwerge zwischen Datenkraken, Mediendschungel und Hexadezimal im Blinzelwettbewerb längst platt gemacht. Schnurrbart steht ihr übrigens nicht so gut wie DocMartens, aber irgendwas is’ ja immer. Bitte nicht füttern!

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