Die Sonne scheint. Der Himmel über Dresden ist beinahe wolkenlos. Ein wunderbar freundlicher Sommerabend also – wie gemacht für unseren kleinen Sonnenschein Nick Cave. Gut, vielleicht ist Sonnenschein nicht das erste Wort, das einem zu Nick Cave und seiner Musik einfällt. Doch als er am Sonntagabend die Bühne der Filmnächte am Elbufer betritt, grinst er tatsächlich wie ein frecher Junge.
Dunkle Hose, dunkles Jackett, Hemd, Krawatte und die unverkennbare Frisur. Die klassische Nick-Cave-Uniform sitzt. Die letzten Sonnenstrahlen fallen ihm ins Gesicht, während er vor der Dresdner Altstadtkulisse steht und das Publikum betrachtet.
Dann beginnt das Konzert und aus dem freundlich grinsenden Mann im Anzug wird innerhalb weniger Sekunden ein Orkan.
Ein seltener Gast am Dresdner Elbufer

Dass Nick Cave & The Bad Seeds überhaupt in Dresden spielen, macht diesen Abend zu einem besonderen Ereignis. Zwar war die Band bereits 2009 in der Jungen Garde zu Gast, regelmäßige Besuche sehen allerdings anders aus. Umso größer ist die Vorfreude. Die Filmnächte sind ausverkauft, auf den Elbwiesen sitzen zusätzlich zahlreiche Menschen, die zumindest zuhören möchten. Eine Vorband gibt es nicht. Pünktlich um 20 Uhr geht es direkt zur Sache.
Das Bühnenbild ist vergleichsweise reduziert. In der Mitte steht ein großer schwarzer Flügel, dahinter und daneben verteilen sich die Bad Seeds. Warren Ellis wirkt mit langem weißem Haar, gewaltigem Bart und verschiedenen Instrumenten ein wenig wie ein Musiker, den jemand direkt aus einem düsteren Western auf die Bühne gestellt hat. Hinzu kommen die Backgroundsängerinnen in silbern glitzernden Kleidern.
Links und rechts übertragen große Leinwände das Geschehen. Die Bilder erscheinen zunächst überwiegend in Schwarz-Weiß und passen damit perfekt zur Stimmung. Später mischt sich langsam Farbe darunter. Mehr braucht es nicht. Keine überladene Kulisse, keine Effektschlacht und kein unnötiges Tamtam. Nick Cave, seine Band, ein schwarzer Flügel und Musik, die so viel Raum einnimmt, dass ohnehin kaum noch Platz für etwas anderes bleibt.

Näher geht kaum
Vor der Bühne ist ein T-förmiger Steg aufgebaut, der bis direkt an das Publikum heranführt. Nick Cave nutzt ihn nicht gelegentlich. Er macht ihn zu seinem bevorzugten Aufenthaltsort. Gefühlt verbringt er den größten Teil des Konzerts dort vorne. Er läuft die Reihen ab, beugt sich über die Fans, greift nach Händen und steigt immer wieder so weit in die Menge hinein, wie es irgendwie möglich ist. Dabei lässt er sich halten und tragen, als gäbe es zwischen ihm und seinem Publikum ein vollkommen selbstverständliches Urvertrauen.
Natürlich möchte jeder einmal seine Hand berühren. Trotzdem entsteht kein aggressives Gedränge und kein unangenehmes Chaos. Die Euphorie ist riesig, aber sie bleibt erstaunlich respektvoll. Das Publikum passt zu Nick Cave. Und Nick Cave passt zu diesem Publikum. Er braucht keine sorgfältig einstudierte Nähe. Er sucht sie von sich aus. Mal steht er ganz vorn über der Menge, mal kniet er vor seinen Fans, dann sitzt er wieder am Flügel und zieht plötzlich sämtliche Energie des Abends in einen einzigen leisen Moment.

Von null auf brachial
Mit „Get Ready for Love“ beginnt ein Set, das mehr als zweieinhalb Stunden zwischen Rockkonzert, Predigt, schwarzer Messe und intimer Klavierstunde pendelt. Schon „From Her to Eternity“ wird weit ausgedehnt. Nick Cave steigert sich in den Song hinein, die Bad Seeds treiben ihn weiter und das Elbufer erlebt früh am Abend die erste Kostprobe dessen, was diese Band live auslösen kann. Es ist laut. Wild. Ekstatisch.
Doch selbst in den wuchtigsten Momenten wirkt nichts beliebig. Jeder Ausbruch besitzt eine Richtung, jeder Lärm trägt eine Emotion. Warren Ellis bearbeitet seine Instrumente, als müsste er etwas aus ihnen befreien. Die Band spielt nicht einfach Begleitung für ihren Sänger. Sie ist ein eigener, lebender Organismus. Und mittendrin steht Nick Cave, zieht Grimassen, lacht, predigt, flüstert und schleudert seine Stimme über das Elbufer.

„Freude“ klingt wie Kindergarten
Nach den ersten musikalischen Gewittern kommt mit „Joy“ etwas Ruhe in den Abend. Nick Cave möchte wissen, wie „Joy“ auf Deutsch heißt. Dresden braucht einen kurzen Moment, bis es die Frage versteht. Dann wird die Antwort aus Tausenden Kehlen nach vorn gerufen:
„Freude!“
Nick Cave spricht das Wort nach. Dresden wiederholt es. Noch einmal. Und noch einmal. Das klinge wie im Kindergarten, stellt er amüsiert fest. Es ist einer dieser kleinen Momente, die zeigen, dass dieser düstere Mann im schwarzen Anzug ausgesprochen witzig sein kann. Nick Cave besitzt Charme, nur eben keinen polierten Gute-Laune-Charme. Eher die Sorte Humor, bei der man nie genau weiß, ob gleich ein Lächeln oder der nächste musikalische Weltuntergang folgt. „Joy“ selbst entfaltet anschließend eine ganz andere Wirkung. Nach der ersten Wucht wird die Musik weiter, ruhiger und beinahe zärtlich.
Wenn 12.000 Menschen verstummen
Immer wieder schafft Nick Cave etwas, das bei einem Open-Air-Konzert dieser Größe beinahe unmöglich erscheint: vollkommene Stille. Er sitzt am Flügel, singt die letzten Zeilen eines Songs – und um ihn herum ist nichts zu hören. Kein lautstarkes Gespräch. Kein ungeduldiges Rufen. Gefühlt nicht einmal das Rascheln eines Grashalms. Nur seine Stimme und das Klavier.
Diese Stille ist nicht leer. Sie ist gespannt, konzentriert und voller Gefühl. Man merkt, dass einige Menschen bereits seit den ersten Songs mit den Tränen kämpfen oder sie längst aufgegeben haben. Nick Cave bringt sein Publikum zum Weinen. Nicht, weil diese Menschen sich unbedingt traurig fühlen wollen, sondern weil die Musik etwas berührt, das sich anders offenbar nicht erreichen lässt.

Der zweitbeste Song der Welt
„Carnage“ kündigt Nick Cave als besten Song der Welt an. Der Titel beginnt zurückhaltend am Flügel und wächst anschließend langsam über sich hinaus. Bei „Rings of Saturn“ korrigiert er die Rangliste ein wenig: Das sei nun der zweitbeste Song der Welt. Man muss Prioritäten setzen. Für einen Moment sitzt selbst Nick Cave ruhig auf seinem Hocker. Der wunderschöne Refrain schwebt über das Elbufer und gibt allen Beteiligten kurz Gelegenheit zum Durchatmen. Doch lange hält sich die Ruhe an diesem Abend nie.
„The Mercy Seat“ und „Papa Won’t Leave You, Henry“ ziehen das Tempo wieder an. Die Verbindung zwischen Bühne und Publikum wird mit jedem Song enger. Es fühlt sich nicht an, als würde eine Band für eine große Menschenmenge spielen. Eher, als wären beide Seiten gemeinsam in etwas hineingeraten, das sich nicht mehr kontrollieren lässt.
Das Elbufer wird rot
Bei „Red Right Hand“ ist die Sonne endgültig verschwunden. Jetzt kann die gesamte Wirkung der Lichtinszenierung greifen. Glockenartige Schläge dröhnen über das Gelände, während sich das Elbufer plötzlich tiefrot färbt. Helles Licht zuckt dazwischen wie ein Gewitter, Warren Ellis treibt den Song mit seiner Violine in immer neue Höhen. Es ist düster, bedrohlich und gleichzeitig wunderschön. Ein brachiales Soundgewitter zieht über die Elbe, diesmal allerdings eines, das Dresden freiwillig über sich hereinbrechen lässt. Nick Cave steht wieder ganz vorn auf seinem Steg. Hinter ihm lodert rotes Licht, vor ihm strecken sich unzählige Hände in seine Richtung. Das Bild könnte kaum passender sein.
Ein Weeping Song, Motherf****r
Nach „Dresden, you are beautiful“ folgt keine romantische Liebeserklärung. Stattdessen soll Dresden die Klappe halten. Schließlich komme jetzt „The Weeping Song“. Nick Cave erklärt mit gedehnter Stimme, dies sei ein Lied, zu dem man weinen könne, während man sich selbst in den Schlaf wiegt. Und weil es offenbar noch nicht eindeutig genug ist, fasst er anschließend noch einmal zusammen:
„This is a weeping song, motherfucker.“

Was für andere Künstler womöglich gekünstelt oder bemüht provokant wirken würde, passt bei ihm vollkommen. Typisch britischer Humor, könnte man meinen. Nur dass Nick Cave Australier ist. Also vielleicht einfach typischer Nick-Cave-Humor. Der Song selbst wird anschließend genau das, was angekündigt wurde: gespenstisch, eindringlich und voller Gänsehautmomente.
Trance in der Jubilee Street
„Jubilee Street“ beginnt mit einer kleinen Geschichte. Es gehe um ein Mädchen, das in dieser Straße lebte, arbeitete und starb. Dann setzt die Musik ein. Der Song wächst langsam, Schicht für Schicht. Wiederholt sich, verdichtet sich und zieht die Menschen immer weiter hinein. Irgendwann befindet sich das gesamte Elbufer in einem tranceähnlichen Zustand. Natürlich werden hier keine Drogen genommen, Nick Cave & The Bad Seeds reichen vollkommen aus.
Die Band spielt sich in eine Ekstase, die gleichzeitig völlig außer Kontrolle und exakt geführt wirkt. Jeder Ton drängt nach vorn, jede Wiederholung erhöht die Spannung. Nick Cave wirkt, als würde er den Song nicht aufführen, sondern noch einmal vollständig durchleben. Das Publikum folgt ihm bereitwillig. Er hat diese Menschen längst in der Hand. Nicht durch große Gesten um ihrer selbst willen, sondern durch eine Präsenz, der man sich kaum entziehen kann.
Keine Panik bei „Hollywood“
Vor „Hollywood“ gibt es noch eine kleine Warnung. Der Text sei lang. Man könne ihm folgen. Aber bitte keine Panik. Der Song gehört zu den ruhigeren und zugleich intensivsten Passagen des Abends. „It’s a long way to find peace of mind“ zieht sich als Zeile durch das Stück und legt sich über das Gelände. Währenddessen holt Nick Cave eine Frau aus dem Publikum auf die Bühne. Sie kann ihr Glück sichtbar kaum fassen. Plötzlich steht sie dort, Arm in Arm mit Nick Cave, singt vor fast 12.000 Menschen und erhält zum Abschied eine lange Umarmung. Einige Konzertmomente bleiben den meisten Fans als Erinnerung. Dieser hier dürfte für sie anschließend unter Lebenserfahrung laufen.
Ein Zugabenblock, der fast ein zweites Konzert ist
Nach „Hollywood“ ist der Abend noch lange nicht vorbei. Mit „City of Refuge“ beginnt ein außergewöhnlich langer Zugabenblock. Dresden tanzt. Nicht nur vor der Bühne, sondern auch auf den Terrassen, an den Seiten und weiter hinten auf dem Gelände. Alles bewegt sich. Die Stimmung ist düster und romantisch, schwer und trotzdem voller Freude. Wuchtig, aber niemals aggressiv.
Bei „Wild God“ erreicht das Konzert einen weiteren hypnotischen Höhepunkt. Eigentlich hätte der Song offenbar früher im Programm auftauchen sollen, doch Nick Cave und seine eigene Setlist waren sich an diesem Abend nicht immer vollkommen einig. Es folgt „Skeleton Tree“, erstmals auf dieser Tour gespielt, und mit „Nobody’s Baby Now“ ein weiterer Moment zwischen Nostalgie und leiser Melancholie.
Zwischendurch stellt Nick Cave seine Bad Seeds vor. Nach mehr als zwei Stunden ist deutlich geworden, dass diese Show nicht allein von einem charismatischen Frontmann lebt. Die Band ist ein wesentlicher Teil dieser Wucht – allen voran Warren Ellis, der aussieht und spielt, als hätte ihn jemand mit einem Instrument in ein Gewitter gestellt und einfach machen lassen.
Dresden wird zum Chor
Zum Schluss bei „Into My Arms“ bleibt Nick Cave allein am Flügel zurück. Kein großes Finale mit Explosionen. Kein Konfetti, kein Feuerwerk. Nur Nick Cave, sein Klavier und Dresden als Chor. Nach allem, was zuvor über die Bühne und den Steg gefegt ist, könnte der Abschluss kaum schlichter sein. Und kaum stärker. Das Publikum singt behutsam mit. Die eben noch entfesselte Energie zieht sich zusammen und wird zu einem leisen, gemeinsamen Moment. Um 22.37 Uhr verklingen die letzten Töne.
„You’ve been absolutely beautiful. God bless you all. Good night.“
Dann ist es vorbei.
Veränderungen auf dem Filmnächte-Gelände
Auch auf dem Gelände der Filmnächte gibt es in diesem Jahr einige Veränderungen. Die oberen Terrassenbereiche wurden erweitert und bieten nun zusätzliche Flächen mit guter Sicht auf die Bühne. Gleichzeitig stehen mehr Toiletten zur Verfügung, was bei ausverkauften Konzerten grundsätzlich eine hilfreiche Ergänzung ist.
Durch den veränderten Aufbau haben sich allerdings auch einige Wege über das Gelände verschoben. Besonders im unteren Bereich müssen Besucher teilweise andere Routen zu den Sanitäranlagen nehmen als in den Vorjahren. Eine Garderobe wird in dieser Saison nicht angeboten, während Merchandise-Stände an mehreren Stellen gut erreichbar sind. Bei einer Veranstaltung dieser Größe braucht es erfahrungsgemäß etwas Zeit, bis sich alle Gäste an neue Laufwege und Strukturen gewöhnt haben. Sobald Nick Cave jedoch die Bühne betritt, geraten solche organisatorischen Details ohnehin schnell in den Hintergrund.
Mehr als ein Konzert

Nick Cave & The Bad Seeds spielen nicht einfach ihre Songs. Sie erschaffen einen Zustand. Romantisch, düster, laut, zerbrechlich, manchmal witzig und im nächsten Moment fast überwältigend ernst. Der Sänger fegt wie ein Orkan über die Bühne, kriecht beinahe in sein Publikum hinein und sitzt kurz darauf allein am Klavier, während Tausende Menschen den Atem anhalten.
Dazwischen liegt alles: Ekstase. Trauer. Freude. Trance. Nähe. Eine brachiale musikalische Gewalt, die trotzdem nie kalt oder aggressiv wirkt. Nick Cave & The Bad Seeds waren an diesem Sonntag eine absolute Bereicherung für Dresden und eines der großen Konzerthighlights dieses Sommers. Kylie Minogue kam leider nicht vorbei. Sie hatte vermutlich noch ein wichtiges musikalisches Treffen mit Madonna. Wir verzeihen es ihr. Aber Nick Cave darf sehr gern wiederkommen. Bis dahin bleibt die Erinnerung an einen Mann im schwarzen Anzug, der mit einem schelmischen Grinsen die Bühne betrat – und zweieinhalb Stunden später ein vollständig überwältigtes Dresdner Elbufer zurückließ.
Galerien (by Kristin Hofmann bs! 2026):
Setlist:
- Get Ready for Love
- From Her to Eternity
- Train Long-Suffering
- O Children
- Tupelo
- Carnage (Nick Cave & Warren Ellis Cover)
- Joy
- Rings of Saturn
- Bright Horses
- Henry Lee (Duett mit Janet Ramus)
- The Mercy Seat
- Papa Won’t Leave You, Henry
- Red Right Hand
- The Weeping Song
- Jubilee Street
- Hollywood
Encore - City of Refuge
- Wide Lovely Eyes
- Wild God
- Skeleton Tree
- Nobody’s Baby Now
- Into My Arms
Links:
Nick Cave & The Bad Seeds
Veranstalter:
Semmel Concerts
Filmnächte am Elbufer


