Review: Doppelspitze – High Vis & Militarie Gun im Tower (21.07.2026, Bremen)

Was für eine Ankündigung: High Vis und Militarie Gun spielen eine Co-Headline Show im Tower – einer, von nur zwei Deutschlandterminen. Klar, dass das `ne ausverkaufte Nummer wird. Zu Recht, es sollte eine dieser Shows werden, von denen man noch lange sprechen wird.   Schon vor Einlassbeginn versammelt sich eine Schlange Vans tragender, volltätowierter Leute an den verschlossenen Toren des Towers mit Bandshirts von Converge, Angel Du$t und Co. Könnte also wild werden.

Militarie Gun (Foto: Thea Drexhage bs! 2026)
Militarie Gun (Foto: Thea Drexhage bs! 2026)

Als Militarie Gun überpünktlich kurz vor 20 Uhr die kleine Bühne betreten, ist der Tower schon gut voll, doch während des Sets stellt sich schnell heraus, dass der Großteil der Gäste für High Vis gekommen sein dürfte. In den ersten 2-3 Reihen gibt es ein paar textsichere Fans, doch insgesamt bleibt es im Zuschauerraum sehr verhalten. An der dargebotenen Show liegt dies allerdings nicht. Die Band aus Los Angeles, die sich seit 2020 in der Punk- und Hardcoreszene umhertreibt, spielt ein kurzweiliges, energiegeladenes Set. Ganz nach dem Motto Do it faster. Die halten sich die Ansagen kurz:

„Have we been here before?“

Militarie Gun (Foto: Thea Drexhage bs! 2026)

fragt  Sänger Ian Shelton. „No one ever comes here“, hallt es aus dem Publikum zurück. Natürlich kommen immer mal wieder hochkarätige Gäste nach Bremen, aber diese zwei Bands im Tower, das ist in der Tat etwas Besonderes. An eine Begebenheit aus Deutschland erinnert sich Shelton dann doch. So wurde ihm einst lob für seine lyrischen Fährigkeiten im Song I Thought you were waving ausgesprochen. Dieser ist es auch, der das erste Mal etwas mehr Energie im Publikum auslöst, die sich auch bei Kick und B A D I D E A halten kann. Aber dann ist es schon vorbei. 15 Songs in gefühlt 15 Min, darunter mit World’s Always Burning auch eine neue Nummer, die einen Tag später samt Feature von Mannequin Pussy veröffentlicht werden sollte.

High Vis (Foto: Thea Drexhage bs! 2026)
High Vis (Foto: Thea Drexhage bs! 2026)

Nach knackiger Umbaupause finden sich die britischen High Vis auf der Bühne ein, die bereits im vergangenen Jahr eine Tour mit Militarie Gun canceln mussten, den Grund dafür erzählt Frontmann Graham Sayle im Laufe des Abends. Bereits mit dem ersten Song Drop Me Out verändert sich die Energie im Saal. Statt der gutgelaunten Kalifornier steht dort nun ein grimmig starrender Mann hinter dem Mikrofon, für welchen die Bühne des Ladens sichtlich zu klein ist. Wie ein eingesperrtes Tier im Zoo stampft er von rechts nach links immer und immer wieder, und hält zwischendurch nur an, um mit einer wahnsinnigen Enerigie ins Mikrofon zu schreien. Bei großen Festivalshows und als Support von Turnstile konnte sich die Band in der jüngsten Vergangenheit einen Namen in Deutschland erspielen. So eröffnet sich bereits zum zweiten Song Walking Wires ein Moshpit. Mit der Energie halten es die Bremer*innen wie die nahegelegene Nordsee: Ebbe und Flut. Bei einigen Nummern kracht es richtig, bei anderen zieht man sich zurück.

High Vis (Foto: Thea Drexhage bs! 2026)

Das kennt die Band definitiv anders, schaut man sich Aufnahmen aus der jüngsten Konzerthistorie an. Sayles und seine Kollegen geben hingegen die gesamte Zeit 100%. Die Setlist rast durch alle erfolgreichen Nummern der Band und beinhaltet auch einen neuen, scheinbar unbetitelten Song. Zwischen den Liedern zeigt er sich der Frontmann dankbar für das zahlreiche erscheinen der Leute, die es ihm erlauben, genau das zu machen, was er liebt. Dass er es nicht immer leicht hatte, erfährt man nicht nur durch die Songs. Sayles spricht offen und absolut ungeschönt über seine Kämpfe mit Drogen, Depressionen und Suizidversuche, einer davon erst im letzten Jahr. Zum letzten Song Trauma Bonds entledigt er sich seines T-Shirts und zeigt die großen Narben auf seinem Oberkörper. Heftig. Wirkungsvoll.

When the party’s over
It’s over, and where do we run?

High Vis (Foto: Thea Drexhage bs! 2026)

Ohne großes Zugabengehabe ist dann Schluss und das Publikum wird mit diesem schweren letzten Eindruck nach Hause entlassen. Graham Sayles findet sich indes in Sekundenschnelle am Merch ein, lässt Shirts über den Tresen wandern und findet für jeden Fan ein offenes Ohr. Ob es noch einmal so die Möglichkeit geben wird, High Vis in so einem intimen Setting zu erleben? Vermutlich nicht.

Galerien (by Thea Drexhage bs! 2026)

Setlist Militarie Gun

  1. Fill Me With Paint
  2. Maybe I’ll Burn My Life Down
  3. Think Less
  4. Pressure Cooker
  5. (Dazy cover)
  6. Do It Faster
  7. Very High
  8. Will Logic
  9. God Owes Me Money
  10. Wake Up and Smile
  11. Throw Me Away
  12. Ain’t No Flowers
  13. World’s Always Burning
  14. Thought You Were Waving
  15. Kick
  16. B A D I D E A

Setlist High Vis

  1. Drop Me Out



  2. Walking Wires



  3. Talk for Hours



  4. Altitude



  5. Out Cold



  6. Farringdon



  7. Mob DLA



  8. Forgot to Grow



  9. Guided Tour



  10. 0151



  11. Fever Dream



  12. A Fist for When You’re Down



  13. (Unknown)
(New song)
  14. The Bastard Inside



  15. Choose to Lose



  16. Mind’s a Lie



  17. Trauma Bonds

Links:
High Vis
Hafensängerkonzerte
Militarie Gun

Thea Drexhage
Thea Drexhagehttps://www.be-subjective.de
Thea Drexhage hat Salma Hayek einiges voraus! 10 mm. Wie die meisten Frauen der Redaktion, Duffy, Beth Ditto, Joan Rivers oder Angus Young kann sie die MusikerInnen aus dem Bühnengraben also völlig problemlos sehen, wenn jemand ihren Hocker trägt, wird aber - das hat sie mit Salma dann doch wieder gemein - dennoch viel zu oft auf Ihre Körpergröße, ihre Mähne und ihre leicht misanthropischen Anflüge reduziert. Damit sie also nicht im nächstbesten Titty Twister von Sonnenunter- bis Sonnenaufgang Menschenmengen und Bläser mätzelt, halten wir “Aggro-Thea”, die zuvor ganze Landstriche in Mecklenburg Vorpommern ausgerottet hat, halbtags im spießbürgerlichen Oldenburger Exil an der langen Leine. Seither legt sich die scheißpünktliche existentialistische Besserwisserin analog mit Sartre, Camus & Kodak an und ja, auch wir müssen neidlos zugestehen, dass der Instagram-Account ihrer beiden Katzen “Salma” und “Hayek” mehr Follower pro Tag hat, als unser webzine im ganzen Jahr.

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