Was macht der Sommer, wenn Amy Macdonald nach Dresden kommt? Offenbar wird er schottisch.
Den ganzen Freitag über zeigt sich die Sonne, doch ziemlich genau dann, als es in der Jungen Garde musikalisch losgehen soll, öffnet der Himmel seine Schleusen – und zwar gründlich. Immer wenn man denkt, jetzt könnte es langsam aufhören, regnet es fünf Minuten später einfach noch stärker.
Die ausverkaufte Junge Garde verwandelt sich dadurch in ein erstaunlich buntes Bild aus Regenjacken, Kapuzen, Ponchos und kleinen Knirpsschirmen. Große Stockschirme müssen aus nachvollziehbaren Gründen draußen bleiben, die handlicheren Varianten dürfen angesichts der Wassermassen offenbar bleiben. Und auch die Menschen bleiben zum Glück, denn wer an diesem Abend dem Regen trotzt, bekommt dafür Amy Macdonald.
Die wiederum findet das Wetter eigentlich gar nicht so ungewöhnlich.
Willkommen im schottischen Sommer

Den Anfang macht Singer-Songwriter Blair Davie, ebenfalls aus Schottland, und damit könnte der Support kaum besser gewählt sein. Akustikgitarre, eine wunderbare Stimme und ganz viel Gefühl reichen vollkommen aus, um die Junge Garde langsam auf den Abend einzustimmen. Blair Davie wirkt sympathisch und angenehm unaufgeregt und schafft es auch ohne große Produktion, dass man ihm einfach gern zuhört.
Um 20 Uhr gehört die Bühne dann Amy Macdonald. Auch hier gibt es kein großes Tamtam, keine gigantischen Videowände, keine Pyroshow und keine minutenlang aufgebaute künstliche Spannung. Amy kommt gemeinsam mit ihrer Band auf die Bühne und lässt ihre Musik den Rest erledigen.

Ganz in Schwarz, mit ihren unverkennbaren dunkel geschminkten Katzenaugen, dem mit Glitzersteinen zur schottischen Flagge verzierten Mikrofon und sogar funkelnden Adidas-Sneakern steht sie im Bühnenlicht. Passenderweise glitzert auch der Bühnenboden, allerdings weniger freiwillig: Der Regen hat inzwischen alles gründlich eingeweicht und das Wasser reflektiert die Scheinwerfer auf eine beinahe malerische Art. Wenn es schon regnet, dann wenigstens fotogen.
Is This What You’ve Been Waiting For?

Mit „Is This What You’ve Been Waiting For?“ beginnt das Konzert genauso wie bereits auf der Wintertour, und der Song funktioniert als Opener einfach hervorragend. Vom ersten Moment an ist Energie da, Amy schlägt ihre Gitarre an, ihr berühmtes rhythmisch stampfendes Bein setzt sich in Bewegung und Dresden beginnt zu tanzen.
Der Titelsong ihres aktuellen Albums handelt von diesem Drang, etwas zu finden, das einen wirklich erreicht – Licht, Sound, Energie und etwas, das einen aus dem Alltag herausreißt und für einen Moment alles andere vergessen lässt. An diesem Abend muss man dafür nicht besonders lange suchen.
Nach „Dream On“ und „The Hudson“ folgt mit „Spark“ einer der älteren Songs, bevor „Mr. Rock & Roll“ erstmals die ganz großen Wiedererkennungsmomente liefert. Natürlich kennt jeder „Mr. Rock & Roll“ und natürlich wird laut mitgesungen.
Wer Amy Macdonald allerdings auf diesen Song und „This Is the Life“ reduziert, verpasst einen ziemlich großen Teil dessen, was ihre Musik ausmacht.
Viel mehr als zwei große Hits

Amy Macdonald hat über die Jahre bemerkenswert viele Songs geschrieben, die musikalisch sofort zugänglich wirken und textlich wesentlich mehr erzählen, als man beim beiläufigen Radiohören vielleicht vermutet.
„Woman of the World“ gehört dazu, ebenso „Pride“, bei dem Amy über Heimatverbundenheit spricht und Dresden fragt, ob wir ebenfalls stolz auf den Ort sind, an dem wir leben.
Dazu passt eine Geschichte, die sie kurz zuvor erzählt. Als sehr junge Musikerin sitzt sie irgendwann bei einer deutschen Awardshow plötzlich backstage neben Bono. Eigentlich soll sie nur Autogramme von U2 organisieren und findet sich stattdessen in einem Gespräch mit einem der berühmtesten Musiker der Welt wieder.
Bono fragt, was sie gerade macht, Amy erzählt, dass sie demnächst in Dresden spielt – und plötzlich beginnt Bono von der Stadt zu schwärmen. Dresden sei wunderschön, erzählt er ihr und berichtet von seinen Erinnerungen, während die ungefähr 20-jährige Amy daneben sitzt und sich eigentlich nur fragt, wie zur Hölle das gerade passiert ist. Amy, Bono und ein Gespräch über Dresden.
Viele Jahre später steht sie nun wieder hier und erinnert sich noch immer daran. Das Publikum hört aufmerksam zu, reagiert aber erstaunlich zurückhaltend auf die Nachricht, dass Bono Dresden schön findet. Vielleicht sind wir das einfach gewohnt.
Amy vermutet dagegen lachend, dass Dresden entweder Bono nicht besonders mag – oder ihren schottischen Akzent schlicht nicht verstanden hat.
Amy, ihr Akzent und der deutsche Sommer

Überhaupt redet Amy Macdonald viel mit ihrem Publikum, und ja, der schottische Akzent fordert gelegentlich ein wenig Konzentration. Vermutlich weiß sie das selbst, denn ihre Geschichten erzählt sie angenehm langsam und deutlich.
Das Wetter liefert dabei reichlich Gesprächsstoff. Sie kennt schließlich den deutschen Sommer und die Beschwerden darüber, dass es ständig zu heiß sei. In Schottland sehe die Sache anders aus: Dort gebe es ungefähr einen Tag Sonne und den Rest des Sommers Wetter wie heute.
Willkommen also im schottischen Sommer.
Sie entschuldigt sich trotzdem mehrfach dafür, dass ihre Fans seit Stunden im Regen stehen. Selbst auf der Bühne bekomme sie einiges davon ab, ihre Hände seien inzwischen kalt und die Finger beim Gitarrenspielen langsam schwer zu bewegen. Wie die Menschen vor ihr das durchhalten, könne sie kaum verstehen.
Die Antwort dürfte ziemlich einfach sein: Für Amy Macdonald bleibt man eben auch im Regen stehen.
Schluss mit den Spielchen

Mit „Don’t Tell Me That It’s Over“ und „I’m Done (Games That You Play)“ zeigt sich eine Seite ihrer Musik, die an diesem Abend besonders stark wirkt.
Gerade „I’m Done“ gehört zu den Liedern des neuen Albums, die hinter einer eingängigen Melodie einen sehr klaren Gedanken transportieren: Irgendwann ist Schluss mit falschen Versprechungen, emotionalen Spielchen und Beziehungen zu Menschen, die einem nicht guttun.
Dabei geht es nicht darum, so zu tun, als hätte etwas nicht wehgetan, sondern darum, zu akzeptieren, dass man manchmal allein weitergehen muss, weil die Alternative noch schlechter wäre.
Auch „Run“ trägt diesen Gedanken auf eine andere Art weiter. Der Song stammt bereits vom Debütalbum und gehört noch immer zu den schönsten Stücken in Amy Macdonalds Repertoire. Live klingt er inzwischen größer, ruhiger und beinahe noch mehr nach Ballade als in seiner ursprünglichen Version.
Die Botschaft dahinter bleibt zeitlos: weitermachen, lieben und leben, auch wenn man zwischendurch fällt und das Herz dabei gelegentlich etwas abbekommt.
Eigentlich hätte „Run“ ein Meer aus Handylichtern verdient. An diesem Abend fällt es etwas kleiner aus, was angesichts des Dauerregens durchaus nachvollziehbar ist. Wer möchte seinem Telefon bei diesem Wetter schon unbedingt einen Belastungstest zumuten?
Gedanklich sind sie jedenfalls alle an.
Dresden kann „down, down, down“

Bei „Slow It Down“ wird das Publikum erstmals ausführlicher auf seine Gesangsqualitäten geprüft. Der berühmte „Down, down, down“-Part funktioniert erstaunlich problemlos, Dresden besteht den Test also ohne größere Schwierigkeiten.
Kurz darauf entdeckt Amy ein Schild im Publikum: „Can I sing with you, Mr. Rock & Roll?“ Darunter steht der Name Celine.
Amy erzählt, dass es ihr immer schwerfalle, solche Wünsche abzulehnen, ihre Crew dabei aber meist deutlich vernünftiger sei. Menschen spontan auf die Bühne zu holen, sei schließlich organisatorisch kompliziert, es gebe Abläufe, Sicherheitsvorgaben und einen straffen Zeitplan. An diesem Abend gewinnt Celine trotzdem.
Wenig später steht sie tatsächlich neben Amy Macdonald auf der Bühne – und dann passiert etwas, das bei spontanen Fan-Duetten durchaus hilfreich ist: Celine kann richtig gut singen.
Gemeinsam präsentieren die beiden „Mr. Rock & Roll“ ein zweites Mal, und Amy wirkt sichtbar begeistert darüber, dass jemand auf die Bühne gekommen ist, der nicht nur mutig genug für diesen Moment ist, sondern auch stimmlich mithalten kann.
Celine dürfte diesen Freitagabend vermutlich nicht so schnell vergessen. Dresden wahrscheinlich ebenfalls nicht.
Schottland mitten im Großen Garten

Zwischen den Regencapes tauchen immer wieder schottische Fahnen auf, und auch das fällt Amy auf. Es scheint sie jedes Mal aufs Neue zu berühren, wenn Menschen außerhalb Schottlands den Saltire mitbringen und damit ihre Verbindung zu ihr und ihrer Musik zeigen.
Vielleicht funktioniert genau deshalb ein Amy-Macdonald-Konzert so gut. Da steht kein entrückter Popstar vor seinem Publikum, sondern eine Musikerin, die Geschichten erzählt, über sich selbst lacht, die Menschen in den ersten Reihen beobachtet und einige offenbar längst persönlich bekannte Stammfans begrüßt.
Diese wiederum springen seit Beginn des Konzerts, als gäbe es keinen Regen und vermutlich auch keine Knieprobleme am nächsten Morgen.
Ein Poison Prince verliert sich

„Poison Prince“ führt noch einmal zurück zum Debütalbum „This Is the Life“ und hat fast zwei Jahrzehnte später nichts von seinem Drive verloren.
Inspiriert wurde der Song von Pete Doherty und seinem damaligen Absturz zwischen Drogen, Boulevard und Selbstzerstörung. Amy Macdonald schrieb dabei nicht aus Häme über einen skandalträchtigen Musiker, sondern aus der Perspektive eines Fans, der hinter all dem Chaos immer noch das große Talent erkennt.
Sinngemäß lautet die Botschaft: Vergiss den ganzen Mist und komm zurück zur Musik.
Genau das macht den Song bis heute interessant. Hinter der schwungvollen Musik steckt keine sensationslüsterne Abrechnung, sondern eine ziemlich traurige Beobachtung darüber, wie ein Mensch sich selbst verlieren kann.
Könnt ihr mich hören?
Mit „Can You Hear Me?“ folgt einer der stärksten Songs des aktuellen Albums.
Amy schrieb ihn nach einem Festivalauftritt in Glasgow. Vor der Show hatte sie beim Blick auf das auffallend junge Publikum plötzlich Zweifel, denn viele dieser Menschen waren noch nicht einmal geboren, als ihr Debütalbum erschien. Und dann kannten sie nicht nur die Songs, sie sangen sogar mit.
Aus dieser Erfahrung entstand ein Lied über eine junge Generation, die trotz Pandemie, Krisen, steigender Lebenshaltungskosten und reichlich düsterer Zukunftsaussichten nicht aufgehört hat, Hoffnung und Energie zu besitzen.
„Can You Hear Me?“ ist deshalb nicht nur eine Frage ans Publikum, sondern fast ein kleiner Aufruf: Seid laut, träumt weiter und lasst euch nicht erzählen, dass ihr nichts verändern könnt. Die Zukunft ist schließlich noch nicht fertig geschrieben.
Eine erstaunlich große Botschaft für einen Song, bei dem man gleichzeitig hervorragend tanzen kann.
We Survive – passender geht es kaum

Nach „Statues“, „Barrowland Ballroom“ und schließlich „This Is the Life“ ist offiziell erst einmal Schluss.
Natürlich kennt Dresden „This Is the Life“. Der Song ist längst größer als ein normaler Hit und hat inzwischen sogar eine neue Generation von Fans erreicht. Das Konzert endet damit allerdings noch nicht.
Amy kehrt allein mit ihrer Gitarre zurück und singt ausgerechnet an diesem völlig durchnässten Abend „We Survive“. Einen passenderen Songtitel hätte man für die Situation kaum auswählen können.
Der Inhalt ist allerdings wesentlich weniger harmlos, als es der unfreiwillige Wetterwitz vermuten lässt. Das Lied erzählt vom Versuch, sich durch Wochenenden, Alkohol und Rausch von dem abzulenken, was im eigenen Leben eigentlich nicht stimmt – vom Funktionieren, vom Betäuben und letztlich vom Überleben statt wirklichen Leben.
Damit greift Amy Macdonald erneut ein Thema auf, das sich durch viele ihrer Songs zieht: Menschen verlieren sich, zweifeln, treffen falsche Entscheidungen und versuchen trotzdem irgendwie wieder zurückzufinden.
Die Junge Garde wird ruhig, und nach einem Abend voller Band, Bewegung und Regen trägt plötzlich nur noch diese unverwechselbare Stimme durch den Großen Garten.
Genau das Gegenteil von Sonnenschein

Anschließend kommt die Band zurück und Amy kündigt „The Glen“ von Beluga Lagoon an.
Das Lied verbinde sie mit diesem besonderen Gefühl, wenn nach einem langen Winter endlich der Frühling kommt, die Sonne scheint und der Himmel wieder blau wird – also ungefähr mit allem, was an diesem Abend gerade nicht passiert.
Amy lacht, Dresden lacht mit und der Regen gehört mittlerweile sowieso zum Konzert.
Was Stunden zuvor noch wie eine denkbar schlechte Wetterprognose wirkte, ist inzwischen Teil dieses Abends geworden. Die nassen Bühnenbretter glänzen im Licht, überall bewegen sich bunte Regenponchos und niemand denkt mehr ernsthaft daran, vorzeitig zu gehen.
Let’s Start a Band
Zum Abschluss gibt es „Let’s Start a Band“, und noch einmal gehört die Junge Garde ganz Amy Macdonald, ihrer Band und dieser unverkennbaren Mischung aus Folk, Pop, Rock und schottischem Temperament.
Für einen Abend wie diesen braucht es keine gigantischen Spezialeffekte und keine Show, die von ihrem eigentlichen Inhalt ablenken müsste. Amy Macdonald trägt das Konzert mit ihrer unverwechselbaren Stimme, ihrer Gitarre, dem rhythmisch stampfenden Bein und dieser ganz eigenen körperlichen Art, ihre Songs mitzugehen. Dazu kommen Lieder, die oft wesentlich mehr erzählen, als ihre eingängigen Melodien zunächst vermuten lassen.
Natürlich hätte man sich für ein Open-Air-Konzert im August etwas weniger Wasser von oben wünschen können. Rückblickend gehört genau dieser Regen aber zu diesem Abend – Ein schottischer Sommer eben.
Und vielleicht ist es gerade deshalb eines jener Konzerte der Dresdner Open-Air-Saison 2026, an die man sich noch sehr lange erinnern wird – wettertechnisch sowieso, musikalisch aber erst recht.
Amy Macdonald darf gern noch oft nach Dresden zurückkommen, neue Geschichten sammeln und sie uns beim nächsten Mal wieder mit diesem herrlichen schottischen Akzent erzählen. Vielleicht scheint dann sogar die Sonne. Wenigstens einen Tag.
Galerien (by Kristin Hofmann bs! 2026)
Blaire Davis (21.08.2026, Dresden)
Amy Macdonald (21.08.2026, Dresden)

Setlist Amy Macdonald:
- Is This What You’ve Been Waiting For?
- Dream On
- The Hudson
- Spark
- Mr. Rock & Roll
- Woman of the World
- Pride
- Don’t Tell Me That It’s Over
- I’m Done (Games That You Play)
- Run
- Slow It Down
- Poison Prince
- Can You Hear Me?
- Statues
- Barrowland Ballroom
- This Is the Life
Zugabe:
- We Survive (Akustikversion, solo von Amy Macdonald)
- The Glen (Beluga Lagoon Cover)
- Let’s Start a Band
Zusätzlich in Dresden:
- Mr. Rock & Roll (noch einmal gemeinsam mit Celine aus dem Publikum)
Links:
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Junge Garde Dresden


