Die Kaffeemaschine brummt, die müden Knochen knacken beim Aufstehen – sollte es endlich so weit sein? Heute? Elder Emos aus dem ganzen Land setzen sich in Richtung Köln in Bewegung, um ein Ereignis so selten wie eine Sonnenfinsternis zu bestaunen: AFI spielen in Deutschland. Die kalifornische Band ist seit den 90er Jahren aktiv und veröffentlichte ohne größere Pausen Album für Album für Album für Album, aber flog damit in Deutschland überwiegend unter dem Radar. Als sie schließlich mit den Alben Sing The Sorrow und Decemberunderground auch im Mainstream-Musikfernsehen landeten, ja, das gab es damals noch, folgten auch immer wieder kleine Tourausflüge nach zu uns – als letztes gab es eine einzige Deutschlandshow zum Album Crash Love in Hamburg anno 2010.

Seitdem veröffentlichten sie noch vier weitere Platten, aber kamen erst mit der jüngsten Silver Bleeds The Black Sun wieder über den großen Teich. Eine Handvoll UK-Shows, ein Festivalgig in Frankreich und ein einziges Deutschlandkonzert, eben in Köln. Bereits um 14 Uhr sammeln sich, vor allem internationale Fans, vor der Live Music Hall, wo sie bis 19 Uhr ausharren, um einen begehrten Platz in der ersten Reihe zu bekommen. Bzw. bis 19:20 Uhr, denn der Einlass verzögert sich ein Weilchen.

Ebenso der Auftritt von support-Act TR/ST. Der kanadische Elektromusiker Robert Alfons, früher noch als DUO mit Sängerin Austra unterwegs, hält seinen Auftritt simpel. Synthies und ein Mikro, an welches er sich zwanghaft zu klammern scheint, genügen, für einen düster-groovenden Einstieg in den Abend. Der Dark-Wave-Sound passt gut zum jüngsten Sound von AFI und wird gerade in den vorderen Reihen gut vom Publikum angenommen. Nicht zuletzt dank der Verspätung ist der Auftritt sehr kurzweilig und endet genauso abrupt, wie er begonnen hat.
Through our bleeding, we are one.

Und da sind sie plötzlich, nach einer kurzen Umbaupause: AFI. Die Band um den unfassbar charismatischen Sänger Davey Havok beginnt ihr Set mit dem mächtigen Strenght Through Wounding-Opener der 1999-Platte Black Sails In The Sunset. Köln ist textsicher, als die Band einen lauten Mit-Schrei-Chor forciert bis schließlich Havok miteinstimmt. Es folgt ein wilder Ritt quer durch die gesamte Bandgeschichte. Mit 12 Platten im Backkatalog ist es nicht einfach, allen Wünschen gerecht zu werden, doch es gelingt heute ganz gut.
An diesem Abend geht es allerdings auch nicht um spezielle Songs, sondern um ein Gefühl. AFI waren schon immer eine Band für die Outcasts, die Punks, die Emos, die Goths, die Queers. Von diesen stehen knapp 1500 wirklich eng zusammengepfercht in der Live Music Hall und schreien Wort für Wort mit, während sie unter unfassbar heißen Scheinwerfern zart im eigenen Saft gegart werden.
Once there was a boy who had a vibrant glow
But as it goes, someone took it from him
One day through the rain, I heard him meekly moan
He said, will you wrap your arms around me?
As I’m falling


Auch auf der Bühne fließt der Schweiß im Strömen. Das Quartett weiß noch immer sich ordentlich zu bewegen. Körperteile und Instrumente fliegen von links nach rechts, von oben nach unten und aus der Mitte ertönt immer wieder die einzigartige Stimme des Frontmanns. Mit starrem Blick in die Menge und klaren Aufforderungen zur Interaktion kann man sich diesem kaum entziehen. Viele Worte verliert er zwischen den Songs nicht, ein kurzes „Dankeschön“ ans Publikum sowie Team, Support und Crew muss genügen, schließlich gibt es einiges zu tun. Auf der Speisekarte stehen heute als Special unter anderem The Boy Who Destroyed The World und Bleed Black – eine feine Wahl. Die Setlist bei den bisherigen Gigs wies immer leichte Variationen auf – ein schöner Bonus, für jene Fans, die die Band von Show zu Show begleiten.
Erstaunlich ist, wie gut die Songs aus allen Epochen live funktionieren, obwohl sie stilistischer kaum unterschiedlicher sein könnten. AFI haben sich über die Jahre immer wieder neu erfunden, das kam bei den Fans mal mehr und mal weniger gut an, doch selbst die Songs des eigentlich verhassten Crash Love sind live eine Wucht. Überall im Publikum sieht man breit grinsende Gesichter. Viele sehen AFI das erste Mal. Viele warten seit ihrer Jugend auf diese Chance.
Nach etwas mehr als einer Stunde wird es schließlich Zeit: Zeit für Klassiker: Days Of The Phoenix. Das Publikum zerläuft endgültig. Havoks luftiges Leibchen klebt nur noch am Körper. Kurzes verschnaufen. Zwei letzte Banger. Und dann war es das, die einzige AFI-Show in Deutschland 2026. Das Publikum ist selig – und angsterfüllt. Hoffentlich dauert das nicht wieder 16 Jahre…
Galerien (by Thea Drexhage bs! 2026)

Setlist TR/ST:
- Candy Walls
- Capitol
- Shoom
- Sulk
- Gone
Setlist AFI:

- Strength Through Wounding
- Girl’s Not Grey
- Love Like Winter
- Holy Visions
- A Single Second
- The Killing Lights
- Behind the Clock
- The Boy Who Destroyed the World
- 17 Crimes
- Beautiful Thieves
- Marguerite
- Bleed Black
- I Hope You Suffer
- Nooneunderground
- The Days of the Phoenix
Encore: - Silver and Cold
- Miss Murder


