Review: Hi Freaks! – 25 Jahre Tocotronic (14.03.2018, Hannover)

25 Jahre Tocotronic – Na wenn das kein Grund ist, den Staub von der alten Adidas-Trainingsjacke zu schütteln und sich ins wilde Nachtleben von Hannover Rock City zu stürzen. Bereits lange vor Konzertbeginn sammeln sich die Trainingsjackenträger in der ersten Reihe, wo vor 25 Jahren noch junge Mädels standen, um die Jungs aus der Hamburger Schule anzuhimmeln, sammeln sich heute vornehmlich Männer mittleren Alters, um die wilden Jahre ihrer Jugend noch einmal aufleben zu lassen. Sei es ihnen gegönnt. Der hintere Teil des Publikums ist bunt durchmischt, alt und jung, Mann, Frau und alles dazwischen –

für Tocotronic findet jeder einen kleinen Platz in seiner Plattensammlung.

Ilgen-Nur (Foto: Thea Drexhage bs! 2018)

Eröffnet wird der Abend von der Newcomerin Ilgen-Nur. Ilgen-Nur macht moderne Popmusik, die zielsicher in das Hipsterzeitgeistherzchen der jüngeren Besucher trifft. Die Texte handeln von diesem komischen Erwachsenwerden und werden lässig von ihr und ihren Mitmusikern vorgetragen. Erst in den Pausen merkt mensch wirklich, dass Ilgen-Nur noch nicht so lange dabei ist. Es wird wenig bis kein Kontakt zum Publikum gesucht, außer einem kurzen Dank an Tocotronic gibt es keine Ansagen, keine Vorstellung, keine Witzchen. Vielleicht ist es die Nervosität, vielleicht ist die Sängerin auch einfach zu cool und lässt so das Image, das ihre Songs von ihr vermitteln, in ihrer Bühnenpersönlichkeit aufleben. Etwas schade ist dies jedoch schon.

Gerade im hinteren Teil der Menge wird das Bühnenprogramm daher nur als Hintergrundbeschallung für angeregte Unterhaltungen wahrgenommen. Beim letzten Song ihres kurzen Auftritts gibt es jedoch ein kurzes Aufhorchen. Eine verdächtig bekannte Bassline erfüllt den Raum – covern die jetzt etwa Black No.1 von Type O Negative? Das wäre unerwartet mutig. Das vermeintliche Cover entpuppt sich jedoch als Ilgen-Nurs eigene Nummer

„No Emotions“

– mit welcher sie schlussendlich schreiend die Bühne verlässt.

Ilgen-Nur (Foto: Thea Drexhage bs! 2018)

Umbaupause. 30 Minuten. Die schräge musikalische Pausenuntermalung wird plötzlich von Prokofiews „Tanz der Ritter“ abgelöst. Auf der Bühne wird es dunkel. Tocotronic marschieren unter reichlich Nebel ein. An Theatralik kaum zu übertreffen. Dirk von Lowtzow begrüßt mit tiefer Stimme das Hannoveraner Publikum und nimmt es mit in „Die Unendlichkeit“. Hinter der Bühne leuchten Sterne auf einem riesigen Banner – ein Anblick, der am Todestag von Stephen Hawking einen ungewollt traurigen Nebeneffekt erzielt.

Tocotronic (Foto: Thea Drexhage bs! 2018)

Bunter wird es bei „Electric Guitar“ – die Musiker werden abwechselt in allen Regenbogenfarben angestrahlt, während sie ihre Ode an das unerlässliche Instrument zum Besten geben. Auf die beiden neuen Songs folgen allerhand ältere Klassiker, begonnen mit „Let there be Rock“. Den stimmungsvollen Höhepunkt findet dieser Abschnitt bei

 „Aber hier leben, nein danke“.

Tocotronic (Foto: Thea Drexhage bs! 2018)

Das Hannoveraner Publikum taut endlich etwas auf und kommt der Aufforderung des Mitsingens mit Bravour nach. Besser als die verkopften Kölner, wenn man Dirk von Lowtzow Glauben schenken darf. Mit „Hey Du“ rotzt er einen neuen Song ins Mikrofon, als wäre er noch frische zwanzig. Kommt gut an – wie eigentlich alles an diesem Abend. Mit „Unwiederbringlich“ wird es kurz ruhig und besinnlich, bevor Tocotronic mit „Zucker“ den einzigen Song ihres roten Albums, mit gefühlt doppeltem Tempo, spielen. Diesen widmen sie ihren „Vorbandbabies“ von Ilgen-Nur. Es bleibt weiterhin fetzig. So geben die Herren von Tocotronic dem Publikum mit „Macht es nicht selbst“ noch einen gut gemeinten Rat mit auf den Weg:

Wer zu viel selber macht wird schließlich dumm
Ausgenommen Selbstbefriedigung

Tocotronic (Foto: Thea Drexhage bs! 2018)

Und dann wird es wieder ruhiger, aber mit „Das Geschenk“ nicht minder druckvoll. Ungewohnt lange Instrumentalparts tragen den schweren Song durch den Saal und räumen ein für alle Mal mit dem Vorurteil, dass Tocotronic nicht wüssten, wie man Instrumente spielt, auf. Und dann beginnt das Betteln um die Zugabe. Die Band geht, das Publikum schreit, die Band kommt zurück. „Letztes Jahr im Sommer“ und „Hi Freaks“ bringen Bewegung in die Massen. Die Band geht erneut und lässt nur ihre kreischenden Instrumente auf der Bühne zurück. Die Menge schreit. Die Musiker kommen zurück.

„Explosion“. Gewaltig. Der Bass droht den Raum zu erdrücken. Eindrucksvoll. Die Musiker danken dem Publikum und irgendwie auch sich selbst, für 25 Jahre Bandgeschichte und gehen erneut. Wäre der Abend an dieser Stelle vorbei, hätte er mit einem wahren Knall geendet. Aus den Lautsprechern erklingt Ingrid Cavens „Die großen weißen Vögel“. „Rausschmeißer“ – denken die einen. „Ohne Freiburg gehen wir nicht nach Haus“ die anderen. Und so gehen die wilden Zugaberufe im deutlich dezimierten Publikum weiter. Und tatsächlich: „Freiburg“

Ich weiß nicht, wieso ich euch so hasse,
Tanztheater dieser Stadt.
Ich bin alleine und ich weiß es
Und ich find es sogar cool
Und ihr demonstriert Verbrüderung.

– extra langsam und drückend – mit krachendem Finale. Von Lowtzow kniet schreiend, vor den Augen seiner beachtlichen Kuscheltiersammlung, auf dem Boden, was er da von sich gibt versteht keiner mehr. Alle sind begeistert.

Tocotronic (Foto: Thea Drexhage bs! 2018)

Galerien (by Thea Drexhage bs! 2018):

Tocotronic (Foto: Thea Drexhage bs! 2018)

Setlist Tocotronic:

  1. Die Unendlichkeit
  2. Electric Guitar
  3. Let There Be Rock
  4. Drüben auf dem Hügel
  5. Kapitulation
  6. Wie wir leben wollen
  7. Ich lebe in einem wilden Wirbel
  8. Die Grenzen des guten Geschmacks 2
  9. Aber hier leben, nein Danke
  10. Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen
  11. Hey Du
  12. This Boy is Tocotronic
  13. Unwiederbringlich
  14. Zucker
  15. Sag alles ab
  16. Macht es nicht selbst
  17. Das Geschenk
  18. Alles was ich immer wollte war alles
    Encore
  19. Hi Freaks
  20. Letztes Jahr im Sommer
    Encore
  21. Explosion
    Encore
  22. Freiburg

Links:
www.tocotronic.de
www.facebook.com/ilgennur.band

Veranstalter:
Hannover Concerts
KKT GmbH

Thea Drexhage
Thea Drexhagehttps://www.be-subjective.de
Thea Drexhage hat Salma Hayek einiges voraus! 10 mm. Wie die meisten Frauen der Redaktion, Duffy, Beth Ditto, Joan Rivers oder Angus Young kann sie die MusikerInnen aus dem Bühnengraben also völlig problemlos sehen, wenn jemand ihren Hocker trägt, wird aber - das hat sie mit Salma dann doch wieder gemein - dennoch viel zu oft auf Ihre Körpergröße, ihre Mähne und ihre leicht misanthropischen Anflüge reduziert. Damit sie also nicht im nächstbesten Titty Twister von Sonnenunter- bis Sonnenaufgang Menschenmengen und Bläser mätzelt, halten wir “Aggro-Thea”, die zuvor ganze Landstriche in Mecklenburg Vorpommern ausgerottet hat, halbtags im spießbürgerlichen Oldenburger Exil an der langen Leine. Seither legt sich die scheißpünktliche existentialistische Besserwisserin analog mit Sartre, Camus & Kodak an und ja, auch wir müssen neidlos zugestehen, dass der Instagram-Account ihrer beiden Katzen “Salma” und “Hayek” mehr Follower pro Tag hat, als unser webzine im ganzen Jahr.

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