Review: Enno Bunger – zum Scheitern zu schön, zum Bleiben zu wenig (15.12.2016, Hannover)

Enno Bunger (Foto: Jörg-Martin Schulze jms)

Herzen auf Links ist der Name der akustischen Jahresabschlusstour von Enno Bunger. Gespickt mit Interpretationen, Wortspielen und Metaphern erzählt er vom Leben, der Liebe und dem Scheitern und scheitert dabei selber an Erkältung und zufälligen Begegnungen, die für den geübten Konzertbesucher mehr Déjà-vu als Neuerung sind.

Bei Ennos Musik fließt das Glück so süß, dass es klebt und weit nach den Auftritten noch kleben bleibt. Seine Worte hinterlassen Spuren am und im Herzen, laden ein, in jeder Zeile hinter den Metaphern Charme und Wortwitz zu entdecken, sich mit den Fingern über das Keyboard schwebend weit weg zu Herzensmenschen zu träumen.

Schon vor dem Einlass tummelt man sich im Eingangsbereich des Forums, das Licht spiegelt sich in Onnos Gitarre, neben der Bühne läuft Sarah aufgeregt auf und ab. Die bestuhlten Ränge erinnern an ein Kino, das heutige Stück, ein Drama mit Happy End, behandelt das das flüssige Glück des Lebens. Die Bühne ist schlicht schwarz, Blickfang das rote Keyboard in der Mitte, umrandet von großen stehenden Glühbirnen und den anderen Instrumenten. Reduzierte Show passend zum reduzierten Sound.

Sarah und Julian, ein deutsch-amerikanisches Geschwisterpaar, supporten Enno, der die beiden, unterstrichen von schlechten Wortwitzen, vorstellt. Vorband könne man auf drei Wege werden, erläutert er, einer davon sei es, dass der Hauptact selber Fan sei.

Abwechslungsreich, frech, nachdenklich geht’s von Song zu Song. Das Liebe zwar fast das einzige Thema der Popmusik sei, ist Sarah egal, es sei ja auch ein schönes Thema. Mal wechselt Julian von der Gitarre zu Sarahs Keyboard, so stehen beide dicht nebeneinander vereint als Geschwisterpaar. Vor allem neue Stücke werden präsentiert, das Album dazu erscheint im neuen Jahr.

Im Pavillon Hannover endet der offizielle Teil der Herzen auf Links Tour, die, akustisch, reduziert, sich auf die Wurzeln besinnend zu TV-Noir zurückführt, mit Regen und ein bisschen mehr Herz.

Während zu Beginn des Jahres Projektor Enno Bunger (lautstark) begleiteten, sind dieses Mal nur Gitarrist Onno Dreier und Aushilfs-Schlagzeuger Florian Wienczny mit von der Partie. Initiator, so wird scherzhaft erzählt, sei Herr Meyer, der bei dem letzten Konzert ans Mischpult trat und anmerkte: „Guten Tag, Meyer mein Name, der Bass ist unerträglich!“. Herrn Meyer sei das Glück vergönnt, während der gesamten Tour auf der Gästeliste zu stehen. Blicken lässt er sich auch beim Tourabschluss in Hannover nicht.

Enno Bunger (Foto: Jörg-Martin Schulze jms)

„Wir flimmern und wir leuchten, wir rauschen durch die Nacht“

Abspann als erstes Lied, eine ungewöhnliche Wahl und dennoch passend. Erzählt sie nicht von der Endlichkeit des Zusammengehörens und dem Beginn von etwas ganz Neuem. Etwas, dass Enno zu dem gemacht hat, was er heute ist, etwas, dass die Inspiration gegeben hat für Stücke über die Liebe, das Leben, das zusammen und doch alleine sein.

Mit Anekdoten aus seinem Leben gespickt „Es sind alles wahre Geschichten!“ führt Enno von Song zu Song, entertaint und spielt sich scheinbar spontan durch den Abend.

Schade nur, dass die Geschichten, zufälligen Begegnungen, lustigen Anekdoten des Vortages genau die selben sind, wie die vergangener Woche in Köln.

„Ich glaub das Licht am Ende des Tunnels ist kaputt“

Enno Bunger (Foto: Jörg-Martin Schulze jms)

Song an Song, dazwischen fehlt Herzblut, die ehemalige Leidenschaft, der Schmerz der Texte. Die Reinheit der Töne fällt einer starken Erkältung zum Opfer, Onnos Gitarre dem überlauten Schlagzug, Onno selbst dem starken Nebel. Die nun eingespielte Band spult ein Programm ab, dass zu auswendig gelernt wirkt. Florian trommelt unermüdlich uhrwerksgleich, Enno verpasst einen Einsatz, hetzt ihm hinterher, alles wieder auf Startposition, entzaubert. Hier und da kurze Erläuterungen zu Text- und Tonwahl, Sprünge zwischen den Alben. Liebe und Schmerz bedingen sich, so bleibt das Thema beständig, beleuchtet immer neue Aspekte.

„Und heimlich fühl ich mich bei dir zuhause“

Stromlos beginnen die Zugaben. Alle gemeinsam drehen sie Herzen auf Links. Ein Moment zum in Erinnerung behalten. Musiker vor der Bühne, Enno mit Akkordeon, nahezu auf Augenhöhe mit dem sitzenden Publikum. Ein Hauch von Zauber kehrt zurück und hält sich über die letzten drei Stücke.

Viel zu spät hängt man sich an seine Lippen, viel zu spät kommt die alte Form zurück, die diese Tour im Vorfeld so verlockend machte.

Wo in Köln noch Standing Ovation Enno gen Himmel lobten so sind es in Hannover nur müde Klatscher. Wie nach einem Film mit Überlänge räkelt man sich nach dem Erleuchten des Lichts von seinen Plätzen. Generelle Zufriedenheit täuscht über diverse Patzer des Abends hinweg, die Euphorie im Herzen hat Risse bekommen.

 Fotos: Jörg-Martin Schulze (aus HH 03/2016)

Setlist:

  1. Abspann
  2. Neonlicht
  3. Leeres Boot
  4. Roter Faden
  5. Klumpen
  6. Hamburg
  7. Am Ende des Tunnels
  8. Wo bleiben die Beschwerden
  9. Blockaden
  10. Zwei Streifen
  11. Stachelschwein
  12. Nichts ist für immer, aber alles ist für jetzt
  13. Ich möchte noch bleiben, die Nacht ist noch jung
  14. Heimlich
  15. Regen
  16. Scheitern

Links:
www.ennobunger.de
www.facebook.com/sarahandjulian