Review: Blues Pills rocken mit Kadavar und Stray Train im Löwensaal (07.10.2016, Nürnberg)

Blues Pills (Foto: Michael Gerlinger bs!)

Ein Freitagabend im kühlen Oktober. Die ersten Blätter an den Bäumen haben sich schon herbstlich verfärbt. Orange, braune und gelbliche Farbtöne umgeben das Exterieur des Löwensaals. Mag das Gebäude an sich, von außen betrachtet, ein wenig heruntergekommen erscheinen, so entfaltet es sich im Inneren in einer wirklich schönen architektonischen Pracht. Ich bin das erste Mal zu Gast im Löwensaal und die Räumlichkeiten wirken faszinierend auf mich. Ein rundlicher Saal, der zum Teil auch noch eine Balkonartige Etage bietet. Eine hervorragende Örtlichkeit, die man sich ausgesucht hat, um die Blues Pills, Kadavar und Stray Train (als Special Guest) auftreten zu lassen und ihre gemeinsame „Lady In Gold“-Tour zu präsentieren.

Bis zu 1500 Leute passen hier hinein. Es ist zwar nicht ausverkauft, aber viel fehlt nicht um dies zu vermelden. Das merkt man vor allem je später es wird, denn es wird im Verlauf der nächsten vier Stunden immer voller.

Stray Train (Foto: Michael Gerlinger bs!)
Stray Train (Foto: Michael Gerlinger bs!)

Aber der Reihe nach: Als Beginn wurde 19:30 Uhr angegeben und der ist korrekt. Pünktlich startet der Zug seine Fahrt. Nein, wir reden nicht von einem Zug der Deutschen Bahn (die wären auch nicht pünktlich…) sondern der slowenische Streuzug – Stray Train. Im Juni diesen Jahres haben sie ihr Debütalbum „Just ´Cause You Got The Monkey Off Your Back Doesn´t Mean The Circus Has Left Town” veröffentlicht und dürfen als erstes diesen Abend starten. Sie bieten eine solide Show und ihr Heavy Blues Rock, der mit einigen modernen Elementen versehen ist, bietet gute Unterhaltung. Rund 35 Minuten lang dürfen sie ihr musikalisches Können unter Beweis stellen, dass sie auch mit Bravour meistern. Doch was das songwriterische Talent anbelangt, muss man sagen, dass da noch Luft nach oben ist. Es hört sich alles ein wenig gleichförmig an und eine richtig gute Hookline konnte ich auch nicht ausmachen. Nur beim Abschlusssong `Plastic Princess` kam mal ein „Ah“-Effekt auf.  Was auch auffiel war, dass der Gesang einen Tick zu sehr in den Vordergrund gemischt und sobald Sänger Luka Lamut in Aktion trat, wurden seine Mitstreiter in den Hintergrund gerückt. Dabei war Hr. Lamut eh der Fixpunkt der Gigs, denn der junge Bursche ist wirklich ein hübscher Kerl. Ja, das sag selbst ich als Mann, aber auch so einige weiblichen Stimmen, die ich vernehmen konnte, waren von ihm angetan.

The Monkey Off Your Back

Stray Train (Foto: Sandra Hofmann bs!)
Stray Train (Foto: Sandra Hofmann bs!)

Ebenso positiv sprang Bassist Niko Jug und Drummer Viktor Ivanovic ins Auge, die ein wirklich tightes Zusammenspiel hatten und toll harmonierten. Etwas komisch wirkte nur Gitarrist Boban Milunovic, denn der ist sichtlich etwas über den Altersdurchschnitt der restlichen Bandmitglieder, doch kann er einiges an Erfahrungen und Arbeiten vorweisen. Denn, man höre und staune: er und sein Gitarrenkollege Jure Golobic sind in Slowenien keine Unbekannten.

Hierzulande sind sie zwar es noch nicht, aber wenn sie weiter an sich arbeiten und markantere Songs komponieren, könnte mehr aus ihnen werden. Die erste Duftmarke haben sie schon mal gesetzt und einen guten Auftritt gezeigt. Mehr aber auch nicht. Dies sieht auch das Nürnberger Publikum so und klatscht Applaus.

Danach geht es wirklich ratzfatz: Gerade mal 20 Minuten lang dauert die Umbaupause. So schnell habe ich das Ganze noch nicht über die Bühne gehen sehen. Während noch die letzten Aufräumarbeiten von statten gehen, läuft im Hintergrund langsam aufbauend das Intro, ehe das Berliner Trio Kadavar die Bretter betritt. Ich muss zu meiner Schande gestehen, obwohl ich Kadavar mag, habe ich sie bis dato nur einmal live gesehen und das war 2013 auf dem Summer Breeze zur „Nuclear Blast Label-Nacht“ um 01:45 Uhr. Deren Auftritt damals, habe ich noch sehr gut in Erinnerung und bin umso mehr geplättet, welch eine Ausstrahlung die drei jetzt haben. Ich habe Bassist Simon „Dragon“ Bouteloup nicht mehr so (körperlich) groß in Erinnerung und bin im ersten Moment ein wenig eingeschüchtert.

Kadavar (Foto: Sandra Hofmann bs!)
Kadavar (Foto: Sandra Hofmann bs!)

Taktgeber Christoph „Tiger“ Bartelt, der auch groß gewachsen ist, pflegt mehr eine ruhigere Aura in dem Moment. Er setzt sich auf seinen Drumhocker und seine Haare wehen wild umher, da zwei Ventilatoren seitlich hinter seinem Rücken von unten herauf Luft nach oben wirbeln. Aber richtig cool sieht Sänger Christoph „Lupus“ Lindemann aus: Mit schwarzer unverschlossener Weste, sodass die vielen Tattoos herausstechen, wirkt er hart und tough. Sieht sehr geil aus und auch die Musik ist geil! Während die Leute noch klatschen, endet das Intro und Kadavar legen mit `Come Back Life` los. Und wie! Energisch, enthusiastisch und voller Spielfreude bedienen sie ihre Instrumente und bieten für die folgenden 65 Minuten eine klasse Show!

`Pale Blue Eyes` steht als nächstes auf der Setlist und man merkt sofort den Unterschied vom älteren Material zum aktuellen Werk „Berlin“. Es ist sehr eindrucksvoll welchen Sprung Kadavar mit diesem Album hingelegt haben und daher schmerzt es mich persönlich ein wenig, dass mein Fave `Last Living Dinosaur` schon an dritter Stelle gespielt wird. Die restlichen Tracks fallen selbstverständlich qualitativ nicht ab, denn wer noch Songs wie `The Old Man`, `Living In Your Head` oder `Creature Of The Demon` in der Hinterhand hat, der kann nichts mehr falsch machen.

Sehr cool ist die Lichtshow, denn das viele Blau- und Rotlicht steht der Band sehr gut zu Gesicht. Speziell „Lupus“ sieht aus, als würde er mit seiner Gitarre in der Hand zu einer okkultischen Messe bitten. „Your Doom Awaits You!“? Hell Yeah!

Kadavar (Foto: Sandra Hofmann bs!)
Kadavar (Foto: Sandra Hofmann bs!)

Besessen würde auch ganz gut passen, denn wer den „Tiger“ beim Spielen zusieht, könnte das vermuten. Er dreht öfters seine Augen heraus oder hält einen Drumstick in die Höhe als würde eine göttliche Kraft dadurch empfangen. Aber stattdessen ist es „nur“ die gefühlte Ekstase die er in dem Moment verspürt. Die wird auch auf die Zuschauer übertragen, denn der Beifall ist nach jedem Lied deutlich lauter und begeisternder als bei Stray Train. Ein deutliches Indiz für welche Band(s) man heute Abend den Weg hier her gefunden hat.

Die Berliner wissen zu begeistern: Mit `Black Sun` und `All Our Thoughts` werden noch zwei Tracks vom “Kadavar”-Album gezockt ehe man zum Abschluss eine Beatles Coverversion zu `Helter Skelter´ auspackt. Keine Ahnung woran es liegt, aber die Version fetzt so dermaßen, dass einige Zuschauer zu headbangen beginnen. Klar, Köpfe nicken und „mitgrooven“ war vorher schon an der Tagesordnung, aber das wahr wahrlich der Höhepunkt vom Set in Sachen Köpfe schütteln. Dabei hatte „Tiger“ das mehrfach während des Gigs demonstriert wie das geht. Dem „Animal“ der Muppets steht Hr. Bartelt in Nichts nach. Klasse!

Die Band wird gefeiert und man merkt, dass die Jungs auch sehr viel Spaß an dem Gig hatten. „Tiger“ geht noch durch die vorderen Reihen und klatscht beim Publikum ab, nachdem er seine Drumsticks in die Menge warf. Schade dass der Auftritt schon wieder vorbei ist.

Kadavar (Foto: Michael Gerlinger bs!)
Kadavar (Foto: Michael Gerlinger bs!)

Dann heißt es mal wieder warten, denn es ist Umbaupause. Es ist mal Zeit durch die Reihen zu gucken und es fällt auf, dass die unterschiedlichsten Gruppierungen angesprochen sind: Hippies, Schlipsträger, Metaller, Rocker, Punker, Otto-Normal-Bürger, usw. Das schöne ist, dass auch die Altergruppe weit gespannt ist: vom circa neunjährigen (!) bis zum Ende 60jährigen ist alles dabei. Musik (der alten Schule wohlgemerkt) verbindet eben alle.

Während der Duft von Pizza noch in der Luft liegt, hat es die Crew innerhalb von 30 Minuten geschafft, alles fertig zu kriegen für die Blues Pills, die um 22 Uhr auf die Bühne gebeten werden. Jubel und tosender Applaus ertönt und die Französisch-Schwedisch-Amerikanische Formation freut es. Besonders Sängerin Elin Larsson ist überwältigt vom Nürnberger Publikum und deren Begeisterungsstürme. Eine sehr tolle Geste von ihr ist, dass sie sich zu allererst bei den Zuschauern bedankt für deren Support, für den Co-Headliner Kadavar, die sie zusammen mit dem Special Guest Stray Train auf der „Lady In Gold“-Tour begleiten und den Erfolg den sie in Deutschland bisher verbuchen konnten, dass man das sehr wertschätze. Das verdient Extrabeifall und den bekommt sie auch!

Flummi Larsson – Icebreaker

Danach spielt die Musik und die Band startet mit dem Titeltrack des aktuellen Albums und der gleichnamigen Tour `Lady In Gold´. Das (heimliche) fünfte Mitglied Rickard Nygren spielt die Melodie an und als Fr. Larsson ihren Einsatz hat, ist man im Bann ihrer Stimme gefangen. Man steht regelrecht unter Hypnose während sie singt. Ehe man sich versieht sind auch schon vier Songs vom aktuellen Album gespielt (`Lady In Gold`, `Little Boy Preacher`, `Bad Talkers` und `Won´t Go Back`). Magie liegt in der Luft und die wird hauptsächlich von Sängerin Elin versprüht. Sie lacht, hüpft, tanzt und kniet sich voll in die Show hinein. Nicht falsch verstehen, alle Mitglieder zeigen Freunde beim Spielen, wobei Gitarrist Dorian Sorriaux zu Beginn noch ein wenig steif und emotionslos wirkt. Aber nachdem Flummi Larsson ihn mit einspannt und zum Lachen bringt, ist auch bei ihm das Eis gebrochen.

Blues Pills (Foto: Sandra Hofmann bs!)
Blues Pills (Foto: Sandra Hofmann bs!)

Auch wenn ich das neue Album bis auf wenige Makel wirklich klasse finde, bin ich überrascht wie gut es live mit den älteren Songs funktioniert. Dorian scheint dagegen mehr Spaß bei den älteren Tracks zu haben, da er mehr zutun und seine ganze Klasse zeigen kann. Bei `Black Smoke`, Ain´t No Change` und `Little Sun´ blüht er regelrecht auf und beim folgenden Tony Joe White-Cover `Elements And Things` kommt ein Lächeln hervor.
Die Entwicklung der Band ist famos. Nicht nur aus musikalischer, sondern auch aus mentaler Sicht. Elin wirkt heut so stark und selbstsicher, was sie früher noch nicht war. Sie war eher schüchtern und ließ mehr die Musik sprechen, aber der immense Erfolg der Band steigt niemanden zu Kopf und alle verkraften es soweit besser als von mir gedacht (zumindest ist das mein Eindruck von außen). Ich gönne es ihnen allemal!

Apropos gönnen: Schön das man heute in den Genus von `Bliss´ kommt, dass nur auf der gleichnamigen EP erschien und in schwedisch gesungen ist. Ein besonderes kulturelles Erlebnis!

Blues Pills (Foto: Michael Gerlinger bs!)
Blues Pills (Foto: Michael Gerlinger bs!)

Mehr als die Hälfte des Sets ist schon vorbei und es bleiben nicht mehr viele Songs übrig, die noch zum Besten gegeben werden. Um genau zu sein, sind es nur noch fünf an der Zahl. Mit `Highclass Woman´ wird der Endspurt eingeleitet, ehe es zum ersten Entenpellen-Moment kommt: Muss ich noch irgendjemanden erklären wie geil eigentlich das Intro von ´Devil Man` ist? Welch eine gesangliche Glanzleistung Elin jedes Mal dafür hinlegt? Ich knie, nein, ich verneige mich dafür vor ihr. Danke Elin, für dein Talent und dein Können! Der Song ist der Wahnsinn! Die Zuschauer sehen das ebenso wie ich und pfeifen, jubeln und feiern `Devil Man`.

Danach geht die Band von der Bühne und die obligatorischen „Zugabe“-Rufe werden laut. Natürlich geht es weiter mit der Show, doch Elin kommt vorerst alleine auf die Bühne und setzt sich ans Keyboard/Piano. Sie bedankt sich erneut bei den Zuschauern und erzählt dass der nächste Song ein sehr persönlicher sei und versucht ihn selbst an den Tasten zu spielen. Bis auf einen kleinen Spielfehler zu Beginn schafft sie das auch bravourös und es kommt Gänsehautmoment Nr. 2: `I Felt A Change`. Traumhaft! Ich kann nicht verstehen, bei so vielen Popschnulzen die auch nur am Klavier gespielt werden und ein (Welt)hit wurden, wieso dann dieser gefühlvolle Song nicht in den Singlecharts ist? Die Welt ist und bleibt ungerecht…Gerechter ist es, dass man noch in den Genuss von `Rejection` und `Gone So Long` kommt und die Blues Pills ein letztes Mal den wohlverdienten Applaus erntet.

Blues Pills (Foto: Sandra Hofmann bs!)
Blues Pills (Foto: Sandra Hofmann bs!)

Sind sie die Band der Stunde? Ja, sind sie. Haben sie das auch verdient? Aber sowas von! Elin bedankt sich für den Abend bei der Audienz, doch die Einzigen, die sich bedanken sollten, sind die Menschen, die an diesem Abend im Löwensaal anwesend waren und ein Teil dieser Magie sein durften. Ladies and Gentleman, ich habe zu danken!

Gallerien:

Und weils so schön ist haben wir euch auch Fotos aus Hannover mit gebracht:

Links:
www.bluespills.com
www.kadavar.com
www.straytrainband.com