Die Vorzeichen für diesen Konzertabend stehen zunächst eher auf Weltuntergang als auf Sommer-Open-Air. Nach heftigen Unwettern, Hagel und Sturmböen in weiten Teilen Deutschlands sind auch für Dresden Gewitter und starke Regenfälle angekündigt. Dunkle Wolken ziehen heran, der Wind frischt auf – und zieht dann doch weiter.
Vielleicht wissen selbst die Unwetterfronten, dass an diesem Freitagabend in der Jungen Garde Sportfreunde Stiller spielen.
So bleibt es bei einigen kräftigen Böen, bevor die Sonne wieder hervorkommt. Beste Bedingungen also für rund 5.000 Menschen, die sich auf den Weg in die ausverkaufte Freilichtbühne im Großen Garten machen. Die Junge Garde zeigt sich dabei einmal mehr als einer der angenehmsten Open-Air-Orte Dresdens: Durch den amphitheaterartigen Aufbau ist die Sicht von fast überall gut, die Wege sind kurz und zwischen den Bäumen entsteht diese ganz eigene, entspannte Sommeratmosphäre.
Auch wer keine Karte mehr bekommen hat, muss nicht vollständig verzichten. Rund um die Garde machen es sich einige Menschen auf den Wiesen gemütlich und hören das Konzert zumindest aus der Ferne mit.
Wiener Charme und klare Haltung

Den Auftakt übernehmen um 19 Uhr Endless Wellness aus Wien. Die 2021 gegründete Indie-Rock-Band wirkt jung, motiviert und angenehm ungeschliffen. Dazu kommt der Wiener Dialekt, der bereits in den Ansagen für Charme sorgt und dem Dresdner Publikum ganz nebenbei neue Wörter wie „Nackerbatzi“ näherbringt.
Musikalisch bewegen sich Endless Wellness zwischen Indie, Alternative Rock und verspielter Melancholie. Dabei bleiben sie nicht unpolitisch. Ihre Ansagen sind klar, menschlich und demokratisch – eine Haltung, die angesichts der aktuellen Weltlage nicht wie ein aufgesetztes Statement wirkt, sondern notwendig.

Frech, laut und sympathisch eröffnen sie den Abend und übergeben anschließend an eine Band, die bereits seit drei Jahrzehnten zeigt, dass man mit Freundschaft und einer gewissen Hartnäckigkeit erstaunlich weit kommen kann.
Immer noch hier

Pünktlich um 19.50 Uhr betreten Sportfreunde Stiller die Bühne. Viel Zeit für Trödeleien gibt es nicht, denn auch in der Jungen Garde gilt: Um 22 Uhr ist Schicht im Schacht.
Der Einstieg mit „Immer noch hier“ könnte nach 30 Jahren Bandgeschichte kaum passender sein. Die Fans sind sofort da. Kein vorsichtiges Herantasten, kein langes Warmwerden. Der Regler steht vom ersten Song an auf hundert Prozent.
Die Show selbst kommt ohne großes Tamtam aus. Eine große LED-Wand zeigt Livebilder, italienische Flaggen, Fußballlegenden und wechselnde Visuals. Davor stehen mehrere große, an Boxen erinnernde Leuchtelemente. Das sieht gut aus, ohne der Band die Aufmerksamkeit zu stehlen.
Und Aufmerksamkeit brauchen Sportfreunde Stiller nicht durch pompöse Kostüme zu erzwingen. Adidas-Hose, Jeans, Hemd und bei Sänger Peter Brugger ein rotes Sonnenvisier – mehr Rockstarpomp gibt es an diesem Abend nicht.
Die Band sieht aus wie Leute, die man auch im Biergarten am Nachbartisch treffen könnte. Vermutlich ist genau das ein Teil ihres Erfolgs.
Von „Ti amo italiano“ bis zur großen Hymne

Mit „Ti amo italiano“ kommt früh mediterranes Lebensgefühl in den Großen Garten. Die Sportfreunde bedienen sich gern bei der Sprache der großen Gefühle, egal ob Italienisch, Spanisch oder in ihrem ganz eigenen bayerischen Pop-Rock-Dialekt.
Bei „Hymne auf dich“ erhält das Trio Unterstützung durch Streicherinnen, Bläser, Pianistin und Backgroundgesang. Plötzlich wird der Sound größer und voller, ohne dabei seine Bodenhaftung zu verlieren.
Danach folgt der Block, auf den viele gewartet haben: „Applaus, Applaus“, „New York, Rio, Rosenheim“, „Ich, Roque“ und später „Ein Kompliment“.
Hit folgt auf Hit. Die Junge Garde singt, klatscht und schwenkt die Arme. Bei „Applaus, Applaus“ bedankt sich die Band für 30 Jahre Unterstützung und dafür, dass ihre Lieder den Menschen noch immer etwas bedeuten.
Dazu passt Peters augenzwinkernde Bilanz des bisherigen Lebenswegs. Eigentlich seien sie schließlich gescheiterte Fußballprofis. Immerhin hätten aber alle den Führerschein geschafft.
Man muss seine Erfolge eben dort feiern, wo man sie findet.
Missionare der Positivität

Die Texte der Sportfreunde sind selten kompliziert. Sie sind direkt, ehrlich, manchmal ein wenig schief und fast immer voller Herz.
Es geht um Freundschaft, Liebe, Zweifel und darum, dass nicht grundsätzlich alles schlecht sein muss. Die Band vermittelt ihre Haltung nicht mit erhobenem Zeigefinger und auch nicht mit der Attitüde, dass ohnehin alles verloren sei. Sie bleibt zugewandt.
Bei „Wie lange sollen wir noch warten“ soll Dresden demonstrieren, wie ungeduldig es sein kann – auf bessere Zeiten, auf ein Wiedersehen oder einfach auf den nächsten Song. Das Publikum liefert bereitwillig.
Auch die Ansagen bleiben immer wieder ernsthaft. Peter wünscht den Menschen, dass es ihnen gut geht und sie mit sich selbst zufrieden sind. Denn dann gehe es auch den anderen um sie herum besser. Man solle nicht so streng mit sich sein.
Es sind einfache Gedanken. Aber vielleicht müssen gute Gedanken gar nicht kompliziert sein.
Dresden geht in die Hocke

Für „Ich, Roque“ verlassen Teile der Band die Bühne und mischen sich unter das Publikum. Plötzlich soll sich die gesamte Junge Garde hinsetzen.
Sind wir hier bei einer Hutshow?
Nein. Dresden geht geschlossen in die Hocke, wartet auf das Kommando und springt anschließend gemeinsam nach oben. Die Sonne ist inzwischen verschwunden, das angekündigte Gewitter endgültig vorbeigezogen und die Temperaturen sind angenehm geworden.
Jetzt kann die Garde eskalieren.
Überall wird getanzt: vor der Bühne, auf den Bänken, in den Gängen und weit hinten im Rund. Die Band mittendrin, nahbar und ohne Sicherheitsabstand zum eigenen Publikum.
Ein Kompliment für Dresden

Der große emotionale Moment des Abends folgt mit „Ein Kompliment“.
Es ist eines dieser Lieder, die selbst Menschen kennen, die behaupten, mit Sportfreunde Stiller kaum etwas anfangen zu können. Die gesamte Junge Garde singt. Laut, textsicher und mit diesem besonderen Gemeinschaftsgefühl, das sich bei Konzerten nicht künstlich herstellen lässt.
Vielleicht sollte tatsächlich jeder Mensch einem anderen Menschen häufiger ein Kompliment machen. Die Welt wäre vermutlich nicht sofort gerettet, aber wenigstens für einen kurzen Moment freundlicher.
An diesem Abend funktionieren die Sportfreunde jedenfalls ziemlich überzeugend als Missionare der Positivität.
Udo Jürgens auf Sportfreunde-Art

Mit „Ich war noch niemals in New York“ leiht sich die Band später einen Klassiker von Udo Jürgens. Die Sportfreunde hatten ihn einst im Rahmen ihres MTV-Unplugged-Projekts kennengelernt und schicken einen Gruß nach oben.
Ihre Version besitzt natürlich weniger große Showtreppe und dafür mehr Gitarren, Schrammeln und Sportfreunde-Charme.
Dass in Dresden auch Roland Kaiser regelmäßig denselben Song singt, eröffnet zumindest gedanklich die Möglichkeit einer ausgesprochen ungewöhnlichen Zusammenarbeit.
Man darf ja noch träumen.
Alte Songs und neue Buddies

Mit „Erste Wahl“ geht es zurück zu den Anfängen. Zwischendurch taucht kurz „Sweet Caroline“ auf, bevor Peter wissen möchte, ob Dresden bereit sei, die Ärschlein ordentlich durchzuschütteln.
Die Sportfreunde sind eben positiv, aber nicht vollständig brav.
Auch neue Songs haben ihren Platz. „Hey Buddies“ richtet sich an alle Buddies, Buddyistinnen und sonstigen freundschaftlich verbundenen Menschen. Für einen Moshpit sei das Stück eher ungeeignet, meint Peter. Ausprobieren könne man es natürlich trotzdem.
Zum Klatschen funktioniert es jedenfalls hervorragend.
Überhaupt zeigt sich an diesem Abend, dass sich das Publikum längst nicht nur aus Fans zusammensetzt, die seit 30 Jahren dabei sind. Als Peter fragt, wer die Band zum ersten Mal live sieht, melden sich überraschend viele.
Wie man es geschafft habe, sie erst nach drei Jahrzehnten zu entdecken, möchte er wissen.
Aber besser spät als nie. Für Nachwuchs ist offenbar gesorgt.
Dresden singt einfach weiter

Bei „Fast wie von selbst“ schwingen erneut die Arme von links nach rechts. Als die Band anschließend die Bühne verlässt, ruft Dresden zunächst nicht einmal klassisch nach einer Zugabe. Das Publikum singt einfach weiter. Aus dem Gesang werden irgendwann „Wohoos“, daraus entwickelt sich eine wilde Mischung aus Rufen, Klatschen und weiteren Gesangsversuchen. Es funktioniert. Die Band kehrt zurück.
Im zweiten Zugabenblock folgen „Lass mich nie mehr los“ und „Es muss was Wunderbares sein, von mir geliebt zu werden“. Dabei werden die Aufgaben auf der Bühne kurzerhand neu verteilt: Peter setzt sich ans Schlagzeug, während Schlagzeuger Florian Weber das Mikrofon übernimmt.
Und plötzlich zeigt sich, wer hier die eigentliche Rampensau ist.
Florian singt, tanzt und wirft die Beine erstaunlich hoch in die Luft. Peter gibt unterdessen zu, vermutlich das schwächste Bandmitglied zu sein, weil er weder besonders gut singen noch besonders gut Gitarre spielen könne. Eine bemerkenswerte Selbsteinschätzung.
Technische Perfektion war allerdings noch nie der wichtigste Bestandteil dieses Bandkosmos. Sportfreunde Stiller leben von ihrer Direktheit, ihren Melodien und dem Gefühl, dass drei Freunde gemeinsam Musik machen, weil sie genau das schon immer tun wollten.
Auf der guten Seite
Kurz vor 22 Uhr endet der Abend mit „Auf der guten Seite“. Zwischendurch gibt ein Teil des Schlagzeugs seinen Geist auf, doch Florian spielt einfach weiter. Niemanden stört es. Vielleicht passt sogar das erstaunlich gut zu diesem Konzert: Nicht alles muss perfekt sein. Es muss ehrlich sein.
Sportfreunde Stiller präsentieren sich in Dresden als positive Band, ohne naiv zu wirken. Sie verschweigen weder ihre Tiefpunkte noch die Probleme der Gegenwart. Doch statt in Zynismus zu versinken, setzen sie auf Freundschaft, Nähe und Zuversicht.
Es gibt technisch ausgefeiltere Bands. Es gibt stärkere Sänger und spektakulärere Shows. Aber kaum eine andere deutsche Band schafft es seit 30 Jahren so selbstverständlich, Generationen miteinander zu verbinden. Die einen begleiten sie seit den ersten Alben. Die anderen entdecken sie gerade erst.
Und beide stehen an diesem Abend gemeinsam in der Jungen Garde, singen dieselben Lieder und befinden sich für etwas mehr als zwei Stunden tatsächlich auf der guten Seite.
Galerien (by Kristin Hofmann bs! 2026)
Endless Wellness (17.07.2026, Dresden)
Sportfreunde Stiller (17.07.2026, Dresden)
Setlist Sportfreunde Stiller
(aus Marburg)

- Immer noch hier
- Wunderbaren Jahren
- Ti amo Italiano
- Komm schon
- Wir laden uns auf
- Hymne auf dich
- Applaus, Applaus
- New York, Rio, Rosenheim
- Wie lange sollen wir noch warten?
- Keine Blumen ohne Regen
- 7 Tage, 7 Nächte
- Du bist eine Bank
- Ich, Roque
- Ein Kompliment
- Ich war noch niemals in New York (Udo Jürgens Cover)
- Wahl
- I’m Alright!
- Siehst du das genauso?
Encore 1: - Das Geschenk
- Hey, Buddies!
- Wellenreiten
- Fast wie von selbst
Encore 2: - Lass mich nie mehr los
- Es muss was Wunderbares sein (von mir geliebt zu werden)
- Auf der guten
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