Review: Immer Skunk Anansie – Party kein Parkour! (Berlin, 25.2.2017)

Skunk Anansie (Foto: Nils Witte)

Als Erwachsener plötzlich über eine seiner ersten Jugend-Lieben zu stolpern ist schon etwas Eigenartiges. Damals war ich vierzehn, großmäulig und gebot stolz über die MTV-konforme Aufmerksamkeitsspanne von drei Minuten vierzig Sekunden. Immerhin das reichte satt für Hedonsim. Mit zerbrechlicher Intensität sang mir Skin (damals) ihr Leid ins bartflaumbereite Gesicht. Ich spürte ihren Schmerz, verstand ihn aber nicht. Schließlich verschwand sie wieder aus den Charts und wir verloren uns aus den Augen.

Skunk Anansie (Foto: Nils Witte)

Letztens hieß es dann; Skunk Anansie sind in der Stadt – nach über 20 Jahren gibt Skin endlich wieder ein Konzert in Berlin! Mein mulmiges Bauchgefühl, was mich wohl nach so langer Zeit erwarten würde, wird schnell von unbändiger Neugier kassiert. Und nach nur kleineren Problemen am Eingang [@Astra: nächste mal gerne die aktuelle Namensliste an der Kasse ausgelegt] bin ich mitten drin im Geschehen. Vorne schrammeln bereits The Pearl Hearts die Menge ordentlich in Stimmung. Das zierliche aber nicht zimperliche Duo (Kirsty & Sara) serviert eine verdammt saftige Ladung Rock. Ohne postinfantilen Männer-Schnickschnack schmettern sie uns ihre Riffs um die Ohren und treiben mit links die Stimmung bis zum Höhepunkt. Da angekommen, beenden sie kalkuliert ihren Gig und verlassen zufrieden lächelnd die Bühne: Publikum um den Finger gewickelt – Ziel erreicht.

Geil!

Pünktlich um 20:30 Uhr geht es dann richtig los. Aus dem Nichts erklingt Ace’s Klampfe, Cass‚ Bass wummert und gleich nachdem Mark auf sein Schlagzeug einzudrischen beginnt, springt uns Skin – wild wie ein Kobold auf Koks – mitten ins Gesicht: Here I stand.

Skunk Anansie (Foto: Nils Witte)

Von uns ’steht‘ keiner mehr. Augenblicklich kocht die Bude! Und wie als wolle sie prüfen, ob ihr die Stimmung auch wirklich heiß genug ist, stagedived unsere flippige Diva gleich mal eben durchs grölende Publikum – so zum Start. Damit übrigens auch von Anfang an alle Fronten geklärt sind, schicken Skunk Anansie sofort Intellectualize my Blackness hinterher.

Gott sei dank:
Skin hat sich kein bisschen verändert!

Neues gibt es dann beim Black-Traffic-Opener, I will break you: Die dortigen Rache-Fantasien schreit Skin nicht mehr irgend einem/r imaginären Ex ins Nichts, sondern sie liefert sich ein feuriges Bitch-Battle mit Marks Eherfrau, Erika. Den eigentlich selbstzerstörerischen Hass des Liedtextes geifern sich beide mit unverhohlener Freude in die vor verzehrendem Hass funkelnden Gesichter. Das Stück avanciert zu einer köstlichen Eifersuchtsorgie und wir weiden uns genüßlich an dem brillant gespielten Zickenkrieg-Duett.

Skunk Anansie (Foto: Nils Witte)

Aber natürlich rotzen Skunk Anansie nicht nur derbe rum, sondern schlagen bei Bedarf auch einfühlsame Töne an. Skin: „Something softer for the boys! If you had a shit Valentinsday“. Mit Death to the Lovers darf das erste Mal gekuschelt werden – und wird. Mehr noch als im Duett kann Skin hier viele ihrer weitgefächerten Gesangsqualitäten ausleben. Und wie vorhin in die Ekstase so folgt ihr auch hier das Publikum bereitwillig in die getroffen taumelnde Melancholie.

Skunk Anansie (Foto: Nils Witte)

Mit Weak und Hedonism werden dann bald darauf die klassischen Einstiegsdrogen gereicht. Man ist unter sich und entspannt ausgelassen. Und sowieso: Party kein Parkour! Auf dem ewigen Händemeer treiben hin und wieder Stagediver – übrigens auch wieder Skin und Erika ..

– man gönnt sich ja sonst nichts!

Doch wer glaubt, dass für Skunk Anansie solche Musik-Orgien reinen Selbstzweck darstellen, irrt.

Hatte Skin bisher zwischen den Songs gerne geschäkert und zum Beispiel die Qualitäten von Cass‘ Hintern mit Kennerblick gemustert, so wird sie nach That Sinking Feeling ernst: „Even in that time of raising neo-fascism we do believe in anti-fascism, anti-sexism and anti-homophobia!“ Weiße sollten nicht wegschauen, wenn andere Minderheiten verfolgt werden! Denn Minderheiten gibt es auch unter ihnen. „They will find a reason for catching you“ warnt Skin uns. Und es ist deutlich zu spüren, dass ihr diese wenigen Worte genauso wichtig sind, wie das ganze Konzert.

Skunk Anansie (Foto: Nils Witte)

Mit Songs, wie God loves only you, We don’t need what you think you are oder Little Baby Swastikka bleibt es zwar auch weiterhin politisch aber eben auf ganz spezielle Skunk-Anansie-Art: Überall wird deftig aufgetischt, alle toben sich aus und Skin peitscht die Stimmung ihr Theremin leckend weit über den Siedepunkt hinaus. Bei Yes it’s fucking political schlägt sie mit ihrem eigenen Hintern den Takt an und lässt auch die Fans ran.

Yes it is fucking political correct – wenn Frau das wirklich aktiv erlaubt!

Mit einem Mal gibt Skin das Signal, dass wir uns auf den Boden setzen sollen und erhaben wie Kleopatra schreitet sie durch die brav kauernde Menge. Derweil Skepsis bis kaum unterdrückte Panik in den Gesichtern der Security. Doch Skin macht was sie will, weil sie weiß was sie tut. Wir werden unsere Freiheit nämlich nicht dadurch verteidigen, dass wir sie aufgeben! Und Nähe hat nicht nur etwas mit fehlender Distanz zu tun sondern auch mit Zeit. Also gibt es ausgiebig Zeit für Fotos, shaking hands und jede Menge Talk. Als schließlich die ersten Takte zu Skank Heads von der Bühne donnern, versinkt Skin verzückt tanzend mitten im Meer der Feiernden. Try this, Trump[1]!

Skunk Anansie (Foto: Nils Witte)

Schließlich gönnen sich Skunk Anansie in ihren Encores noch einmal eine rasante Achterbahnfahrt durch ihr 99’er-Album, Post Orgasmic Chill. Dabei dienen Songs wie Tracy’s Flaw und Charlie Big Potato Skin nochmal als fett kulminierende Leistungsshow. Mit all der nie versiegenden Energie ihrer durchdringende Stimme steigen ihre Botschaften zuerst erhaben auf, um dann in einer Art melodischem Geburtsschrei als Befreiungshymne über uns zu leuchten.

Merkt man, dass ich schon wieder verknallt bin? …

Galerien (by Nils Witte):

Setlist The Pearl Hearts:

  1. The Chief
  2. Go Hard
  3. Hurt
  4. Lost in Time
  5. Hit the Bottle
  6. The Rush
  7. Black Blood
Skunk Anansie (Foto: Nils Witte)

Setlist Skunk Anansie:

  1. And here I stand
  2. Intellectualize my Blackness
  3. Because of you
  4. I will break you
  5. My Love will fall
  6. Death to the Lovers
  7. Twisted (Everyday hurts)
  8. Weak
  9. Victim
  10. Love someone else
  11. I believe in you
  12. That sinking Feeling
  13. God loves ony you
  14. We don’t need who you think you are
  15. Yes it’s fucking political
  16. The Skank Heads (get off me)
  17. Little Baby Swastikka
    Encore 1:
  18. Tracy’s Flaw
  19. Charlie Big Potato
    Encore 2:
  20. You’ll follow me down

[1] Der traut sich ja noch nicht einmal auf einen Presseball…

 

Links:
www.facebook.com/OfficialSkunkAnansie

 

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Raffael Lenz
Eigentlich ist Raffael Lenz Archäologe, aber das soll keine/r wissen - daher Schwamm drüber. Musikalisch war Raffael früher mal Metal, heute ist er eher Grammatik.  Sushi, Rachmaninov oder Tom Waits. Heimlich sogar Cluseo oder Lamm. Fleischessen ist ja doch eher so 90er. Raffael ist stolzer Besitzer so mancher Marotte, eines Latinums (Stultus inter pares!), einer eigenen Teetasse – einem Unikat – aus der niemand sonst trinken darf. Nicht mal Clueso. Nicht mal heimlich. Er liebt Brettern mit Brecht, Dürrenmatt, Eugène Ionescos’ Nashörner und leidet an einer ausgeprägten Phobie gegen Volksmusik, Schlager und Gott. Lenz traut sich bis heute keinen Kopfsprung zu und jeden Mist, den er schreibt, muss mensch nachschlagen. Aber ganz ehrlich: Wir haben ihn eh nur eingestellt, weil er Schokoladentorten backen kann.  Von seinem Blog (Echtes Berlin) raten wir ausdrücklich ab.