Review: Ein bisschen wie Festival – Picknick Konzerte mit Giant Rooks, Gentleman & Joris (16.-18.07.2021, Paderborn)

Es ist Freitagabend, ich schnappe mir meine Kameratasche und verlasse das Haus, etwas was ich in dieser Kombination seit gut anderthalb Jahren nicht mehr gemacht habe aber heute ist es endlich wieder soweit: es geht auf ein Konzert! Und zwar auf das der Giant Rooks bei den Picknick Konzerten in Paderborn. Eines von gleich drei Konzerten an diesem Wochenende. Fühlt sich jetzt schon gut an. Wir machen uns also auf den Weg und kommen etwa 40 Minuten später am Veranstaltungsgelände an. Als wir auf dem Parkplatz den Tourbus von Giant Rooks erblicken überkommt uns das erste Mal an diesem Abend ein ungewohntes Glücksgefühl. Nach so langer Zeit sind es schon die kleinen Dinge und das bisschen Normalität was einem ein Lächeln ins Gesicht zaubern können, auch wenn es unter der Maske nicht wirklich zu sehen ist. Aber safety first.

Den Anfang an diesem Abend macht Amilli. Für die junge Sängerin aus Bochum ist ihr letztes Konzert fast genauso lange her wie für mich und dass merkt man ihr ein klein wenig an. Amilli wirkt anfangs in ihrer Körpersprache noch etwas zurückhaltend was sich im Laufe des Sets aber immer mehr legt. Auch bei mir läuft noch nicht alles rund. Ich stehe im Graben mit der Kamera im Anschlag als die ersten Töne erklingen und merke auf unsanfte Art, dass ich erst vergessen habe meinen Gehörschutz rein zu machen.

Zusammen mit ihrer kleinen Zwei-Mann-Band spielt Amilli Songs wie Rarri, dem Song der sie 2018 bekannt machte, oder ihre aktuelle Single Hazy Days. Für ihre letzten Songs kam dann ein deutlich hörbarer und zu lauter Backingtrack mit Instrumentalparts und Backgroundvocals hinzu. War Amillis Sound bis hierhin wirklich gut gemischt, hatte man plötzlich das Gefühl, dass hier mehr vom Band kommt, als wirklich live gespielt wird. Dass dieser Umstand, aus welchen Gründen auch immer, im Mix nicht korrigiert wurde ist schade, denn es zerstört etwas den Vibe, den die ersten Songs noch vermittelt haben. Alles in allem aber trotzdem ein sehr netter Einstieg in den Abend.

Nach einer kurzen Umbaupause geht es mit dem Hauptact des Abends, Giant Rooks, weiter. Jetzt erheben sich alle von ihren Picknickdecken. Es liegt eine gewisse Spannung in der Luft. Bevor es für Giant Rooks los geht wird noch Lautstark auf Finns Geburtstag angestoßen, was auch dem Publikum, zumindest in der vorderen Reihen nicht verborgen bleibt. Einige Fans sind vorbereitet, so wie Beispielsweise eine junge Frau die versucht Finn eine Flasche Wein zu überreichen, dieser lehnt jedoch dankend ab da er nach eigener Aussage keinen Alkohol trinkt.

Giant Rooks spielen im Laufe der Show Songs wie Heat Up, Bright Lies, New Estate oder Wild Stare und covern Nelly Furtados All Good Things (Come to an End). Nach etwa 75 Minuten sind Giant Rooks mit ihrem regulären Set durch und verabschieden sich zu ersten Mal von der Bühne. Eine Zugabe lässt natürlich nicht lange auf sich warten. Diese startet mit dem Song All We Are in einer Piano Solo Version. Es folgen  Into Your Arms sowie Watershed als letzter Song. Und auf Watershed haben scheinbar alle hier gewartet denn plötzlich ist richtig Stimmung und die Leute tanzen ausgelassen auf ihren Picknickdecken. Ein überaus gelungener Auftakt in dieses Wochenende.

Samstag geht es schon am frühen Nachmittag auf nach Paderborn, denn Gentleman spielt aufgrund der hohen Nachfrage an Tickets gleich zwei Shows und ich bin bei der Zusatzshow am Nachmittag dabei. Auf dem Weg zum Veranstaltungsgelände geht es für mich durch den Schloss und Auenpark, vorbei an Lippe und Alme, an Menschen die dort am Wasser sitzen, grillen oder einfach einen tollen Sommertag genießen. Die Sonne brennt, Grillgeruch steigt mir in die Nase und in der Ferne sind bereits die ersten Basslines bekannter Reggae Tunes zu vernehmen. Zwar haben die Menschen an denen ich vorbeilaufe zum Großteil das Gentleman Konzert nicht als Ziel, dennoch fühlt es sich in diesem Moment sehr nach Festival an.

Auch wenn die Nachfrage nach Tickets so groß war dass es für eine Zusatzshow reichte ist diese nicht ausverkauft. Ich würde sagen der Platz zu etwa 70% belegt, dies sollte der Stimmung aber keinen Abbruch tun. Wie für ein Gentleman Konzert üblich gibt es auch heute keinen extra Support Act. Diesen Part übernehmen Gentlemans Backgroundsängerinnen Tamika und Treesha. Tamika und Treesha gehören die ersten 20 Minuten in welchen beide ein paar ihrer eigenen Songs performen, bevor Gentleman die Show übernimmt.

Neben Songs aus seinem aktuellen Album „Blaue Stunde“, dem ersten deutschsprachigen Album, spielt Gentleman sich kreuz und quer durch seine Diskographie und covert Joris Song Im Schneckenhaus. Auch wenn Gentleman durch seinen Auftritt beim TV-Format „Sing meinen Song“ viele neue Fans außerhalb der Reggaeszene dazugewonnen haben dürfte, sind es doch vor allem seine älteren Songs die das Publikum hier feiert. Etwas, was mich zugegeben ein wenig überrascht. Die Stimmung ist jedenfalls ausgelassen, auch wenn es hier und dort noch Leute gibt, die auch gegen Ende der Show auf ihren Picknickdecken sitzen. Ich schreibe dies mal dem Wetter zu, denn bei 28 Grad und strahlender Sonne ist nicht jedem nach tanzen.

Nach 75 Minuten Show ist auch hier das erste Mal Schluss, die Rufe nach einer Zugabe folgen aber sofort. Gentleman und seine Band The Evolution sind in Spiellaune, Zugabe reiht sich an Zugabe und am Ende ist diese gefühlt so lang wie das eigentliche Set. Hier wird es dann auch kurz unübersichtlich als Gentleman seine Klassiker Dem Gone und Superior spielt und dafür von der Bühne auf die Wellenbrecher vor selbiger steigt. Nach und nach rennen Leute nach vorne für ein Selfie. Schnell bildet sich hier eine kleine Gruppe, der Großteil ohne Maske und an Abstand ist auch nicht zu denken. Die Securities sind, was ich sehen kann, eher zurückhaltend und lassen die Menschen erstmal machen. Zwar löst sich diese Szene recht schnell wieder auf, so ganz optimal war dass aber nun nicht. Auf der Bühne geht es derweil mit der nächsten Zugabe weiter. Change Of Thoughts, ein Collab-Tune von Gentleman zusammen mit Konshens aus dem Hause Jugglerz. Seine Show beendet Gentleman dann nach gut zwei Stunden mit einem Bob Marley Cover, dem Redemption Song.

Sonntag, der letzte Tag. Heute geht es zu Joris und einer erneuten Abendshow. Los geht es aber erst einmal mit Stanovsky, der heute den Support spielt und auch mal eben 15 Minuten früher als angegeben startet. Mit seinem Mix aus Klavierakkorden und elektronischen Sounds begeistert er das Paderborner Publikum und bringt sogar einige dazu, sich schon jetzt von der Picknickdecke zu erheben. Nach 30 Minuten beendet Stanovsky dann sein Set.

Nach einer weiteren halben Stunde in der fleißig umgebaut wurde geht es dann los und das letzte Konzert für dieses Wochenende startet. Joris beginnt wie gewohnt am Piano. Es braucht nicht lange und der junge Musiker hat das Publikum im Griff, nicht verwunderlich, weiß er als Ostwestfale doch genau, wie er mit dem gern zurückhaltenden ostwestfälischen Publikum umzugehen hat. Musikalisch ist Joris heute außergewöhnlich viel im Reggae unterwegs, nicht nur beim Cover von Gentleman sondern auch bei den eigenen Songs. Gefällt mir gut, darf er gerne öfter so spielen. Aber auch sonst ist Joris gewohnt souverän und abwechslungsreich unterwegs. Mal laut, mal leise, mal schnell, mal langsam. Hier ist für jeden Geschmack dabei. Er springt gekonnt durch die verschiedenen Stimmungen und lässt so zu keiner Zeit Langeweile aufkommen. Nach 90 Minuten, Zugabe inklusive, ist auch das letzte Konzert an diesem Wochenende vorbei.

Das erste Wochenende der Paderborner Picknick Konzerte ist absolut gelungen und versprühte ein bisschen dieses Festival Feeling was vielen von uns so fehlt. Zwar wird wohl kaum ein normaler Besucher an allen drei Tagen dabei gewesen sein, kosteten die Tickets doch um die 50 Euro pro Show, doch auch wenn man nur einen Tag dabei ist, bieten die Picknick Konzerte ein ganz besonderes Feeling. Ein Konzept, welches ich mir übrigens auch für nach Corona weiterhin sehr gut vorstellen kann. Wir freuen uns aber erst einmal auf das zweite Wochenende mit weiteren tollen Konzerten.

Links:
https://www.giant-rooks.com
https://www.gentleman-music.com
https://www.jorismusik.de
https://www.stanovskymusik.de
https://www.instagram.com/amilli.official

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Rune Fleiterhttp://www.rune-fleiter.de/
be subjective! music webzine est. 2001 Live-Berichte und Konzertfotos stehen bei uns im Fokus. Die richtigen Wort für neue Töne, musikalische Experimente, Stimmungen in Bildern gebannt, Mega Shows in neuen Farben. Der Atem in deinem Nacken, die Gänsehaut auf Deiner Haut, der Schweiß durchtanzter Nächte zum Miterleben und Nachbeben. Interviews mit Bands und MusikerInnen.  be subjective! aus der Musikszene für mehr Musikkultur.