Review: El Presidente Marteria landet in Elbflorenz (13.12.2017, Dresden)

„Alle haben ’nen Job – ich hab Langeweile!“, so lautet die erste Zeile im Song „Kids (Zwei Finger an den Kopf)“ – „Keiner hat mehr Bock auf Kiffen, Saufen, Feiern“. Vielleicht war dies mit ein Anstoß für Marteria eine neue Langspielplatte zu produzieren. Vielleicht auch seine Reisen der letzten Jahre in andere Länder. Ganz gleich was dazu geführt hat, seit Ende Mai ist die neueste Veröffentlichung jedenfalls käuflich zu erwerben und trägt den Namen „Roswell“. Angelehnt an den sogenannten „Roswell-Zwischenfall“, einer UFO-Sichtung in einer US-amerikanischen Kleinstadt und da macht es durchaus Sinn, daß „Aliens“ als erste Single ausgekoppelt wurde. Wer allerdings mit dem dritten Teil der „Zum Glück in die Zukunft“-Saga gerechnet hat, ist jedenfalls vom Rostocker MC mit dem Titel überrascht worden. Der weiterhin anhaltende Erfolg von Marteria, mit iniziiert durch das neue Album, führt jedenfalls dazu, daß er mit seiner Crew jetzt die ganz großen Hallen der Republik bespielt. Am heutigen Abend ist dies hier in Dresden die Messehalle.

Kid Simius… Marteria-Band-Member & Support-Act

Nach der Einlasskontrolle endlich drinnen angekommen, liegt Currywurst- bzw. Bier-Duft in Luft und hat im ersten Moment eher etwas wie Volksfestcharakter. Gut, daß das riesige Banner auf der Bühne darauf hinweist, auf welcher Veranstaltung ich mich gerade befinde. Ja, Marteria ist nicht erst mit diesem Album im Mainstream angekommen und deshalb besteht das Publikum nicht nur aus den klassischen HipHop-Heads.

Kid Simius (Foto: Alex Jung bs! 2017)
Kid Simius (Foto: Alex Jung bs! 2017)

Das Aufwärmprogramm übernimmt auf der „Roswell Tour“ Kid Simius. Der gebürtige Spanier ist für das Gitarrespielen in der Liveband von Marteria zuständig und hat ebenso sein gleichnamiges Projekt am Start. Bei einer Musikkombination aus Elektro und Rock präsentiert er einige Tracks der beiden LPs „Jirafa Waves“ bzw. „Wet Sounds“. Dabei sind typische Rhythmen aus seinem Heimatland unverkennbar. Den meisten Leuten in der Halle gefällt das Ganze und mit „The Flute Song“ hat Kid Simius auch ein neuer Titel im Set enthalten. Mit diesem „Soundcheck“ sind jetzt quasi alle bereit für den Main-Eventer des heutigen Abend.

Level 1: Roswell & Co.

Marteria (Foto: Alex Jung bs! 2017)

Die ersten Takte wummern aus den Boxen, der Vorhang fällt, seine Band spielt das „Roswell“-Intro und der „Endboss“ schmettert die bekannten Dinger „Aliens“, „Scotty beam mich hoch“ oder „El Presidente“ von der neuen Scheibe in Richtung Publikum. Auf der großen Video-Wall werden die Songs, teilweise mit den Kurzfilmen zu den entsprechenden Singles, graphisch untermalt. Bengalisches Feuer gibt es bei „Bengalische Tiger“, denn „[…] Jetzt wird Goethe zitiert, also Faust hoch […]“, ganz nach Motto: „Alles Verboten, trotzdem machen“. Zum Abkühlen bzw. Runterkommen des Publikums geht Marteria erst ein Mal auf „Tauchstation“ und erzählt die Stories vom „Blue Marlin“ oder die von der „Skyline mit den zwei Türmen“. Nun will er von den anwesenden Damen in der Halle wissen, wo seine „Marteria Girl´s“ sind. Den Track serviert die Band als Remix, mit Brazil-Rap-Part von einer seiner Background-Sängerinnen. Und was braucht so richtiges „Marteria Girl“? Natürlich „Neue Nikes“, denn „Das Geld muss weg“! Vierzig Taler für die Karte, Essen & Trinken, dazu noch ganze fünf Euro für das Parken vor der Halle – da kann Mensch schon mal ein bissl was loswerden und den Merch-Stand gibt es ja auch noch auf dem Konzert.

Marteria (Foto: Alex Jung bs! 2017)

Marteria rockt den ersten Teil seiner Show ziemlich locker mit „Links“ und bevor er ganz „Verstrahlt“, ausgelöst durch die Begeisterung der Leute in der Halle, die Bühne nach hinten verlässt, widmet er „Gleich kommt Louis“ seinem Sohn. Level geschafft.

Level 2: Green Dresden

Das gelbrote, bunte Bühnenlicht in Anlehnung an das Cover der aktuellen Platte wird grün, der Sound wird dublastiger, weißer Nebel steigt auf und „[…] Endlich wird wieder geraucht Kommt schon, Marsi gibt ein‘ aus Grüner Rauch zieht übers Land –  Grüner Samt […]“ – Marsimoto is tha house und das Publikum rastet aus. Bengalos brennen wieder, dieses Mal in grün, „Eine kleine Bühne“ für den ersten Mohikaner. Marterias Alter Ego hat mit „Chicken Terror“ gleich noch eine neue Tüte fertig gedreht mitgebracht. Allerdings macht so viel Rauchen ganz schon hungrig, hungrig auf Döner und Marsimoto muss diesem Grundbedürfnis offensichtlich ganz schnell nachkommen, beendet nach fünf Tunes seinen viel umjubelten Gastauftritt. Level gerafft.

Level 3: Triple Love

Marteria (Foto: Alex Jung bs! 2017)

Marteria kommt mit seiner Band wieder zurück auf die Bühne und hat für die Fans in der Dresdner Messehalle noch ein paar „Zum Glück in die Zukunft II“-Reminder im Gepäck. Und zwar in Form von „OMG!“ und „Kids (2 Finger an den Kopf)“, als letzten Track gibt es dann noch den Klassiker „Lila Wolken“, der von Vielen mitgesungen wird. Der Song darf natürlich in einer Show des Rostockers nicht fehlen, ist allerdings so oft überall in den letzten Jahren gespielt wurden, daß ich diesen schon ziemlich überdrüssig bin. So, aber das kann es jetzt noch nicht gewesen sein, oder? Das Publikum fordert jedenfalls eine Zugabe und bekommt mit „Welt der Wunder“ einen weiteren Track zu hören. Bei dem stellt Marteria nicht nur seine Mitmusiker auf der Bühne vor und bedankt bei seinen ganzer 70köpfigen Crew. Er bedankt sich ebenso und vor allem bei den Fans hier vor Ort in Dresden, in Sachsen, wo viele mit ihren hochgehaltenen Handydisplay die Halle regelrecht zum Leuchten bringen. Ohne die könne er nicht die Musik machen, um diese wiederum mit ihnen zu teilen und zu feiern. Dabei erinnert sich Marteria an den Auftritt bei den Filmnächten zwei Jahren bzw. an den Gig im Club Puschkin, bevor sein neues Album raus kam. Aber er weiß ebenso noch, daß auf seinem ersten Konzert nicht ein Mal hundert Leute am Start waren und jetzt sind es laut seiner Aussage fast 7000. Auch wenn die Messehalle nicht ganz ausverkauft ist, spielt er jetzt in der selben Liga wie Beispielsweise die Beginner oder Sido. Level gehugged.

Bonus Level: The last 20 Seconds

Marteria (Foto: Alex Jung bs! 2017)

Eine Marteria-Show kann ja nun nicht mit so viel Lobhudelei und solch einer ruhigen Nummer enden, da fehlt doch noch etwas. Ein bisschen mehr Dampf drunter und vor allem „Feuer“, viel „Feuer“ und dank des Tourbudget auch im wahrsten Sinne des Wort (Rammstein-Moment inklusive). Ganz zum Schluß beginnen „Die letzten 20 Sekunden“, gefühlt bestimmt mindestens zwanzig Mal, wo alle springen, tanzen, sich hinhocken und dann wieder hochspringen. Shirts fliegen durch die Luft, es regnet Konfetti von der Decke und bei den aller, alleraller, alleralleraller letzten zwanzig Sekunden befindet sich Marteria zusammen mit seinem Backup MC Pete Boateng mitten im Circle-Pit, in den ersten Reihen vom Publikum. Level gerockt. Game geschafft. Oder wie er es auf seiner Facebook-Seite ausdrückt „Dresden Abriss, danke Sachsen!!“.

“ […] Scotty, Scotty, Scotty beam mich hoch.
Ich werd verrückt hier unten, Scotty wann geht’s endlich los?
Wer hat sich das hier ausgedacht, wer war dieser Idiot?
Bin auf dem Trampolin gefangen, Scotty beam mich hoch.

Scotty, Scotty beam mich hoch.
Scotty beam mich hoch.
4-3-2-1 Scotty beam mich hoch.
Scotty, Scotty beam mich hoch.
Scotty beam mich hoch.
4-3-2-1 Scotty beam mich hoch.

Alles blitzt, Nebel bricht,
türkises Licht, Ziel in Sicht
viel zu dicht, hier ist’s low.
Scotty, Scotty beam mich hoch!
Alles blitzt, Nebel bricht,
türkises Licht, Ziel in Sicht
viel zu dicht, hier ist’s low.
Scotty, Scotty beam mich hoch! […]“
(Auszug aus: „Scotty beam mich hoch“)

Wer das Spiel neu starten will, braucht nicht erst Buddhist werden, sondern geht einfach auf das nächste Konzert der „Roswell-Tour“, welche von Marteria auch 2018 fortgesetzt wird. Außerdem kann ich den Film „Antimarteria“ zum aktuellen Album sehr empfehlen.

Galerien (by Alexander Jung bs! 2017):

 

Marteria (Foto: Alex Jung bs! 2017)

Setlist:

  1. Roswell
  2. Aliens
  3. Endboss
  4. Scotty beam mich hoch
  5. El Presidente
  6. Bengalische Tiger
  7. Alles verboten
  8. Tauchstation
  9. Blue Marlin
  10. Skyline mit zwei Türmen
  11. Neue Nikes
  12. Marteria Girl RMX
  13. Verstrahlt
  14. Große Brüder
  15. Gleich kommt Louis
  16. Das Geld muss weg
  17. Links
  18. Grüner Samt
  19. Eine kleine Bühne
  20. Chicken Terror
  21. Der Nazi und das Gras
  22. Der Döner in mir
  23. OMG!
  24. Kids (2 Finger an den Kopf)
  25. Lila Wolken
    Encore
  26. Welt der Wunder
  27. Feuer
  28. Die letzten 20 Sekunden

Weiterhören:

  • Marteria & Marsimoto: „Roswell“, „Ring der Nebelungen“, „Zum Glück in die Zukunft II“; „Grüner Samt“, „Zum Glück in die Zukunft“; „Zu zweit allein“, „Base Ventura“ & „Halloziehnation“
  • Kid Simius: „Jirafa Waves“ & „Wet Sounds“

Links:
http://www.marteria.com/
http://www.marsimoto.de/
https://www.antimarteria.com/
https://de-de.facebook.com/kidsimius/

Veranstalter:
Four Artists

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Tobias Richterhttps://www.facebook.com/mischband/
Jeder sollte einen Tobi haben. Keiner von uns hat ihn je gesehen, der Typ ist einfach zu groß und artig, der schmeißt aufgeblasene orange Dinger in Einkaufsnetze und - wie man so hört - muss sich der Ü190 Hüne dafür bücken. Eat Sleep Ball Repeat. Ansonsten ist ein Tobi einer, der Kassetten professionell aufwickeln kann, "der immer Ärger macht, der Streiche spielende Anstifter, der, der süchtig nach Furcht ist, ein Sinnbild für Gefahr." Jeder sollte einen Tobi haben. Und eine B-Seite.