Review: D.A.D. mit Thundermother im Hirsch (01.05.2016, Nürnberg)

DAD (Foto: Stephan Kwiecinski)

Der Nürnberger Club „Hirsch“ ist der fünfte Halt auf der „Riskin´ It All For The Pilgrims“-Tour von D.A.D. Wie dem Tournamen schon zu entnehmen ist, handelt es sich nicht um eine normale D.A.D. Show, sondern man spielt jeweils die beiden Klassiker Alben „Riskin´ It All“ (von 1991) und „No Fuel Left For The Pilgrims“ (aus den Jahre 1989) komplett (!) an einem Abend. Circa 750 Leute ließen sich diese Gelegenheit nicht entgehen und machten den „Tag der Arbeit“ zu einem richtigen, ähm, Feiertag.

Als Anheizer hat man die aufstrebene Frauenband Thundermother im Gepäck. Manch einer würde das kritisieren, da zwischen Thundermother und D.A.D. schon ein stilistischer Unterschied besteht. Aber wer würde denn stilistisch zu D.A.D. passen? Mir fällt so schnell niemand ein…

Thunder Mother - 06.05.2016 - Musikzentrum, Hannover - Stephan Kwiecinski, info@kwie.de

Die Kritiker bekommen jedenfalls an diesem Abend von Thundermother aus musikalischer Sicht eins auf den Deckel. Die fünf Damen aus Schweden (wobei Sängerin Clare Cunningham gebürtige Irin ist und Gitarristin Giorgia Carteri ursprünglich aus Italien kommt) sind keine naiven Püppchen, sondern haben den Rock´n´Roll als Blut in ihren Adern und würden locker einige anwesenden Männer unter den Tisch trinken, danach auf die Bühne gehen, fehlerfrei spielen und dem Rest immer noch problemlos den Arsch aufreißen. Das die Bezeichnung „Bon Scott´s Töchter“ über diese feschen Mädels mal genannt wurde, kommt also nicht von ungefähr…

Thundermother (Foto: Stephan Kwiecinski)
Thundermother (Foto: Stephan Kwiecinski)

Apropos AC/DC: Den Einfluss von (early) AC/DC ist unverkennbar herauszuhören, als kurz nach 20 Uhr die Show beginnt. Die Frauen sind extrem heiß. Damit ist nicht der optische Aspekt gemeint (obwohl das auch vollkommen zutrifft!), sondern die Spielfreude. Man sieht regelrecht das Leuchten in den Augen als sie mit `Rock´n´Roll Disaster´ loslegen. Dies bemerkt auch das Publikum und der erste dezente Beifall erfolgt. Danach lassen sich Thundermother nicht mehr die Butter vom Brot nehmen und hauen einen Hit nach dem anderen raus: `Cheers` (bei dem Gitarristin Filippa Nassil mit einer Bierflasche zwischendurch ihr Instrument spielt), ´Thunderous´, `Roadkill` (das einen gewissen Motörhead Charme hat), `Thunder Machine` (hier wird das Publikum in zwei Hälften aufgeteilt und darf abwechselnd „Thunder“ – “Machine“ singen), `Shoot To Kill´, `Deal With The Devil´ und dem finalem `It´s Just A Tease`

Sängerin Clare weis, wie sie sich am Besten in Szene setzt: Sie performt äußerst souverän, reißt die Fäuste im richtigen Takt nach oben, stachelt die Zuschauer an oder benutzt auch mal den Mikroständer als Stange um sich daran sexy zu bewegen. „Sex Sells“ also? No fucking way! Warum sie das speziell bei `It´s Just A Tease` macht, liegt bei dem Songtitel wohl klar auf der Hand.

Eine Anmerkung muss aber noch für Gitarristin Filippa Nassil gemacht werden: Die Bandgründerin ist sowas von schweinecool auf der Bühne und geht bei `Shoot To Kill` vor ihrem Solopart von der Bühne, ehe sie seitlich von der Bühne hinter dem Vorhang auftaucht, zum Solo ansetzt und durch die Menschenmenge (!) läuft. Und nein, nicht nur durch die vorderen Reihen, sondern eine komplette Runde durch den gesamten Club! Nach ein paar Minuten Solo (samt `Highway To Hell´-Riffeinschub) kommt sie wieder auf die Bühne und lässt sich zusammen mit der gesamten Band ordentlich feiern. Der Beifall wird nach jedem gespielten Song immer größer und lauter, denn die Zuschauer haben gemerkt, was mit Thundermother für eine geile Band auf den Brettern steht. Wer immer noch denkt, dass Frauen nicht rocken können, der wird allerspätestens jetzt seine Meinung geändert haben. Wenn nicht, dem ist nicht mehr zu helfen…

Wenn Girlschool irgendwann Schicht im Schacht machen, stehen Thundermother bereit, dieses Erbe anzutreten. Man muss Ihnen viel Lob und Respekt für diesen Auftritt zusprechen. Und den Respekt haben sie auch vom Nürnberger Publikum erhalten, denn es wurden keine peinlichen „Ausziehen!“-Rufe laut. Zumindest hatte ich keine vernommen…

Nach 35 Minuten heißem High Energy Rock´n´Roll muss man sich dann erst mal rund 40 Minuten gedulden bis der Hauptact D.A.D. dran ist. Kein Problem, denn ich nutze die Umbaupause um mich mit anderen auszutauschen, denn wie oft kommt es denn schon vor, dass man auf einem Konzert entfernte Arbeitskollegen und seinem ehemaligen Klassleiter trifft? Richtig, nicht so oft. Man wird sich auch schnell einig das Thundermother eine tolle Vorband waren und richtig gute Laune verbreitet haben.

Während ich mich unterhalte, sieht man schon wie das „Wohnzimmer“ (besser gesagt das Backdrop) von D.A.D. im „Riskin´ It All“-Stile aufgehängt wird. Ebenso merkt man, wie sich der Hirsch immer mehr füllt. War es bei Thundermother schon vor der Bühne gut gefüllt, wird es bei D.A.D. voller und somit enger. Ein Blick durch die Reihen zeigt auch das, was ich anfangs vermutet hatte: Der Großteil der Zuschauer erreicht die Ü35-Fraktion und ist nicht, wie bei Rock/Metal Konzerten es zuletzt häufig der Fall war, vom Alter her gut gemischt. Dennoch befinden sich einige jüngere Konzertbesucher im Publikum, die noch nicht mal geboren waren als „Riskin´ It All“, geschweige denn „No Fuel Left For The Pilgrims“ erschien. Auch der Verfasser dieser Zeilen, könnte fast dazu gezählt werden, denn die 1989er Langrille erschien fünf Monate bevor man das Licht der Welt erblickte.

DAD (Foto: Stephan Kwiecinski)
DAD (Foto: Stephan Kwiecinski)

Das wiederum zeigt, dass diese beiden Scheiben auch nach mehr als 26 Jahren nichts von ihrem Charme eingebüßt haben und zeitlos geblieben sind. Man will sie live hören und das spürt man als kurz nach Viertel nach Neun das Intro ertönt. Die Menge schreit auf, pfeift und klatscht. Unter diesem Jubel betritt die Band die Bühne und legt gleich mal mit `Bad Craziness`, dem Opener von „Riskin´ It All“, los. Sänger Jesper Binzer begrüßt danach auf Deutsch (was er im weiteren Verlauf des Abend größtenteils beibehalten wird) das Publikum und gibt zu Protokoll, dass zuerst das „Riskin´ It All“ Album von vorne nach hinten gespielt wird, anschließend 15 Minuten Trink- und Pinkelpause eingelegt werden und danach die „No Fuel Left For The Pilgrims“ Songreihenfolge von hinten nach vorne zum Besten gegeben werden. Die Band freut es, den Zuschauern auch und mir sowieso.

DAD (Foto: Stephan Kwiecinski)
DAD (Foto: Stephan Kwiecinski)

Weiter im Programm geht es mit `D-Law`, gefolgt von `Day Of Wrong Moves´, `Rock´n´Rock Radar´, `I Won´t Cut My Hair´ und `Down That Dusty 3´rd World Road`. Beim anschließenden `Makin´ Fun Of Money` wird Drummer Laust Sonne von Jesper in ein Gesangsspiel miteingebunden, bei dem Laust gebeten wird, Jesper und den Anwesenden Geld zu leihen. Geld wird uns keines geliehen, dafür spendiert uns Laust weiterhin kräftige Drumpunches und heizt seine Vordermänner bei `Grow Or Pay´, `Smart Boy Can´t Tell Ya´´ und `Riskin´ It All´ ordentlich an. Laust Sonne begeistert einen sehr hinter seinem Schlagzeug samt riesiger Bassdrum. Der im feinen Anzug gekleidete junge Herr haut an diesem Abend energisch in die Felle und leitet die daraus entstehende Energie auf die Fans um wie ein stark antreibender Motor.

Danach folgt `Laugh´n´a ½´ worauf ich mich besonders freue. Dieser Track, der nur mit zwei Akustikgitarren von Jesper und seinem Bruder Jacob (Wortspiel unbeabsichtigt) vorgetragen wird, hat einen sehr ausdrucksstarken Refrain der mich immer wieder berührt. Jesper läutet dann zur Pause mit dem abgewandelten Refrain von `Laugh´n´a ½´: „At the end of the break, there´s no fuel left for the pilgrims…”

Die bisherige Resonanz ist äußerst positiv und man sieht nur grinsende Gesichter. Würde man mir einen Spiegel vor das Gesicht halten, könnte ich mein breites Grinsen auch betrachten. D.A.D. machen einfach nur Spaß. Die Dänen sind nicht nur einfache Musiker, sie sind vor allem aber auch Entertainer. Allein Jesper zieht Grimassen jeglicher Art, sodass wirklich jeder einzelne Gesichtsmuskel von ihm in Bewegung ist. Er lebt und leidet auch die Songs mit einer Nüchternheit, die ich so auch noch nicht gesehen habe. Es ist so, als würde ein „Ottonormalbürger“ seiner Bekanntschaft Erlebnisse und Geschichten aus seinem Leben erzählen. Jacob untermalt dass dann mit seiner Gitarre, der auch heute wieder mit seinem schwarzen Zylinder auf der Bühne steht. Ist eigentlich schon mal jemanden aufgefallen, das Jacob Binzer in dieser Montur eine gewisse Ähnlichkeit zu Schauspieler Woody Harrelson hat? Denkt mal darüber nach…

Ein ganz anderer Fixpunkt ist Bassist Stig Pedersen. Allein die Kostümierungen (Kapitän eines Mittelalterlichen Schiffes und danach ein Robin Hood Verschnitt) sind schon ein Hingucker und dann noch seine Zweisaitenbässe in den verschiedensten Varianten (u.a. eine NASA-Rakte, Kontrabasshälse, Stiertotenschädel, Eisenere Kreuz samt Baron Münchhausen Fluzeug, etc.). Wenn das kein Entertainment ist, was dann?

DAD (Foto: Stephan Kwiecinski)
DAD (Foto: Stephan Kwiecinski)

In der Zwischenzeit wurde das Backdrop gewechselt und der Stiertotenschädel auf schwarzem Grund ziert das Bühnenbild. Kurz darauf startet man dann auch das „No Fuel Left For The Pilgrims“-Set mit ´Ill Will`. Mit jedem weiteren Song steigert sich das Partyfeeling und die Hände strecken sich in die Höhe, lautstark wird mit gesungen und mitgeklatscht. Kein Wunder, denn wer Songs wie `Wild Talk´, `Siamese Twins`, ´Overmuch`, ´Girl Nation`, `True Believer´ (Jesper ist so euphorisiert das er mit seiner Gitarre versehentlich den Mikrofonständer umschmeißt), ´Rim Of Hell´, ´Point Of View` und `Jihad` in seinem Repertoire hat, der kann nichts falsch machen. Das Publikum frisst den Jungs aus der Hand und dann bekommt man mit `Sleeping My Day Away` den meistgefeierten Song des Abends. Der Bandhit wird in der ersten Strophe von den Zuschauern größtenteils selbst gesungen und es gibt kein Halten mehr. Rudi Carrell hätte darauf gesagt: „Toll“.

Mit überwältigen Applaus verabschiedet sich die Band und die „Zugabe“-Rufe werden laut. Das Publikum wird für diesen Einsatz mehr als belohnt: D.A.D. kommen noch mal auf die Bühne und man spielt als Zugabe `It´s After Dark` vom „Call Of The Wild“ Album.

Kurz nach 23.30 Uhr ist es dann Gewissheit: „It´s after dark now and Disneyland is closed…“ Mit dieser Zeile im Ohr endet ein wunderschöner Abend mit großer Feierlaune. Wer anwesend war, wurde nicht enttäuscht und wird noch lange von diesem Konzert schwärmen. Und bei 35 € an der Abendkasse wurde die Bezeichnung „Value For Money“ mehr als gerecht.

Herzlichen Dank für die Fotos geht an Stephan Kwiecinski. Diese sind in Hannover entstanden… weitere Fotos vom Abend findet ihr in unserer Galerie:

Links:
www.d-a-d.dk
www.thundermother.com