Review: Fährmannsfest – little Woodstock im Amphitheater an der Leine (31.07. – 02.08.2015, Hannover)

Foto: © Isabelle Hannemann bs!

Treffen Sandkunst und Kinderschminken auf artifiziellen Pop Noise Post Rock, auf Latinklänge und Mitmachtänze, Falafel ohne Joghurt und traumhaftes Wetter, wird barfüßig an den Ufern der Leine getanzt, erklimmen Kinder mit Mickeymäusen Dinosaurier und geben sich Poeten wie Rockröhren die »kleine Klinke« in die Hand, dann ist man wohl beim sog. Woodstock an der Leine, auf dem Fährmannsfest Hannover gelandet und hat – egal wo man geht, steht oder mit geschlossenen Augen genießt – mal so absolut gar nichts falsch gemacht.

My Baby’s got a gun. – Fährmannsfreitag im Zeichen der Gitarre – 31.07.15

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Driven by Clockwork – Die sphärische Shoegaze, Post-Rock Eröffnung ist ganz Hannover. Hausgemacht, gitarrig und gleichzeitig krachig, euphorisch und bescheiden eröffnen die Hannoveraner die Bühne am Weddingufer. »Zu poppig für Prog zu proggig für Pop. […] Alles kann, nix muss.« Genau das Richtige zum Feierabend in Grünen. Grün, Grün, Grün ist die Hoffnung und die bespielt unter dem Namen the Esprits – hashtag #Grünehosenträgergang #Braunschweig #very_british – die sommerliche Wiese an der Leine mit etwas poppigeren Saiten. Wer seine Buxe mit Hoffnungsträgern festklemmt, sollte daran festhalten. Kann man machen, schmeckt nach Mädchenbier, jung, luftig und poppt wie bekloppt.

Der Kontrast zu Motorblock könnte dreckiger nicht sein, die versohlen dem Publikum eher den Arsch mit einem Keilriemen, als sich in modischen Accessoires zu verheddern.  Hier klemmt der Verstärker auf Fünf vor Zwölf fest, sind die Topteile selbstgebaut und wahrscheinlich nur ein bis zwei Mal umgekippt für das Heimspiel. Die Fans feiern ’s ab, Motorblock pusten die Zylinder ordentlich durch, bis Mr. Irish Bastard zur Primetime ihre Gitarren einstöpseln. Die Iren touren aktuell mit  »The world, the flesh and the devil« und stets strahlenden Gesichtern über Deutschlands Festivals – wie das Reload in Sulingen – Open Air und Club-Bühnen. Das Publikum lässt sich fesseln, ob vom Irish Folk Punk oder dem mehrgesichtigen Lachen der Mr. Irish Bastards ist im Grunde auch egal.

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Das Publikum ist ohnehin ein Geschenk. Entspannt und familiär, alternativ und offen gilt das Fährmannsfest nach mehr als 30 Jahren inzwischen als »das größte alternative Open Air-Musikfestival der Region« mit einem LineUp so bunt wie seine BesucherInnen und einem Kinder-, Kunst-, Lotsen- und Inklusionsprogramm, das seinesgleichen sucht. Hier engagieren sich Institutionen und HelferInnen vor und hinter der Bühne, schaffen im Strandleben eine Oase, die selbst bei den Größen der Musikszene als »the best backstage ever« gilt, lassen die Ferienpass-Kinder oder die Eisbrecher, eine aus den Hannoverschen Werkstätten hervorgegangene Band, die Bühne erobern und schaffen es jedes Jahr – ohne dass dies im Focus des Fährmannsfestes stünde – absolute Rockstars wie Triggerfinger auf die Bühne zu bringen.

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Triggerfingerrrrr. Rrrr. Triggerfinger – zuletzt 2014 in Hannover – sind nicht irgendeine belgische Band mit einem nervtötenden I follow Rivers Cover Hit (Engelgert), Triggerfinger sind eine Naturgewalt sondergleichen. Fans wissen, dass der Drei-Mann-Gentlemensclub nicht nur heiß aussieht – die Schuhe Ton in Ton zum goldenen Bühnenbild, die Instrumente passend zur Krawatte –, sondern jeden Auftritt als wahnsinnliches Spektakel zelebriert. Triggerfingerrrrr. Rrrr. Wer auch nur einen Hauch von Leben in den Lenden verspürt, dem geht freilich schon einer ab, wenn Ruben Block – der weiße Elvis – zu »My Baby ’s got a gun« anhebt. Was Triggerfinger daraus machen ist kein Song, das ist ein Vorspiel…

»She’s ready to shoot

She’ll weigh her best shot

She’s ready to shoot

Her neck feels hot

She wants it to be a one-hit«

Und als seien Triggerfinger musikalisch noch nicht Ekstase genug, machen Mario Goosens, der buchstäblich in die Becken beißt und sich im Schlagzeug räkelt, Monsieur Paul, der die härtesten Basssaiten überhaupt zum Klingen bringt, und Block, der das Ganze eigenhändig mit einem Scheinwerfer ausleuchtet, aus ihrer Shows ein Erlebnis. Triggerfinger spielen mit Leidenschaft, loben das Weddingufer, das zwischen Brücke, Anhöhe und Uferböschung wie ein Amphitheater wirke, in charmant deutsch-belgischen Brocken – »Das sieht ganz geil aus.« – und überspielen gekonnt Ausfälle der Mikrophon-Technik. Triggerfingerrrrr. Rrrr. Mehr! Doch die Stadt Hannover bevorzugt einen konzertanten Coitus Interruptus. Nur eine Zugabe sagt die Uhr… »Immerhin«, schmachten die Nimmersatten. Rrrr.

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Samstag – 01.08.15 – Liquid Words & andere SehnSüchte.

Der 1. August ist ganz Hannover. Eine bunte Tüte. Lady Crank, die sich in Hannover bereits die Finger blutig gespielt haben, dürfen die Musikbühne vor ausgewählten »Frühaufstehern« und Kennern eröffnen. Man kennt sich hier und rockt entspannt in den sonnigen Samstag. Wer’s deftiger mag, freut sich auf Chester Park – Emo Core steht drauf, Springen im Schrabbel-Grunge steckt drin und die ganz gewieften können über »To drunk to fuck« schmunzeln. Verboten, verboten.

Foto: © Isabelle Hannemann bs!
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Bunt, bunter, Knallfrosch Elektro. Die Knallköppe halten, was der Name verspricht, wirken musikalisch wie FANTA4 auf links getragen, brennen mit Neonfarben in den Augäpfeln und springen wie angestochene Weichtiere über die Bühne. Etwas schunkeliger geht es schließlich mit Rob Lynch & Band zu. Hier wiegen sich schmachtende Mädchen im Abendlicht, während Lynch, der Indie Songwriter aus GB, charmant und nahbar seinen Lieblingssong intoniert: »Whiskey« – zu Ehren eines Vaters, der an ihm 2011 zugrunde ging. So traurig schön kann Punk sein.

Zu den Highlights der Kulturbühne zählen am Fährmannsfest-Samstag natürlich die Eisbrecher, die – sweet sweeter smile – stimmlich vielleicht nicht jeden Ton treffen, aber ihre Songs und ihren Spaß mit jeder Faser körperlich ausdrücken. Der Kontrast zu Liquid Words, einem durchdacht steifen aber sphärischen Klangkosmos aus poetischen Fetzen, könnte größer nicht sein.

»Wie lang küsst dein Mund meine Lippen schon

und dann die Wange

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Dem Publikum gefällt ’s. Den Fährmann freut ’s gewiss. Vom Schmachten zum Schlachten denk sich’s, als The Adicts ihren bunten Bauchladen öffnen. Der britische Headliner kommt rotzig, lässig rauchend daher, weiß gewandet – wie das Interieur einer surrealen 70s Milchbar – und passend dezent zum Logo denkt sich’s. Weit gefehlt. Wehe wenn sie losgelassen. Sänger Keith ‚Monkey’ Warren ist ein blutroter Pfau, ein tanzender Jack in the Box, der Marry Poppins sicher elegant den Hintern mit Schirm, Charme und Melone versohlen würde, bräche aus diesem nicht ein Inferno aus Konfetti und Luftschlangen los. The Adicts machen süchtig und Muttisbooking stolz. Eine Empfehlung für jeden, der mal so richtig drauf kommen will.

Nach dem Upper auf der einen, kommt der Downer auf der anderen Uferseite. Madame Puschkiin rotzen Riot Grrr mäßig auf die Kulturbühne. Nicht buchstäblich, aber auch nicht leicht verdaulich wollen sie wohl sein. A wie Anti Atomkraft, A wie Apfelkinder, B wie bauchfrei und selbst gebastelt, C wie zu den eigenen Songs choreographiert, D wie deutsch getextet,… und S wie Slam im Schleudergang intoniert. Madame Puschkiin buchstabieren und funktionieren irgendwo zwischen Beat Poeten und Rock Rainer. Ob dem auch so wäre, brächte jede einzelne der Kampfballerinen das Kampfgewicht des gesamten Trios auf die Waage, müssen andere entscheiden.

SOTU-Sonntag – »My heart will go on«

Foto: © Isabelle Hannemann bs!
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Sie sind gekommen, um die Menschen vor dem Bösen, vor »Chad the Kroeger« zu retten. Sie haben sich einen Muskelmann zum Sklaven gemacht, der das Universum auf seinen Schultern und einen seltsamen Straighter auf die Bühne trägt. SOTU – als das in jedem Sinne strahlende Spaltprodukt des 11. großen Béi Chéz Heinz Coverfestivals, sind die Straighters of the Universe die größte Farbexplosion, die das menschliche Auge je gesehen hat. Doch wer glaubt, hier kompensieren Konfettikanonen, singende beflügelte Spandexhosen, eine weiße Steampunk-Hure, ein lasergetaggter Pianomanm, ein Viola vergewaltigender Sirtaki-Frosch, ein Schläge (er)zeugender Sonnengott, ein venezianischer Maskenmann an der ersten und ein eleganter Krieger an zweiten Gitarre durch schillernde Kostüme musikalische Defizite, der hat seine Luftschlangen falsch gewickelt. Die Straighters of the Universe sind nicht irgendeine Hannoversche Coverband, die fordern das humanoide Ohr durchaus heraus, täuschen – Fans wissen das – schon mal My Sharona an, wenn sie auf Hope of Deliverance hinauswollen, spielen virtuos mit Genres und Musikstilen. Außerirdisch, überirdisch eben. Und als wäre das nicht urknallig genug, haben sich die SOTU das blasende Inferno, Brazzo Brazzone, zur Verstärkung geholt und schwingen mit Wings of Love und Die Nacht und der Wein, Trompetensoli und Co. die Stimmung unter den Menschen noch mehr auf. Prädikat: Mit oder ohne Schwerkraft ein intergalaktisches Vergnügen!

Was sonst noch war? Where is my mind? Who cares? Die Autorin wurde von SOTU geblitzdingst, Mr. Spok von einen Browny vernascht – oder andersherum? – und das Fährmannsvolk hat die Stimmung bei the PETEBOX genossen.

Beam me up SOTU!