Review: Hach, Fair Weather Fest (5.+6.6.2026, Bremen)

Das mit Festivals und dem norddeutschen Sommer ist immer so eine Sache – brütende Hitze, Staub oder lästiger Regen können so ein Wochenende schnell zur Herausforderung werden lassen. Beim Fair Weather Fest ist das zum Glück egal, denn dieses findet in Kneipen und Clubs im Herzen des Bremer Viertels statt. Zum zweiten Mal geht das Festival in diesem Jahr an den Start und es haben sich einige Dinge verändert. Während 2025 nur zwei Läden gleichzeitig bespielt wurden, haben dieses Mal die Türen von Lagerhaus, Calavera, Lila Eule und dem Eisen gleichzeitig geöffnet. Das sorgt einerseits für Entzerrung, da die Läden unterschiedlich viele Leute fassen, andererseits aber auch für gehörig viel Fomo, denn, wenn man eines über dieses Festival sagen kann, dann, dass es sich lohnt bei jedem einzelnen Act vorbeizuschauen, was mit dem neuen Konzept natürlich nicht mehr klappt.

Jule (Foto: Thea Drexhage bs! 2026)

Entscheidungen fällen

Shooting Daggers (Foto: Thea Drexhage bs! 2026)

Der Anfang fällt zum Glück leicht. Jule eröffnet mit Band das Fair Weather Fest 2026 in der Lila Eule. Die Hamburgerin, die mittlerweile hoffentlich die Bremer Ehrenbürgerschaft erhalten hat, spielt gefühlt jede Woche irgendwo nahe der Weser – und das ist auch gut so. Mit ehrlichen Ansagen und ohne große Show spielt sie sich durch ihre großartigen Indiesongs über Angst, Alltag und Überforderung. Die Eule ist gut gefüllt, der Regen aus der feuchten Kleidung wird direkt zu Saunadampf umgewandelt – und da sagt nochmal jemand Festivals wären nicht gesund?! Im Lagerhaus wartet im Anschluss die erste Überraschung. Shooting Daggers aus England spielen „Queercore“ und fordern mehr Selbstverständlichkeit für Flinta*bands in der Szene. Und genau das funktioniert beim FWF ganz hervorragend, denn das Line-Up ist ganz selbstverständlich divers durchmischt, ohne einen großen Hehl daraus zu machen. Zurück in der Eule stehen mit Teddies Kneipe dann Bremens Finest auf der Bühne – schlichter Punkrock, ein paar Akkorde, Texte, so verzerrt, dass man sie nicht immer versteht – es sei denn es geht um Macker…oder Nudeln. Gute Show, kein Schnickschnack. Mit ein bisschen mehr Pathos spielen Abramovicz im Lagerhaus auf. Es ist voll. Der Jeansjackendadrock hat auch 2026 noch seine Fans. Und dann macht sich auch langsam die Nervosität breit. Sollte man sich jetzt schon einen Platz am Tresen des Eisens sichern, um einen der wohl am meisten entgegengefieberten Auftritte des Festivals zu sehen, oder wagt man doch noch einen kurzen Abstecher runter in die Eule zu Knarre, die ihr einziges Konzert in diesem Jahr spielen?

Abramovicz (Foto: Thea Drexhage bs! 2026)
Knarre (Foto: Thea Drexhage bs! 2026)

Knarre it is – gute Entscheidung. Punkrock aus Berlin, klanglich irgendwo zwischen Turbostaat und Adam Angst.  Der Besuch bleibt kurz. Zeit für das Eisen. Dramatist veröffentlichten erst in diesem Jahr ihre Debütscheibe Wasting Words, sind jedoch tief in der bremischen Musikszene verankert, weshalb ihnen ihr Ruf vorauseilt. Es wird wie erwartet voll in und vor der kleinen Eckkneipe. Die Fenster werden geöffnet, das ganze Viertel soll etwas von dieser Show haben. Der Sound ist, für so einen kleinen Laden, unfassbar gut. Die Band sowieso. Emotional, packend, wütend – ein Auftritt, der noch lange nachwirken soll. Viel Zeit das Gesehene und Gehörte zu verarbeiten bleibt auf Grund des engen Timetables aber nicht.

Dramatist (Foto: Thea Drexhage bs! 2026)
Between Bodies (Foto: Thea Drexhage bs! 2026)

Ein kurzer Abstecher zu Baker Seats, die überraschend guten Indierock mit 90’s Flair spielen, bevor mit Between Bodies im Lagerhaus das nächste Highlight wartet. Die Band war bereits im letzten Jahr zu Gast und hat das Lagerhaus um den kleinen Finger gewickelt. In diesem Jahr haben sie ihr, nur eine Woche zuvor erschienenes, neues Album Hands To Hold Each Other dabei – und was soll man sagen, egal ob alte oder neue Songs, das Set zündet vom ersten Akkord. Between Bodies sind eine dieser Bands, die es schaffen, ohne jegliche Aufforderung die Menge in Bewegung zu setzen. Tanzen, mitsingen, oder einfach zuhören – alles passiert ganz organisch. Chapeau.Brockhoff, die im Anschluss die Albumrelease feiert, hat es schwer, mit dieser Stimmung mitzuhalten, schafft es aber dennoch, den ersten Festivaltag melancholisch ausklingen zu lassen.

Frühshoppen?

Wer am Samstag ausschlafen möchte, der verpasst was. Im Horner Eck wird zum Früshoppen mit Livemusik geladen. Neben den angekündigten Party Service kommt auch Emperor X für ein paar spontane Songs vorbei. Pech, wer das verpasst hat – wie ich.

Aber auch der Tagesauftakt im Black Plastic Record Store ist nicht von schlechten Eltern, sowohl Harker als auch City Light Thief spielen kurze Akustiksets, bevor es später in den Clubs verstärkt weitergeht.

Harker (Foto: Thea Drexhage bs! 2026)
Emperor X (Foto: Thea Drexhage bs! 2026)

Im Lagerhaus eröffnen dann Between Owls so, wie Brockhoff gestern aufgehört haben. Melancholischer Lo-Fi- Indie als sanfter Einstieg. Etwas bissiger wird es zumindest inhaltlich bei Emperor X. Der ultrasympathische Singer-/Songwriter hat wie auch im letzten Jahr seine schwarzhumorigen Songs über Politik, Gesellschaft und…Wale dabei. Nur hier erfährt man, warum es besser ist, eine Teslabatterie dem Regen auszusetzen, statt direkt die ganze Fabrik anzuzünden. Musik mit Bildungsauftrag, lieben wir!

City Light Thief (Foto: Thea Drexhage bs! 2026)

Nun haben sich die Ohren aber auch genug ausgeruht. Bei Scheitern in der proppevollen Lila Eule werden endlich die Verstärker aufgedreht – auch im Eisen mit Useless Regrets und im Lagerhaus mit Empty Bones geht es fetziger zu Sache. So richtig freigedröhnt werden die Gehörgänge dann bei True Gloom im Calavera. Dreckiger Hardcore Punk aus Hamburg. Schnell füllt sich der kleine Laden für diese nachwirkende Show, die eines der Highlights am zweiten Tag darstellt. Um 20 Uhr dürfen dann die sechsköpfigen City Light Thief aus NRW auch endlich ihre Instrumente in die Steckdose stöpseln und zeigen, dass sie es trotz längerer Pause noch draufhaben. Was für ein unterschied zur Black Plastic Show! Im Gepäck haben sie zudem ihre neue EP Greetings From Fevers Key.

True Gloom (Foto: Thea Drexhage bs! 2026)
Jared Hart (Foto: Thea Drexhage bs! 2026)

In der Eule wartet indes Jared Hart solo, der seine Songs, die sich irgendwo zwischen Folk und Punk bewegen, mit voller Inbrunst schmettert. Das Publikum hat er dabei schnell auf seiner Seite. Weniger warm und behaglich wird es im Anschluss im Lagerhaus. Xiao aus Schweden spielen staubtrockenen, wütenden Hardcore. Frontfrau Emilie stampft von links nach rechts über die Bühne wie ein eingesperrter Tiger im Käfig und verteilt böse Blicke an die Gäste. Herzlicher wird es bei Currls aus Brighton. Der Küstenort Englands hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Hotspot für hochwertigen, feministischen Punkrock entwickelt – und auch Currls bilden da keine Ausnahme. Und dann war es das fast schon wieder mit dem Fair Weather Fest – der Abschluss kommt in diesem Jahr von Pabst, die wie üblich so laut durchs Lagerhaus scheppern, das kleine Technikausfälle vorprogrammiert sind. Stört keine sau. Alle haben Bock. Alle feiern ein letztes Mal zu alten Bangern wie Skinwalker oder Songs der jüngsten Platte „This is normal now“. Geil.  

Currls (Foto: Thea Drexhage bs! 2026)

Und dann war es das mit dem diesjährigen Fair Weather Fest. Glückliche Gesichter drücken sich gen Ausgang, das Smartphone im Anschlag, denn der Vorverkauf für das nächste Jahr beginnt direkt. Was für eine kleine Festivalperle da in Bremen entstanden ist! Zwar stehen über dem Festval die genres Punk, Emo und Hardcore, doch das Programm zieht sich durch viele verschiedene Sparten der alterntiven Musik und scheut auch vor leiseren Tönen nicht zurück. Kein Szenegehabe, keine Genregrenzen. Das Fair Weather Fest ist ein Kleinod für die Subkultur, für jene Bands und Künstler*innen, die ihr ganzes Herzblut in die Kunst und nicht in irgendwelche Social Media Algorithmen stecken. Das in Subkultur kaum noch monetärer Gewinn steckt, ist kein Geheimnis, man kann also nur erahnen, wie viel Selbstaufopferung der Veranstaltenden daher nötig ist, um so ein Event auf die Beine zu stellen. Auch hierfür: Hut ab.  Tickets für das nächste Jahr bekommt ihr hier!

Pabst (Foto: Thea Drexhage bs! 2026)

Galerie (by Thea Drexhage bs! 2026)

Fair Weather Fest 2026

Links:
Fair Weather Fest

Thea Drexhage
Thea Drexhagehttps://www.be-subjective.de
Thea Drexhage hat Salma Hayek einiges voraus! 10 mm. Wie die meisten Frauen der Redaktion, Duffy, Beth Ditto, Joan Rivers oder Angus Young kann sie die MusikerInnen aus dem Bühnengraben also völlig problemlos sehen, wenn jemand ihren Hocker trägt, wird aber - das hat sie mit Salma dann doch wieder gemein - dennoch viel zu oft auf Ihre Körpergröße, ihre Mähne und ihre leicht misanthropischen Anflüge reduziert. Damit sie also nicht im nächstbesten Titty Twister von Sonnenunter- bis Sonnenaufgang Menschenmengen und Bläser mätzelt, halten wir “Aggro-Thea”, die zuvor ganze Landstriche in Mecklenburg Vorpommern ausgerottet hat, halbtags im spießbürgerlichen Oldenburger Exil an der langen Leine. Seither legt sich die scheißpünktliche existentialistische Besserwisserin analog mit Sartre, Camus & Kodak an und ja, auch wir müssen neidlos zugestehen, dass der Instagram-Account ihrer beiden Katzen “Salma” und “Hayek” mehr Follower pro Tag hat, als unser webzine im ganzen Jahr.

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