Es gibt Konzertorte, bei denen man schon beim Betreten denkt: Ja, das passt. Der große Ballsaal im Parkhotel Dresden gehört für ein Tarja-Konzert definitiv dazu. Der Saal wirkt frisch herausgeputzt und hat mit seinen historischen Details, der großen Bühne und diesem leicht festlichen Charme genau die Atmosphäre, die zu einer Sängerin passt, die seit Jahren mühelos zwischen klassischer Ausbildung, Symphonic Metal und deutlich härteren Tönen wechselt.
Auch rundherum hat sich im Parkhotel einiges getan. Es gibt einen neuen Außenbereich mit Bar, Grill und Sitzgelegenheiten, wo man zwischendurch unkompliziert etwas frische Luft schnappen kann, und sogar eine Tiefgarage ist inzwischen vorhanden. Ein großes Kompliment dafür, denn die Location hat dadurch deutlich gewonnen.
Etwas schade war lediglich, dass die Balkone an diesem Abend geschlossen blieben. Dadurch wurde es im Ballsaal stellenweise ziemlich kuschelig und warm, aber immerhin kam regelmäßig frische Luft hinein.
Und dann steht dort ausgerechnet Tarja Turunen mit „Frisson Noir“ auf der Bühne, ihrem bislang wohl härtesten Soloalbum. Das passt schon ziemlich gut.
Zwei Supports und leider sehr wenig Licht

Bevor Tarja selbst übernimmt, gibt es gleich zwei Support-Acts. Den Anfang machen Symfonity aus Tschechien, die musikalisch sehr gut in diesen Abend passen. Symphonic Metal, klassische Einflüsse und eine Sängerin mit opernhaftem Gesang – für ein Tarja-Publikum sicherlich keine besonders gewagte Wahl.
Schade ist allerdings die Lichtinszenierung. Die Band steht über weite Strecken in sehr dunklem roten Licht, sodass man von den Musikern teilweise mehr erahnt als wirklich erkennt. Gerade bei einer Band, deren Musik durchaus eine gewisse Größe und Dramatik besitzt, hätte etwas mehr sichtbare Bühne gutgetan.

Bei Chaoseum wird es musikalisch anschließend deutlich brachialer. Die Schweizer liefern einen wesentlich härteren Sound und bringen auch optisch einiges mit. Ihre Outfits und die gesamte Erscheinung hätten bei entsprechendem Licht wahrscheinlich richtig stark gewirkt – nur bleibt auch hier vieles im Dunkeln.
Das ist wirklich schade, denn musikalisch funktioniert das Vorprogramm ausgesprochen gut. Gerade Chaoseum machen ordentlich Druck und bereiten das Publikum sehr überzeugend auf den härteren Teil des Abends vor.
Zeit zum Strahlen

Gegen 20.45 Uhr ist es dann endlich so weit. Tarja Turunen kommt unter lautem Jubel auf die Bühne und sieht aus, als hätte sie sich gerade erst fünf Minuten vorher überlegt, wie man einen ganzen Ballsaal mit einem einzigen Lächeln für sich einnimmt.
Passend zum neuen Album trägt sie ein schwarz-lila glänzendes Bühnenoutfit mit Kapuze, dazu starkes Make-up und natürlich diesen unverwechselbaren Tarja-Look, der immer irgendwo zwischen Metal, Gothic und großer Bühne liegt. Was mich an ihr aber jedes Mal wieder beeindruckt, ist der Kontrast zwischen ihrer Stimme und ihrer Persönlichkeit.
Diese Frau besitzt eine gewaltige, klassisch ausgebildete Stimme, die im nächsten Moment mühelos über Gitarren, Schlagzeug und orchestrale Passagen hinweggeht. Gleichzeitig wirkt sie auf der Bühne überhaupt nicht wie eine unnahbare Operndiva, sondern charmant, witzig, manchmal albern und vor allem unglaublich nahbar.
Sie spricht mit den Fans, scherzt mit ihrer Band, sucht ständig den Kontakt zum Publikum und zeigt in jeder Bewegung, wie sehr sie das, was sie da macht, tatsächlich liebt. Bei Tarja hat man nie das Gefühl, dass sie einfach nur ihre Show abarbeitet. Sie lebt diese Musik und das sieht man ihr an.
„Frisson Noir“ macht direkt klar, wohin die Reise geht

Mit dem Titelsong „Frisson Noir“ beginnt der Abend entsprechend wuchtig. Das neue Album ist deutlich härter als vieles, was Tarja in den vergangenen Jahren veröffentlicht hat, und live funktioniert dieser Ansatz ausgesprochen gut. Der Sound bekommt noch einmal mehr Druck, die Gitarren wirken größer und die Songs entwickeln eine Dynamik, die auf Platte teilweise etwas kontrollierter wirkt.
„Lost Northern Star“ setzt diesen Weg konsequent fort, während „Neverlight“ anschließend etwas mehr Luft in das Set bringt. Mit „Serene“, „Love to Hate“ und „At Sea“ bewegt sich Tarja weiter zwischen älterem Material und neuen Stücken, ohne dass sich daraus ein reines Album-Promotionsprogramm entwickelt. Gerade das macht die Setlist angenehm abwechslungsreich.
Alte Songs, neue Wucht
Spätestens bei „Ciarán’s Well“ wird es wieder deutlich härter. Der Song gehört ohnehin zu den Stücken, bei denen Tarja schon seit Jahren zeigen kann, dass ihre Stimme nicht nur für große Balladen funktioniert. Wenn die Gitarren schwerer werden und die Band mehr Druck entwickelt, setzt sich diese klare, hohe Stimme trotzdem mühelos darüber. Auch „Tears in Rain“ fügt sich hervorragend ein.
Überhaupt merkt man an diesem Abend, wie gut ihre älteren Songs neben dem neuen Material funktionieren. Sie wirken nicht wie Pflichtprogramm, das man eben noch irgendwie in die Setlist quetscht, sondern bekommen durch die aktuelle Band und die härtere Grundstimmung teilweise noch einmal eine neue Energie.
„I Walk Alone“ und die ersten Schritte allein

Besonders emotional wird es bei „I Walk Alone“. Tarja erinnert daran, dass dieser Song zu ihren allerersten Schritten als Solokünstlerin gehörte. Ihre „very first baby steps“, wie sie selbst sagt. Und wenn man bedenkt, welchen Weg sie seitdem gegangen ist, bekommt der Song noch einmal eine ganz andere Bedeutung.
Nach dem Ende ihrer Zeit bei Nightwish hätte sie sich auch zurückziehen können. Stattdessen hat sie sich eine eigene Karriere aufgebaut, Alben veröffentlicht, unterschiedlichste musikalische Projekte gestartet und sich einen Platz geschaffen, der heute eindeutig ihr eigener ist. Und wenn man Tarja heute auf einer Bühne sieht, versteht man auch, warum das funktioniert hat. Sie wirkt nicht wie jemand, der irgendwann einmal eine erfolgreiche Band verlassen hat und seitdem versucht, diese Vergangenheit zu verwalten. Sie arbeitet ständig, gefühlt wirklich ständig.
Wenn sie nicht gerade mit einem neuen Metalalbum auf Tour ist, singt sie mit Marko Hietala, spielt Greatest-Hits-Konzerte, veröffentlicht ein Livealbum, nimmt Weihnachtsmusik auf oder steht mit ihrer Weihnachtstour auf der Bühne. Und wahrscheinlich arbeitet sie nebenbei schon wieder an der nächsten Platte.
Stillstand scheint in Tarjas persönlichem Wörterbuch eher nicht vorzukommen.
Ein Akustikblock als kompletter Gegenentwurf

Nach „I Walk Alone“ verändert sich die Atmosphäre im Ballsaal deutlich. Tarja und ihre Band gehen in einen längeren Akustikblock und stellen damit ausgerechnet mitten in einer Tour zum wohl härtesten Album ihrer Karriere das komplette Kontrastprogramm auf die Bühne.
„Boy and the Ghost“, „Montañas de silencio“, „Calling Grace“, „The Living End“ und „Underneath“ werden deutlich reduzierter gespielt und gehen teilweise fließend ineinander über. Nicht jeder Song wird dabei in voller Länge ausgespielt, aber genau das funktioniert sehr gut. Plötzlich sind die schweren Gitarren verschwunden, die Arrangements werden kleiner und die Stimme rückt noch stärker in den Mittelpunkt.Und Tarja braucht tatsächlich nicht besonders viel, um einen Raum zu füllen. Manchmal reichen ein paar akustische Instrumente und diese Stimme vollkommen aus. Gerade in diesem eleganten Ballsaal bekommt der Akustikteil dadurch noch einmal eine ganz eigene Atmosphäre.
Danach darf es wieder richtig krachen

Lange bleibt die Ruhe allerdings nicht bestehen. Mit „Calling from the Wild“ geht es wieder zurück in die härtere Richtung, bevor „I Don’t Care“ und „Dead Promises“ den Druck weiter erhöhen. Auch optisch verändert sich der Abend immer wieder. Tarja wechselt mehrfach ihr Outfit und schafft es damit, die einzelnen Abschnitte der Show auch visuell etwas voneinander zu trennen.
Insgesamt gibt es drei verschiedene Bühnenlooks, die alle gut zu dieser Mischung aus Eleganz, Dunkelheit und Metal passen. Und spätestens hier wird wieder deutlich, wie sehr die Band diesen Abend trägt. Tarja steht natürlich im Mittelpunkt, aber sie lässt ihren Musikern immer wieder Raum für Soli und längere instrumentale Passagen. Gerade bei den längeren Songs können sich Piano, Gitarren und Rhythmussektion richtig austoben, wodurch live noch einmal eine andere Wucht entsteht als auf dem Album.
„The Trace Outlives“ und das neue Kapitel

Mit „The Trace Outlives“ folgt einer der neuen Songs von „Frisson Noir“. Das Stück gehört zu den interessantesten Momenten des aktuellen Albums und zeigt sehr gut, wie Tarja heute arbeitet: große Atmosphäre, düstere Themen, orchestrale Elemente und gleichzeitig genügend Härte, damit das Ganze nicht in reiner Symphonic-Metal-Romantik verschwindet. Auch live funktioniert dieser Mix hervorragend.
„Until My Last Breath“ gehört anschließend zu diesen Songs, bei denen das Publikum sowieso sofort weiß, was zu tun ist. Der Titel hat über die Jahre nichts von seiner Wirkung verloren und sorgt noch einmal für einen dieser großen gemeinsamen Momente zwischen Bühne und Fans. Den Abschluss bildet schließlich „Against The Odds“.
Damit endet ein Konzert, das musikalisch sehr schön zeigt, wo Tarja heute steht: zwischen Vergangenheit und neuen Songs, zwischen Klassik und Metal, zwischen ganz leisen Momenten und ordentlich Druck.
Eine Künstlerin, die ihren Weg konsequent weitergeht

Was bei Tarja-Konzerten aber fast genauso wichtig ist wie die Musik, ist diese besondere Verbindung zu ihrem Publikum. Viele Fans stehen seit Jahren bei ihren Konzerten in den ersten Reihen, reisen teilweise weite Strecken und begleiten ihre Karriere schon sehr lange. Tarja erkennt einige dieser Menschen offensichtlich wieder und macht keinen Hehl daraus, wie viel ihr diese Treue bedeutet. Sie bedankt sich mehrfach, spricht über ihre Fans und wirkt dabei immer wieder ehrlich gerührt. Genau diese Mischung aus Dankbarkeit und Freude macht ihre Konzerte so angenehm.
Sie besitzt eine Stimme, mit der sie problemlos große Hallen dominieren könnte, verhält sich auf der Bühne aber gleichzeitig so, als würde sie gerade einfach einen schönen Abend mit Leuten verbringen, die sie schon ziemlich lange kennt. Und vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum ihre Solokarriere mittlerweile so selbstverständlich funktioniert. Tarja Turunen ist ihren eigenen Weg gegangen und hört offensichtlich noch lange nicht damit auf.
Dresden kann sich jedenfalls glücklich schätzen, dass sie diesen Weg regelmäßig auch hier vorbeiführt. Ob mit einem normalen Metal-Konzert, gemeinsam mit Marko Hietala oder irgendwann wieder mit einer Weihnachtstour – willkommen ist sie hier eigentlich immer.
Nach diesem Abend im Parkhotel darf sie jedenfalls sehr gern bald wiederkommen.
Galerien (by Kristin Hofmann bs! 2026)
Symphonity (04.10.2026, Dresden)
Chaoseum (04.10.2026, Dresden)
Tarja (04.10.2026, Dresden)
Setlist Tarja
- Frisson Noir
- Lost Northern Star
- Neverlight
- Serene
- Love to Hate
- At Sea
- Ciarán’s Well
- Tears in Rain
- I Walk Alone
- Boy and the Ghost (Acoustic)
- Montañas de silencio (Acoustic)
- Calling Grace (Acoustic)
- The Living End (Acoustic)
- Underneath (Acoustic)
- Calling from the Wild
- I Don’t Care
- Dead Promises
- The Trace Outlives
- Until My Last Breath
- Against The Odds


