Review: Ryan Sheridan mit Mrs. Greenbird auf 1×1 Tour (01.10.2016, Stuttgart)

Ryan Sheridan (Foto: Jörg-Martin Schulze)

Der Senkrechtstarter aus Irland versüßt den deutschen Herbst mit seiner 1×1 Tour. Quer durch die Republik. Und es war wie gewohnt phänomenal.

Diesmal habe ich den Iren in Stuttgart gesehen, im Club Cann, einem kleinen, aber feinen Veranstaltungszentrum in Stuttgart. Und so langsam macht sich Ryan Sheridan auch in Deutschland einen Namen: Das Konzert ist ausverkauft. Aber dank der kleinen Location bleibt der familiäre Touch erhalten. Zusammen mit ca. 200 anderen Begeisterten erleben wir das Konzert.

folkiger Touch der 70er

Der Support ist Mrs Greenbird, ein Folk Duo aus Köln. Ruhig geht es los, ruhig bleibt es auch. Mrs Greenbird machen folkige Musik mit einem Touch aus den 70ern, garniert mit dem Dauerlächeln der Sängerin Sarah Nücken und harmlosen Ansagen des Sängers und Gitarristen Steffen Brückner. Die Lieder sind einwandfrei und musikalisch hochwertig vorgetragen. Doch gerade im Hinblick auf den Hauptakt ist der Support eher enttäuschend.

Zu der Musik von Mrs Greenbird fallen mir Worte wie ’nett‘, ‚unverbindlich‘, ‚austauschbar‘, ‚harmonisch‘, ‚heile Welt‘ und ’schnell vergessen‘ ein. Schade, dass sich Ryan Sheridan bei der Auswahl seiner Vorband nicht mehr Mühe gibt. Schon auf der letzten Tour passt der Support – Ina Gard – aus der gleichen Kategorie wie Mrs Greenbird, nicht wirklich. Aber vielleicht ist es gerade der Kontrast, der ihn bei der Wahl der Vorband leitet?

One on One.

Gesang & Gitarre

Ryan Sheridan (Foto: Jörg-Martin Schulze)
Ryan Sheridan (Foto: Jörg-Martin Schulze)

Nach einer kurzen Umbauphase geht es gewohnt energiegeladen los. Und es zeigt sich auch, dass die Tour aus gutem Grund 1×1 Tour heißt: 1x für den Sänger und Gitarristen Ryan Sheridan und 1x für den Drummer Ronan Nolan. Und diese 2 Musiker sind vollkommen ausreichend, um die Bühne nach allen Regeln der Kunst zu rocken. Während Ersterer das letzte aus seiner Gitarre und seiner Stimmer holt, verhaut Zweiterer das Schlagzeug mit vollem Körpereinsatz. Ungewohnt ist auch der Bühnenaufbau: Das Schlagzeug nimmt die rechte Hälfte der Bühne ein, während Ryan Sheridan die linke Hälfte der Bühne bespielt. Ein anderer Blick auf den Schlagzeuger, der sich in diesem Fall lohnt.

Gespielt wird eine bunte Mischung aus den bisherigen Alben. Von den schnellen mitreißenden Songs zu den langsamen Balladen ist die gesamte Bandbreite vertreten. Das Publikum ist hin- und mitgerissen. Die beiden beiden Musiker nehmen das Publikum mit auf eine musikalische Reise mit: Es geht hoch hinauf zu musikalischen Höhenflügen, bei denen sich die Musiker die einzelnen Töne gleichsam um die Ohren hauen. Und – noch etwas atemlos – geht es ruhig weiter mit einer Ballade, während der es totenstill im Publikum ist. Garniert wird diese Reise mit der beeindruckenden Stimme von Ryan Sheridan, die eine eigene Klangwelten entstehen lässt.

Beeindruckende Klangwelten

Ryan Sheridan (Foto: Jörg-Martin Schulze)
Ryan Sheridan (Foto: Jörg-Martin Schulze)

Perfekt ergänzt wird Ryan Sheridan durch Ronan Nolan. Der Drummer ist mit vollem Körpereinsatz dabei und ist allein schon eine Show für sich. Und dank des Bühnenaufbaus hat das Publikum einen guten Blick auf den Drummer. Dieser Schlagzeuger ist mit Leib und Seele dabei, auf seinem Gesicht spiegeln sich die Emotionen, die er beim Spielen durchlebt. Und es verwundert, dass er beim Trommeln sitzen bleibt. Dabei beherrscht er die volle Bandbreite: von voller Inbrunst mit den Sticks auf das Schlagzeug einprügelnd, bis hin zu sanft streichelnd, entlockt er seinem Instrument die gewünschten Sounds. Die beiden Musiker harmonieren perfekt auf der Bühne, werfen sich einzelne Töne zu, spielen, spornen sich gegenseitig an. Immer begleitet von dem Spaß am Musik machen, der Freude am Spielen vor Publikum.

Gänsehautfeeling

Ryan Sheridan (Foto: Jörg-Martin Schulze)
Ryan Sheridan (Foto: Jörg-Martin Schulze)

Doch Sheridan hat seine Show auch professionalisiert. Während im letzten Jahr vieles noch improvisiert wirkt, merkt man der aktuellen Show an, dass die Ansagen und die Gags geplant sind. Noch immer ist Sheridan ein guter Entertainer und schafft es, das Publikum mitzureißen. Ein Stück seiner Authentizität, die eine Nähe zum Publikum schafft, hat er durch mehr Professionalität ersetzt. Ein stückweit wohl eine normale Entwicklung auf dem Weg zum Erfolg, aber auch ein bisschen schade. Das Gefühl während eines Konzertes mit zu einem Straßenmusikerauftritt in Dubliner Einkaufsstraßen genommen zu werden, klingt nur noch sporadisch an. Doch Ryan Sheridan lässt sich immer wieder was für sein Publikum einfallen. Bei der Zugabe spielt er erneut den Song „Home“, diesmal aber allein nur mit Akustikgitarre. Während er den ersten Teil des Songs noch auf der Bühne spielt, kommt Ryan Sheridan für die zweite Hälfte herunter in den Zuschauerraum und spielt den Song umringt von einem glücklichen Publikum.

Wow, Gänsehautfeeling!

Für mich wieder mal ein gelungener Konzertabend, der mir ein dickes Grinsen ins Gesicht zaubert. Und auch in den Gesichtern der anderen spiegelt sich ein zufriedenes Lachen. Ich jedenfalls freue mich schon auf die nächste Tour.

Großen Dank an Jörg-Martin Schulze für seine großartigen Fotos. Er half uns mit Fotos aus Hamburg aus.

Ryan Sheridan (Foto: Jörg-Martin Schulze)
Ryan Sheridan (Foto: Jörg-Martin Schulze)

Setlist:

  1. Call My Name
  2. Stand Up Tall
  3. Jigsaw
  4. Perfect Storm
  5. I´m Alive
  6. High Roller
  7. Forever More
  8. Here And Now
  9. The Game
  10. Dreamer
  11. Home
  12. TIOW
    Encore
  13. 7 Nation Army (Cover White Stripes)
  14. Home
  15. This is our world

Links:
www.ryansheridanmusic.com
www.mrsgreenbird.com

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Judith Sander
Es gibt Sucht-Charaktere, die entsagen und es gibt andere, die setzen sich ins Epizentrum ihres Verlangens. Nein, Judith ist keine Schweizer Taschenmesserwerferin, sie ist bekennend schokoladensüchtig und metzelt ohne zu zucken für ‘ne Toblerone oder Eiscreme oder Tobleroneeiscreme oder.. na jedenfalls: Die Frau ist echt Zucker, echt hart drauf, hat ein feines Näschen, legt sich für die richtigen Dinge ins Zeug, in die Kurve und nascht am allerliebsten an kleinen, unbekannten Bands in ruhiger Atmosphäre. Wer die olle Genießerin dennoch ans Messer liefern will, sperrt sie – in einen rosa Rüschen-Alptraum gehüllt – mit stinkenden Dränglern ins Musikantenstadl und nimmt ihr das letzte Milkyway weg.