Review: Disturbed, Shinedown (14.10.2008, Hamburg)

Foto: Torsten Volkmer
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Im Mai diesen Jahres war es soweit. Etliche Fans durften sich nach 3 Jahren Abstinenz auf das vierte Album „Indestructible“ von Disturbed aus Chicago freuen. Dass alsbald eine Tour folgen würde war mehr als nur eine Hoffnung – zur großen Freude der Fans wurde schnell ersichtlich, dass Disturbed neben ihrem Auftritt bei Rock am Ring im Sommer, auch im Herbst 2008 Deutschland mit einer Headlinertour aufmischen würden.

Hamburg hatte das große Glück, Disturbed gleich zu zwei Konzertterminen empfangen zu dürfen. Am komplett ausverkauften ersten Konzertabends des 14. Oktobers bildete sich bereits 30 Minuten vor der offiziellen Einlasszeit eine lange Schlange vor der Konzertvenue „Docks“ an der Reeperbahn. Rund (oder vielmehr im Rechteck) um den Spielbudenplatz stehend, bis hin zur berühmten Esso Tankstelle warteten die Fans auf den langersehnten Einlass und den Beginn zur Show.

 

Unter großem Jubel wurden die Türen überpünktlich, einige Minuten vor 20.00 Uhr, geöffnet. In kürzester Zeit füllte sich das Docks bis unter das Dach. Das gemischte Publikum, das die unterschiedlichsten Altersstufen umfasste, wartete unter aufgeregtem Gemurmel.

Um 20.45 Uhr fiel der Vorhang für den Supportact Shinedown. Dass die Band bereits jahrelang im Business unterwegs war und einige Erfahrung mit sich brachte, konnte man von der ersten Sekunde an spüren. Nach den ersten mitreißenden Songs wandte sich Frontmann Brent Steward an das Publikum „Welcome to the show Hamburg! If you have a minute to look around you all look very very astonished. We got a new record. In the USA we did some interviews and we’ve been asked this question during all three records: ‚How do you feel playing in a band of Rock n Roll?’. In America Rock n Roll is dead. But where I stand here in Hamburg everyone looks very alive!!“ – diese schmeichelhafte Aussage wurde von den Zuschauern mit lautem Jubel empfangen. Das Eis war spätestens jetzt endgültig gebrochen und die Menge wollte natürlich beweisen, dass Brents Aussage vollkommen zutreffend war.

Foto: Torsten Volkmer

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Energiegeladen und pausenlos das Publikum anspornend fegten Shinedown über die Bühne. Da taute auch der letzte und in sich gekehrteste Zuschauer auf und rockte mit. Es wurden die Hände in die Höhe gerissen und die Pommesgabeln in die Höhe gestreckt. Die Begeisterung war auch nicht verwunderlich, Brent Stewart begab sich bereits nach den ersten Songs auf die Boxen im Securitygraben und seine Gesichtsakrobatik sowie der wilde Blick in seinen Augen strahlte pure Energie aus. Auch die beiden Gitarristen Zach Myers und Nick Perri, sowie Bassist Eric Bass übertrugen ihre Leidenschaft auf ihre Instrumente. Wenn die drei ihre Köpfe zum Headbangen ansetzten musste man befürchten, sie schlügen sich die Köpfe am Bühnenboden so tief beugten sich ihre Oberkörper.

Zu „Cyanide Sweet Tooth“ blitzten die Augen der Michael Myers Maske, welche die Box zur linken Bühnenseite zierte, auf. Für einen kurzen Moment erschien es als sei der dämonische Myers wieder zum Leben erwacht – doch ein genauerer Blick erschaffte Erleichterung: der Nebel im Hintergrund war die Ursache und vermittelte den Eindruck der flackernden Augen. Trotzdem blieb das schauerliche Gefühl des unheimlichen Anblicks bestehen. Mit den Worten „We wonder what the sound of madness sounds like?!“ kündigte Brent „Sound Of Madness“ an. Das Publikum gehorchte seiner folgenden Aufforderung und klatschte im Rhythmus mit. Brent führte sein Mikrofon wie einen Drumstick propellerartig durch seine Finger und wandte sich dann an Bassist Eric Bass, um mit ihm Stirn an Stirn in ein Mikro zu singen.

Während sich Brent zu „Left Out“ auf die Boxen in unmittelbare Publikumsnähe begab und von links nach rechts tigerte, drehte die Stimmung weiter auf. Als er einige Pommesgabeln entdeckte, rief er „That sign right here. I want the whole place to put your fingers in the air and to jump up and down. All in the front row. One – two – three – four…!“ und die Zuschauer sprangen im Takt, als seien sie zu einer riesigen gewaltigen Person verschmolzen. Das Spiel wiederholte sich in der Mitte des Songs und Brent sprang dabei kräftig mit.

Shinedown hatten das Publikum vollkommen in ihren Bann gezogen, zu „Forty Five“ leuchten etliche Feuerzeuge während bei „Second Chance“ gekonnt die Akustik Gitarre zum Einsatz kam. Zum letzten Song von Shinedown kündigte Brent den Hauptact an „Hamburg are you ready for Disturbed?“. Drummer Barry Kerch setzte zum Intro von „Down With The Sickness“ an. „It has been an absolute honor for playing for every single one of you tonight. Thank you very much. The next song is from our very first record!“. Nun war dem Publikum endgültig klar, dass danach Disturbed folgen würden und es wurde an Kräften gespart. Doch trotz des Energiesparmodus ließen die Gäste die gute Stimmung keinesfalls verebben. Gebührlich wurden Shinedown um 21.28 Uhr mit donnerndem Applaus für ihren Einsatz belohnt und würdevoll verabschiedet.

Während nun die komplette Bühne für Disturbed ab- und wieder aufgeräumt wurde, verhielt sich das Publikum vorerst noch geduldig. Doch nach einiger Zeit wurden „Disturbed“ Rufe laut. Schließlich mussten die deutschen Fans einige Jahre auf eine neue Tour ihrer Helden warten, während die Hits der Band nach wie vor auf sämtlichen Playlists in Rockclubs gern gesehen waren und auch im Radio unermüdlich gespielt wurden. Man konnte die Erwartung förmlich spüren. Als der Banner mit dem Dämon des Indestructible Covers enthüllt wurde, jubelte das Publikum auf. Nur noch wenige Minuten bis zum Beginn – die Spannung im Saal, die einer tickenden Bombe glich, nahm mit jeder ablaufenden Sekunde mehr zu. Nach der weiteren Freigabe des Schlagzeuges, das zum Auftritt von Shinedown unter schwarzem Stoff verborgen war, um 22.02 Uhr stieg die Spannung fast bis ins Unerträgliche. Die Anspannung explodierte in lauten Jubel, als wenige Sekunden darauf das Licht erlosch und endlich die Töne zum instrumentalen Intro zu Disturbeds Show erklangen.

Foto: Torsten Volkmer

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Zwei Männer betraten daraufhin die Bühne… bzw. nur einer der beiden Gestalten betrat sie wortwörtlich, denn der Zweite stand in eine Zwangsjacke gezurrt, und einem Hannibal-Lecter-Maulkorb versehen, auf einem Schiebekarren und wurde ganz im Stile „Das Schweigen der Lämmer“ hereingeschoben. Neben der Maske trug der Gefangene einen dunklen einteiligen Sträflingsanzug, der dem filmischen Vorbild sehr nahe kam. Ebenso bedrohlich wie Lecter erschien die Gestalt auf der Karre und gefährlich blitzten die Augen, die durch die Maske besonders eindrücklich herausstachen. Doch die leuchtenden Augen vermittelten keine Mordlust, sondern Vorfreude auf die Show. Denn bei „Hannibal“ handelte es sich nicht um den aus etlichen Filmen bekannten, wahnsinnigen Mörder, sondern um Disturbed Sänger David Draiman. Schnell wurde er von seinem „Pfleger“ aus der beengenden Zwangsjacke befreit und auch die Maske verschwand, um das Publikum nicht länger warten zu lassen. Der Jubel im Raum schwoll an, und während sich Drummer Mike Wengren hinter seinem Instrument platzierte, erschienen Gitarrist Dan Donegan und Bassist John Moyer je rechts und links zu Davids Seite. Nahtlos floss das Intro in „Perfect Insanity“ über und die Menge bewies sich von erster Sekunde an als sehr textsicher. Die geladene Power der Disturbed Songs schwebte in der Luft und zu dem folgenden „Just Stop“ wurde das Publikum unerbittlich gefordert. Dieses schien damit jedoch keinerlei Probleme zu haben und sprang, sang mit und reckte die Fäuste in die Luft, denn dies waren die Augenblicke, auf die alle seit langer Zeit gewartet hatten. Immer am mittigen Bühnenrand stehend, war sich David der Macht seiner Songs bewusst und übertrug die Energie auf seine Stimme und somit auch auf das Publikum.

Disturbed schienen das überwältigende Feedback des Publikums sehr zu schätzen und professionell präsentierten sie ihre umfassende Setlist. Mit zum Drumtakt passendem Stroboskopeinsatz zum Beginn erklang „Voices“. David baute sich mit zu einem V erhobenen Armen am Bühnenrand , bevor er das Publikum mit dem Ausruf „I can’t hear you!“ erneut anstachelte. Als nach diesem Song Alarm ertönte, schrie die Menge begeistert auf. „Are you feeling indestructible Hamburg?! I want to see every f***ing fist in the air! Are you with me?“ – und das Publikum bewies ihre Loyalität, indem es augenblicklich die Fäuste in die Höhe riss, als die Band mit der ersten Singleauskopplung des aktuellen gleichnamigen Albums „Indestructible“ loslegte. Der silberne „Indestructible“ Schriftzug auf dem Hals von John Moyers Bass schien dabei noch heller zu leuchten. Zum zweiten Chorus erschienen erneut die “Raised Fists” über den Köpfen der Menge und hoben und senkten sich.

Gegen 22.27 Uhr verdunkelte sich die Bühne kurzzeitig. Daraufhin erschien David und sprach zu seiner Menge „My brothers and sisters, my blood. Speak to me! It’s good to be back in Germany. Wasn’t so long ago, was it? I see a lot of new faces in the crowd. Here and now I want to see anger in your faces – all the hatred and I want you to spit it all out! Are you with us Hamburg?!“ Rhythmisches Klatschen und Rufen erfüllte den Raum und ließ David wissen, dass seine Worte Anklang gefunden hatten. „Let me see the devils hunting the sky!“ und die Hände rasten in die Höhe und das Publikum streckte David tausende kleiner Teufelhörnchen entgegen. Als David nach „Prayer“ aufgrund von Problemen mit dem Knopf im Ohr, für wenige Augenblicke die Bühne verließ, wurden rhythmische Anfeuerungsrufe laut. Die Rufe gingen schnell in wilden Jubel über, als die Bühne in hellem Lichtgewitter erschien und David wieder an der Front auftauchte, um das Genesis Cover zu „Land Of Confusion“ anzustimmen. Das Publikum sang begeistert die Backgrounds in das von David dargebotene Mikrofon. Es war ein unbeschreibliches Erlebnis, ein so gemischtes Publikum diesen alten Hit von Phil Collins gemeinsam singen zu hören. Die Coverversion war auch live ein gelungenes Werk und Genesis Fans würden die Disturbed Version sicherlich gut heißen – spätestens wenn sie bei dieser Livedarbietung dabei gewesen wären.

Als mitten im folgenden Song „Remember“ die Saiteninstrumente verstummten und Davids Vocals nur durch das Schlagzeug begleitet erklangen, ertönte der Gesang der aus dem Publikum anschwoll, so laut und überwältigend, dass eine unvermeidliche Gänsehaut den Rücken hochkroch und den Hörer erschauern ließ. Und als der Song abrupt endete schwoll ohrenbetäubender Applaus an. Das Publikum feierte nicht nur Disturbed, sondern auch sich selbst und ihre Zusammengehörigkeit für diesen Abend. Eine spürbare Verbundenheit lag in der Luft, entstanden durch die Musik und das gemeinsam Gefühl für die Songs.

Foto: Torsten Volkmer

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Das Publikum lauschte Disturbed nicht nur, es lebte Disturbed. Zu „Stupify“ reckte David den Mittefinger und hunderte im Publikum taten es ihm gleich. Auch die Worte „Fuck“ ertönten wie aus einem Munde. Der Saal schien vor Stimmung überzukochen. Ebenso verhielten sich die Temperaturen. Zum Intro von „The Game“ shoutete David abwechselnd mit dem Publikum um die Wette. Der elektronisch angehauchte Zwischenpart wurde mit lautem Jubel unterstützt und Davids Aufruf „Let me see your hands clapping!“ ließ nicht lange auf die Reaktionen warten. Das rhythmische Klatschen ließ den Raum erbeben.

Mit einem kurzen aber ehrlich gemeinten „Thank you!“ verließ die Band um 23.04 Uhr, nach knapp einer Stunde schweißtreibenden Programms, die erhitzte und wilde Meute. Als die lauten Zugaberufe und rhythmischen „Einer geht noch“ Rufe nicht abklingen wollten, erschienen Disturbed bereits um 23.07 Uhr erneut auf der Bühne des Docks. Und David stellte seine Deutschkenntnisse ein wenig unter Beweis „Alles gut? It’s good to be here. We missed you Hamburg. We just came here from the UK. Hamburg can teach the whole United Kingdom! You guys should be proud of yourself! Is everybody still in one piece? Still some strength left?“ der laute Jubel, schien Antwort genug zu sein und David fuhr mit einem kleinen Lächeln fort „You guys basically understand English – another thing I love about Germany. My girlfriend is half German she teaches me. So everytime I come back here I’ll know a bit more!“.

Und mit diesem Versprechen startete der erste Zugabesong „Inside The Fire“. Das Publikum bewies sich als unermüdlich und das diabolische Lachen Davids zum Ende des Songs hin schien zu sagen „ich weiß woher eure dämonische Energie kommt!“. Nach der zweiten Zugabe „Stricken“ verschwanden alle Bandmitglieder bis auf Drummer Mike Wengren, der sein Drumsolo zum Besten gab. Zwischendurch konnte man aus dem Solo bekannte Klangabfolgen erkennen. Unter lauten Anfeuerungsrufen verausgabte sich Mike und das Solo endete in einem Strobo-Drum-Gewitter. Nach einer kurzen Pause für den tosenden Applaus setzte er mit dem Intro zu „Down With The Sickness“ fort – daher stammten also die bekannten Klänge aus dem vorangegangenen Solo! Dann erschienen David, Dan und John der Reihe nach auf der Bühne. David griff nach dem Mikrofon und… verpasste den Einsatz?! Das konnte nicht möglich sein und nach dem Bruchteil einer Schrecksekunde, erkannte das Publikum auch an dem schelmischen Grinsen Davids, dass dies beabsichtigt war und sogleich setzte David mit den für ihn so typischen Vocals für den Songs ein. Große Begeisterung brach aus und obwohl vielen klar wurde, dass dies mit Sicherheit der letzte Song des Abends sein sollte (oder vielleicht auch genau deshalb), bebte die Halle erneut. Zu den letzten Klängen nahm David seine Ohrenstöpsel aus den Ohren, um das Publikum in seiner vollen Macht hören  und genießen zu können. Dazu riss er die Arme in Siegespose in die Höhe.

Als die Musik verklungen war verabschiedete er die Band mit den Worten „Together my brothers and sisters, my blood – we are…“ und dann lag es am Publikum den Satz zu vollenden. Viermal brüllte die Menge der Band die Worte „DISTURBED“ entgegen. „Respect to you. See you again tomorrow“ das Grinsen auf Davids Gesicht ließ erkennen, dass er sich sicher war die meisten Anwesenden zum Zusatzkonzert am darauffolgenden Tag wiederzusehen. Womit er mit höchster Wahrscheinlichkeit Recht behalten sollte. Solch eine beeindruckende Show und solch eine umwerfende Stimmung waren einen zweiten Konzertbesuch durchaus wert!

Konzertfotos:

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