Review: Angekommen – Postmodern Jukebox live (13.05.2023, Hannover)

Als der New Yorker Pianist Scott Bradlee 2011 in einem Keller in Queens die Postmodern Jukebox gründete, war sein Ziel einfach: die Pop-Hits von heute in die klassischen Klänge der Legenden von gestern umzuwandeln. Miley Cyrus wurde zu The Platters. Aus Bruno Mars wurde Frank Sinatra. Aus den Spice Girls wurden die Andrews Sisters. Aus Guns ’n’ Roses wurde Bessie Smith.

Jetzt, über zehn Jahre später, hat sich Postmodern Jukebox zu einer eigenständigen tragenden Säule der Popkultur entwickelt und hat über tausend Shows auf sechs Kontinenten weltweit gespielt – darunter renommierte Veranstaltungsorte wie die Radio City Music Hall, das Sydney Opera House und das Red Rocks Amphitheatre. Dabei hat PMJ dem Publikum viele der weltbesten Sänger, Tänzer und Instrumentalisten vorgestellt – viele von ihnen sind selbst zu Stars geworden.

Eine postmoderne Jukebox-Show ist eine Hommage an Vintage-Musik und -Kultur, ein Teil „Saturday Night Live“ für Sänger und eine unvergessliche Reise in die Vergangenheit, die Popmusikgeschichte schreibt – in Ihrer eigenen Heimatstadt. So weit so gut die Beschreibung von der Homepage des Musikprojekts. Aber wie gut ist die Truppe nun in Deutschland bekannt? Nun ja, PMJ waren bereits zweimal in Hannover, im Jahr 2018 und 2019, jeweils im März. Zur damaligen Zeit noch im Capitol Hannover mit ausbaubarem Zuschauerzuspruch. Und jetzt? Das Theater am Aegi ist zu 98,3589 Prozent ausverkauft. Die Postmodern Jukebox ist…

Angekommen

Postmodern Jukebox (Foto: Michael Lange bs! 2023)

Stellt sich die Frage, welche Künstler sind dieses Jahr am Start? Wie heißen sie, wo kommen sie her? Das ist gar nicht so einfach, weil hier die Homepage nichts hergibt. Namen sind ja Schall und Rauch und schließlich zählt nur das Projekt. Glücklich ist, wer sich nach der Show eine Setlist angeln kann. Hier stehen nicht nur die Lieder drauf, sondern auch die Namen der drei Sängerinnen (Allison, Effie und Tia), des Sängers LaVance, des Stepptänzers Jabu und auch Drummer Jack. Der Rest der Band (Klavier, Gitarre, Posaune, Saxophon) bleibt unbekannt. Los geht der Abend mit “Are You Gonna Be My Girl” von Jet. Die eher schnelle, rockige Nummer von Jet ist kaum zu erkennen.

Allison singt den Song pointiert, mit viel Gefühl. LaVance ist nicht nur Sänger, sondern auch der Anchormann. Er kündigt an, was einen erwartet, nämlich Tia mit „Shoop“ und dann Effie mit „I Was Made For Lovin You“. Kiss als Ballade, wer hätte das gedacht. LaVance selbst kann sowohl ganz tief als auch ganz, ganz hoch singen. Spaßvogel der Truppe ist Tap-Dancer Jabu. Gut gebaut, mit Charme und Humor. Er gibt den Super-Mario und kokettiert mit dem Publikum, vor allen Dingen mit den Ladies. Ist ja klar. Irgendwann ist auch Drummer Jack mal dran mit Singen. Er kann nicht nur Waschbrett spielen, sondern auch Rihannas „Umbrella“ aufspannen.

I did my best, it wasn′t much
I couldn’t feel, so I tried to touch
I′ve told the truth, I didn’t come to fool you
And even though it all went wrong
I′ll stand before the Lord of Song
With nothing on my tongue but Hallelujah

Um keinem Sänger:in ungerecht zu werden: das Gesangsniveau ist Weltklasse, aber eine sticht noch heraus. Effie ist nicht die Tänzerin vor dem Herrn; das sieht mensch ihr auch an, dass die Künstlerin hierauf nicht so steht, aber wenn sie den Mund aufmacht und singt und dann in den zweiten, dritten Gang hochschaltet, ist es mucksmäuschenstill im Aegi-Auditorium. Bei Cohen´s „Hallelujah“ ist so viel Inbrunst, Gefühl und Energie im Saal, da kann mensch nur mit offenem Mund dasitzen und Staunen.

Postmodern Jukebox (Foto: Michael Lange bs! 2023)

Und Genießen. Und vor Rührung vielleicht sogar das eine oder andere Tränchen wegdrücken. Standing Ovations. Und danach gibt es auch kein Sitzen mehr. „All About the Bass“ kommt swingend fröhlich daher, genauso wie die Titanic-Untergangs-Hymne „My Heart will Go On“. PMJ werden wieder kommen, das kündigt LaVance schon mal an. Wenn mensch jetzt denkt, da kommt keine Steigerung mehr, dann legt Effie noch ein Brikett drauf. Zum Schluss darf sie noch mal mit „Creep“ von Radiohead ran. Der Wahnsinn. Langanhaltender Applaus. Die Künstler verneigen sich und gehen von der Bühne. Die Techniker kommen um abzubauen. Das Publikum klatscht weiter. Die Musiker kommen zurück auf die Bühne, wissen aber nicht, was sie machen sollen. Das Publikum klatscht weiter. Die Musiker wissen immer noch nicht, was sie machen sollen. Das Publikum klatscht. Der Posaunist macht aus Verlegenheit ein paar Liegestütze und Jabu Kniebeugen. Das Publikum klatscht weiter. Die Musiker verteilen ihre Setlists und dann ist wirklich Schluss. PMJ werden wieder kommen, denn sie sind angekommen.

Galerien (by Michael Lange bs! 2023):

Setlist:

Postmodern Jukebox (Foto: Michael Lange bs! 2023)
  1. Are You Gonna Be My Girl
  2. Shoop
  3. I Was Made For Lovin You
  4. I´m Not The Only One
  5. Super Mario Tap
  6. Burn
  7. Band Intros: Careless Whisper
  8. Forget You
  9. Mr. Blue Sky
  10. Seven Nation Army
  11. Hallelujah
  12. The Office Tap Medley
  13. Wannabe
  14. Umbrella
  15. Halo
  16. Oops I Did It Again
  17. Nothing Else Matters
  18. All About The Bass
  19. My Heart Will Go On
  20. Creep

Links:
www.postmodernjukebox.com

Michael Lange
Michael Langehttps://www.be-subjective.de
Michael Lange. MichaL ist der Methusalix in unserem Team. Ein Original, ein Sympath, ein Genießer von A wie Abba bis Z wie Zabba und im realen Leben ein Stepptänzer. »Jawohl, das mit dem KlackerdiKlack.« MichaL hat schon Rock’n’Roll gehört, da waren die Little Boy Blue and the Blue Boys noch grün hinter den Ohren. Man munkelt er konnte schon einparken, da gab es noch nicht mal Rückspiegel, geschweige denn Einparkhilfen. Dennoch ist die MichaL noch lange kein Oldy oder darauf fokussiert. The big L war plötzlich da. Zeitlos. Unerwartet und doch völlig freiwillig tauchte er in unserem Universum auf und bereichert es. KlackerdiKlack.

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