Der erste Ton sitzt – und Leipzig ist sofort da. Bei 100 Kilo Herz braucht es am Freitagabend auf der Parkbühne keine lange Anlaufzeit. Die Leipziger Band legt los und das Heimspiel ist vom ersten Moment an spürbar.

Vor der Bühne wird getanzt, gesprungen und mitgesungen, während die sechs Musiker ordentlich Druck machen.
Ganz reibungslos läuft der Auftakt allerdings nicht. Technische Probleme bringen den Auftritt aus dem vorgesehenen Ablauf. Die Band versucht trotzdem, souverän damit umzugehen und sich davon nicht die Laune verderben zu lassen. Besonders Saxophonist Claas gibt sich alle Mühe, den Kontakt zum Publikum zu halten und die Stimmung oben zu halten. Letztlich fällt der Auftritt leider kürzer aus als geplant.

Schade, denn 100 Kilo Herz beweisen einmal mehr, dass sie live genau das können, was man sich von einer richtig guten Supportband wünscht: Menschen innerhalb kürzester Zeit in Bewegung bringen. Wer eine Band mit Mega-Live-Stimmung sucht, sollte sich 100 Kilo Herz definitiv auf die persönliche Konzertliste schreiben. Diese Energie funktioniert nicht nur auf der Parkbühne – die Band ist live einfach eine klare Empfehlung.
Dann wird es Zeit für Dritte Wahl.
Die Rostocker steigen ein und machen ziemlich schnell deutlich, warum ihr Publikum ihnen über Generationen hinweg treu bleibt. Alte Bekannte treffen auf neuere Songs, und der Unterschied ist vor der Bühne erstaunlich klein. Ob Klassiker oder aktuelleres Material – die Menge singt, tanzt und feiert gleichermaßen mit.

Gunnar nimmt dabei auch gerne mal die eigene Band auf die Schippe. Als die nächsten neuen Songs angekündigt werden, darf das Publikum auf Aufforderung der Band ruhig einmal ordentlich „Buh!“ rufen. Schließlich weiß man ja, wie das heutzutage läuft: Alles Neue ist kommerziell, und überhaupt will eine Band mit neuen Liedern natürlich nur noch Geld verdienen. Die Ironie sitzt – und das Publikum spielt begeistert mit.
Überhaupt gehört der Humor an diesem Abend genauso zu Dritte Wahl wie die politischen und gesellschaftlichen Themen ihrer Songs.
Gunnar bezeichnet die Band zwischendurch augenzwinkernd als die „Scorpions des Punkrock“.
Ganz unrecht hat er damit vielleicht gar nicht: Seit Jahrzehnten unterwegs, eine treue Fangemeinde, zahlreiche Songs, die längst zum festen Bestandteil ihrer Konzerte gehören – nur die Pyrotechnik fällt im Vergleich zu den großen Hardrock-Kollegen etwas anders aus.

Musikalisch gibt es jedenfalls keinen Grund für Nostalgie allein. Die neuen Stücke funktionieren genauso wie die älteren Nummern. Vor der Bühne wird bei allem mitgesungen, was das Gedächtnis hergibt, und spätestens bei den bekannten Refrains verwandelt sich die Parkbühne regelmäßig in einen riesigen Chor.
Auch optisch wird einiges geboten. Auf der Bühne wechseln im Laufe des Abends die Banner vergangener Touren und erinnern damit gleichzeitig an die lange Geschichte der Band. Dazu kommt immer wieder Rauch als Bühneneffekt, der die Szenerie passend zum Sound in eine ganz eigene Atmosphäre taucht.

Je weiter der Abend voranschreitet, desto mehr nimmt das Konzert auch im Publikum Fahrt auf.
Pogo gehört genauso dazu wie die ersten Crowdsurfer, die über die Köpfe der Menge hinweg unterwegs sind. Und irgendwann taucht später am Abend auch noch ein Bengalo in der Menge auf und sorgt für einen zusätzlichen, ziemlich eindrucksvollen Moment.

Für die Security bedeutet das einiges an Arbeit – und genau deshalb lohnt sich an diesem Abend auch einmal ein Blick auf die Menschen, die dafür sorgen, dass bei all dem Trubel niemand den Überblick verliert. Nicht nur direkt vor der Bühne, sondern an allen Positionen rund um das Konzert begegnet man ausgesprochen freundlichen und entspannten Securities. Ob beim Einlass, an den verschiedenen Bereichen oder mitten im Konzertgeschehen: Überall herrscht ein bemerkenswert freundlicher Umgang mit den Fans. Auch wenn es vor der Bühne ordentlich zur Sache geht, wird nicht einfach nur abgearbeitet, sondern mit Ruhe, guter Laune und sichtbarer Freude an der Aufgabe reagiert. Das trägt spürbar dazu bei, dass sich der Abend für alle Seiten gut anfühlt.
Und dann kommt „Fliegen“.
Eigentlich könnte hier der letzte Vorhang fallen. Tut er aber nicht.
Denn als Dritte Wahl die Bühne verlassen, denkt im Publikum niemand daran, den Gesang ebenfalls einzustellen. Die Fans übernehmen den Song und singen ihn weiter. Nicht für ein paar Sekunden, sondern minutenlang. Vor der Parkbühne bleibt ein riesiger Chor zurück, der sich seinen ganz eigenen Abspann liefert.

Langsam leert sich das Gelände, die Lichter gehen an und die Menschen machen sich auf den Weg durch den Clara-Zetkin-Park. Doch der Gesang verschwindet nicht einfach mit dem Ende des Konzerts. Immer wieder sind die Stimmen zwischen den Bäumen zu hören.
Die Band ist längst weg. Die Parkbühne ist leer.
Aber Leipzig singt noch.
Und genau das ist wahrscheinlich der schönste Schlusspunkt, den ein Punkrock-Abend bekommen kann.
Galerien (by Lydia Weise bs! 2026)
100 Kilo Herz (11.09.2026, Leipzig)
Dritte Wahl (11.09.2026, Leipzig)
Setlist:
- Der Himmel über uns
- Keine Angst
- Was zur Hölle?
- Zur See
- Zu wahr um schön zu sein
- So wie ihr seid
- Die Zeit
- Panama
- Immer auf der Reise
- Bad K.
- Halt mich fest
- Wir schießen die Milliardäre ins All
- Zum Licht empor
- Zusammen
- Greif ein
- Das regelt der Markt
- Auge um Auge
- Runde um Runde
- Gefühlt ist es noch kälter
- Zeit bleib stehen!
- Sonne & Meer
- Morgen schon weg
- Störung
- Ikarus
- Wo ist mein Preis?
- Fliegen
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