Review: Matze Rossi schön auf Glanz und Gloria (15.10.2016, Osnabrück)

Matze Rossi (Foto: Thea Drexhage bs!)

Wie soll man einen Konzertbericht über Matze Rossi schreiben ohne ins kitschige Schwärmen zu kommen und mit Phrasen „Soooooo schön!“ „Wundervoll!“ und „Haaaaach…“ um sich zu schmeißen? Es folgt ein Versuch.

Am 15.10.2016 um 19:00 öffnet der kleine, sehr charmante Glanz und Gloria Club (an diesem Abend das erste Mal im ehemaligen Zucker Club) seine Tür und lädt ein, zwei Stündchen mit dem wunderbaren Matze Rossi zu verweilen, ein Vorprogramm gibt es dieses Mal nicht. Matze Rossi wuselt zwischen seinem schon etwas in die Jahre gekommenen schwarzen Passat und der Bühne hin und her, das Publikum lässt bis kurz vor Beginn noch auf sich warten. Gegen 20 :00 Uhr füllt sich jedoch der Zuschauerraum mit freudig wartenden Gesichtern, denn wer schon einmal bei einem Konzert von Matze war, der weiß, dass dieser Abend etwas Besonderes wird. Die Bühne ist einfach bestückt. Matze Rossi reist mit leichtem Gepäck. Eine Gitarre, ein Mikrofon und ein paar Pedale und selbst die sind eigentlich schon zu viel.

Punkt 20:00 Uhr.
Der Singer/Songwriter/Yogalehrer/Sozialpädagoge/Punker/Undsowiesogenerellalleskönner betritt die Bühne, grinst kurz, stellt seinen Rotwein ab und geht auch schon wieder. Er hat etwas vergessen. Das Publikum nimmt es lachend hin und wartet noch ein paar Minütchen.

Matze Rossi (Foto: Thea Drexhage bs!)
Matze Rossi (Foto: Thea Drexhage bs!)

Zweiter Versuch

Ein paar Minütchen nach Punkt 20:00 Uhr
Der Singer/Songwriter/Yogalehrer/Sozialpädagoge/Punker/Undsowiesogenerellalleskönner betritt die Bühne, grinst kurz und begrüßt freudig das Publikum und greift zu seiner Gitarre. „Wir werden immer älter, und die Welt wird digital“ tönt es. „Analog am Stück“ ist immer ein toller Eröffnungssong, der ein oder andere kennt ihn noch aus Zeiten seiner Band „Tagtraum“ und sofort wird mitgesungen. Nachdem das eher kurze Stück endet geht die Plauderei los. Herr Rossi erzählt, mit einer Leichtigkeit die seines Gleichen sucht, von einer kürzlichen OP, bei der „Etwas“ aus seiner Nase geschnitten wurde. Ein eher ekliges Thema, doch das Publikum lacht. Man kann auch gar nicht anders. Es folgt kurzes Überlegen. Matze hat, wie eigentlich immer keine Setlist dabei und spielt, was ihm in den Sinn kommt. Er haut in seine Gitarre und die erste Saite reißt. Das ist natürlich kein Problem für den schnellsten Saitenwechsler der Welt. Das Publikum lacht und nach einer Minute geht es weiter.

Matze Rossi (Foto: Thea Drexhage bs!)
Matze Rossi (Foto: Thea Drexhage bs!)

Voller Herz und Inbrunst wird „Wir wollen doch gut aussehen“ vorgetragen und das Publikum befindet sich in einer wohlig warmen Wolke aus ehrlicher, handgemachter Musik. „Und wem ist das hier jetzt zu hippie-esk“, heißt es in dem Song…Ok…ein wenig hippie-esk ist es zugegeben schon, aber durch die kratzig-zerstörte Stimme Rossis haben selbst die liebsten Lieder noch einen gewissen Punkrock-Charme. Die Welt ist für einen kurzen Moment harmonisch und friedlich – zumindest bis der Song endet. Matze entschließt sich, doch noch ein paar Minuten mehr von seiner Nasen-OP und blutenden Zimmernachbarn zu erzählen, auch der Begriff „Splatter“ fiel des Öfteren. Das Wort Nasentamponade schallt mehrfach durch den Raum, für den der damit nichts anfangen kann, wird der Begriff ausgiebig erklärt. Hier wird nichts der Phantasie überlassen, aber das macht nichts. Man lacht und plaudert gern. Es gibt keine Distanz zum Künstler auf der Bühne, wie man es von anderen Konzerten kennt. Nichts wirkt gekünstelt und einstudiert. Alles ist echt.

Matze Rossi (Foto: Thea Drexhage bs!)
Matze Rossi (Foto: Thea Drexhage bs!)

Das Konzert geht weiter. Viele Lieder der jüngsten Platte „Ich fange Feuer“ werden zum Besten gegeben. Darauf hat Matze Rossi am meisten Lust. Das Publikum ist einverstanden. „Ich fange Feuer“ ist eine ruhige Platte, die beim Hörer ein positives Gefühl hinterlässt. Bei Matze Rossi geht es nicht um große Dramen und Betrug. Es geht um die einfachen Dinge, um das Leben und das Sein, um die Schönheit der Dinge, die uns im Alltag umgeben, das alles auf Deutsch und ganz ohne kitschig zu sein.

Halbzeit

Matze Rossi (Foto: Thea Drexhage bs!)
Matze Rossi (Foto: Thea Drexhage bs!)

Matze erzählt freudig von seiner vergangenen Tour durch Amerika und davon, wie er in der Vergangenheit mit Freunden von solchen Dingen träumte. Was die Brücke „Best Friends“ schlägt. Das Lied wird Wauz, dem 2013 verstorbenen Sänger von „Red Tape Parade“ gewidmet. Matze verlässt die Bühne und stellt sich ohne Technik ins Publikum. Das gesamte Publikum singt mit, noch viel lauter als zuvor. „All for one and one for all – We are best friends, we are best friends“ Es ist der emotionale Höhepunkt jeder Show, nachdem Herr Rossi normalerweise wieder die Bühne entert. Doch nicht in Osnabrück. Matze bleibt unverstärkt im Publikum stehen. Alle fürchten um den Arbeitsplatz des Tontechnikers, aber nur ganz kurz. Dann geht die Musik weiter. Matze Rossi wählt Lieder zum Mitsingen und das eigentliche Konzert ähnelt bald schon einem Chortreffen. Aber auch das ist schön. „Wenn ich mal“, „Erzähl mir nichts“ und „Ohohoh“ werden zum Besten gegeben. Auf Zuruf folgte noch „Es ist wie es ist“, der fetzigste Song der letzten Platte und Saite Zwei muss ihr Leben lassen, aber es folgt keine Schweigeminute, der Song wird auf 5 Saiten beendet. Dies wäre der eigentliche Zeitpunkt um das Konzert zu beenden, aber der schnellste Saitenwechsler der Welt schlägt wieder zu.

Zugabe

Es ist einfach zu schön um Aufzuhören und es folgen zwei Zugaben. Ohne Frank Black von den Pixies eine Lebenszerstörung vorzuwerfen, darf so ein Abend auch nicht enden. „warum aus mir und meinen Freunden nichts mehr werden kann“ verlangt dem Publikum…ähm….Gästechor noch einmal alles ab: „Uuuuhuuuuh – wo ist mein Verstand“ – besser können die Pixies Fans das sicher auch nicht.

Und dann ist es vorbei.

Da war er nun tatsächlich, der letzte Song. Matze packt seine sieben Sachen zusammen und das Publikum steht nun da. Herausgerissen aus der wohlig warmen Wolke der handgemachten, ehrlichen Musik, muss das Publikum nun akzeptieren, dass der Abend nun sein Ende findet und es zurück geht, in die kalte, dunkle Außenwelt.

Gallerien:

Links:
www.matzerossi.com

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Thea Drexhage
Thea Drexhage hat Salma Hayek einiges voraus! 10 mm. Wie die meisten Frauen der Redaktion, Duffy, Beth Ditto, Joan Rivers oder Angus Young kann sie die MusikerInnen aus dem Bühnengraben also völlig problemlos sehen, wenn jemand ihren Hocker trägt, wird aber - das hat sie mit Salma dann doch wieder gemein - dennoch viel zu oft auf Ihre Körpergröße, ihre Mähne und ihre leicht misanthropischen Anflüge reduziert. Damit sie also nicht im nächstbesten Titty Twister von Sonnenunter- bis Sonnenaufgang Menschenmengen und Bläser mätzelt, halten wir “Aggro-Thea”, die zuvor ganze Landstriche in Mecklenburg Vorpommern ausgerottet hat, halbtags im spießbürgerlichen Oldenburger Exil an der langen Leine. Seither legt sich die scheißpünktliche existentialistische Besserwisserin analog mit Sartre, Camus & Kodak an und ja, auch wir müssen neidlos zugestehen, dass der Instagram-Account ihrer beiden Katzen “Salma” und “Hayek” mehr Follower pro Tag hat, als unser webzine im ganzen Jahr.