Review: Von Stray Train, Kadavar und dem Gemeinen Hanseaten (10.10.2016, Bremen)

Kadavar (Foto: Thea Drexhage bs!)

Besucht man Konzerte im Norden der Republik wird man nicht umhinkommen, dem Gemeinen Hanseaten zu begegnen – eine Spezies, nicht gerade bekannt für übermäßige Euphorie und Neugier. Im Zusammenhang mit dem Gemeinen Hanseaten hört man oft Begriffe wie „verschwiegen“, „rau“ und „nordisch unterkühlt“ und mit eben dieser Unterkühltheit mussten Stray Train in Bremen ihre Erfahrung machen. Die Slowenen eröffneten für Kadavar den Abend im Bremer Tower Musikclub.

Der Tower, ein eher gemütliches Etablissement, füllt sich vor Konzertbeginn nur langsam. Kleine Gruppen gemeiner Hanseaten bilden sich Hier und Dort in versteckten Ecken. Der übliche Ansturm auf die erste Reihe bleibt gänzlich aus. Die erste Reihe, die durch eine Absperrung und bestenfalls Security den Musikliebhaber vor den fremden Vorbands schützt, existiert in dieser Form im Tower nicht. Der Publikumsbereich endet schutzlos genau vor der etwa 70 cm hohen Bühne.

Zwischen Fußwippen und Kopfnicken

Stray Train (Foto: Thea Drexhage bs!)
Stray Train (Foto: Thea Drexhage bs!)

Als Stray Train fast eine halbe Stunde früher als angekündigt mit ihrem Set beginnen, klafft zwischen Bühne und Publikum eine drei Meter breite Lücke. Der gemeine Hanseat ist schließlich wegen Kadavar gekommen und betrachtet die Vorband nur mit vorsichtiger Skepsis. Stray Train lassen sich davon nicht verunsichern und spielen die Stücke ihres neuen Albums „Just ´Cause You’ve Got The Monkey Off Your Back Doesn’t Mean The Circus Has Left Town“ souverän und gut gelaunt. Treibender Blues-Rock schallt minimal zu laut durch den Tower. Die Songs gehen direkt nach vorn und schaffen es nach einer Eingewöhnungsphase sogar, dem Gemeinen Hanseaten ein vorsichtiges Fußwippen und Kopfnicken abzuringen. Auf solch eine Sympathiebekundung des Bremer Publikums können sich die fünf Jungs schon was einbilden.

Stray Train (Foto: Thea Drexhage bs!)
Stray Train (Foto: Thea Drexhage bs!)

Der Sound ist gut, der Gesang klar und fehlerfrei, doch leider haben Stray Train selbst nicht die Möglichkeit, dem Gemeinen Hanseaten zu zeigen, wie das mit dem Abrocken geht, denn die Bühne des Towers gleicht einer Sardinendose, die kaum genug Platz für fünf ausgewachsene Männer bietet – von Bewegungsfreiheit kann keine Rede sein. Vielleicht hätte das in der eigentlichen Location, dem Kulturzentrum Schlachthof, anders ausgesehen, jedoch wurde das Konzert ohne Angabe von Gründen kurzfristig verlegt. Nichts desto trotz ist an der Musik nichts auszusetzen, sauber gespielte Riffs mit tollem Gesang wissen zu überzeugen. Doch leider schaffen es Stray Train während ihrer 8 Lieder nicht, die Lücke zwischen Bühne und Publikum zu füllen. Trotzdem scheint es, als hätten sie überzeugt, denn hier und da hört man den Gemeinen Hanseaten leise flüstern: „Die waren wirklcih gut, los kaufen wir uns eine CD“ oder: „Nicht schlecht, sollte man sich nochmal ansehen!“. Also wenn das nichts ist?!

Auftauen für Kadavar

Nach ca. 40 Minuten Aufwärmprogramm beginnt nun der mühselige Umbau und der Gemeine Hanseat ahnt: „Gleich kommen Kadavar, Zeit zum Auftauen:“. In Folge dessen schleicht er vorsichtig zu der 70cm hohen Bühne und wartet mit einem leichten Anflug von Vorfreude brav auf den Hauptact – mit einer 30 cm Sicherheitsgasse zur Bühne – wohlbemerkt.

Abra Kadaver

Nach dem üblichen Geräte Hin- und Herschleppen betreten die drei haarigen Berliner von Kadavar die Bühne und wie aus dem Nichts ist der Tower plötzlich brechend voll. Kadavar packen erschreckenderweise bezüglich der Lautstärke noch eine Schippe drauf, was der Klangqualität in dem kleinen Club ordentlich zusetzt. Die Band startet ihr Set mit „Come back life“ vom 2013er „Abra Kadaver“ Album und das Publikum ist sofort bei der Sache.

Kadavar (Foto: Thea Drexhage bs!)
Kadavar (Foto: Thea Drexhage bs!)

Das kein Gesang zu hören ist stört den Gemeinen Hanseaten nicht. Für dreckigen 70er Jahre Stoner-Rock ist er gekommen und den kriegt er auch. Halbzeit im zweiten Song. Die Musik stoppt. Irgendjemand hat den fehlenden Gesang doch bemerkt. Ein Techniker wuselt nervös hin und her. Neues Mikrofon. Neues Kabel. Besser? Nicht wirklich. Egal.

Nicht Quatschen, Machen!

Die Show geht weiter, der Gesang nun immerhin zu erahnen. Wäre der Rest der Musik etwas leiser könnte man vielleicht…egal. Lieber Schlechter Sound als Lautstärke und Zeit verlieren, passt ja auch irgendwie zur Musik. Direkt und ehrlich, ohne viel Schnickschnack und Spielerei, das ist schon bei den Studioaufnahmen das große Ziel der Berliner. Von den Klangegebenheiten abgesehen spielen Lupus, Tiger und Dragon einwandfrei. Aufeinander abgestimmt wie ein Schweizer Uhrwerk preschen sie durch ihr Set, ohne allzu viel Zeit mit Quatschen zu vergeuden. Das weiß der Gemeine Hanseat zu schätzen – mehr als „Moin!“ ist schließlich schon Gesabbel.

Kadavar (Foto: Thea Drexhage bs!)
Kadavar (Foto: Thea Drexhage bs!)

Die gute Laune des unglaublich charismatischen Schlagzeugers Tiger muss ansteckend sein. Durch zwei Menschen und ein Schlagzeug weniger hat die Band nun auch die Chance sich auf der winzigen Bühne zu bewegen, was auch den Gemeinen Hanseaten motiviert. Aus dem Fußwippen und Kopfnicken wird fast schon sowas wie ekstatisches Tanzen. Spätestens bei „The Old Man“, welcher schon recht früh auf der Setlist erscheint, ist auch der letzte Skeptiker voll dabei.

Die Setlist selbst besticht durch einen guten Mix aus alten und neuen Alben und sollte jeden Konzertbesucher zufriedenstellen. Und so ist es auch, denn nach dem wirklich langen Set mit scheinbar endlosen, grandiosen Instrumentalparts wartet der Gemeine Hanseat gern auf seine wohlverdiente Zugabe. Die Songs „Thousand Miles Away From Home“ und „All Our Thoughts“ werden noch einmal zelebriert, bevor Kadavar endgültig die Bühne verlassen.

Und nun steht er da, der Gemeine Hanseat, mit einem Lächeln im Gesicht. Vielleicht trinkt er noch ein letztes Bier oder kauft sich eine Platte, aber auf jeden Fall verlässt er den Tower mit einem Ohrwurm von „The Old Man“ und dem womöglich lautesten Tinnitus seines Lebens.

Setlist Kadavar:

  1. Come Back Life
  2. Pale Blue Eyes
  3. Last Living Dinosaur
  4. Living In Your Head
  5. The Old Man
  6. Black Sun
  7. Eye Of The Storm
  8. Broken Wings
  9. Fire
  10. Forgotten Past
  11. Creature Of The Demon
  12. Purple Sage
  13. Thousand Miles Away From Home
  14. All Our Thoughts

Gallerien:

Links:
www.straytrainband.com
www.kadavar.com

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Thea Drexhage
Thea Drexhage hat Salma Hayek einiges voraus! 10 mm. Wie die meisten Frauen der Redaktion, Duffy, Beth Ditto, Joan Rivers oder Angus Young kann sie die MusikerInnen aus dem Bühnengraben also völlig problemlos sehen, wenn jemand ihren Hocker trägt, wird aber - das hat sie mit Salma dann doch wieder gemein - dennoch viel zu oft auf Ihre Körpergröße, ihre Mähne und ihre leicht misanthropischen Anflüge reduziert. Damit sie also nicht im nächstbesten Titty Twister von Sonnenunter- bis Sonnenaufgang Menschenmengen und Bläser mätzelt, halten wir “Aggro-Thea”, die zuvor ganze Landstriche in Mecklenburg Vorpommern ausgerottet hat, halbtags im spießbürgerlichen Oldenburger Exil an der langen Leine. Seither legt sich die scheißpünktliche existentialistische Besserwisserin analog mit Sartre, Camus & Kodak an und ja, auch wir müssen neidlos zugestehen, dass der Instagram-Account ihrer beiden Katzen “Salma” und “Hayek” mehr Follower pro Tag hat, als unser webzine im ganzen Jahr.