Review: Fury in the Slaughterhouse – Blinker statt Beifall (15.05.2020, Hannover)

Fury in the Slaughterhouse (Foto: Thea Drexhage bs! 2020)

Seit März sitzen Konzertliebhaber*innen nun schon auf dem Trockenen. Um die Verbreitung von COVID-19 einzudämmen, wurden unsere liebsten Clubs als erstes geschlossen. Was einerseits absolut sinnvoll und verständlich erscheint wurde andererseits furchtbar von der Politik kommuniziert, die es so aussehen ließ, als wäre Kultur am wenigsten wert für den Erhalt einer gesellschaftlichen Ordnung. Dabei ist Kultur genau das, was uns in Zeiten der Isolation beisammenhält. Zuhause sein ohne Filme, Bücher oder Musik ist für viele sicherlich undenkbar.
Zwar lockert sich das öffentliche Leben im Moment wieder, doch die Veranstaltungsbranche, egal ob Kino, Theater oder Musik wird noch lange an der aktuellen Situation zu knabbern haben. Und gerade dort, wo die staatlichen Hilfen nicht greifen, ist Erfindungsreichtum notwendig, wenn man als Künstler*in nicht mit Hartz-IV abgespeist werden will. Soliaktionen, Live-Streams und Merchverkäufe helfen zwar, doch das richtige Konzertgefühl fehlt auf beiden Seiten und Bühnenbauer, Licht- und Soundtechniker, die Menschen am Einlass und Securities haben dabei nach wie vor weder Arbeit noch Einkommen.

Fury in the Slaughterhouse (Foto: Thea Drexhage bs! 2020)

Einen neuen Schritt wagen die guten Leute von Hannover Concerts, die neben dem klassischen Autokino nun auch Autokonzerte auf die Beine stellen. Und wen könnte man sich in Hannover besser anschauen, als Fury in the Slaughterhouse?
Im Prinzip verläuft alles wie bei einem richtigen Konzert, nur die Parkplatzsuche ist einfacher: und zwar direkt vor der Bühne.

Eine überwiegend schwarz-silberne Blechlawine bahnt sich ihren Weg in sehr geordneten Spuren über den Schützenplatz. Organisatorisch gibt es an diesem doch sehr jungen Vorhaben nichts auszusetzen.  Die Regeln sind streng. Niemand verlässt das Auto (außer für kurze Toilettenpausen), die Fenster dürfen nur eine Hand breit geöffnet sein und hupen ist tabu. Theoretisch.

Was fehlt sind die Bars, das Merch, der Schnack mit alten Freunden und vor allem die Lautsprechertürme auf der Bühne, denn der Sound kommt über das Autoradio. Für die uneingeschränkte Sicht sorgen riesige Leinwände überall auf dem Gelände. Um 20:30 Uhr betreten dann endlich „Die beschissenen Sechs“ die Bühne – bereits zum zweiten Mal. Da sich das Konzert am 15.5. schnell ausverkaufte, wurde spontan ein Zusatztermin am 14.5. veranstaltet.

Das Set startet mit „Stay Clean These Days“ – für die Fotografen vor der Bühne ist der Klang gewöhnungsbedürftig, wie ein wirklich merkwürdiger Soundcheck. Zurück im Auto macht aber alles Sinn. Über das Radio erhalten die Gäste einen fantastisch abgemischten Sound. Um sich von der Klangqualität zu überzeugen wagt Kai Wingenfelder während dem wundervollen „Radio Orchid“ den Weg über die Klappleiter von der Bühne, räkelt sich über Motorhauben und inspiziert ganz genau, was für Köstlichkeiten sich die Besucher*innen sich so mitgebracht haben.

Fury in the Slaughterhouse (Foto: Thea Drexhage bs! 2020)

Das Hupverbot interessiert an diesem Abend keine Sau – irgendwie muss man der Band ja auch Beifall bekunden und egal, wie befremdlich sich die gesamte Situation anfühlt – die kurzen Clips auf der Leinwand, die die hupende und blinkende Masse an Autos zeigt, lässt doch ein klein wenig Zusammengehörigkeitsgefühl aufkommen. Auch die eingerichtete Möglichkeit sich über Zoom auf die Leinwände streamen zu lassen, lässt immerhin ein wenig Einblick darüber verschaffen, wer an diesem Abend alles anwesend ist.

Nichtsdestotrotz ist es ein Konzert, dass man im Auto verbringt. Die Erleichterung darüber, endlich wieder Musik live erleben zu dürfen verfliegt schnell und wird zu einem wehmütigen Gefühl. Denn sind wir mal ehrlich: Konzerte leben von der Interaktion zwischen Musiker*in und Publikum. Der Lärm, Schweiß und das schale Bier gehören genauso dazu, wie das Ärgernis nix sehen zu können, weil sich irgendein großer Idiot sich direkt vor dich stellt – immerhin letzteres funktioniert auch bei Autokonzerten, betrachtet man die zahlreichen, unnötigen SUVs. Und so schön und gut die Idee auch ist, leider schließt sie auch eine recht große Bevölkerungsgruppe aus – die ohne Autos. Und wenn man so über den wirklich guten Klang, der aus dem eigenen Autoradio kommt, sinniert, dann fällt noch etwas auf: das können nur Bands machen, die tatsächlich wirklich wirklich gut sind, denn man hört jedes Detail.

Fury in the Slaughterhouse (Foto: Thea Drexhage bs! 2020)

Zum Glück gehören Fury in the Slaughterhouse zu diesen wirklich wirklich guten Bands. An diesem Punkt soll das Gemecker über die Problemchen von Autokonzerten auch schon aufhören, denn was gesagt werden muss ist, dass musikalisch etwas ganz Großes passiert an diesem Abend. Die Band, die sich schon am Vortag mit der fremden Situation vertraut machen durfte, gibt ihr Bestes, um das Publikum so gut wie möglich mit einzubeziehen. Das reicht vom Verteilen von Kazoos um bei „We believe in sometimes“ einen entenähnlichen Chor zu gründen über das persönliche Autoscheibenputzen, damit der freien Sicht auf die Bühne nix im Wege steht. Neben den Klassikern wie „Won’t forget these days“ und „Every Generation got it’s own Disease“, welches gerade in dieser Situation aktueller wirkt denn je, ist es „I should have known better“ der das erste Mal an diesem Abend richtiges Konzertfeeling aufkommen lässt, denn bei dieser rockigen Nummer samt starken Performance vergisst man ganz kurz den Blechkäfig um sich herum.

Bei all den nicht so schönen Aspekten eines Autokonzerts sollten wir letztendlich doch zufrieden sein, dass es Menschen gibt, die sich Gedanken gemacht haben, um live gelebte Kultur weiterhin erlebbar zu machen, denn allem Wehleid zum trotz war dieses Konzert doch das Beste, was einem Musikliebhaber seit Mitte März passieren konnte.

Fury in the Slaughterhouse (Foto: Thea Drexhage bs! 2020)

Galerie (by Thea Drexhage bs! 2020):

Setlist:

Fury in the Slaughterhouse (Foto: Thea Drexhage bs! 2020)

1. Stay Clean These Days
2. Come On
3. Dead Before I Was Born
4. Radio Orchid
5. 30 (It’s Not Easy)
6. When I’m Dead and Gone
7. Dancing in the Sunshine of the Dark
8. Should Have Known Better
9. Milk and Honey
10. Then She Said
11. We believe in sometimes
12. Riding on a Dead Horse
13. Trapped Today, Trapped Tomorrow
14. Cry It Out
15. Every Generation Got Its Own Disease
16. Won’t Forget These Days
Encore:
17. Drug Addicted in the Jailhouse
18. Time to Wonder
19. Down There
20. Kick It Out
21. Seconds to Fall

Links:
Fury in the Slaughterhouse
Autokultur Hannover
Hannover Concerts

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Thea Drexhage
Thea Drexhage hat Salma Hayek einiges voraus! 10 mm. Wie die meisten Frauen der Redaktion, Duffy, Beth Ditto, Joan Rivers oder Angus Young kann sie die MusikerInnen aus dem Bühnengraben also völlig problemlos sehen, wenn jemand ihren Hocker trägt, wird aber - das hat sie mit Salma dann doch wieder gemein - dennoch viel zu oft auf Ihre Körpergröße, ihre Mähne und ihre leicht misanthropischen Anflüge reduziert. Damit sie also nicht im nächstbesten Titty Twister von Sonnenunter- bis Sonnenaufgang Menschenmengen und Bläser mätzelt, halten wir “Aggro-Thea”, die zuvor ganze Landstriche in Mecklenburg Vorpommern ausgerottet hat, halbtags im spießbürgerlichen Oldenburger Exil an der langen Leine. Seither legt sich die scheißpünktliche existentialistische Besserwisserin analog mit Sartre, Camus & Kodak an und ja, auch wir müssen neidlos zugestehen, dass der Instagram-Account ihrer beiden Katzen “Salma” und “Hayek” mehr Follower pro Tag hat, als unser webzine im ganzen Jahr.