Review: At The Drive-In – Totgesagte leben länger (02.03.2018, Hamburg)

Wir schreiben den 02.03.2018. Es ist kalt. Eiskalt, um genau zu sein. Und genau das muss der Grund dafür sein, dass sich vor Einlassbeginn kaum ein Mensch vor der Alsterdorfer Sporthalle befindet. Zugegeben, der Abend beginnt ungewöhnlich früh. Bereits um 19:30 stehen Le Butcherettes in den Startlöchern.

Le Butcherettes (Foto: Thea Drexhage bs! 2018)

Das Trio aus Mexiko steht an diesem Abend vor der schweren Aufgabe die nicht mal zur Hälfte gefüllte, halbierte Alsterdorfer Sporthalle zu animieren. Von Entmutigung ist bei den MusikerInnen jedoch nichts zu spüren. Frontfrau Teri Gender Bender, gänzlich in rot gekleidet, gleicht einer Naturgewalt. Stampft, schreit und verbiegt sich so, dass den ersten Reihen Hören und Sehen vergeht. Die Musik ist experimentell, roh, dreckig und kurzweilig. Die kleine Menge, die es rechtzeitig zur Show geschafft hat wirkt nicht abgeneigt, außer einigen schüchternen Kopfnickern steht die Menge jedoch still.

Le Butcherettes (Foto: Thea Drexhage bs! 2018)
Death From Above (Foto: Thea Drexhage bs! 2018)

Dies ändert sich mit Death From Above 1979. Ähnlich wie At the Drive-In hat das Duo bestehend aus Bassist Jesse F. Keeler und Drummer Sebastien Grainger in den späten 2000ern eine mehrjährige Pause eingelegt. Glücklicherweise gehört diese der Vergangenheit an. Die beiden Multiinstrumentalisten versetzen  das Publikum mit ihrem Soundwirrwarr in Erstaunen. Die Stimmung steigert sich und zwischen den ZuschauerInnen herrscht tatsächlich Bewegung. Die, die es nicht so mit dem Tanzen haben, zünden sich ne lustige Zigarette an und lassen das treiben auf der Bühne auf sich wirken. Die beiden Musiker ziehen absolut lässig ihr Ding durch, bis zu dem Punkt, an dem das dritte unbezahlte Bandmitglied, der Roboter, beginnt zu streiken. Und das ausgerechnet bei „Freeze Me“, der tanzbarsten Nummer des Abends. Auf die Frage, ob die Band den Song wiederholen oder einfach weiter machen solle, antwortet das Publikum mit einem eindeutigen.

AGAIN!

Und so soll es sein. Der Roboter wird bestochen seine Pianistenfunktion kurzzeitig wieder aufzunehmen, sodass Death From Above ihr Set entspannt beenden können.

Death From Above (Foto: Thea Drexhage bs! 2018)
At The Drive-In (Foto: Thea Drexhage bs! 2018)

Die Umbaupause vergeht rasend schnell, sodass At the Drive-In pünktlich beginnen. Mit den ersten Tönen des „Relationship Of Command“-Openers „Arcasenal“ schlägt die Stimmung auf der Stelle um. Da sind sie endlich. Die Post-Hardcore-Helden von damals. Zweifel ob die länger als zehn Jahre andauernde Bandpause ihre Spuren hinterlassen hat, werden sofort weggefegt. Die Halle ist mittlerweile gut gefüllt, bietet jedoch ausreichend Raum für ein luftiges Moshpit. Wer nicht in diesem versinkt ist vermutlich gefesselt von Sänger Cedric Bixler-Cavala.

Dieser hat in all den Jahren eindeutig nicht verlernt, wie man eine ordentliche Show abliefert.

At The Drive-In (Foto: Thea Drexhage bs! 2018)

Während die vorderen Reihen auf der Hut sein müssen, nicht von seinem peitschenden Mikrofonkabel erschlagen zu werden, lassen sich die Damen und Herren auf den seitlichen Rängen von Bixlers Hüften hypnotisieren, welche ein sündhaftes Eigenleben zu führen scheinen. Schlagartig folgt ein komplexer Song dem nächsten. Leider kann die Akustik der Alsterdorfer Sporthalle dem vielschichtigen Sound At the Drive-Ins nicht gerecht werden, sodass es stellenweise schwerfällt, den Gesang Bixlers zu verstehen, was gerade bei Nummern wie „Enfilade“ einen bitteren Beigeschmack hinterlässt. Glücklicherweise ist der harte Kern des bunt durchmischten Publikums textsicher und lässt sich die Laune nicht verderben.

Mit „Governed by Contagions“ wird die Stimmung nochmal richtig hochgefahren, bevor die Musiker von der Bühne gehen und die ZuschauerInnen mit dem Dröhnen ihrer Instrumente allein lassen. Glücklicherweise haben die Herren aus El-Paso ihre erfolgreichste Nummer „One Armed Scissor“ nicht vergessen und kommen noch einmal zurück. Nach einer kurzen, teilweise recht unverständlichen Anekdote über…wie drückt man das höflich aus…eigenartige Begegnungen während ungünstiger Momenten auf der Toilette, fallen die ersten Akkorde der Zugabe. Und die bis dato schon gute Stimmung erlangt ihren Höhepunkt. Das kurzzeitig abgekühlte Moshpit kehrt mit doppelter Gewalt zurück und auch am Rand wird nun exzessiv getanzt. Die Leute die noch immer auf den Rängen sitzen haben vermutlich zu viele lustige Zigaretten geraucht, denn der Duft von, nennen wir es Oregano, erfüllt an dieser Stelle weite Teile der Halle.

At The Drive-In (Foto: Thea Drexhage bs! 2018)

Genauso schlagartig, wie die Stimmung in die Höhe getrieben wird, ebbt sie auch wieder ab. „One Armed Scissor“ bleibt an diesem Abend die einzige Zugabe und mit nur 15 Songs verabschieden sich At the Drive-In ohne große Worte vom Hamburger Publikum. Für die meisten hätte es sicherlich etwas mehr sein dürfen, nichts desto trotz verlassen die meisten Gäste mit einem breiten Grinsen den Saal. Die -8° Celsius Außentemperatur lässt sich so ein echter Hamburger natürlich nicht anmerken.

Galerien (by Thea Drexhage bs! 2018):

At The Drive-In (Foto: Thea Drexhage bs! 2018)

Setlist At the Drive-In:

  1. Arcarsenal
  2. No Wolf Like the Present
  3. Pattern Against User
  4. Hostage Stamps
  5. Lopsided
  6. Cosmonaut
  7. Call Broken Arrow
  8. Napoleon Solo
  9. Pendulum in a Peasant Dress
  10. Invalid Litter Dept.
  11. Enfilade
  12. Holtzclaw
  13. Quarantined
  14. Governed by Contagions
  15. 15. One Armed Scissor

Links:
www.atthedriveinmusic.com
www.lebutcherettesofficial.com
www.deathfromabove1979.com

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Thea Drexhagehttps://www.be-subjective.de
Thea Drexhage hat Salma Hayek einiges voraus! 10 mm. Wie die meisten Frauen der Redaktion, Duffy, Beth Ditto, Joan Rivers oder Angus Young kann sie die MusikerInnen aus dem Bühnengraben also völlig problemlos sehen, wenn jemand ihren Hocker trägt, wird aber - das hat sie mit Salma dann doch wieder gemein - dennoch viel zu oft auf Ihre Körpergröße, ihre Mähne und ihre leicht misanthropischen Anflüge reduziert. Damit sie also nicht im nächstbesten Titty Twister von Sonnenunter- bis Sonnenaufgang Menschenmengen und Bläser mätzelt, halten wir “Aggro-Thea”, die zuvor ganze Landstriche in Mecklenburg Vorpommern ausgerottet hat, halbtags im spießbürgerlichen Oldenburger Exil an der langen Leine. Seither legt sich die scheißpünktliche existentialistische Besserwisserin analog mit Sartre, Camus & Kodak an und ja, auch wir müssen neidlos zugestehen, dass der Instagram-Account ihrer beiden Katzen “Salma” und “Hayek” mehr Follower pro Tag hat, als unser webzine im ganzen Jahr.