Review: Kivenlahti Rock (08. – 09.06.2012, Espoo – Finnland)

Foto: Iris Kessin

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Zwar lässt der finnische Sommer in diesem Jahr mit durchwachsenem Wetter und ebenso unspektakulären Temperaturen auf sich warten; die Sommerfestival Saison lässt sich aber wie immer trotzdem niemand vermiesen. Zum achten Mal stieg am zweiten Juniwochenende der Kivenlahti Rock, allerdings nicht wie zuvor im gleichnamigen Ort, sondern auf dem Sportparkgelände im zur Stadt Espoo gehörenden schönen Leppävaara.

 
Zwischenzeitlich auf ganze drei Tage ausgeweitet, fand das Festival an jenem Wochenende leider auch nur am Freitag und Samstag statt.

Clever aufgeteilt jedoch das Lineup, um Besucher an beiden Tagen anzulocken: Neben diversen kleineren, unbekannteren Gruppen, die ihr Können im "Experience Zelt" unter Beweis stellen durften, gaben sich am Freitag unter anderem die in Finnland zur Zeit populäre Chisu, Jukka Poika und Apocalyptica als Headliner des Abends die Ehre. Auch der Samstag stand fast ausschließlich im Zeichen skandinavischer Bands: Black City aus Dänemark, Sparzanza aus Schweden, und die einheimischen Waltari, Stam1na, Eläkeläiset, Michael Monroe sowie Headliner Apulanta waren eindeutig die beliebtesten Bands des Tages.
 
Beeindruckend war auch in diesem Jahr wieder das Preis-Leistungs-Verhältnis beim Kivenlahti-Event. Für insgesamt 18 namhafte Bands auf den zwei Hauptbühnen und noch dazu sage und schreibe 19 kleinere Acts im Festzelt musste man für einen Tag nur 22 Euro, für beide Tage 45 Euro hinblättern, was das Festival auch für kleinere Geldbeutel erschwinglich macht, und sich auf alle Fälle lohnt. Vom Stadtzentrum Helsinki aus simpel und schnell mit Zug oder dem öffentlichen Bus zu erreichen, ist Kivenlahti Rock nach wie vor neben Tuska und Ankkarock eins der bestorganisierten Sommer-Rockfestivals im Süden Finnlands.
 

Foto: Iris Kessin

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Überraschenderweise waren am Freitag selbst am späten Nachmittag noch relativ wenige Besucher anwesend. Ob das am nicht gerade prickelnden Wetter, an der neuen Location oder einfach daran lag, dass Freitag nachmittags in Finnland zum Sommeranfang hin fast jeder mit Sack und Pack aufs Sommerhaus fährt – jedenfalls kam die Festivalstimmung während der ersten Bands noch nicht so richtig auf. Selbst Chisu mit ihrer eigenen Anhängerschaft ließ den Funken nicht überspringen, aber Pop ist auch nicht jedermanns Sache. Etwas lockerer ging's dann doch bei "Jukka Poika & Sound Explosion Band" ab. Einerseits sicherlich, weil man inzwischen schon das ein oder andere Bier intus hatte. Andererseits auch, weil Jukka Poika – so absurd und paradox finnischsprachiger Reggae auch klingen mag – mit karibischen Klängen Urlaubs- und Partystimmung schnell erzeugten. Kurz vor 23 Uhr war's dann Zeit für den Headliner des ersten Abends: Wie fast alle international erfolgreichen finnischen Bands spielen Apocalyptica nur noch selten in ihrer Heimat und waren auch jetzt erst zwei Tage zuvor aus Bogota, Kolumbien in skandinavische Gefilde zurückgekehrt. Möglicherweise war der Jetlag für den anfangs ziemlich schlappen Einstieg ins Set Schuld, nach ein paar Songs Anlaufzeit gab sowohl die Band als auch das Publikum letztendlich doch noch Gas. Nachdem Tipe Johnson, der als Gastvokalist die gesamte 7th Symphony-Tour bisher stimmkräftig unterstützt hat, mit seiner Version von "End Of Me" und "I'm Not Jesus" das Eis gebrochen hatte, wurde der erste Kivenlahti-Abend schließlich doch noch zu einer richtig rockigen Sache.

 
Der Samstag brachte Regen, Regen und nochmals Regen, und auch heute blieben die aus früheren Jahren gewohnten Menschenmengen aufgrund der Wassermassen aus. Zum Glück war jedoch das Lineup so gut, dass sich schon ab dem frühen Nachmittag eine ordentliche Menge Festivalfreudiger auf dem Gelände drängten, die sich von keiner Wetterfront abschrecken ließen. Die erste angenehme Überraschung des Tages waren Black City aus Dänemark. Guter, solider Rock'n'Roll so wie er sein soll, und ein Song nach dem anderen ein Ohrwurm – diese Jungs verdienen eindeutig mehr Beachtung!

Foto: Iris Kessin

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Sparzanza aus Schweden im Anschluss daran haben zwar bereits einen Namen, die größeren Verstärker und das bessere Budget für Nebel- und Feuerwerkseffekte, kamen aber diesmal leider etwas arrogant rüber. Und da sich Schweden und Finnen eh besonders "liebhaben", konnte sich die Band auch nicht die entsprechenden bissigen Bemerkungen über ihren Eurovisionssieg und die Tatsache, dass Finnland mit einem Beitrag in schwedischer Sprache schon in der Vorentscheidung aus dem Rennen waren, verkneifen.

Was soll's, die Finnen sind's gewohnt von ihren Nachbarn und ignorieren derartige Kommentare, denn immerhin ist man ja für die Musik gekommen, und nicht um sich eher unnötige Reden von Bandmitgliedern anzuhören. Der allgemeine Konsens zu Sparzanza war jedoch, dass weniger Neues und mehr der alten, bekannten Songs ein besseres Set abgegeben hätte. Ein besonderes Bonbons hatten die Jungs aber im Gepäck: Eine allererste Live-Performance ihrer brandneuen, noch nicht erschienenen Single "The Fallen Ones". Womit ihnen dann auch alles verziehen war.

Foto: Iris Kessin

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Die nächsten im Programm waren Waltari – diese Jungs können inzwischen auf eine 26-jährige Bandkarriere zurückblicken und haben im Laufe der Zeit zwischen Metal, Hard Rock, Hip Hop, Punk und Pop fast keine Stilrichtung ausgelassen. Leider waren die ohnehin schon immer eigenwilligen Songs diesmal alle durchweg auf der ruhigeren, poppigeren Seite angesiedelt, und so begaben sich Viele nach einer Weile ins Experience-Festzelt, um sich die zeitgleich dort auftretenden Amoral zu geben, anstatt bis zum Ende des Sets bei Waltari auszuharren.


Glücklicherweise hielt die Enttäuschung nicht lange an, denn Stam1na hatten eine Überraschung parat.
Beim Anblick des ländlichen, so gar nicht zu ihnen passenden Backdrops mit grasenden Kühen und einem Ortsschild ihres südkarelischen 3000-Seelen-Heimatdorfes "Lemi" konnte sich der eine oder andere ein Grinsen nicht verkneifen. Noch genialer wurde es dann, als die Jungs allesamt in bäuerlichen Overalls, Latzhosen und

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Gummistiefeln antraten – angeführt von Frontman Antti Hyyrynen im orangefarbenen Fiat-T-Shirt und Schottenrock. Ein Bild für die Götter. Aber nicht nur unterhaltsame Augenweide, sondern auch noch Ohrenschmaus war angesagt. Die amüsierte, ausgelassene Stimmung des Publikums ging schnell auf die fünf Dorf-Metaller über und eine Stunde lang kochte das Publikum.


Wer jetzt aber denkt, dass die durch Stam1na angeheizte Menge durch die nachfolgenden "Eläkeläiset" (zu Deutsch "die Rentner") wieder abkühlen würde, der hat die finnischen Metalfans ganz falsch eingeschätzt. Um die Begeisterung für "Humppa" (=schnelle Tanzmusik, verwandt mit Jazz und sehr schnellem Foxtrott) zu verstehen, muss man wohl in Finnland aufgewachsen sein, denn wie auch die härtesten Rocker im Lederoutfit mit Begeisterung zur Massenpolonaise mit gegenseitigem Abklatschen ausrücken ist zumindest für Außenstehende ein bisher unerklärbares Phänomen. Die Musik mag gewöhnungsbedürftig sein – aber erlebt haben sollte man das wenigstens einmal im Leben unbedingt!

Derart angeheizt und warmgetanzt sammelte sich danach alles vor der Hauptbühne. Dort lieferten Michael Monroe und Band anschließend noch das musikalische Sahnehäubchen – immer gut gelaunt und alte Hasen im Rockbusiness, die es einfach draufhaben richtig zu rocken und mit dem Publikum hautnah zu interagieren. Seit dem Ende von Hanoi Rocks gar nicht mehr so Glam, aber dafür rockiger denn je sind Michael Monroe-Auftritte eigentlich immer fantastisch. So auch an diesem Abend.
Trotz der Dauerbewässerung von oben hatte sich das Festivalgelände nach und nach gehörig gefüllt, und man wartete gespannt auf den Hauptact des Abends: Apulanta. Die Band, deren Name auf gut Deutsch nichts anderes bedeutet als "Kunstdünger" ist in Finnland schon seit über zwanzig Jahren im Geschäft. Ursprünglich im Punk, jetzt mehr im Rock angesiedelt mit in erster Linie gesellschaftskritischen Texten, ist das Trio aus Heinola hierzulande so angesagt, dass alle Konzerte stets ausverkauft sind. Im Gegensatz zu Sparzanza hatten Apulanta ihre Setlist für diesen Abend ganz offensichtlich mit größerer Sorgfalt zusammengestellt, denn die konnte sich sehen lassen wie schon lange nicht mehr! Sämtliche Hits und Klassiker neben einer kleineren Auswahl neuerer Stücke, die Reihenfolge so gekonnt arrangiert, dass die Leute so begeistert mitgröhlten wie man es sonst nur aus Stadiongigs großer Bands kennt.

Einen besseren Ausklang hätte man sich nicht wünschen können, und ungeachtet des Wetters, des neuen Veranstaltungsortes und einiger Schwächen im Programm gibt es eigentlich nur ein Fazit zu ziehen: Kivenlahti Rock – immer gern, und hoffentlich im nächsten Jahr wieder!
 
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