Review: Herzblut Festival – volle Kraft voraus mit Motorschaden (17.04.2015, Hildesheim)

Foto: Torsten Volkmer

 

Es ist schwierig, das Herzblut Festival in Hildesheim in Worte zu fassen oder auch nur in Zahlen auszudrücken. Wie viele Leute nun tatsächlich da waren, bleibt sicherlich ein Geheimnis, gefühlt waren es weniger als erwartet, die sich bei frischem Wind vor der Halle 39 einreihten und auf Einlass warteten. Es war das übliche Procedere, Anstellen, Leute kennenlernen, durchsuchen lassen und dann folgen Wutausbrüche und sogar erste Tränen.

Foto: Torsten Volkmer
Hellfire. Foto: Torsten Volkmer

Natürlich baut nicht jeder eine emotionale Bindung zu seinen Konzertkarten auf und doch hängen sie bei vielen Leute am Kleiderschrank, an der Pinnwand oder gar im Bilderrahmen. Nur, damit die Karten dort hinkommen, dürfen sie nicht — wie auf dem Herzblut Festival geschehen — nach der Kontrolle zerrissen und in einen Müllsack geschmissen werden. Ein Papierstück, das beim Betrachten erinnert. Und zu erinnern gibt es Einiges. Da wären ganz zu Anfang Hellfire, eine lokale Band, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, AC/DC-Stücke zu covern. Mit einer guten Auswahl an bekannten Songs quer durch die Musikgeschichte der Kultband, steuerten Hellfire einen, ungeachtet des den Abend vorherrschenden Musikgenres, guten musikalischen Start in den Abend bei.

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Ost+Front. Foto: Torsten Volkmer

Nach der üblichen Umbauphase und mit fünf Minuten Verspätung verdunkelt sich die Halle und die Hymne der ehemaligen DDR erklingt. In kurzen Abständen kommen die Bandmitglieder von Ost+Front langsam auf die Bühne, verharren. Zu den letzten Klängen der Hymne betritt unter aufbrandendem Jubel Patrick Lange alias Hermann Ostfront, wie üblich blutverschmiert, die Bühne. Ein paar Worte und Ost+Front beginnen mit dem namengebenden Song Ost+Front. Ab jetzt führen sie, ohne große Worte zu verlieren, durch ihr Programm, ohne dabei die Interaktion mit dem Publikum zu vernachlässigen. Immer passend zum Song liegt es an Eva Edelweiß, zu “Fleisch” eben solches zu verteilen und wenig später eine nicht definierbare Flüssigkeit —wahrscheinlich Bier — zum Lied „Feuerwasser“, zu trinken. Ungeachtet all des Dampfes auf der Bühne singt das Publikum textsicher mit, ohne dabei über Kopfnicken im Takt hinauszukommen.

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Stahlmann. Foto: Torsten Volkmer

Wieder erfolgen ein paar Handgriffe, ein kurzer Soundcheck und es bleibt die Hoffnung, zumindest unter den Stahlmann-Fans ein paar Leute zu finden, die zu den druckvollen Texten ein wenig Bock auf Bewegung haben. Stahlmann stürmt mit “Willkommen” die Bühne und animiert Stück für Stück zum Bewegen und Mitsingen. Damit sind — wenn das Publikum weiterhin so gut in ihrem stahlharten Griff halten und mitreißen können — die Göttinger ganz sicher auf dem Weg nach ganz oben. Zu „Spring Nicht” ist dann auch das Publikum auf dem Zenit seines Bewegungsspektrums angekommen. Der Boden bebt unter taktvollem Unterlassen.

Schlussendlich, pünktlich viertel vor zwölf, wird ein letztes Mal das Licht gedimmt. Nebel flutet die Bühne. Orange Rundumleuchten springen an, als der Drummer — einer Security gleichend — seinen Platz einnimmt. Die restliche Band stellt sich auf und Alexx kommt zu den ersten Tönen von „Volle Kraft voraus“ auf die Bühne. Vom ersten Moment an, kann er das Publikum in seinen Bann ziehen – leuchtende Augen, wo man auch hinschaut. Antikörper-Ankündigungspanne. Lächeln. Man wird ja auch nicht jünger.

Foto: Torsten Volkmer
Eisbrecher. Foto: Torsten Volkmer

Auf das Alter kommt Alexx dann sogar mehrfach zu sprechen, wenn seine Ansagen mit Zurufen aus dem Publikum unterbrochen werden. Frei nach dem Motto: „Wenn der Keks spricht…“ – und das, ohne dabei zu kränken. Druckvoll geht es weiter mit dem Tour-Programm zum aktuellen Album; immer wieder mit alten Klassikern wie „Prototyp“ gemischt. Lustig und doch irgendwie unwirklich ist der Moment, wenn auf die Tour-Aktivität seines Gitarristen mit Unheilig angesprochen wird und das Publikum diesen daraufhin ausbuht. Erst beim zweiten Anlauf gibt es dann auch Applaus. Aber doch bleibt der Beigeschmack auf der Zunge und dürfte ein deutliches Signal an alle Bands aus unserem Genre sein, nicht “dem Grafen” zu folgen. Eine kurze Verschnaufpause für das weiterhin gut gelaunte und doch tanzmüde Publikum gibt es mit „Rot wie die Liebe“. „This Is Deutsch“ wird von Alexx in der Kleidung eines deutschen Jägers und mit einigen Jagdhorntönen eingeleitet. Auch politische Bezüge werden gezogen, als er von seinem Herkunftsbundesland Bayern spricht – ob es gewollt ist, dass bei der negativen Nennung deutscher Politiker nur etwas mehr als die Hälfte des Publikums applaudiert? Ist ja auch egal, denn als das Lied beginnt, ist alles vergessen und der Frohsinn wieder hergestellt. Kurz darauf und viel zu früh endet dann plötzlich der Auftritt. Wie doch die Zeit in den sehr schönen Momenten hinwegrennt. Nach so genialen Auftritten ist der Ärger über die Konzertkarten dann doch vergessen. Auch, dass die Halle nicht ganz voll gewesen ist, mag ganz knapp vor der Bühne kaum aufgefallen sein. Ob wir auch im nächsten Jahr im April ein Hauch von M’era Luna so nah an dem bekannten Flugplatz erleben dürfen, werden wir sehen.

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