Review: Hanse Song Festival – Wer die Wahl hat…(27.04.2019, Stade)

Am 27. April findet geht das Hanse Song Festival im schönen Stade bereits in die achte Runde. Das bedeutet, dass an einem Tag im Jahr über 20 KünstlerInnen in ganz verschiedenen Locations die gesamte Stadt beschallen. Zweiundzwanzig, um genau zu sein. Natürlich ist es für den normal sterblichen Menschen unmöglich, sich alle Shows anzuschauen, daher müssen bereits vor Festivalbeginn schmerzhafte Entscheidungen getroffen werden. Eine Mögliche Abendgestaltungsroute könne wie folgt aussehen:

Du, Herr Lampio (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)

Wir beginnen bei Du, Herr Lampio im beeindruckenden Königsmarcksaal des Rathauses. Bei dem Projekt handelt es sich um den aus Stade kommenden Nico Lampio, der mit der Unterstützung zweier Mitmusiker einen würdigen Festivalauftakt hinlegt. Die Songs sind akustisch unaufgeregt, teils melancholisch, teils ironisch. Die Gäste im immer voller werdenden Saal sind überzeugt.

Tristan Brusch (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)
Tristan Brusch (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)


Gleich nebenan warten bereits die ersten auf Tristan Brusch, dessen Konzertbeginn sich auf Grund technischer Schwierigkeiten um eine gefühlte Ewigkeit verschiebt. Generell wäre das Warten in der umwerfenden Altstadt Stades gar kein Thema, doch das Wetter meint es an diesem Samstag nicht gut. Es regnet und es ist arschkalt. Den Wartenden vor der Seminarturnhalle werden Regenschirme gereicht. Statt buntem Festivaltreiben bleiben die Kopfsteinpflasterstraßen überwiegend leer.

Die fetten Jahre sind vorbei.

Als Tristan Brusch dann endlich losgeht, ist all der Ärger um das norddeutsche Schmuddelwetter vergessen. Charmant präsentiert Brusch die Songs seines Debütalbums „Das Paradies“ – erst Solo, dann mit voll besetzter Band. Beides gefällt außerordentlich gut, dennoch müssen die ein oder anderen KonzertbesucherInnen an dieser Stelle eine schwere Entscheidung treffen: bleiben oder gehen? Auf Grund der Verspätung überschneidet sich das Set sehr mit dem Sam Vance Laws. Also Goodbye Tristan! Das nächste Mal bleiben wir länger, versprochen!

BAM Digga! – Indeed Sir!

Sam Vance-Law (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)

Sam Vance-Law spielt mit seiner großartigen Band im Alten Schlachthof, das bedeutet einen zehnminütigen Fußmarsch durch den Regen aufzunehmen. Dies ist vermutlich auch der Grund, dass der Saal anfangs nur sehr übersichtlich gefüllt ist, was Sam Vance-Law mit einer Menge mitteldüsterem Humor überspielt. Die perfekt komponierten Popsongs sitzen von vorne bis hinten und gehen trotz teilweiser sehr ernster Thematiken in die Beine. Bisher veröffentlichte Vance-Law (nur) sein überdurchschnittlich fantastisches Debütalbum „Homotopia“, was im Set Platz für die Cover von Mac DeMarcos „My old Man“ und Grauzones „Eisbär“ lässt, von welchen vor allem letzterer Song zahlreiche Lacher im Publikum verursacht. Generell sorgt die Interaktion zwischen den Gästen und der Band dafür, dass das Konzert den meisten noch sehr lange im Gedächtnis bleiben wird.

Downpilot (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)

Am anderen Ende der Stadt wartet bereits ein weiteres Festivalhighlight. Downpilot aus Seattle bespielt einen heillos überfüllten Saal im Landgericht. Unterstützung bekommt er an diesem Abend von Tess Wiley, welche die melancholischen Stücke mit ihrer Stimme perfekt untermalt. Trotz der enormen Hitze verursachen die Songs Gänsehaut, sodass kaum jemand daran denkt, an die frische Luft zu fliehen, mit Ausnahme der MusikerInnen vielleicht, die die Gäste kurzerhand darum bitten, das Atmen einzustellen.

Für den Fall, dass es Gott doch gibt, würde ich es heute nicht zu doll treiben hier!

The Düsseldorf Düsterboys (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)

In der beeindruckenden St. Cosmae Kirche sollen nun eigentlich Burkini Beach spielen, was durch Krankheit ins Wasser fällt. Für Ersatz ist gesorgt. Irgendwie. Es spielen The Düsseldorf Düsterboys, sie singen von Marijke Amado, Messwein und zahlreichen weiteren mehr oder minder wichtigen Themen. Es ist schwer, zu greifen, was dort ganz genau geschieht. Doch spätestens beim Bockwurstsolo wird klar: Jeder Cent Kirchensteuer hat sich für das heute erlebte gelohnt! Doch es ist Zeit zu gehen.

Zurück in den Alten Schlachthof. Dort warten die Erdmöbel mit einer Setlist aus ihren unzählbaren Alben. Bis auf das nervige Summen einer Brummschleife aus dem einen miesen Lautsprecher rechts oben läuft’s super bei den Erdmöbeln und den meisten Gästen. Sicherlich ist der teils emotionslose Sound der Band nichts für jedermann, als es jedoch ans Mitsingen geht, erklingt die „Hoffnungsmaschine“ aus allen Kehlen.

Erdmöbel (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)

Ein würdiger Abschluss für ein ganz besonderes Festival.

Galerien by Thea Drexhage bs! 2019:

Links:
www.hansesongfestival.de
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Tristan Brusch
Sam Vance-Law
Downpilot
The Düsseldorf Düsterboys
Erdmöbel