Manche Konzerte versucht man objektiv zu bewerten.
Und dann gibt es diese Abende, bei denen man ziemlich schnell merkt: Das wird nichts mit nüchtern. Und das ist auch gut so.
Tarja Turunen kehrte 2025 mit ihrer Weihnachtstour „The Spirit of Christmas“ nach Dresden zurück – diesmal nicht in den Alten Schlachthof wie 2023, sondern in die Lukaskirche. Und allein dieser Ortswechsel veränderte alles. Wo der Schlachthof Bühne, Tiefe und klare Konzertdramaturgie bot, lieferte die Kirche etwas ganz anderes: Atmosphäre. Ehrfurcht. Wärme. Und dieses leise Innehalten, das man nicht planen kann.
Dabei stand das Konzert zunächst unter keinem guten Stern. Der ursprüngliche Veranstalter war insolvent gegangen, das komplette Ticketkontingent damit faktisch hinfällig. Tarja entschied sich, die Tour dennoch zu retten – auf eigene Kosten. Eine Entscheidung, die Respekt verdient, aber auch Konsequenzen hatte: Sitzplatzkarten verloren ihre Gültigkeit, die geplante Bestuhlung war Geschichte. Als sich die Schlange am Konzertabend einmal komplett um die Kirche wand, war Geduld gefragt. Rund 45 Minuten Wartezeit, ein leises Murren hier und da – und am Ende trotzdem: alle drin. Manche sitzend, manche stehend, andere auf der Empore. Improvisiert, aber getragen von einer erstaunlich entspannten, warmen Stimmung.

Die Lukaskirche selbst tat ihr Übriges. Sterne hingen im Raum, die Bühne blieb minimalistisch: Blumen, Licht, das Kreuz im Hintergrund. Kein großes Tamtam – und genau das funktionierte. Das Publikum war so bunt gemischt wie selten: langjährige Fans aus Tarjas Metal-Vergangenheit neben älteren Konzertbesucher:innen, bei denen man sich kurz fragte, wie sie hierhergefunden haben. Und dann merkte: genau das ist das Schöne daran.

Tarja betrat die Bühne – und ab diesem Moment war alles klar. Diese Stimme braucht kein Konzept, keine Effekte, keine Erklärung. Ein Mikrofon hätte sie streng genommen auch nicht gebraucht. Ihre Ausstrahlung füllte mühelos den Raum, ihre Präsenz war ruhig, souverän, nahbar. Zwischen den Songs erzählte sie, wie sehr sie Weihnachten liebt, dass diese Zeit ihre liebste Jahreszeit ist und wie wichtig ihr diese Konzerte sind – Jahr für Jahr.
Der Abend begann in einem eleganten roten Kleid, später wechselte Tarja zu Blau. Winterkönigin. Ein Look, der Erinnerungen an frühere Zeiten weckte, an ihr Debütalbum, an I Walk Alone – ohne je nostalgisch zu wirken.

Musikalisch war das Konzert genau das, was ein Weihnachtsabend sein darf: getragen, feierlich, berührend. „Amazing Grace“ entpuppte sich als einer dieser Gänsehautmomente, bei denen sich das Publikum erhob, lange applaudierte – weil Stimme und Song schlicht füreinander gemacht sind. „O Come, O Come, Emmanuel“ wirkte leise und fast zerbrechlich, während die beiden Ave Maria-Versionen – Caccini und Tarjas eigenes – den Raum zum Stillstehen brachten. Man hatte kurz das Gefühl: Hier reicht wirklich nur diese Stimme. Alles andere ist Luxus.

Ein überraschender Kontrast kam mit der instrumentalen Version von „Rudolph the Red-Nosed Reindeer“. Keine Kitschfalle, sondern eine atmosphärische Interpretation mit E-Gitarre, E-Cello und Piano – ein Beweis dafür, wie stark und feinfühlig diese Liveband arbeitet.

Als Zugabe folgte „Walking in the Air“, seit Jahren fester Bestandteil ihres Weihnachtsprogramms, hier in einer neuen, eigenständigen Version. Und zum Abschluss: „Stille Nacht“, auf Deutsch gesungen. Schlicht. Würdevoll. Und genau richtig.
Nach exakt 90 Minuten war Schluss – auch wenn niemand im Raum bereit dafür war. Standing Ovations, Herzchen in der Luft, dieses kollektive „Noch nicht gehen wollen“. Tarja verneigte sich sichtbar gerührt. Und man wusste: Das war verdient.

Unterm Strich lässt sich dieses Konzert kaum mit dem von 2023 vergleichen. Schlachthof und Lukaskirche sind zwei völlig unterschiedliche Welten. Der Schlachthof bot mehr Tiefenwirkung, mehr klassische Bühnenoptik. Die Kirche dagegen schuf Nähe, Andacht und eine fast intime Intensität. Beides hat seine Berechtigung. Beides sollte man erlebt haben.

Für mich steht fest: Tarja Turunens Weihnachtskonzerte sind keine bloßen Termine mehr. Sie sind eine Tradition. Eine, auf die man sich jedes Jahr freuen darf. Und sollte.
Galerie (by Kristin Hofmann bs! 2025)
Tarja Turunen (12.12.2025, Dresden)
Setlist:

- Have Yourself a Merry Little Christmas (Instrumental)
- The First Noel
- What Child Is This?
- Together Enkelikello
- Mielenrauhaa
- White Christmas
- Angels We Have Heard on High
- Amazing Grace
- Rudolph the Red-Nosed Reindeer (Instrumental)
- O Come, O Come, Emmanuel
- Dark Christmas
- Pie Jesu
- Ave Maria (Giulio Caccini cover)
- Ave Maria
- Oh Holy Night
- Walking in the Air
- Stille Nacht
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