Review: Biffy Clyro – Arms in the air, mood is in the gym (11.02.2017, Hannover)

Biffy Clyro (Foto: Torsten Volkmer bs! 2017

Anfang November 2016 machten Biffy Clyro noch einen Bogen um Hannover und besuchten dafür Hamburg. Die Nachfrage war groß und so sind die Schotten jetzt für drei zusätzliche Deutschland-Shows zurück, diesmal auch in Hannover.

Biffy Clyro sind keine Straight-Ahead Rockband. Dafür sind sie zu vielschichtig, vielleicht kann man sogar komplex sagen. Um so erstaunlicher ist der breit aufgestellte Querschnitt an Gästen, die die Einlassgitter der ehemaligen Stadionsporthalle heute Abend passieren. Unter den 4.600 BesucherInnen tummeln sich zu gleichen Teilen Männlein wie Weiblein zwischen 20 bis 50 Jahren. Väter treffen sich hier mit ihren Kumpels, um Bier trinken zu gehen und die Gehörgänge nochmal frei gepustet zu bekommen. Andere wiederum werden nach dem Konzert von ihren Eltern abgeholt. Biffy Clyro haben es nach 21 Jahren Bandgeschichte und fast pausenlosen Touren offensichtlich geschafft.

Aviv Geffen (Foto: Torsten Volkmer bs! 2017)

Aber erstmal kommt Aviv Geffen. Der israelische Songwriter ist mit seiner fünfköpfigen Band der Opener des Abends. Nach einigen Soloplatten, die fast ausschließlich in Israel erfolgreich waren, gründete er 2004 mit Steven Wilson von Porcupine Tree die Band Blackfield. Der mittlerweile fünfte Release dieser Band war dann wohl auch der Anlass, die Werbetrommel in Form eines Support-Slots zu rühren. Poppig bis leicht rockig  – der Steven Wilson/Pink Floyd Einschlag deutlich hörbar – tut hier keinem weh. Wirklich schön anzuhören. Aber haut auch niemandem aus seinem Schuhwerk. Ist halt so `ne Sache mit dem Querschnitt. Der ist bei Aviv Geffen deutlich kleiner. Die schon sehr gut gefüllte Halle klatscht höflich Beifall.

Aviv Geffen (Foto: Torsten Volkmer bs! 2017)

Dann Warten. Der Bühnenumbau zieht sich. Bewegt sich etwas auf der Bühne, schwappt schon Euphorie durch die Menge. Aber es ist dann doch nur der Roadie, der nochmals „One, Two, One Two“ propagiert. Endlich gehen die Lichter aus, Jubel brandet auf, ein noisiges Telefonhörer-Intro ertönt. Und da sind sie. Biffy ClyroSimon Neil und die beiden Johnston-Zwillinge betreten die Bühne. Mit dabei, während des gesamten Konzerts am Bühnenrand positioniert, die beiden ehemaligen Oceansize-Musiker Mike Vennart (Gesang/Gitarre) und Richard „Gambler“ Ingram (Keyboards). Um den dichten Sound der Biffy-Alben angemessen umsetzen zu können, ganz sicher nötig. Macht Sinn.

Sie beginnen mit dem Ellipsis-Opener „Winter of Wolves“. Laut, sehr laut. Und sehr hell. Verantwortlich dafür ist die monströse Lichtanlage, bestehend aus zwölf großen Scheinwerfer-Rauten á 9 Spots, die in sämtlichen Farben und Kombinationen, aber vor allem in Zusammenarbeit mit der Bassdrum, funkeln können. Arme in die Luft, Stimmung in der Turnhalle. Ich will eine Sonnenbrille.

 „Living is a Problem because everything dies“

Biffy Clyro (Foto: Torsten Volkmer bs! 2017

Gleich danach kommt für die Langzeitfans „Living is a Problem because everything dies“ von der Puzzle. Arme sind noch in der Luft, aber bei diesen vertrackten Breaks und krummen Takten, verlangen die Drei schon so einiges vom Publikum. So sind Biffy Clyro eben. Über die Jahre haben sie diese Vertracktheit und ihren eigenen musikalischen Anspruch jedoch kultiviert und mit immer mehr Pop-Appeal versehen. Bis hin zum Bombast und der Energie von Opposites. Von dem Album folgen auch die nächsten drei Stücke „Sounds like Ballons“, das fantastische „Biblical“ und das mit sehr viel Power vorgetragene „Victory over the Sun“. Jeder, der heute vielleicht nur zufällig von seinen Freunden mitgeschleppt wurde, müsste spätestens jetzt überzeugt worden sein.

Die super abgestimmten Gesänge von Neil, den beiden Johnstons und Vennart machen hier richtig Spaß. Es folgen „On a Bang“ vom aktuellen Album, das wunderschöne „Opposite“ und der Sing-A-Long „Bubbles“ von der Only Revelations, um dann mit „57“ ,verwurzelt in ihrer frühen Bandgeschichte, den Album-Querschnitt rundzumachen.

Biffy Clyro (Foto: Torsten Volkmer bs! 2017

Gesprochen wird wenig. Wenn, dann wirkt Simon Neil eher schüchtern. Wie ein kleiner Junge, der es nicht so richtig fassen kann. Und das nach all den Jahren auf den Bühnen dieser Welt. Musikalisch nimmt er da eher kein Blatt vor den Mund. Songdienlich virtuos sorgt er quasi im Alleingang für den harmonischen Klangteppich – nur um das Nötigste unterstützt von den Begleitmusikern Vennart und Gambler – während Ben und James Johnston an Schlagzeug und Bass unglaublich tight für so fette, wie verschrobene Brüder-Grooves sorgen.

Biffy Clyro (Foto: Torsten Volkmer bs! 2017

Weiter geht das Album-Hopping. Absolut tanzbare Bastarde schlagen trotz der unterschiedlichen Schaffensphasen den Bogen. Der Opposites-Hit „Black Chandelier“ reiht sich nahtlos ein, gefolgt vom neuen Spotify-Number 1-Song „Re-Arrange“ – der ist eher so Dü-Dü-Dü. Aber auch das ist Biffy Clyro: ruhig, leise und poppig, Und dann wieder böse abgehend. Mit „In the Name of the Wee Man“, einem Bonus Track zwischen all den Hits. Schade nur, dass sie von den zahlreichen, sehr guten B-Sides-Alben kein Stück in der Setlist haben. Auch fehlt die aktuelle Single „Howl“.

Biffy Clyro (Foto: Torsten Volkmer bs! 2017

Stattdessen wird mit „That Golden Rule“ und „Many of Horror“ wieder bewährtes Hitmaterial vor der verdienten Pause gespielt. „Wir-Wollen-Mehr“-Rufe. natürlich. Und völlig zu recht. Will ich auch.

Schon nach wenigen Minuten erscheint der durchgeschwitzte Simon mit seiner Akustikgitarre und spielt ein intimes „Machines“. Man bemerkt gar nicht, wie der Rest der Band zum Ende des Songs wieder an Ort und Stelle steht und mit „Animal Style“ nochmal losbrettert. Arme in die Luft, Stimmung in der Turnhalle. Und mit dem großartigen „Stingin’ Bell“ verabschieden sich die Schotten.

Text: Martin Möller

Galerien (by Torsten Volkmer bs!):

Aviv Geffen (Foto: Torsten Volkmer bs! 2017)

Setlist Aviv Geffen:

  1. Faking*
  2. Miss U*
  3. Oxygen*
  4. Pain *
  5. Where Is My Love?*
  6. We’ll Never Be Apart*
  7. Hello*
  8. Cloudy Now*

*Blackfield cover

 

 

Biffy Clyro (Foto: Torsten Volkmer bs! 2017

Setlist Biffy Clyro:

  1. Intro
  2. Wolves of Winter
  3. Living Is a Problem Because Everything Dies
  4. Sounds Like Balloons
  5. Biblical
  6. Victory Over the Sun
  7. On a Bang
  8. Opposite
  9. Bubbles
  10. 57
  11. Friends and Enemies
  12. The Captain
  13. The Joke’s on Us
  14. Black Chandelier
  15. Re-Arrange
  16. Medicine
  17. Glitter and Trauma
  18. Mountains
  19. In the Name of the Wee Man
  20. Flammable
  21. That Golden Rule
  22. Many of Horror
    Encore:
  23. Machines
  24. Animal Style
  25. Stingin‘ Belle
Biffy Clyro (Foto: Torsten Volkmer bs! 2017

Links:
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