Review: Captain’s Diary, Matze Rossi, Wunderbar (04.02.2017, Westerstede)

Matze Rossi (Foto: Thea Drexhage bs!)

Westerstede ist sicher nicht als Rock ’n‘ Roll Hauptstadt Deutschlands bekannt, oder überhaupt bekannt. Irgendwo zwischen Oldenburg, der Nordsee und den Niederlanden versteckt sich in eben dieser kleinen Kleinstadt die Wunderbar und irgendwas muss dieser Laden an sich haben, denn tatsächlich verirren sich regelmäßig Künstler in die kleine Kneipe, um die Westerstederer? Westerstederander? Westerstedis? Westerstedinger? mit guter Musik zu unterhalten.

Beim Betreten der Wunderbar fällt als erstes das am Deckenventilator aufgeknüpfte Weihnachtswichtelzipfelmützenwesen auf, welches damit droht, jeden Gast mit einer Körperlänge von über zwei Metern zu erschlagen. Auf Konzerten für das oder ein oder andere kleine Gästchen sicher wünschenswert. Nach dem Überwinden dieser gemeingefährlichen Falle entdeckt mensch jedoch eine wirklich schöne, kuschelige Location, in der die nach und nach eintreffenden Gäste bestens mit Speisen und Getränken (zu echt fairen Preisen) von dem gut gelaunten Personal beglückt werden. Eine kleine, alternative Oase im spießbürgerlichen Ammerland, in der es sich sicher auch ohne Konzert gut aushalten lässt.

Captain’s Diary (Foto: Thea Drexhage bs!)

Nach diversen Drinks startet um 21:00 Uhr das eigentliche Programm mit Captain‘s Diary aus Oberhausen, den sich Matze Rossi als Vorprogramm eingepackt hat. Die Wunderbar hat sich inzwischen gut gefüllt und aufgeheizt. Sehr, sehr nervös betritt der Captain mit seiner Klampfe die kleine Bühne, stellt sich artig vor, dankt Matze und legt los.

Seine Songs tragen Namen wie: „Der Punk“, „DIY until I Die“, „Als Munition die Illusion“, „Kaffee oder Tee“ und „Denkerkopf vs. Flausen“. Die Gäste treffen auf klassisches, deutsches Liedermaching und versammeln sich nah vor der europalettenhohen Bühne. Beim Spielen der Songs ist die Nervosität von Captain’s Diary kaum noch zu spüren, in den Pausen jedoch umso mehr.

Captain’s Diary (Foto: Thea Drexhage bs!)

Da kommt ein Schnaps von hier und da ganz gelegen. Solide performt er Songs seiner Ersten Platte „Als Munition die Illusion“, in denen er sehnsüchtig über alte Punkerzeiten singt. Er stellt ebenfalls Stücke seines kommenden Albums vor, welches er mit Matzes Hilfe herausbringen wird. Darauf befinden sich dann Weisheiten wie:

„Du steckst den Kopf nicht in den Sand, denn Sand schmeckt scheiße.“

Captain’s Diary (Foto: Thea Drexhage bs!)

Zeilen, die dem Publikum einen kleinen Lacher entlocken können. Leider schafft Captain‘s Diary es nicht, das Publikum komplett in seinen Bann zu ziehen. Von hinten an der Bar droht lautes Gerede den Künstler zu übertönen, vor der Bühne sind die ZuhörerInnen jedoch angetan. Für sein letztes Stück „DIY until I die“ stellt sich der Captain, der mit bürgerlichem Namen Sebastian Müller heißt, ins Publikum und schafft es doch noch, den ein oder anderen Gast zum Mitsingen zu animieren. Sichtlich erleichtert verlässt Captain’s Diary nach einem recht langen Set die Bühne und übergibt das Mikro an Matze Rossi.

Der Vorteil bei SolokünstlerInnen in diesem Genre ist, dass sie mit leichtem Gepäck reisen. So geht die „Umbaupause“, sofern man es so nennen will, schnell von der Hand und noch bevor mensch am Tresen den Namen der Wunschbiersorte voll ausformuliert hat, betritt auch schon ein über beide Ohren strahlender Matze Rossi die Bühne:

„Awww, wir sind wieder in Westerstede.“

Matze Rossi (Foto: Thea Drexhage bs!)

Die ersten Töne von „Analog am Stück“ erklingen und erlauben ein tiefes Durchatmen. Konzerte von Matze Rossi sind immer etwas Besonderes. Immer positiv. Sie erlauben es, in dieser hektischen Zeit zu entschleunigen und die negativen Nachrichten der Außenwelt für die Dauer von etwa 20 Liedern auszublenden. Es ist ein heimeliges Beisammensein. In der Wunderbar scheint sich über viele Jahre ein Stammpublikum etabliert zu haben, alles wirkt selbstverständlich und vertraut.

Matze spielt Stücke quer durch seine Diskographie, darunter der Tagtraum-Klassiker „Balsam“ und mit „We’re not fucked“ und „Oh my my my“ auch zwei Songs seiner Punkband Bad Drugs. Ein gesunder Mix aus neu und alt beschallt die Wunderbar. Die Gäste singen jeden Song aus vollem Herzen mit und sind stellenweise textsicherer als der Künstler selbst. Bei über einer Dekade voller Songs kann man schon mal das ein oder andere Wort vergessen. Wie Matze dem Publikum eröffnet wird er bald 40. Mitleidsbekundene „ooooooooochs“ schallen ihm entgegen, aber er kontert, das Älterwerden sei nicht schlimm, Alt sei das neue Jung und 60 ist schlimmer als 40. Haben wir wieder was gelernt.

Matze Rossi (Foto: Thea Drexhage bs!)

Im Publikum fließt der Schnaps, die Stimmung wird immer heiterer und nach und nach erreichen auch so einige Schnapsgläser wie aus Geisterhand die Bühne. Die Musik wird lauter, das Publikum tanzt und singt sich die Stimmen heiser. Während Tim Bendzko noch seine Mails checkt, entscheidet sich Matze immer wieder für das Mädchen, wer letztendlich die Welt rettet, bleibt wohl ein Rätsel. Aber bei 90 Konzerten in 9 Monaten bleibt für solch banale Dinge auch kaum Zeit.

Ein Song folgt dem anderen. Mit „Kein Zweifeln und Bedauern“, „Erwähl mir Nichts“, „Wenn ich mal“ und „Wovon sollen wir leben“ gibt es nur relativ wenig Songs der aktuellen Platte „ich fange Feuer“ zu Hören. Dafür jedoch mit „Das ist für die Lieblingslieder“ und „Dreh mich“ zwei Klassiker, die das Publikum zur höchsten Form der Euphorie antreiben. Auf „Balsam“ folgt das wundschöne „Wunder“.

Sie verbergen sich in den einfachen Dingen
Sind gegenwärtig, alltäglich und scheinen schlicht und still
Du kannst sie nicht besitzen
doch das muss dich nicht quälen
Du kannst nur üben und üben und üben
mit deinem Herz zu sehen

Matze Rossi (Foto: Thea Drexhage bs!)

Für das bewegende „Best Friends“ verlässt Matze Rossi die Bühne und stellt sich in die kleine Menge. Das Publikum singt in ohrenbetäubender Lautstärke mit, um den 2014 verstorbenen Rep Tape Parade – Sänger Wauz, dem Matze Rossi dieses Lied widmet, zu ehren. Mit „Wovon sollen wir leben“ und „Dreh mich“ beendet ein völlig erschöpfter Matze Rossi den Abend. Es ist immer wieder erstaunlich zu sehen, wie Matze Rossi es „nur“ mit seiner Stimme und einer Gitarre schafft, ein Publikum so für sich einzunehmen, mitzureißen und zu berühren.

Ein Talent, das sicher nur ganz wenigen auf diesem Gebiet mitgegeben wurde.
Danke dafür!

Galerien (by Thea Drexhage bs!):

Setlist Matze Rossi:

  1. Analog am Stück
  2. Bald zu Haus
  3. Ich lasse mir nichts mehr nehmen
  4. Ich hoffe, dass du findest was du suchst
  5. We’re not fucked
  6. Wir wollen doch gut aussehen
  7. Ich zweifel also bin ich
  8. Das Mädchen, die Rettung der Welt und ich
  9. Kein Zweifeln und Bedauern
  10. Erzähl mir nichts
  11. Alles was du willst
  12. Schwimmen
  13. Wenn ich mal
  14. Alles oder nichts
  15. Oh my my my
  16. Das ist für die Lieblingslieder
  17. Balsam
  18. Wunder
  19. Best Friends
  20. Wovon sollen wir leben
  21. Dreh mich

 

Links:
www.matzerossi.com
www.captainsdiarymusic.tumblr.com

 

Vorheriger ArtikelReview: Helmet zum Dritten (26.01.2017, Hamburg)
Nächster ArtikelReview: Biffy Clyro – Arms in the air, mood is in the gym (11.02.2017, Hannover)
Thea Drexhage
Thea Drexhage hat Salma Hayek einiges voraus! 10 mm. Wie die meisten Frauen der Redaktion, Duffy, Beth Ditto, Joan Rivers oder Angus Young kann sie die MusikerInnen aus dem Bühnengraben also völlig problemlos sehen, wenn jemand ihren Hocker trägt, wird aber - das hat sie mit Salma dann doch wieder gemein - dennoch viel zu oft auf Ihre Körpergröße, ihre Mähne und ihre leicht misanthropischen Anflüge reduziert. Damit sie also nicht im nächstbesten Titty Twister von Sonnenunter- bis Sonnenaufgang Menschenmengen und Bläser mätzelt, halten wir “Aggro-Thea”, die zuvor ganze Landstriche in Mecklenburg Vorpommern ausgerottet hat, halbtags im spießbürgerlichen Oldenburger Exil an der langen Leine. Seither legt sich die scheißpünktliche existentialistische Besserwisserin analog mit Sartre, Camus & Kodak an und ja, auch wir müssen neidlos zugestehen, dass der Instagram-Account ihrer beiden Katzen “Salma” und “Hayek” mehr Follower pro Tag hat, als unser webzine im ganzen Jahr.