Manchmal muss man erst die unbequemen Dinge aus dem Weg räumen, bevor man sich auf Spaß einlassen kann. So auch beim Watt En Schlick 2026. Als Festivalleiter Till Krägeloh das diesjährige WES mit etwas ernsteren Worten als sonst über die Herausforderungen der freien Kulturszene eröffnet, zieht sich der Himmel über dem Strand zu. Pünktlich zu Das Lumpenpack öffnen sich die Schleusen mit Gefahr eines androhenden Gewitters, weshalb oben kurz vorsorglich der Einlass gestoppt wird. Die Gäste auf dem Gelände merken davon nix und werfen sich routiniert in die Regenklamotte – und das sollte dann auch das einzige Mal an diesem Wochenende bleiben!

Das Lumpenpack ist wetter- und strandfest, hat Förmchen und Eimerchen dabei und gönnt sich eine kleine Sandburgenauszeit im Moshpit – ist so gut vorbereitet sein noch Punkrock? Sie sind ja schließlich nicht das erste Mal in Dangast und wissen daher, wie der Hase läuft. Ein energetischer Opener, der das Festivalgelände bereits gut füllt. Für den restlichen Festivalverlauf sollte es auf dieser Bühne nicht nochmal so rockig werden, aber die vermittelten Botschaften waren – ganz unabhängig vom Genre – sehr ähnlich: Fickt das Patriarchat, macht was gegen den Rechtsruck, nehmt aufeinander Rücksicht, unterstützt die freie Kultur.
So einfach kann es sein!

Auf der in diesem Jahr deutlich größeren Zeltbühne übernehmen die belgischen Dressed Like Boys mit einem angenehmen, unaufgeregten Set – 70’s trifft Moderne. Die Gruppe um Jelle Denturck behandelt zutiefst persönliche und queere Themen und ist ein hervorragendes Beispiel für spannenden musikalischen Nachwuchs auf Festivalbühnen. Ganz ähnlich verhält es sich im Anschluss mit Westside Cowboy aus Großbritannien. Der Hype um die Band, der auf der Nachbarinsel herrscht, scheint noch nicht komplett in Dangast angekommen zu sein, doch die Leute, die vor der Bühne stehen, werden sicherlich Freunden und Bekannten von diesem zutiefst sympathischen Auftritt erzählen.

Kultkuchen

Mindestens genauso wie der Rhabarberkuchen vom Kurhaus Dangast gehört auch Flowin Immo zum Inventar des Festivals. Dieser präsentiert seine glänzend neue Palettenbühne. Nicht mehr so rau an den Ecken und so geplant, dass sie hoffentlich auch die nächsten zehn Festivaljahre übersteht. Darauf gibt’s zur Entweihung wie immer eine Impro-Session, in der Publikum und Immo mit wirren Worten um sich schmeißen. Leider beginnt hier auch das Dilemma der zeitgleich bespielten Bühnen – denn wer sich bei Immo niederlässt, verpasst die östereich’schen Kreisky auf’s Floß und das ist wirklich schade, denn dort gibt’s Eskalation im Anzug – Falco trifft Rio Reiser trifft Tocotronic mit einer extra Portion Pathos.


Mit Jassin auf der Hauptbühne und Fayan auf der Palette wird im Anschluss eher das jüngere Publikum bedient – gute Typen mit guten Ansichten, musikalisch aber nur wenigüberraschend. Für die Überraschung gibt’s dafür Lézard auf dem Floß. Noch eine Gruppe aus Belgien, die sich an ganz verschiedenen Genres von Rock bis Elektro bedient und einen bestens tanzbaren eigenen Sound erschafft. Hinzu kommt die Mitreißende Art von Frontfrau Myrthe Astra, der man sich kaum entziehen kann. Falls doch lohnt sich ein Blick zu The Cavemen, die im Zelt zu zweit feinste Afro-Beats auf die Bühne bringen. Vorn am Strand geht es weiter mit Disarstar – Rap mit Haltung und klaren Worten in Richtung Regierung: Merz le…

Mehrzweckeier

Auf La Mer werden indes ein großer Flügel und Synthies auf die Bühne geschoben. Der großartige Martin Kohlstedt schaut endlich wieder in Dangast vorbei. Mit seiner Improvisationskunst und charmanten Zerstreuung zwischen den Songs kann man sich dem Dargebotenen kaum entziehen, sodass wir nur die letzten Minuten von der „multirkulturellen“ Rapperin Tracy De Sá erwischen – aber was war denn da bitte für eine wilde Party vor der Palette? Gute Stimmung garantieren auch immer wieder die Giant Rooks – Stammgäste am Kurhausstrand. Mit ihrem frischen Indie-Rock schaffen sie es Jahr für Jahr, das Publikum zu begeistern. Kein Wunder also, dass sie heute das Programm auf der Hauptbühne abschließen dürfen.

Samstag


Der Samstag startet eher gelassen mit panicbaby, die den Frühaufstehern liebliche Popsongs um das Ohr säuselt – ein guter Soundtrack für einen ersten Kaffee und ein Stück warmen Rhabarberkuchen. Auch mit JAS, Jo The Man The Music und Frau Lehman auf den kleinen Stages wird noch niemand so richtig wachgerüttelt, aber immerhin gaaaaaanz langsam auf für das folgende Programm eingegroovt.

Bei Majan ist es Zeit für einen zweiten Kaffee. Wirklich keiner dieser Acts ist schlecht, aber leider auch nichts, was auf einem Festival eine größere Menge Zuhörende vom Hocker reißt. Ist das Watt en Schlick etwa zahm geworden? Genau wenn man das denkt, kommt Grim 104 auf die La Mer Bühne, zeigt Zähne und spuckt seine wütenden Songs um sich. Ob auch Gäste aus seiner Heimatstadt Zetel vor Ort sind, oder haben die alle Hausverbot? Mit Rap soll es weitergehen. Zurück in die frühen 2000er mit Afrob und Ferris MC auf der Main Stage. Solide Show, aber man merkt auch, wie lang die beiden schon im Business sind – alles wirkt sehr routiniert und nur wenig überraschend. Für die Party sorgt dann Jule X im Zelt. Schwiizerdütsche Moshpits am Wattenmeer gab es mit Sicherheit noch nicht allzu oft – kommt vor allem bei den jüngeren gut an. Für die Elterngeneration rappt indes Main Concept. Also MC DavidPe und DJ Explizit ganz Oldschool auf der Palette.

Tits and Ass

Wir merkwürdig das Hauptbühnenprogramm in diesem Jahr ist, zeigt im Anschluss eindrucksvoll Alizade. Behält man im Kopf, dass die Frau eher wegen ihrer Geschichte und ihrer Botschaft als wegen ihrer Musik erfolgreich ist, kann man die Show ganz gut anschauen. Es geht um Freiheit und Selbstbestimmung in einer Welt voller Despoten – damit kennt sie sich aus. Geboren in Moskau und ausgewiesen aus der Türkei hat sie viel zu erzählen – ob dafür ihre hypersexuelle Selbstdarstellung zwingend erforderlich ist, ist, wie in der Kunst üblich und nötig, streitbar. Auf der Palette grinst anschließend Noah Kraus von Ohr zu Ohr. Man kennt ihn durch „Alles nur geklaut“ oder seine Version von Wir sind Heldens „Nur ein Wort“ – genug eigene Songs und Ideen hat er aber auch dabei. Gute Stimmung. Gute Nummer.


Den Slot zum Sonnenuntergang bekommen Von Wegen Lisbeth, die den Platz vor der Hauptbühne das erste Mal richtig voll machen. Auch sie kennt man in Dangast schon. Tanzbarer Indie mit Witz, aber im Jahr 2026 auch schon wieder etwas aus der Mode gefallen. Frischen Wind bringt Leona Jacewska auf die Palette. Ein kleiner Rave ist genau das Richtige, um sich auf Headliner Sebastién Tellier vorzubereiten. Dieser bedient alle französischen Klischees und nimmt mit Wein und Kippe Platz am Klavier. Eine gewaltige Lichtshow trifft elektronische Popmusik und fast vergessene Rockstarmanier. Tellier weiß mit seinem Charme umzugehen und selbst mit Musik, die schon etwas aus der Zeit gefallen ist, einen würdigen Headliner zu geben.

Sonntag – Lokalkolorit

Der Sonntag beginnt sportlich mit der Weltmeisterschaft im Schlickrutschen, während im Hintergrund schon Jupiter Jones aufbauen. Ob dies wohl der merkwürdigste Soundcheck ihrer Karriere ist? Diese Eröffnen den Sonntag auf der Hauptbühne mit einem wunderbaren Set quer durch ihre Diskografie. Aber auch neues Material des jüngst erschienenen Albums „Ich trag den Sarg, du trägst was Buntes“ ist dabei. Die klaren Worte der neuen Songs finden genauso guten Anklang wie der Alltime-Klassiker Still.

Der größte aller Fehler ist das Patriarchat, tada.

Auf den Punkt. Die Palette ist im Anschluss wieder für eine Überraschung gut. Dort steppt der Bär, äh, die One Rusty Band. Also die steppt wirklich. Und spielt Banjo. Und Waschbrett. Eine willkommende Überraschung. Genau wie EDB, die ein paar Meter weiter das Floß rocken. Der Sonntag hat noch einige solcher Aha und Oho-Momente in petto. Il Civetto und Marlo Grosshardt gehören nicht dazu. Beide kennt man durch unermüdliche Touren. Beide machen einen soliden Job. Lynx IRL ist aber wieder so ein Act, mit dem man nicht gerechnet hat. Die französische Rapperin spielt mit Genres, findet ganz Laute und auch ganz leise Töne und begeistert vor allem mit unbändiger Spielfreude. Im Vorzelt sind indes spontan Jaques Palminger und Franscesco Wilking für den verhinderten Heinz Strunk eingesprungen. So ein Watt En Schlick ohne Wilking geht ja auch einfach nicht.
Anatolische Folklore


Auf der Mein Stage ist auch etwas gänzlich Neues. Derya Yıldırım & Grup Şimşek geben Einblicke in das traditionelle Erbe ihrer Kultur und vermischen dieses ebenso mit modernen Klängen. Das passt gut an den Strand, durch das Treiben in Watt und Sand geht vieles jedoch gerade an den Rändern des Publikumsbereichs unter. Benny Sings schafft es noch weniger, eine wirklich große Menge vor der Hauptbühne zu versammeln. Es ist wirklich schade, dass vieles dort in diesem Jahr eher zur Hintergrundmusik verkommt. Die Energie, die Benny Sings fehlte, haben ok.danke.tschüss in ihrem Set gebunkert. Jung, vital, schwarzhumorig – das zieht im Zelt. Auch auf den anderen Bühnen ist gut was los. Das Bo bringt Hip-Hop Klassiker auf die Palette während Cordoba 78 richtig guten österreichischen Indie-Rock auf dem Floß abfeuern.


In den goldenen Sonnenuntergang spielt heute Holly Humberstone. Die britische Alternative-Pop-Sängerin bringt echtes Stargefühl nach Dangast. Ein hervorragend produzierter, allglatter Auftritt von internationalem Format, der zeitlich kaum hätte besser gesetzt worden sein. Natürlich hätte hier schon Schluss ein können, aber mit den Immo Allstars folgt auf der Palette das eigentliche Herzstück des Festivals. Hier finden sich nach drei Tagen jene Überlebende Musiker*innen ein, die noch ein Quäntchen Energie übrig haben für eine kleine Jam-Session. Neben Musiker*innen finden zunehmend auch mehr Crewmitglieder Platz an den Instrumenten, was das Ganze noch besonderer macht. Ob man Franscesco Wilking an diesem Point in Time nun als Musiker oder Ehrenteammitglied einordnen will, sei jedem frei überlassen, aber es ist schön, dass auch er fast immer dabei ist.
Die Sonne geht unter
Doch wir fangen erst an
Und jeder macht das
Was er am besten kann

Nach diesen besinnlichen Worten gibt’s mit Meute einen letzten großen Rumms. Techno-Brass-Pop-Wasauchimmer. Fette Lichtshow. Beste Stimmung. Ein paar letzte Dancemoves und dann müde ins Zelt. Das war das Watt En Schlick 2026 mit einem Programm voller Höhen, aber auch mit ein paar Tiefen. Natürlich ist man als Gast verwöhnt von den großen Namen der letzten Jahre und geht daher mit hohen Erwartungen an so ein Event heran, doch die Enttäuschung über fehlende Highlights war 2026 unter den Gästen allgegenwärtig. So war das Hauptbühnenprogramm eher träge und auch an den Rändern war die Juwelendichte nicht so hoch wie sonst. Aber das Watt EN Schlick lebt nicht nur von der Musik, sondern vor allem von der Atmosphäre und diese war wie immer ungeschlagen gut. Sand zwischen den Zehen, Wind um die Nase, Sonne im Gesicht und Musik in den Ohren. Die Menschen sind friedlich und fröhlich. Kinder können unbehelligt einfach sein und spielen. Stark betrunkenen Menschen begegnet man nur selten und insgesamt wirkt alles einfach familiär und vertraut. Bereits einen Tag nach Festivalende hat der VVK für das Watt En Schlick 2027 begonnen. Wer sich eine Karte schnappen möchte, hat noch immer eine Chance.

Galerien (by Thea Drexhage bs! 2026)
Watt En Schlick 2026
Links:
Watt En Schlick Fest


