Review: Keine ruhige Minute beim Afdreiht un Buten (2019)

Atmo/Impressionen (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)

Schon zum achten Mal veranstaltet der Jugendkulturverein das Afdreiht un Buten Festival am Hartenbergsee nahe Vechta, mit einem Line-Up, das durch einen Mix aus lokalen Bands und internationalen Größen über 1500 Fans aus dem Bereich Punk und Hardcore ins sogenannte Hinterland lockt.

Chiffre (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)
De Schkandolmokers (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)

Das Festival startet am Freitag mit freiem Eintritt für alle. Auf der kleineren Festivalbühne beginnt das Programm mit der Osnabrücker Hardcore Band Chiffre, die sich von der Leere vor der Bühne nicht beirren lassen und ihren melodischen Hardcore mit deutschen Texten sauber ablieferte.
Deutsche Texte sind ja schön und gut, aber wie wär’s denn mal mit Plattdüütsch? Kein Thema! Gibt ja De Schkandolmokers aus Ollnborg, die uns was übers „Trekker Förn“ singen – ne wichtige Thematik im Oldenburger Münsterland, der musikalisch definitiv zu wenig Beachtung geschenkt wird! Ganz nach dem Motto

„Too drunk för Platt“

gibt’s vorm Auftritt erstmal n‘ Schnäppi für Band und Gäste, so wird’s auch voller vor der Bühne.
Davon können auch die späteren Bands profitieren. Mit Skin of Tears finden sich im Anschluss alte Punkrockpioniere auf der kleinen Bühne des Afdreiht un Buten ein und bringen die Leute mit ihrem gut gelauten Mix aus Punk und Ska in Bewegung.

Skin of Tears (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)

Mit etwas weniger Punk und einer ordentlichen Portion Folk übernimmt im Anschluss North Alone, das verhältnismäßig junge Projekt von Sänger Manuel North aus Osnabrück, die Bühne und kann mit tollem Klang auf ganzer Linie überzeugen, kein Wunder also, dass sie bereits im Vorprogramm zahlreicher Szenegrößen wie Flogging Molly oder Frank Turner zu finden waren.

North Alone (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)

Als Abschluss für den Freitag konnten die OrganisatorInnen mit The Casualties noch einen richtigen Kracher aus dem Hut zaubern. Zwar ist von der Originalbesetzung der knüppelharten New Yorker Streetpunkband niemand mehr übrig, dennoch ist der Zulauf vor der Bühne groß. David Rodriguez, der neue Mann am Mikrofon, lässt keine Zweifel an der Richtigkeit der neuen Besetzungswahl offen, wirbelt über die Bühne wie besessen du lässt sich den Kontakt zum Publikum nicht nehmen. Ein gelungener Abschluss für den ersten Festivaltag.

The Casualties (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)

Am Samstag öffnet der gesamte Festivalground, sodass heute auch die große Bühne im Amphitheater bespielt werden kann, was bedeutet, dass im Wechsel auf beiden Bühnen insgesamt 15 Bands auftreten werden. Das ist einerseits ziemlich geil, weil zahlreiche Bands aus der Region die Chance kriegen, sich zu präsentieren und gleichzeitig genügend bekannte Acts gebucht werden können, um Gäste anzulocken. Es bedeutet jedoch auch, dass die Spielzeiten, mit im Schnitt etwa 40 Minuten recht kurz ausfallen und nicht immer ausreichen, um komplett mit einer Band warm zu werden.

Atmo/Impressionen (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)
Thee Plastic Eaters (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)

Den Anfang am Samstag machen Thee Plastic Eaters, welche ihr kurzes  Set mit maximal vielen Songs, welche nur selten die 2 Minuten Marke knacken, füllen. Der schnelle, rotzige Punk wird von den anwesenden Gästen hauptsächlich zum frühshoppen genutzt. Es scheint, als müsse möglichst schnell ein möglichst hoher Pegel erreicht werden. Und das führt im Laufe des Tages zu einem unschönen Nebeneffekt: Plastikbecher, überall. ­­­Was vielleicht als Futter für die erste Band gemeint war bietet vor allem bei den letzten Bands ein unschönes Bild. Natürlich wird bei diesem Festival alles von Freiwilligen organisiert und die ein oder andere Sache kann da schnell in den Hintergrund rücken, aber vielleicht wird ja für die Zukunft über ein Pfandsystem nachgedacht? Das Festival selbst setzt, vor allem durch seine musikalische Besetzung, ein klares Zeichen gegen rechts und allgemein für die gute Sache, was wahnsinnig toll ist-dabei sollte dann auch der Umweltaspekt nicht komplett außer Acht gelassen werden, vor allem wenn Infostände wie der von Stop Finning zum Thema Meeresschutz vor Ort sind.

If the oceans die, we die!

Bullseye (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)


Mit gutem Beispiel gehen in diesem Punkt Bullseye voran, die sich während ihres schnörkellosen Hardcore-Sets mehrfach zu Gunsten Sea Shepherds aussprechen und eben diesen mit „Until we die“ auch einen eigenen Song widmen. Auf der kleinen Bühne übernehmen nahtlos die Oldenburger By A Storm mit einem ähnlich harten Set, bevor es mit Kafvka etwas entspannter, aber auch deutlich politischer wird. Der Rapper macht kein Geheimnis aus seinem Hass für Nazis und verarbeitet diesen, mittels sehr deutlicher Parolen, in seinen Songs. Kommt beim Publikum gut an, so gut, dass

Kavfka (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)

Alle hassen Nazis!

auch ohne Strom auf der Bühne von den Gästen weiter skandiert wird. Nach dem kurzen Exkurs in den Hip-Hop wird es jedoch Zeit, wieder zum Punk zurück zu kehren. Empire Me aus Osnabrück stehen bereits auf der kleinen Bühne in den Startlöchern, die mit ihrem amerikanisch angehauchten Punkrock ne Menge Staub aufwirbeln.

Masked Intruder (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)
Masked Intruder (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)

Richtigen amerikanischen Punkrock liefern im Anschluss Masked Intruder ab, und zwar so kriminell gut, dass sie zum Schutz der allgemeinen Allgemeinheit ‘nen eigenen Cop dabei haben, der jeden schiefen Blick mit einem eleganten Stinkefinger abschmettert. Der gutgelaunt ironische Pop Punk kommt zwischen all den Hardcorebands und -fans bestens an, erst recht, als der Cop sich das ganze Geschehen noch aus dem Publikum anschaut – zu reinen Ermittlungszwecken versteht sich!

Shoreline (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)

Es wird wieder lokal: Shoreline aus Münster beschallen den Platz vor der kleinen Bühne mit melodischem, sehr raffinierten Punkrock, der sich eben darum sehr von anderen Bands an diesem Wochenende unterscheidet. Die Show ist erfrischend jung und sticht sicherlich auch dank der angenehmen Stimme von Sänger Hangsol Seung deutlich aus der Masse an Bands an diesem Tag heraus. Als wäre das alles noch nicht gut genug, sammelt die Band im Anschlus auch noch spenden für Sea Watch am Merchstand.

Born From Pain (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)

Mit dem wirklich harten Hardcore von Born from Pain beginnt endgültig das hemmungslose moshen vor der großen Bühne, was auf der harten Betonfläche des Amphitheaters erstaunlicherweise zu keinen größeren Unfällen führt. Dies mag auch am großen Zusammenhalt in der Punk- und Hardcoreszene liegen, welche immer wieder von den Künstlern betont wird. Egal wie wütend das Pit, am Ende passt man doch aufeinander auf, auch wenn, oder gerade, weil auch hier und da der eigene Alkoholpegel an den Lautstärkepegel angeglichen wurde. Immerhin ist der Boden vor der kleinen Bühne bei Giver, denn auch bei den Hardcore-Punkern aus Köln geht es hart zur Sache.

Entspannter wird die Lage bei Los Fastidios – antifaschistischer Ska und Streetpunk aus Italien zündet auch im Norden. Die Band hat wahnsinnig viel Spaß, was sich natürlich direkt auf die Leute vor der Bühne überträgt – politische Botschaften müssen ja nicht immer bierernst sein.

Los Fastidios (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)

Etwas ernster ist mal wohl in Frankreich. Zumindest, wenn es nach LANDMVRKS geht. LANDMVRKS machen Metalcore, und das richtig. Wütend. Laut. Hart. Headlinerwürdig, könnte man meinen, aber der Abend ist noch nicht vorbei, denn nach LANDMVRKS spielen Madball und lassen alle bisherigen Moshpits wie Kindergarten aussehen. Die New Yorker Hardcore-Urgesteine wurden sehnlichst erwartet, schenkt man den zahlreichen Madball-Shirts vor und auf der Bühne glauben. Die Band ist in Höchstform und findet deutliches Gefallen an all den fliegenden Körperteilen vor der Bühne und das ganz ohne Animation.

Madball (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)
Adam Angst (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)

Im Vergleich dazu wirken Adam Angst, die im Vergleich zu sonstigen Shows die Verstärker extra auf 11 gedreht haben, fast harmlos, was das Publikum anfangs irritiert. Es dauert jedoch nicht lange, bis der Charme eines Herrn Schönfuss und Texte von Songs wie D.I.N.N. auch die größten Skeptiker überzeugen können. Zur Zugabe von „Frieda und die Bomben“ verschwindet Felix Schönfuss ins Moshpit, ob er am nächsten Tag beim Aufräumen gefunden wurde, wurde uns bis hier hin leider nicht mitgeteilt.

Gleiche Scheiße, neue Namen
Eskortiert im Streifenwagen
Egal, wie viele das nicht erkennen
Ich werde dich immer Nazi nennen

Auch das schönste kleine Festival muss einmal zu Ende gehen. Zum Glück nicht ohne Knall. Sick Of It All machen beim Afdreiht un Buten den Sack zu! Und wie! 33 Jahre Bandgeschichte und noch lange nicht müde. Im Gegenteil, die Jungs werden jetzt erst richtig warm und heizen den Gästen ein letztes Mal ordentlich ein. Eine Band, die sonst im Line Up der ganz großen Festivals steht in diesem intimen Rahmen zu sehen, macht das Afdreiht un Buten endgültig zu einem ganz besonderen Festival.

Sick of it All (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)

Galerien (by Thea drexhage bs! 2019):

Links:
www.afdreihtunbuten.de
www.stop-finning.com
www.sea-shepherd.de
www.sea-watch.org