Bei der Premiere eines neuen Festivals dabei sein zu können ist etwas besonderes. Vor allem wenn man sich ein Schmuckstück wie das Kill The Light rauspickt. Entdeckt auf Instagram, wo das Festival von Beginn an sehr aktiv war und alle Interessenten mit detaillierten und liebevollen News rund um das Festival und die Location Fürst Stolberg Hütte. Man bekam über die Monate der Vorbereitung das Gefühl, dass dieses Festival nicht nur irgendein weiteres von vielen ist, sondern ein Projekt aus Leidenschaft in dem viel Herzblut und Liebe zum Detail steckt.

Wahrscheinlich hat neben dem Line Up vor allem dies überzeugt und angesteckt und somit über 1.000 Fans in den Harz gelockt. Schließlich ist es doch ein wenig mehr Aufwand für ein 1-Tages-Festival im April eine weitere Strecke auf sich zu nehmen. Die Temperaturen sind zu dieser Jahreszeit meist noch nicht zeltfreundlich, doch Unterkünfte und Wohnmobil-Stellplätze gibt es zum Glück genug.
Allein die Anfahrt durch den verzaubert wirkenden Ort Ilsenburg mit seinen Fachwerkhäusern, Kopfsteinpflastern und dem großen Forellenteich mit Fontänen birgt eine magische Stimmung. Umringt von Natur, dem Brocken im Hintergrund und der ruhigen Idylle vergisst man fast, dass hier noch eine andere Art der Entspannung wartet. Doch die schwarz gekleideten Menschen, die am Festivalmorgen noch zum Brocken spazieren, gehen nachmittags einheitlich in Richtung historische Fürst Stolberg Hütte. Je nachdem wo die Besucher untergekommen sind, führt der Weg entlang der wilden Ilse durch das Örtchen bis hin zu der Hütte, die eigentlich eine große alte Industriehalle ist. Die 1530 erbaute ehemalige Metallgießerei und Eisenmanufaktur wirkt imposant und passt perfekt zu dem bevorstehenden Ereignis. Die Foodtrucks vor den Eingangstüren verbreiten Festivalstimmung und dankbar wird das vielseitige Essensangebot angenommen.

Der Einlass funktioniert reibungslos, fast schon ehrfürchtig schauen sich die meisten erst einmal um. Die Halle ist aufgebaut in einer Mischung aus Marktplatz und Konzerthalle. Hinter dem Eingang befinden sich Stände mit Upcycling Gothic Fashion, dem Merch-Tresen, eine Vintage-Ecke und der festivaltypische Tattoo und Piercing Stand darf natürlich auch nicht fehlen. Die Kulisse ist umringt von Europas größter Eisenofenausstellung, die entlang der Wände zu bewundern sind.
Jeder empfindet Temperaturen zwar anders, doch man kann es in der ungeheizten Halle gut mit Strickjacke aushalten, auch wenn die nächtlichen Temperaturen weit unter 10 Grad liegen. Ein Blick in die Runde bestätigt dies: kaum jemand ist mit einer dicken Jacke unterwegs.

Doch dann ist es endlich Zeit für den Startschuss des Kill The Light 2026. Wisborg sind keine unbekannte Band in der Szene und somit füllt sich die Halle schnell als die Band das Rampenlicht betritt. Als Opener hat man es oft nicht leicht und die Soundeinstellung erweist sich als störrisch, was in solch einer Halle natürlich auch eine große Herausforderung an die Soundtechnik ist. Wisborg meistern das souverän und auch der Stimmung tut dies keinen Abbruch. Sänger Konstatin führt unbeirrt durch die bunt gemischte Setliste und das neueste Bandmitglied Niko begibt sich in die Menge, um hautnah mitzufeiern. Die Freude steht ihm ins Gesicht geschrieben. Zum letzten Song „Spirits That I Called“ sind auch alle aufgewärmt.


Danach leert sich die Halle etwas. Das Duo von Zetra zieht das Publikum leider nicht so stark an wie zuvor Wisborg. Die Band, die ihren Stil als „gothic heavy metal shoegaze“ bezeichnet, füllen nur mit Synthesizern, Gitarre und Drum-Machine den Raum mit ihrem melancholischen, tragenden, atmosphärischen Sound. Nach dem fast schon psychedelisch anmutenden „From Without“ wird es mit Songs wie „Sleepbringer“ und „Care“ etwas rockiger. Der oft zweistimmige Gesang sorgt für Gänsehautstimmung. Zetra schaffen einen verzaubernden Moment nach dem anderen.
Das Publikum schunkelt andächtig und wie im Bann. Doch zu der Coverversion des Klassikers „Mr. Tambourine Man“ wird auch fleißig mitgesungen.
In den Umbaupausen bietet sich immer die Möglichkeit an den Ständen zu stöbern und sich ein Festivalandenken zu besorgen. Das offizielle Festivalshirt wird per Hand im Siebdruckverfahren hergestellt. Ein weiteres liebevolles Detail der Festivalorganisatoren.

Apropos liebevolle Details: auch das Line Up scheint mit Herz handverlesen zu sein. Die folgenden Zeraphine reihen sich wie selbstverständlich ins Programm ein. Sänger Sven zieht die zahlreich erschienene Menge sogleich in seinen Bann. Der charismatische Frontmann leitet mit seiner tiefen, samtigen Stimme durch eine Setlist, die Zeraphines Bandgeschichte umfasst. Von „Die Wirklichkeit“ über eine Coverversion von „Mr. Brightside“ bis hin zu „Be My Rain“ darf mitgesungen, getanzt und geträumt werden. Die gut gelaunten Musiker liefern Balsam für die Seele und das Publikum saugt diesen hungrig auf. Große Emotionen, verpackt in bittersüße Klänge – eine Band, die seit über 25 Jahren immer wieder mitten ins Herz geht und bei der jede Textzeile die Seele berührt.


Ein Dark Rock Highlight jagt das nächste. Lacrimas Profundere sind ein Garant für eine bombastische Liveshow und enttäuschen auch dieses mal nicht. Der energiegeladene Frontmann Julian steht von erster Sekunde an unter Strom. Er animiert das Publikum, das unmittelbar von seiner Energie angesteckt wird. Die Luft flirrt als Klassiker wie „A Cloak Woven Of Stars“ und „Celestite Woman“ die Menge erhitzen.
Doch auch Julian trägt einen großen Teil zu Hitzewallungen bei. Es hält ihn nicht lange auf der Bühne und er begibt sich inmitten des Publikums. Wie ein Tiger geht er inmitten der Fans auf und ab ohne seine Stimme zu verlieren. Wieder on stage entledigt er sich bald seines Shirts und springt bald erneut in die Menge. Auch der Boxenturm ist nicht sicher vor ihm. Geschickt klettert er daran hoch und bringt sie Menge zum rasen. Die Handys laufen heiß und man weiß gar nicht was man als nächstes fotografieren soll. Am besten einfach ohne Telefon genießen, denn ob auf oder vor der Bühne, die eigenen Augen und Ohren und den magischen Moment können spätere Video- und Fotoaufnahmen kaum einfangen. Zu „Father Of Fate“ erarbeitet er sich erneut einen kleinen Graben zwischen den Fans, in dem seiner unermüdlichen Energie freien Lauf lässt.

Die Bandkollegen auf der Bühne rocken solide an ihren Instrumenten und sorgen dafür, dass trotz der nicht optimalen Soundeinstellungen, Stimmung und Atmosphäre ungetrübt bleiben. Vielleicht zieht es Oliver und Ilker auch mal ins Publikum, so wie Niko von Wisborg es getan hat 😉

Auch auf die Headliner von The 69 Eyes ist wie immer immer Verlass. Die hohe Zahl der Fanshirts an den Festivalbesuchern macht klar, dass die Helsinki Vampires nach wie vor angesagt sind. Kaum eine andere Band des Tages passt so perfekt in die Kulisse der alten Halle wie die düsteren Gothrocker. Ein instrumentales Intro des aktuellen Dracula Film-Soundtracks leitet die Show ein. Unter großem Applaus betreten die Bandmitglieder die Bühne und stimmen „Devils“ an. Die Menge wird noch lauter als Jyrkie 69 zum Beginn der ersten Strophe erscheint. The 69 Eyes scheinen immer genau zu wissen, was das Publikum möchte und haben eine hitlastige Setlist im Gepäck. Während Jussi auf seine Drums drischt und Bazie, Timo Timo und Archzie an ihren Instrumenten rocken, legt Jyrkie seine gewohnt lässige und coole Goth N Roll Attitüde an den Tag. Mit seiner tiefen Stimme und der Sonnenbrille wirkt er wie der Herr der Finsternis persönlich, entsprungen aus einem Vampirfilm der 90er Jahre.

Mit „Don’t Turn Your Back on Fear“, „Feel Berlin“ und „Betty Blue“ geht die Zeitreise durch die Diskografie der Band. Natürlich darf „The Chair“ nicht fehlen und zu „Gothic Girl“ geht Jyrkie sogar auf die Knie. Und es scheint ihm zu gefallen, denn zu „Brandon Lee“ gibt es einen weiteren Kniefall. Mit „Framed In Blood“ und „Dance D’Amour“ haben sie fast alles was das Gothic-Herz begehrt abgedeckt. Zur Zugabe „Lost Boys“ nimmt der erneut kniende Jyrkie tatsächlich seine Sonnenbrille, die stets sein Gesicht ziert, dauerhaft ab. Da es ein ungeschriebenes Gesetzt ist, dass The 69 Eyes immer mit diesem Song eine Show beenden, geben die Fans nochmal alles. Unter großem Jubel wird die Band in die Nacht entlassen.

Noch ist aber nicht Schluss. Es darf noch getanzt werden zu Musik aus der Dose von DJ Dark Rebell. Der DJ macht einen guten Job und ein paar Tanzwütige zeigen sich unermüdlich. Doch gegen 1 Uhr nachts ist endgültig Schluss und die letzten Nachtschatten begeben sich zurück zu ihren Unterkünften.
Eine gelungene Premiere für ein Festival aus Leidenschaft. Kill The Light war ein bewegendes Erlebnis mit Herz und Seele. In meinen Augen ein voller Erfolg und wir sind hoffnungsvoll, dass die Fürst Stolberg Hütte auch im nächsten Jahr seine Tore öffnet und etwas Dunkelheit hereinlässt.
Galerien (by Torsten Volkmer bs! 2026):
Links:
https://www.killthelight.de/
Veranstalter:
STUDIO D4 Event GmbH & Co. KG


