Heute veröffentlichen Shoreline ihr viertes Studioalbum: Is This The Low Point Or The Moment After. BS! hat sich mit Gitarrist und Sänger Hansol über den Entstehungsprozess unterhalten.
BS!: Seit letzten Winter teasert ihr die neue Platte an und nun ist es wenige Tage vor der Veröffentlichung, die ersten Kritiken sind veröffentlicht. Wie geht es dir?
Hansol: Vorhin hat mir jemand gesagt, dass das Album in zwei Tagen rauskommt, das war dann doch schockierend. Es ist eigentlich jedes Mal so, dass die Zeit schneller vergeht als man denkt. Ich bin insgesamt sehr positiv gestimmt. Du hast es selbst gesagt, die ersten Reviews kommen rein und wir haben gesehen, wie die Leute auf die ersten Singles reagiert haben. Ich habe den Eindruck, dass es noch nie so durch die Bank positiv aufgenommen wurde, wie jetzt. Bisher gab es immer 1 oder 2 Leute, von so einschlägigen Magazinen, deren Geschmack man nie so ganz getroffen hat – aber bisher las sich alles sehr nett und positiv. Das haben wir auch auf den letzten Konzerten gemerkt. Darüber freue ich mich sehr.
BS!: „Is This The Low Point Or The Moment After“ klingt nicht mehr ganz so experimentell wie der Vorgänger. Warum geht es plötzlich back to the roots?
Hansol: Erstmal finde ich es cool, dass du das auch so siehst, denn genauso würde ich das auch beschreiben. Es liegt denke ich daran, dass ich, bzw kann ich da glaube ich auch für die anderen sprechen, wissen, was für eine Band wir sind und in was für einer Nische wir uns gern aufhalten würden. Bis zum letzten Album wollten wir noch rausfinden, wo wir eigentlich hingehören. Das meine ich nichtmal unbedingt so szenisch, denn wir hatten immer einen klaren Punk- und DIY-Bezug. Ich fand es stilistisch aber gar nicht so leicht am Anfang. Da haben wir uns mehr in so einer Punkrock-Ecke befunden – sowas wie Menzingers oder Flatliners, später dann sowas wie Spanish Love Songs. Das ist ja schon eine andere Szene als jetzt. Das geht mehr in Richtung Arm‘s Length oder die älteren Basement. Früher sind wir viel zwischen diesen Stühlen hin und her gesprungen und das hat auch funktioniert. Mittlerweile sind wir uns einig, wo wir hinmöchten. Deshalb haben wir die Platte so geschrieben.
BS!: Ihr erscheint zum zweiten Mal auf dem US-Label Pure Noise und tourt für eine deutsche Band verhältnismäßig viel im Ausland. War aus Münster in die Welt immer der Plan?
Hansol: Das hat sich so ergeben. Als wir mit der Band angefangen haben, gab es das Label „No Panic Records“, die kamen aus Jena. Auf diesem Label waren all unsere befreundeten Bands wie die Deadnotes oder Snareset. Dort auch zu landen war meine Traumvorstellung. Alles, was danach passiert ist, war überhaupt nicht geplant und hat sich auf der Reise ergeben.
BS!: Aber euer Sound war ja von Anfang an sehr international…
Hansol: Nett, dass du das sagst. Ich war 18 als ich die Songs geschrieben habe, deshalb freut es mich, dass das so wahrgenommen wird.

BS!: In der Vergangenheit ging es in euren Songs oft um konkrete Themen: Rassismuserfahrungen, Veganismus, Klimakrise. Jetzt geht es zwar auch um Dinge, die die Gesellschaft beschäftigen, aber das sind ja eher internalisierte Prozesse wie Erfolgsdruck, Selbstwert, mentale Gesundheit. War die Verschiebung des Fokus eine bewusste Entscheidung?
Hansol: Ja, ich würde schon sagen, dass das bewusst war. Ich erinnere mich daran, als wir besprochen haben, was wir inhaltlich auf dem neuen Album haben wollen, dass es von ganz allein dazu kam, dass wir andere Themen gewählt haben. Nicht, weil uns, was wir auf „To Figure Out“ angesprochen haben, nicht mehr packt, sondern weil wir schon zwei Alben darüber geschrieben haben. Zumindest bei mir gab es schon viel andere Sachen, die ich gern thematisieren wollte.
BS!: Es ist ja trotzdem sehr persönlich. Wie schreiben sich solche Songs, wenn man weiß, dass auch die Anzahl der Menschen, die diese hören, wächst?
Hansol: Ich glaube, ich habe nicht das Problem, dass ich beim Schreiben überlege, wie das „unsere Fans“ verstehen oder aufnehmen. Ich habe nie das Gefühl gehabt, das Leute auf unsere Musik warten, weshalb wir immer so geschrieben haben, dass es uns gefällt. Ich empfinde da keinen Druck, es Leuten gerecht zu machen. Das ist einfach zu sagen, wenn man eine Platte macht, die weniger experimentell ist als vorher (lacht).
BS!: Emo/Screamo erlebt derzeit eine kleine Renaissance. Es tauchen neue Bands und Festivals auf, ihr wart ja zum Beispiel im letzten Jahr beim neuen Fair Weather Fest in Bremen dabei. Merkt ihr, dass sich auch euer Publikum verändert?
Hansol: Ich habe das Gefühl, dass sich unser Publikum ständig verändert. Bei der „To Figure Out“-Tour waren das zum einen viel mehr Menschen und zum anderen hatte ich das Gefühl, dass die Leute deutlich jünger geworden sind. Ich habe aber auch das Gefühl, dass das zur Albumtour im Herbst nochmal anders sein wird. Jetzt im Februar waren wir mit einer kanadischen band auf Tour, dass die Szene deutlich jünger geworden ist und mehr Leute die Szene entdecken, was ich cool finde.
BS!: Welchen Rat hast du dann für junge Menschen, die sich vielleicht selbst grad an einem Low Point befunden, ein wenig Optimismus zu bewahren?
Hansol: Ich erinnere mich daran, als ich jünger war und Musik entdeckt habe, die mich emotional unterstützt hat oder die Sachen so formuliert hat, wie ich es selbst nicht konnte, dass mir das schon sehr geholfen hat. Ich merke auch, dass Leute uns widerspiegeln, dass unsere Musik das für sie macht. Ich weiß aber auch, dass das, was wirklich hilft, ist, mit jemandem zu sprechen. Das ist gar nicht so therapeutisch gemeint, wie es vielleicht klang. Es kann schon helfen, sich nahestehenden Personen, Freund*innen oder Familie, zu öffnen. Das hat mir in der Vergangenheit immer viel geholfen und ich glaube, es ist sehr wichtig, dass man Ventile hat für Gefühle. Das ist es, was ich mit der Musik vorhin meinte: ich glaube, dass ich es mit 18 voll gut fand, einen Ort zu haben, wo ich Emotionen auf eine sichere und kontrollierte Art und Weise rauslassen konnte.

BS!: Die letzte Chance für die Werbetrommel! In deinen eigenen Worten: was erwartet Hörende auf eurer neuen Platte?
Hansol: Das Album an sich ist zwar weniger experimentell, aber gleichzeitig, das sagen ja immer alle Bands, waren wir noch nie so lange eine Band und haben noch nie so lange gemeinsam Musik geschrieben, wie jetzt. Ich glaube, wir haben noch nie bessere Musik geschrieben als diese. Wir sind noch nie so nah an das gekommen, was wir machen wollen. Es ist ein Konzeptalbum, was wir auch noch nie gemacht haben. Bevor wir angefangen haben zu schreiben, hatten wir den Titel und wollten, dass die Platte eine Reise beschreibt, von einer Person, die eine schlimme Zeit durchlebt und diese übersteht. Deswegen fängt die Platte auch melancholisch an, wird immer düsterer und härter und dann gibt es einen Wendepunkt, sie wird positiver und findet ein hoffnungsvolles Ende. So würde ich es beschreiben. Diese Reise zeigt sich auch in der musikalischen Bandbreite. Das geht von Pop-Punk über sehr hardcorige Teile bis zum Emo-Punk.
BS: Das ist sehr viel verpackt in knappe 30 Minuten!
Hansol: Eine andere Sache, die wir uns von vornherein vorgenommen hatten, ist, dass das Album unter 30 Minuten sein muss und 10 Songs haben darf. (lacht)


