Review: The Gaslight Anthem – Wo sind denn alle? (16.08.2022, Bremen)

Lange wurde dieser Auftritt von den Bremer*innen und Menschen aus der Region erwartet. Nach nunmehr acht Jahren sind The Gaslight Anthem endlich zurück in der Hansestadt. Eine US-Band, die sehr eng verwoben mit der Musikszene Bremens ist, unterschrieben sie doch ihren ersten deutschen Plattenvertrag bei Gunner Records. Umso verwunderlicher ist es, wie „luftig“ es in diesem Abend im Pier 2 bleibt, also im übertragenen Sinne, denn obwohl die oberen Ränge komplett leer bleiben, schwitzt man sich unten im stark aufgeheizten Laden kaputt. Neben dem nicht mehr von der Hand zu weisenden Klimawandel zeichnet sich ein zweites kritisches Bild unserer Zeit ab – das Hinsiechen der Kulturszene nach Corona. Die Menschen sind satt. Satt von Problemen bei der Ticketrückgabe, satt vom derzeit stattfindenden Überangebot von Kulturveranstaltungen und satt davon, dass alles teurer und Kultur damit zu einem absoluten Luxusgut wird. Dennoch ist die Stimmung im Pier 2 mit den Gästen, die erschienen sind, hervorragend.

Chris Farren (Foto: Thea Drexhage bs! 2022)

Auch, wenn Betterov an diesem Abend als Support spontan ausfallen musste, ist für ausreichend Unterhaltung gesorgt. Chris Farren – die aus jeder Ecke glitzernde One-Man-Show – wickelt das Publikum binnen kürzester Zeit um den kleinen, bunt angemalten Finger. Der Indiemusiker aus Florida schreibt einfache Songs mit einer Menge Witz und Selbstironie und weiß auch in den Pausen zwischen den Stücken mit dem Publikum zu connecten. Dies gelingt nicht zuletzt dank seines Egos, welches das Pier 2 allein hätte drei Mal ausfüllen können.

„I did a good job. You loved me! But please stay for The Gaslight Anthem”

The Gaslight Anthem (Foto: Thea Drexhage bs! 2022)

Gesagt, getan. Nach einer knackigen Umbaupause geht es direkt weiter mit der Band des Abends und als die Musiker um Sänger Brian Fallon die Bühne betreten, ist der Jubel wahnsinnig laut. Klar, alle sind etwas älter geworden, aber das Publikum ist mit ihnen gewachsen. Die Musik, die funktioniert auch nach acht Jahren noch. Die Band ist in Spiellaune und Fallon bestens bei Stimme. Zwischendurch kann man immer wieder freudestrahlende Blicke der Musiker untereinander beobachten, frei nach dem Motto: „Ist doch egal, dass der Laden nicht voll ist, Hauptsache spielen.“ Aber auch die Hitze geht nicht an den spurlos Amerikanern vorbei.

„So this is what it feels like to be dead”

sagt Fallon, nachdem er sich immer wieder mit einer Pflanzensprühflasche aus der Drogerie abkühlt. Das Set wird trotzdem durchgezogen und enthält Highlights wie „We Came To Dance“ oder „Mullholland Drive.“, doch der eigentliche Höhepunkt des Abends ist wohl eine Dame im Publikum, mit ihrer Capri Sonne, welcher Brian Fallon gleich mehrere Ansagen mit einhergehenden Lachtiraden widmet. Ein Gutes hat die geringe Auslastung des Pier 2 an diesem Abend ja: Das Konzert fühlt sich sehr persönlich an. Es wäre doch wahrlich schön, würden solche Abende mit The Gaslight Anthem in Zukunft wieder öfter klappen.

The Gaslight Anthem (Foto: Thea Drexhage bs! 2022)

Galerien (by Thea Drexhage bs! 2022):

The Gaslight Anthem
Chris Farren

The Gaslight Anthem (Foto: Thea Drexhage bs! 2022)

Setlist The Gaslight Anthem:

  1. Jump in the Line(Lord Kitchener song)
  2. Have Mercy
  3. Great Expectations
  4. The Spirit of Jazz
  5. Mae
  6. Underneath the Ground
  7. We Came to Dance
  8. Old Haunts(Tour debut)
  9. Sweet Morphine
  10. The Diamond Church Street Choir
  11. Blue Jeans & White T-Shirts
  12. Stay Vicious
  13. The Patient Ferris Wheel
  14. Halloween
  15. Mulholland Drive
  16. Blue Dahlia
  17. Howl
  18. Keepsake
  19. Get Hurt
  20. Boomboxes and Dictionaries(Tour debut)
  21. 45
  22. The ’59 Sound

Links:
The Gaslight Anthem
Chris Farren
Koopmann Concerts

Thea Drexhage
Thea Drexhagehttps://www.be-subjective.de
Thea Drexhage hat Salma Hayek einiges voraus! 10 mm. Wie die meisten Frauen der Redaktion, Duffy, Beth Ditto, Joan Rivers oder Angus Young kann sie die MusikerInnen aus dem Bühnengraben also völlig problemlos sehen, wenn jemand ihren Hocker trägt, wird aber - das hat sie mit Salma dann doch wieder gemein - dennoch viel zu oft auf Ihre Körpergröße, ihre Mähne und ihre leicht misanthropischen Anflüge reduziert. Damit sie also nicht im nächstbesten Titty Twister von Sonnenunter- bis Sonnenaufgang Menschenmengen und Bläser mätzelt, halten wir “Aggro-Thea”, die zuvor ganze Landstriche in Mecklenburg Vorpommern ausgerottet hat, halbtags im spießbürgerlichen Oldenburger Exil an der langen Leine. Seither legt sich die scheißpünktliche existentialistische Besserwisserin analog mit Sartre, Camus & Kodak an und ja, auch wir müssen neidlos zugestehen, dass der Instagram-Account ihrer beiden Katzen “Salma” und “Hayek” mehr Follower pro Tag hat, als unser webzine im ganzen Jahr.

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