Review: Queer feministischer Kindergeburtstag mit Schrottgrenze (18.10.2019, Hamburg)

Schrottgrenze (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)

Hach. Seit 25 Jahren beglücken uns die wunderbaren Schrottgrenze nun schon mit ihrer Musik. Anlass genug, die Galaklamotten zu bügeln, einen Haufen Freunde und Gäste einzuladen und ne dicke Party zu schmeißen. Bevorzugt in Hamburg. Und welche Location eignet sich da besser, als das Uebel und Gefährlich? Keine! Genau.

Didine van der Platenvlothbrug (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)

So führt eins zum anderen und man findet sich in besagtem Laden vor der Bühne wieder, auf welcher eine gut gelaunte, aufgetakelte Didine van der Platenvlothbrug die Menge zur queer feministischen Kindergeburtstagsparty samt Record Release von Schrottgrenzes brandneuer Scheibe „Alles Zerpflücken“ begrüßt.

Rock’n’Roll isn’t boring. It’s you!

No Sugar Rock’n’Roll (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)

Doch bevor Schrottgrenze das neue Material vorstellen, hat der Abend noch einige weitere Highlights zu bieten. No Sugar zum Beispiel. Blümchen und Glitzer täuschen. No Sugar, süß war gestern! Die Mädels und Jungs legen ordentlich rotzigen Rock auf die Bretter, wie man es an diesem Abend auch nicht anders erwartet. Coole Nummer, nur viel zu schnell vorbei.

Amy TNT (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)

Ebenso schnell wie sie erschienen ist, verschwindet auch „Hamburgs kleinste Dragqueen“ Amy TNT wieder von der Bühne, aber nicht, ohne mit ihrer kurzen aber bewegenden Performance bleibenden Eindruck bei den Gästen hinterlassen zu haben. Es sind Performances wie diese, die den Abend zu etwas ganz Besonderem machen. Bereits mit dem letzten Album „Glitzer auf Beton“ haben Schrottgrenze einen Stein für die LGBTIQ+ Szene in der deutschen Indie-Szene gelegt, dies ändert sich auch mit „Alles zerpflücken“ nicht. Dementsprechend ist das Publikum an diesem Abend bunt gemischt, weltoffen und tolerant und schafft es somit, eine friedliche Atmosphäre zu schaffen, wie sie auf Konzerten längst nicht selbstverständlich ist.

Guten Morgen liebes Trauma!

Trixsi (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)

Friedlich bedeutet aber nicht langweilig, ist ja schließlich immer noch ein Rockkonzert. Ein kluger Schachzug also, sich die heißeste super Supergroup Trixsi um Love A Sänger Jörkk Mechenbier einzuladen. Das der alleine aber nix hinkriegt, hat er sich kräftige Unterstützung weiterer bekannter Hamburger Berufstrinker dazu geholt: diese wären Paul Konopacka und König Wilhelmsburg von Herrenmagazin, Kristian Kühl von Findus und Klaus Hoffmann von Jupiter Jones. Da kann ja prinzipiell nix schief gehen. Tut es auch nicht. Obwohl es bis zum Gig mit „Trauma“ nur eine Single aus dem in weiter Ferne schwebenden Albums zu hören gab, hat die Band das Publikum durch eine Menge Witz und kruden Charme ganz bei sich. Aber sind wir mal ehrlich: Herr Mechenbier kann uns doch eh alles vorsingen und wir finden das gut! Nach einem dann eigentlich viel zu kurzem Set ist es endlich soweit und Schrottgrenze entern die Bühne.

Schrottgrenze (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)

Statt Alex Tsitsigias haben sie Saskia Lavaux dabei, welche direkt damit beginnt, Glitzer auf den kargen beton des Uebel und Gefährlich Bunkers zu streuen. Das klappt natürlich ganz hervorragend! Die Gäste sind warm und bereit für neues Material, das mit Nummern wie „Life is Queer“, „Traurige Träume“ (mit Unterstützung von Finna Lux) oder „Räume“ thematisch nahtlos an „Glitzer auf Beton“ ansetzt, aber dennoch mit gänzlich neuen Ohrwürmern aufwartet. Doch es wird nicht nur neues Material vorgestellt, in Folge des 25 jährigen Bühnenjubiläums ist die Setlist wild durchwachsen mit tollen Schätzchen aus der Vergangenheit. Besonders Stücke von „Das Ende unserer Zeit“ bringen die Gäste in nostalgische Stimmung. Mit 23 Songs ist das Set von Schrottgrenze wunderbar lang, umso schöner, dass sich die Musiker*innen nach den Shows die Zeit nehmen, sich wild unter die Gäste zu mischen, Umarmungen auszutauschen, Platten zu signieren und diesen wunderbaren Abend gemeinsam zu Ende bringen.

Schrottgrenze (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)

Setlist:

  1. Glitzer auf Beton
  2. Life is Queer
  3. Januar Boy*
  4. Nichts ist einsamer als das
  5. Traurige Träume
  6. Am gleichen Meer
  7. Fotolabor
  8. Sog
  9. Hinterland
  10. Dulsberg
  11. Lashes to Lashes
  12. Zwilling da draussen
  13. Lied vom Schnee
  14. Räume
  15. Belladonna
  16. Mensch am Punkt
  17. Fernglas
  18. Alles zerpflücken
  19. Sterne
  20. Morice
  21. Jörg Heiss‘ neues Auto
  22. Lila will Heim
  23. Reibung, Baby!

Links:
Schrottgrenze
Amy TNT
Didine van der Platenvlothbrug
Trixsie
No Sugar

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Thea Drexhage
Thea Drexhage hat Salma Hayek einiges voraus! 100 mm. Wie die meisten Frauen der Redaktion, Duffy, Beth Ditto, Joan Rivers oder Angus Young kann sie die MusikerInnen aus dem Bühnengraben also völlig problemlos sehen, wenn jemand ihren Hocker trägt, wird aber - das hat sie mit Salma dann doch wieder gemein - dennoch viel zu oft auf Ihre Körpergröße, ihre Mähne und ihre leicht misanthropischen Anflüge reduziert. Damit sie also nicht im nächstbesten Titty Twister von Sonnenunter- bis Sonnenaufgang Menschenmengen und Bläser mätzelt, halten wir “Aggro-Thea”, die zuvor ganze Landstriche in Mecklenburg Vorpommern ausgerottet hat, halbtags im spießbürgerlichen Oldenburger Exil an der langen Leine. Seither legt sich die scheißpünktliche existentialistische Besserwisserin analog mit Satre, Camus & Kodak an und ja, auch wir müssen neidlos zugestehen, dass der Instagram-Account ihrer beiden Katzen “Salma” und “Hayek” mehr Follower pro Tag hat, als unser webzine im ganzen Jahr.