Review: Lacuna Coil – eine goldene Spirale aus Blut, Tränen und Staub (26.10.2016, Hamburg)

Wir winden uns aus dem Herbstgold Hamburgs ins Logo, einen kleinen feinen Live-Musik-Schuppen niedriger Deckenhöhe, dessen tragende Säulen das Sichtfeld perforieren.

Die Klamotte der eintrudelnden Fans von Lacuna Coil gibt Preis, was Mensch nebst der Mailänder Band sonst so für wert befunden hat, zur zweiten Haut zu werden. Und so befinden sich unsere ‚Type O Negative’ Buttons in der Gesellschaft von Prodigy-Pullys, Danzig-, ACDC-, Drop Kick Murphys-Shirts und Missfits-Schlüppis.

Lacuna Coil (Foto: Torsten Volkmer bs!)
Lacuna Coil (Foto: Torsten Volkmer bs!)

Dennoch bestechend: Das ‚Revolution Rise and Shine’-Lacuna-Coil-Delirium-World-Tour-Leibchen, auf dem noch die Logo-Upgrade-Location verzeichnet ist, sagt aus worüber mensch den Kopf schüttelt. Das Logo – um hier niemanden in Verruf zu bringen – ist toll, aber was ist bitteschön falsch gelaufen, dass die Mailändische Sirene Cristina Scabbia die nordischen Seeleute in eine Sardinenbüchse ins Delirium singen muss.

Bevor jedoch die Zwangsjacken am Merch ausgepackt werden, suchen Genus Ordinis Dei (Crema, Italien) ihre innere Mitte. Jedes der Bandmitglieder, so liest sich’s, hat einen akademisch musikalischen Hintergrund. Genus Ordinis Dei haben die besten Musikakademien Italiens besucht und lassen in ihren Songs die Hässlichkeit der westlichen Welt mit religiösen Motiven kollidieren.

Genus Ordinis Dei (Foto: Torsten Volkmer bs!)
Genus Ordinis Dei (Foto: Torsten Volkmer bs!)

„GOD SLEEPS IN STONE
BREATHES IN PLANTS
DREAMS IN ANIMALS
AND AWAKENS IN MEN“

 

Live sind Genus Ordinis DeiG.O.D. – wenn mensch sich nicht am ‚Waschzettel’ des Labels aufgeilt, ein teuflischer Spaß. Sprechende Gesichter, fotogene Fratzen, orchestrales Tamtam, Keys und eine Core-Stimme, die jede/n vom Glauben abfallen ließe. Wahrscheinlich sind G.O.D. so kuschelig wie sie verkopft sind, denn wer auf der Bühne so aussieht, als könnte er Kinder verspeisen, geht heimlich zur Sonntagsschule und mag Blumen. Amen.

Forever Still (Foto: Torsten Volkmer bs!)
Forever Still (Foto: Torsten Volkmer bs!)

Wer hingegen aussieht wie `n Blümchen, muss meist doppelt so hart arbeiten, um für das eigene Können auch nur halb so ernst genommen zu werden. Forever Still (Dänemark) sind empirisch gesehen süß, versuchen aber zu verkrampft irgendwie dreckig rüberzukommen. Nette Stimmchen, nettes Aussehen, wobei ‚nett’ hier der Todesstoß ist, da mensch sich unweigerlich fragen muss, ob die Contradictio in Adjecto, der Widerspruch im Beiwort, hier nicht eher die dumme Seite des Scharfsinns bedient.

Im Ernst: Wenn die Frontladys aussehen, als seien sie grad an `nem Ölwechsel gescheitert, so will uns der „Funken Hoffnung“, der in „in der Dunkelheit der Rockszene“ (nuclearblast.de) glühen soll, einfach nicht aufgehen. Die Pose ist übertrieben und alles andere zu austauschbar.

Forever Still als female fronted zu bezeichnen fällt schwer, da man diesem Begriff gern etwas Emanzipatorisches anheften wollen würde. Allein, die Girls sind zu schmierig, als dass es haften bliebe. Vielleicht ist weniger mehr, vielleicht sollte die Musik im Mittelpunkt stehen, bevor man Limbo unterm Lidstich tanzt, vielleicht sind wir zu skeptisch, weil „Save me“ wie ein schwachbrüstiger Abklatsch von The Gatherings „Rescue me“ wirkt.

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ (Adorno)

Macht ja nichts. Wir sind ohnehin nur wegen einer Band hier, alles andere ist ein Bonus.

 

Lacuna Coil (Foto: Torsten Volkmer bs!)
Lacuna Coil (Foto: Torsten Volkmer bs!)

Lacuna Coil, die Fibonacci-Spirale unter den Alternative Bands, bohrt sich von Null auf Hundert und zurück in die Leere und pflanzt Sinn ins Lose. Die Fans, in der Mehrzahl Männer, die dieser Frau schon vor Jahren verfallen sind, sofort Banden bilden und mit glühenden Gesichtern der Bühne entgegenschmachten, hoffen auf „die alten Sachen und die Coverversionen von Enjoy the Silence oder Losing my Religion.“ Tatsächlich ist es aber völlig egal, was Lacuna Coil spielen, das Logo ist brechend voll und selbst der korrekteste Mittdreißiger oder -vierziger wird plötzlich wieder zum 14jährigen Fanboy.

„Dauerhafte Eskalation“

Lacuna Coil (Foto: Torsten Volkmer bs!)
Lacuna Coil (Foto: Torsten Volkmer bs!)

Doch nicht nur Cristina Scabbia – die zu runtergeschminkt ist, um erkennbar zu sein – und ihr Gegenpart, die männliche Stimme von Andrea Ferro, haben einen Draht zum Publikum, der uns das Wachs aus den Ohren schmilzen lässt. Auch Ryan Blake Folden, eine Ausnahmeerscheinung an den Drums, nutzt jeden Takt, um eine neue Grimasse zu schneiden, für das Publikum zu posieren und sich seinen Raum im Lacuna Coil Ensemble zu nehmen.

Lacuna Coil – ein Superlativ sondergleichen, der den Hamburger Musikschuppen Logo aus allen Nähten platzen lässt, sind dabei auch noch ekelhaft sympathisch. Selbst wer bis zum Meridian des Sets von der Sirene noch nicht verzaubert ist, verfällt ihr und der Band, als Scabbia erklärt, es folge einer ihrer Lieblingssongs, da wir alle aus Blut, Tränen und Staub gemacht seinen.

Lacuna Coil (Foto: Torsten Volkmer bs!)
Lacuna Coil (Foto: Torsten Volkmer bs!)

„Do you remember my friend
When I was frozen and dead inside
A piece of nothing in this world“

Und als sei dies nicht genug, erfüllt sich der Wunsch der Fans, die jede Zeile vom Depeche Mode Cover mitsingen können.

„All I ever wanted
All I ever needed
Is here..“

Es braucht kaum Worte und die, die Lacuna Coil ans Publikum richten, sind voller Hoffung, Mut und Kraft. „We fear nothing – nothing stands on our way. Only believe in ourselfs makes us strong to go through all this bullshit, ups and downs and all that shit.“ (Scabbia)

Lacuna Coil (Foto: Torsten Volkmer bs!)
Lacuna Coil (Foto: Torsten Volkmer bs!)

„cause sometimes we still have to hit the wall
To see things that are right before our eyes“

 

„We hopefully see ya soon“ (Scabbia), verabschieden sich Lacuna Coil, wir hoffen in einer größeren Spielstätte. Verdient hätten sie es.

Gallerien:

Lacuna Coil (Foto: Isabelle Hannemann be subjecive!)
Lacuna Coil (Foto: Isabelle Hannemann be subjecive!)

Setlist Lacuna Coil:

  1. Intro/Ultima Ratio
  2. Spellbound
  3. Die &Rise
  4. Heavens A Lie
  5. Blood, Tears, Dust
  6. Ghost On The Mist
  7. T.G.W.A.T.H
  8. Trip The Darkness
  9. Downfall
  10. Y.L.M.C.I.H.Y.
  11. Our Truth
  12. Enjoy The Silence
  13. N.S.I.O.W.
  14. Intro/Delirium
  15. Zombies
  16. The House Of Shame

Links:
www.lacunacoil.it
www.genusordinisdei.com
www.foreverstill.dk

Isabelle Hannemann
Isabelle Hannemannhttp://www.isabellehannemann.net
Die missratene Hypotaktikerin wird als Redakteurin Schrägstrich Fotografin bei be subjective! geduldet, hat versucht sich als freie Autorin und Herausgeberin verschiedener Artikel und Bände im Bereich der kritischen Sozialwissenschaft für Suchmaschinen selbst zu optimieren und will – wenn sie groß ist – mal sehen. Künstlerisch als Autorin und Fotografin mit diversen Bands und AutorInnen zusammenarbeitend, Texte zu Papier, Gehör und auf die Bühne bringend. Na dann Prost Mahlzeit!

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