Review: Katatonia. „Songs that make the hours go“ (25.10.2016, Hamburg)

Katatonia (Foto: Torsten Volkmer bs!)

Fallen Hearts of Europe Tour 2016. Das Helle und das Dunkel.

Das Helle. Die Entdeckungen des Abends – Mensch muss es ganz klar sagen, auch wenn hier die Erwartungen und Meinungen extrem differieren, – ist der skandinavische Support Doppelpack, bestehend aus Vola (Dänemark) und Agent Fresco (Island).

Vola. Progressive Elemente. Geschwindigkeit und durchaus Texte, die mit metaphorischen Schwingen die Phantasie zum Klingen bringen.

„And the owls flew out of all the doors he’d locked up.
To the deer she’s walking down
She is still dreaming“

Vola (Foto: Torsten Volkmer bs!)
Vola (Foto: Torsten Volkmer bs!)

Vola sollte man im Ohr behalten, denn so viel Applaus für einen Support hört Mensch auch nicht alle Tage. Et Voilà. Verbeugung. Umbau. Schwuppdiwupp.

Vola (Foto: Torsten Volkmer bs!)
Vola (Foto: Torsten Volkmer bs!)
Agent Fresco (Foto: Torsten Volkmer bs!)
Agent Fresco (Foto: Torsten Volkmer bs!)

Agent Fresco. Piano, Gitarre, Drums, Klick. Piano. Gitarre. Stimme. Klick. Piano. Explosion. Pause. Klick. Agent Fresco. Isländischer Irrsinn. Ein einander zugewandter Bühnenaufbau, Songs, denen die Klimax von der Komposition zum Chaos gelingt. Eine Entdeckung, der Mensch die Etiketten Math-Rock, Alternative Art-Metal anheften könnte, die Connaisseure und KennerInnen allerdings auch einfach unvoreingenommen genießen können.

„Try to sleep
you should
try to sleep
you’re in every single part of me
I hope that you know“

Agent Fresco (Foto: Torsten Volkmer bs!)
Agent Fresco (Foto: Torsten Volkmer bs!)

Das Set, es erzählt vom Reisen, vom Kämpfen, vom Lieben, von all dem was die Sehnsucht füttert, das Fernweh kitzelt, den Mut herausfordert. Laut Arnór Dan Arnarson, dem zu Beginn des Sets noch das Micro aus der Hand geglitten, habe die Band einen Song dabei, der von der Liebe zu einem Menschen in weiter Ferne handele, aber auch einen, der Arnarsons Vater gewidmet sei, den der Sänger viel zu früh an den Krebs verloren habe.

Dies solle der guten Stimmung keineswegs Abbruch tun, vielmehr wolle er damit sagen:

„We can’t change the past, focus on future.“ ( Arnór Dan Arnarson)

Agent Fresco applaudieren ihrem Publikum, huldigen Katatonia und appellieren in Dankbarkeit daran, dass es immer lohne, Live-Musik zu supporten. Agent Fresco strahlen. Klick. Umbaupause. Klick, zwo, drei vier.

Agent Fresco (Foto: Torsten Volkmer bs!)
Agent Fresco (Foto: Torsten Volkmer bs!)

„I’m far away, treading a path I’ve made and it’s laid with stones of fallen love.
I need to feel and to make atonement before coming home.“

Das Dunkle. Katatonia nehmen die Sache mit den Attributen, die ihrer Art von Rockmusik angeheftet scheinen, an diesem Abend in der Hamburger Markthalle äußerst ernst: dark und progressive. Es ist dunkel, es ist hart, es ist ein unbarmherziges Set. „Songs that make the hours go“ und so.

Katatonia (Foto: Torsten Volkmer bs!)
Katatonia (Foto: Torsten Volkmer bs!)

Wer Katatonia nicht kennt, aber einen Faible für cineastisch surrealen Horror hat, kann sich übrigens mit Blick auf die Wasserleiche, die im Remake von „the Ring“ aus der Fernsehröhre gekrochen kommt, ein ungefähres Bild davon machen, was man von „Lord Seth“ – Jonas Petter Renkse – zu sehen bekommt. Nichts. Nichts als Haare. So war es immer, so muss es sein.

Katatonia (Foto: Torsten Volkmer bs!)
Katatonia (Foto: Torsten Volkmer bs!)

„Life is full of darkness
And murderers come my way
Someday you will join them
And I will let you in“

Mag sein, dass Katatonia heute all jene enttäuschen, denen eher die melodisch melancholischen Stücke, die sanften Songs nahe gehen, doch macht das Set dem Namen der Tour alle Ehre. Fallen Hearts of Europe.

Katatonia (Foto: Torsten Volkmer bs!)
Katatonia (Foto: Torsten Volkmer bs!)

Europa ist hartherzig. Europa lässt Menschen ertrinken, während andere im Geld schwimmen. Europa lässt Menschen verdummen. Europa macht die Angst zum Geschäft. Wie Agnes Obel, deren aktuelles Album „Citizen of Glass“ sich am Begriff des „Gläsernen Bürgers“ abarbeitet, scheinen auch Katatonia Seismograph für die Hartherzigkeit unserer Zeit zu sein.

Das Tränengas an den Grenzen der Welt treibt Splitter in die Augen, blinde Wut und helles Hoffen. Es ist dunkel und der Sound vielleicht etwas zu matschig, um all diese Nuancen und mehr, welche die Stimme Jonas Renkses aufzufalten vermag, wirklich wahrzunehmen.

„My dreams are getting darker and darker.
And darker.“

Katatonia (Foto: Torsten Volkmer bs!)
Katatonia (Foto: Torsten Volkmer bs!)

Europa ist nichts, wenn es feige ist. Europa ist zu fett, um Empathie für Hunger zu haben. Die Menschen sind so hässlich. Manchmal. Vielleicht ist Katatonias Set ein Widerhall all der Gräuel, die Europas Herz zerreißt. Vielleicht, ja vielleicht ist ein ‚Vielleicht’ wie ein unzustellbarer Brief, der in Hoffnung geschrieben, mehr Kampf als Aufgabe ist. Vielleicht, vielleicht wird alles gut. Vielleicht, vielleicht in einem Jahr. From now.

„A year ahead from now it’s a different time“

Gallerien:

Setlist Katatonia:

    1. Last Song Before the Fade
    2. Deliberation
    3. Serein
    4. Dead Letters
    5. Day & Shade
    6. Serac
    7. Teargas
    8. Saw You Drown
    9. Evidence
    10. Night Subscriber
    11. Soils Song
    12. Old Heart Falls
    13. 4 My Demons
    14. Leaders
    15. In The White
    16. Forsaken

      Encore

    17. My Twin
    18. Lethean
    19. July

 

Setlist Agent Fresco:

  1. Anemoi
  2. He Is Listening
  3. Howls
  4. Pyre
  5. Wait for Me
  6. See Hell
  7. Angst
  8. Bemoan
  9. Dark Water
  10. Eyes of a Cloud Catcher
  11. A Long Time Listening

 

Setlist Vola:

  1. The Same War
  2. Starburn
  3. Owls
  4. Your Mind Is a Helpless Dreamer
  5. Emily
  6. Gutter Moon
  7. Stray the Skies

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