Review: Joachim Witt – Wo geht es hier zum Thron? (26.01.2017, Hannover)

Joachim Witt (Foto: Dragana Urukalo bs!)

Alten Hasen muss man nicht viel über Herrn Witt erzählen und auch jüngeren scheint er durch den Song „Goldener Reiter“ ein Begriff zu sein. Mit dem Album „Thron“ kehrt Joachim Witt nach der „Hände Hoch“ Tour in 2015 wieder zurück auf die Bühne – und startet dabei sein Abenteuer erneut in Hannover.

Passend zu einem „Thron“ gehört natürlich auch ein ausladender Palast. Die junge, erst 2015 gegründete Band aus Berlin sorgt als Support für Witt für einen poppigen und synthlastigen Einstieg in den Konzertabend. Ihr Bühnensetup ist etwas fürs Auge: Riesige mit Scheinwerfern bestrahlte weiße Schirme erinnern an ein Fotostudio, lenken hervorragend vom Backdrop des Hauptacts ab und lassen Palast zumindest für ihren Auftritt komplett im Vordergrund stehen.

Palast (Foto: Dragana Urukalo bs!)
Palast (Foto: Dragana Urukalo bs!)

Palast wirken frisch und beweisen durch Bühnensetup und schmucke Kleidung Stil. Ihre Musik ist trotz oder gerade wegen der monotonen und hallenden Drums catchy. Das Publikum wippt einig und gelassen zum Takt der elektrischen Drums.

Mit einem doppelten Drumsolo, das selbst Teile des Publikums passioniert Air-Drums spielen lässt, geht das Synchpop-Trio nach circa einer dreiviertel Stunde schon wieder von der Bühne.

„Wo, sag mir wo, geht es hier zum Thron“

Mit dem Titelsong des neuen Albums macht sich Joachim Witt auf der Bühne direkt auf die Suche nach dem Thron. Die dunkle Bühnenbeleuchtung sowie die ernste Miene von Witt während unterstreichen den düsteren Text des Songs.

Joachim Witt (Foto: Dragana Urukalo bs!)

Doch was zuerst nach bitterem Ernst auf der Bühne aussieht, entpuppt sich später – neben gesellschaftskritischen Texten – fast als Entertainmentprogramm. Sichtlich erfreut begrüßt er die KonzertbesucherInnen und betont dabei, dass er auch gerne alle zu sich nach Hause eingeladen hätte, wenn er nicht so bescheiden wohnen würde.

„Ich spiele auch alte Sachen…
Auch ganz alte“

…beantwortet Joachim Witt eingangs die ungestellte Frage alteingesessener Fans. Und tatsächlich wird dieses Versprechen im späteren Verlaufe des Abends unter anderem mit dem „Goldenen Reiter“ und „Herbergsvater (Tritratrullala)“ eingehalten.

Joachim Witt (Foto: Dragana Urukalo bs!)

Trotz all der Kritik zur Veröffentlichung des Musikvideos zu „Gloria“ (2012) ist der Song nicht aus der Setlist wegzudenken. Zwischen den einzelnen Songs hört mensch im Publikum vereinzelt Unterhaltungen darüber, genau diesen Song zu erwarten. Und als der Song dann endlich kommt, gibt es massig Applaus.

Das Publikum ist an diesem Abend etwas wirklich sehr ungewöhnlich. Auf kleinere oder jüngere KonzertbesucherInnen wird sehr zuvorkommend reagiert, indem sie ruhig vorgelassen werden. Und allgemein scheint es so, als würde sich ein großer Teil der KonzertbesucherInnen bereits kennen. Passioniert tanzen sie zusammen zu Songs wie „Strandgut“ oder „Das Geht So Tief“ und genießen so ihren Abend miteinander. Es ist schön anzusehen, dass sich hier Fans zusammentreffen und eine Einheit bilden, anstatt sich gierig wie in der Ellenbogengesellschaft in die erste Reihe zu prügeln.
Wobei das vielleicht auch am etwas höheren Altersdurchschnitt liegen könnte.

Insgesamt ist der Auftritt von Witt eine Mischung aus Albernheiten, Gesprächen über Alltägliches, aber auch über ernste Themen. Mit kleinen Albereien lockt er den KonzertbesucherInnen immer wieder einige Schmunzler hervor, blödelt allen Ernstes nach dem sechsten Song „Es Regnet In Mir“ herum, schon von der Bühne gehen zu wollen und erwähnt später, er wäre lieber von „Uns“ abhängig, als von Heroin. Und genau das macht den sichtlich in die Jahre gekommenen Künstler so wahnsinnig unterhaltsam und vor allem: Sympathisch!

„Ich habe so viel Müll in meinem Kopf,
den muss ich jetzt loswerden. Dafür seid ihr ja da.“

Joachim Witt (Foto: Dragana Urukalo bs!)

Mit „Die Flut“ endet vorübergehend das Konzert, ehe dann mit der ersten und zweiten Zugabe doch nochmal vier seiner Songs zum Besten gegeben werden. Und einer davon – wer hätte das nur erwartet – ist die neu interpretierte und rockigere Version vom „Goldenen Reiter“. Das Publikum kann sich dabei natürlich nicht zurückhalten und singt selbst nach Ende des Liedes weiter. Nach 24 Songs geht der Konzertabend mit einem „Tritratrullala“ aus dem Rausschmeißer Song „Herbergsvater“ dem Ende entgegen.

Ja, Joachim Witt ist älter geworden. Doch er nimmt diesen Umstand mit einem sehr offensichtlichen Augenzwinkern. Das Publikum muss ihm mit seinen alten Albentiteln auf die Sprünge helfen und soll mit ihm lauter reden, da „die Haare zu lang“ geworden wären. Ja-ja, Das Alter ist nun mal einfach so eine Sache. Doch seiner musikalischen Leistung tat das Älterwerden mit Sicherheit keinen Abbruch.

Doch nicht nur Albernheiten finden ihren Platz in Joachim Witts Set, sondern auch Gesellschaftskritik. Irgendwann würde er die Klappe aufreißen, irgendwann, wenn „Rechts und Links“ anfangen, ernsthaft mit Fakten zu argumentieren und sich nicht nur gegenseitig Propaganda um die Ohren hauen.

Bis dahin ziehe er sich aber doch lieber zurück.

Text: Dragana Urukalo.

Galerien (by Dragana Urukalo bs!):

Setlist Joachim Witt:

  1. Thron
  2. Rain From The Past
  3. Tag Für Tag
  4. Die Erde Brennt
  5. Strandgut
  6. Es Regnet In Mir
  7. Restlos
  8. Geh Deinen Weg
  9. Winterwald
  10. Zeit Zu Gehen
  11. Weit Ist Der Weg
  12. Wenn Du Mich Rufst
  13. Einheit
  14. Das Geht Tief
  15. Gloria
  16. Lebe Dein Leben
  17. So Oder So
  18. Königreich
  19. Die Flut
    Encore 1
  20. Goldener Reiter
  21. Alle Nicken
  22. Supergestört Und Superversaut
    Encore 2
  23. Herbergsvater

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