Review: Wave Gotik Treffen 2011 –Freitag 10.06.2011

Hallo und herzlich willkommen zurück beim großen WGT Rückblick 2011 und damit Gong frei für Runde 2 des kulturellen all-you-can-eat für die schwarze Szene. Beschränkte sich das Geschehen am gestrigen Donnerstag fast ausschließlich auf das Agra Gelände im Leipziger Stadtteil Markkleeberg, fächerte sich das Veranstaltungsangebot für den geneigten Schwarzkittel heute um ein vielfaches auf. Neu hinzu kamen unter anderem die Alte Messe Leipzig, das Centraltheater, Werk II, die Moritzbastei und einige andere, eher exotische Lokalitäten, die sich, selbst für Gothic-Verhältnisse, eher Randthemen verschrieben hatten. Zur Auswahl stand hier z.B. ein cineastisches Frühstück mit „Nosferatu“, „Klavier und Burlesque“ mit Tiolo Augsten und Griseldis Wenner aber auch (jetzt kommts) ein „Stricknachmittag für Schwarzromantiker beim Hilfeverein Nächstenliebe e.V..

Für den Mainstream-Goth (ja das gibt’s!) beschränkte sich die Auswahl mehr oder weniger auf gemischt elektronisches im Werk II, herzhaft metallisches in der Alten Messe oder die Premium Schnökertüte aus bekannten Top Acts in der Agra-Halle. So weit so gehabt. Obwohl mir der Gedanke, den zweiten Tag in Folge komplett auf der Agra abzuhängen, nicht übermäßig sexy erschien, bot das WGT Hauptquartier auch heute mit Abstand das kompakteste Paket. Einen kurzen Flirt mit der Alten Messe rasch wieder verwerfend begab ich mich also am frühen Nachmittag mit der Tramse in Richtung Markkleeberg. Mit der Schlagader des Wave Gotik Treffens im Kardialbereich eingetroffen blieb noch eine knape halbe Stunde bis zum Beginn des ersten Konzerts. Zeit genug, die großzügige Flaniermeile des Treffens in Augenschein zu nehmen, auf der heuer beinahe beängstigend viel Betrieb war. Intensiv wie nie zuvor vollzog sich der schwarze Maskenball beim Sehen und Gesehen werden auf dem Walk of Fame. Der Kostüme und Archetypen gab es viele. Viel zu viele um sie hier alle zu erwähnen, die Cyberlöckchen, die Ritter, die Spacemännchen, die 80er Relikte, die Spinnweben, die Viktorianer, die Zombies, Vampire und nicht zu vergessen, die Steampunks, die sich, dem heutigen ersten Eindruck nach als Trendmode des 20. WGT herausstellten.

Viel zu viele Gesichter um sie sich alle zu merken wuselten den Strip der Eitelkeiten entlang und doch waren einige wieder den entscheidenden Tick cooler als die anderen. Sei es das 80er Relikt, das mit auf gedrehtem Lautsprecher am Gurt zu hüpfender NDW-Elektronik die Meile herunter schritt, die durchgeknallten Space-Invaders in silbrig glänzender Weltraumfolie oder das herrlich bekloppte rosa „WGT-Bunny“, welches sich nebenan im Grünen zu den Klängen von Charly Lownoise und Mental Theo in Laune schunkelte. „Wonderful Days“…im buchstäblichsten Sinne. Auch das Wetter war einmal mehr den Goten hold und überzeugte mit angenehmen Temperaturen bei moderatem Sonnenschein. Dann konnte es ja endlich losgehen.

18 SUMMERS

Inzwischen nur noch 10 Minuten bis zum Beginn der ersten MUSIKALISCHEN Show, trollte ich mich nun allmählich in Richtung Halleneingang, um den Auftritt der legendären „18 Summers“, auch bekannt als die bei weitem legendäreren (weil nicht mehr existenten) „Silke-Bischoff“, in Augen- und Ohrenschein zu nehmen. Jener Schein erwies sich jedoch alsbald trügerisch. Denn im Gegensatz zu den grandiosen Love Like Blood am Vortrag konnten die ebenfalls aus dem Schwabenländle stammenden 18 Summers nur wenig überzeugen. Was war passiert?

Nun, eigentlich begann alles ganz harmlos. Ein kunstvoll hergerichteter Mikroständer schmückte die Bühne und unter dem Jubel der rund 2000 Fans erklommen Sänger,  Fotokünstler, Marilyn Manson Hörbuchvertoner (und Kinnmuskelspanner) Felix Flaucher, Gitarrist Frank Schwer und eine mir namentlich nicht weiter bekannte Keyboardpüppi die Bühne. Als Opener ningelte „Virgin Mary“, der Titeltrack des noch immer aktuellen 18 Summers Albums aus den Boxen. Im Trubel der Erscheinung hörte sich das ganz passabel an und auch das folgende „Sensation White“ stapfte noch recht züchtig aus den Boxen. Als Flaucher sich jedoch mit einigen Worten an das Publikum wandte, bröckelte die Fassade als hätte gerade ein Erdbeben der Stärke 9 das Agra Gelände erschüttert. Nach Worten ringend, stammelte sich der Frontmann schwerfällig ein paar Sätze zusammen und strahlte eine Unsicherheit aus, die ich bei einem alten Hasen wie ihm nicht erwartet hätte. Dabei gab es für die Fans mit einer neuen Platte und einer anstehenden Herbsttour doch positive Neuigkeiten zu verkünden. Spielen wollten 18 Summers jedoch kein neues Material. „Wir spielen lieber unsere alten Sachen, bevor wir jetzt neue Songs bringen, die kein Schwein kennt“ – Basta!

Jetzt wo der Lack ab war gab sich das Trio eher Hausbacken, ohne Glanz und Gloria. Der Versuch das Konzert mit einem eingeschobenen Akustikpart aufzulockern war ohnehin zum Scheitern verurteilt. Zu steif die Bühnenpräsenz, zu steril die Kulisse. Das hätte man besser in eine bestuhlte Umgebung gebettet als in die nicht annähernd säusel-kompatible AGRA Halle. Plötzlich spukten mir auch wieder einige Netz-Kommentare zum letzten WGT Auftritt von 18 Summers durch den Kopf, in denen durch die Bank von einem lauen Lüftchen die Rede gewesen war. Hier hatte entweder jemand derbe Moos angesetzt (bitte jäten) oder nach längerer Bühnen-Pause angesichts des großen Rahmens die Hosen voll (bitte reinigen). Sehr bedauerlich, denn im Grunde sind 18 Summers nach wie vor eine musikalisch interessante Band. Sie haben sich hier nur vergleichsweise schlecht verkauft.

GOTHMINISTER

Allzeit bereit den Vogel mit einer überbordenden Industrial-Glam Schau abzuschießen, schickte sich nun Norwegens Gothminister an, die Bretter zu stürmen. Auch um diese Combo war es in den vergangenen Jahren vergleichsweise Still geworden. Das letzte Studioalbum „Happiness in Darkness“ blieb weitgehend unbeachtet und wie in verschiedenen Quellen nachzulesen war, spielte Mastermind Björn Alexander Brem für eine Weile ernsthaft mit dem Gedanken das Schminkköfferchen an den Nagel zu hängen und den Gothminster nach dem dritten Album die letzte Ölung zu verpassen. Goth sei dank entschied er sich dagegen. So kehrte der Guido Westerwelle der schwarzen Unterhaltung ins Studio zurück , um mit „Anima Inferna“ ein weiteres Album einzutüten.

Der heutige Auftritt beim Wave Gotik Treffen darf daher getrost als geplanter Befreiungsschlag gewertet werden, mit dem sich die Band eindrucksvoll zurückmelden wollte. Entsprechend aufwändig gestaltete sich die Inszenierung. Bunter Rauch, Funkenfontänen, schräge Vogelscheuchen aus Pappmaché und Feuerbälle so weit das Auge reichte heizten unter dem Agra Dach gehörig ein. Wie zuvor bei 18 Summers hatten sich dazu zwei- vielleicht dreitausend Wähler in die Halle gesellt, mit dem Unterschied das jetzt gefeiert wurde! Über dem Geschehen Thronte der Gothminister in seiner Kanzel und gab sich gestenreich, während die Band, einschließlich Das Ich-Mastermind Brunno Kramm an den Keys, zu Stücken wie „From Dusk Till Dawn“, „Meet the Devil“ oder „Liar“ gesäßtretenderweise einen gediegenen Stiefel rockten.

So konnte der Gothminister, im richtigen Leben übrigens Anwalt und Manager in der norwegischen Wrestling Szene, mit seinem Auftritt zufrieden sein. Wer nach einem kurzweiligen, optisch nett anzusehenden E-Rock Spektakel gesucht hatte, kam hier voll auf seine Kosten. Anspruch geht sicherlich anders aber der Funfaktor war keinesfalls zu leugnen. Womöglich liegt genau hier das Problem von Gothminister. Die zuweilen sinnfreien Düsterheimertexte traut man sich daheim kaum aufzulegen. Erst live, mit der Bühnenshow, entsteht eine Einheit die Spaß macht.

UMBRA ET IMAGO

Auch Umbra et Imago stehen seit Beginn ihrer Karriere in der Kritik mit frivolen Bühnenshows von musikalischen Schwächen abzulenken. Ich bin mir sicher die Zweifler werden es nicht gerne hören, doch auch die Karlsruher Band hat sich in 20 Jahren weiterentwickelt. Die offensiven Elemente der Bühnenshow wurden zurückgefahren, nur noch jeder vierte Song dreht sich um extrem-erotischen Beischlaf – der Rest um Gott, den Papst und die Welt – UND Mozart hat auf seine alten Tage nochmal gelernt Gitarre zu tragen…

Waren die Tage der „Full Frontal Nudity“ auch gezählt, so ganz mochten Umbra et Imago dann doch nicht auf schlüpfrige Details verzichten. Man gab sich jedoch ein wenig subtiler. So bestand die Kernkompetenz von Augenweide und Fetish-Model Nanne alias Madeleine LeRoy heute darin neben Backingvocals einen halb transparenten Hauch von Nichts zu tragen, der, mit silberfarbener Knitter-Pelle umrandet, bei entsprechender Körperhaltung Anlass zur Phantasie bot und bei näherer Betrachtung mehr Preis gab als es Anfang den Anschein hatte.

20 Jahre WGT das sind auch 20 Jahre Umbra Et Imago. Insofern hatte sich eine ordentliche Horde vor der Agra Bühne versammelt. Die einen treue Fans, die anderen die typischen Spötter, die nur darauf warten, dass Mozart erneut irgend eine peinliches Malheur widerfahren würde über das man später hämisch Gericht halten konnte. Zugegeben, früher schlug Mozart auf der Bühne Purzelbäume, vor zwei Jahren purzelte er hier von der Bühne. Da darf man sich natürlich nicht wundern, wenn manch einer nur auf so etwas wartet. Diesen Ge“fallen“ tat er seinen Ächtern heute Jedoch nicht.

Selbst wenn Umbra et Imago nicht mehr so agil und sexuell offensiv unterwegs waren wie noch zu Beginn des Jahrtausends, wurde es einem 2011 nicht so schnell langweilig mit der Band. Während Lutz am Bass den Mähne wallenden Highlander gab, Migge Schwarz die Drums beackerte und Sascha Dannenberger an der Gitarre provokativ einen Glimmstengel nach dem anderen weg brannte, war es an Mozart für die nötige Portion Pfeffer zu sorgen.

Da Mozart immer noch am besten ist, wenn ihm irgendwas stinkt, durfte heute Graf Unheilig als Prügelknabe herhalten. Und mal ganz ehrlich, das populär-mediale Ungetüm, zu dem der einstige Sympathieträger mutiert ist, kann einen Puristen schon auf die Palme treiben. Das war auch im Laufe des WGT Wochenendes immer wieder in Gesprächen auf dem Gelände heraus zu hören. Die Szene hat fertig mit „Deutschlands neue Bärte“! Das reflektierte Mozart hier messerscharf. „Ich war mal im Krankenhaus und neben mir lag ein Graf…“ stichelte er unverhohlen.

Nachdem mit „Liebeslied“, „Perfect Baby“ und „Gebet No.1“ die ersten drei Songs unfallfrei über die Bühne gebracht wurden, hatte sich Mozart ein weiteres Lieblingsthema ausgeguckt. „Wenn ich heute die Szenepresse aufschlage, kriege ich das Kotzen!“, wetterte er und fügte an: „da kann ich auch die Bildzeitung lesen!“. Letztere hatte sich vor einigen Jahren ja mal verstärkt auf Umbra et Imago eingeschossen, als sinngemäße die Schlagzeile lautetet: „Regina Halmich im SM-Sumpf“. Mozarts heutiges Problem drehte sich um szeneeigene Fachpostille, die sich in den vergangenen Wochen intensiver mit Sascha Goldmanns Szene Parodie „Dark Kasperle Theater“ befasst und Froschkönig „Quak“ anstelle des echten Steve Naghavi (And One) interviewte, nachdem dieser kurzfristig sein Befragungstermin abgesagt hatte. „Wir Sind kein Kasperletheater!“, polterte Mozart und setzte zum Trotz auf „ein kleines Stückchen Oldschool“ – „Kleine Schwester“

Auch mit „Lieber Gott“ und dem Kampf gegen die „Ignoranz“ konnten Umbra punkten, bis Mozart sich der zunehmend gracierenden Chartgeilheit in der Szene annahm: „20 Jahr predige ich hier und am Ende ham´ se uns doch gekriegt! Chaaaarten…charten…warum wollen eigentlich  immer alle charten? ICH hab keinen Bock auf Charten!“ grummelte er. „Ich hab Bock darauf so ein geiles Konzert wie heute zu spielen!!!“ Also höchste Zeit die Mannschaft ein wenig zu verstärken.  Ally, alias Ally The Fiddle hatte man schon vor einigen Minuten mit ihrer Geige auf die Bühne gebeten, nun kam auch noch der Gastauftritt von Megaherz Sänger Alexander Wohnhaas – im Weißen Anzug – dazu, welcher gemeinsam mit seinen Karlsruher Kollegen die Ansicht vertrat „davon ginge die Welt nicht unter“. Recht mochten sie damit haben, ihr eigener Kahn drohte daran jedoch beinahe zu kentern. Der volkstümliche Schunkelrhythmus des UFA-Klassikers und Mozarts Stimme, die in den Tiefen Lagen ohnehin zuweilen an Heino erinnert, ließen einen skurrilen Musikantenstadl Flair aufkommen. Da mochte man nur sagen: „Mission geglückt Jungs! Putziger Auftritt aber mit dem Ding chartet Ihr auf keinen Fall, selbst wenn es das Teil gleich um die Ecke als Maxi-CD zu kaufen gibt!“

Zum Ende des Konzerts wurde dann nochmal „Alles Schwarz“ und „Amadeus“ rockte die Hütte. Darauf war wie üblich verlass. Ich kann zwar nicht behaupten dass Umbra et Imago mit ihrem diesjährigen WGT Beitrag einen Meilenstein gelandet haben, vor allem nicht mit Blick auf frühere Glanztaten, wie ihrem Auftritt beim WGT 2003, zu den unterhaltsameren Konzerten des Wochenendes gehörte dieses hier jedoch allemal.

COVENANT

Die Electro-Vorreiter Covenant gehören für gewöhnlich auch zu den richtig Guten. Dennoch hatte es die schwedische Bruderschaft in den jüngeren Vergangenheit nicht immer leicht auf Kurs zu bleiben. Spätestens wenn man ein Covenant Konzert an „Midsommar“ ansetzt ist bei den Schweden Gefahr im Verzug. So begab es sich Ende Juni letzten Jahres, das Covenant auf dem Berliner E-tropolis Festival ihr Image als elegante Gentlemen über Bord warfen und zu einer unfreiwilligen Harald Juhnke Parodie verkamen.Der Fanseele tat es schon weh Keyboarder Joakim Montelius hilflos über die Bühne krabbeln und um Haaresbreite in den Bühnengraben stürzen zu sehen, während Sänger Eskil Simonsson vergeblich versuchte seinem Freund wieder auf die Beine zu helfen. Womöglich ist dies der Grad an Selbstdemontage an eine hoch dekorierte Band im Laufe ihrer Karriere einmal gelangen muss, um daraus gestärkt hervor zu gehen. Ein reinigendes Gewitter das den Blick fürs Wesentliche zurückkehren lässt und Veränderungen mit sich bringt die Weh tun aber notwendig sind, eine Katharsis!

Folgerichtig überraschten die Schweden Ihre Fans nach Langer Wartezeit und zahlreichen Verschiebungen mit dem kreativ genialen Album „Modern Ruin“, dessen abgefahrenes Sounddesign manch einen anfänglich zwar überforderte, letztlich aber als eines derjenigen in die Musikgeschichte eingehen sollte, die in den kommenden 20 Jahren noch von so mancher Einsteigercombo erfolglos zu kopieren versucht werden wird.

Ergo stand an diesem Freitag nicht nur personell sondern auch konstitutionell eine andere Band auf der Agra-Bühne. Während Keyboarder Daniel Jonasson (ex-Dupont) sich als Vertretung für den pausierenden Joakim Montelius über weite Strecken im Hintergrund hielt, rockten Eskil Simonsson und Daniel Myer zusammen die Hütte. Angefangen mit „Stalker“ und Bullet“ mutete das Konzert wie ein Befreiungsschlag an.

Nicht genug, dass vor Agra-Halle akuter Einlasstopp herrschte, die Stimmung im Innern des Gehöfts erreichte mit Songs wie „Judge Of My Domain“, „We Stand Alone“, „Ritual Noise“, „Der Leiermann“ und vielen mehr nun den absoluten Höhepunkt. „Es ist mir unglaublich wichtig heute mit meinem Freunden diese Songs zu spielen“ rief Eskil dem Publikum euphorisch zu, während bis in die hintersten Ecken der Agra euphorisch getanzt wurde. Eine solche Massenparty war an diesem Pfingstwochenende nirgendwo anders zu beobachten!

Gab sich Frontelch Eskil zu Anfang des Konzertes noch vergleichsweise konservativ brachen auch bei dem beherrschten Schweden irgendwann sämtliche Dämme. Es war schon drollig zu beobachten wie sein Kopf  im Laufe des Abends immer weiter über die Seitliche Bühnenbegrenzung hinaus hüpfte und erst recht, als mit einem mal auch noch die Arme wild rudernd dazu kamen. Da halfs es nicht, es musste mit „Dead Stars“ dringend eine Zugabe her. Aber so ist das eben, wenn der Trommeldieter auf die Pauke haut und der Vocoder durch Mark und Bein geht. THIS is Ritual Noise!

DEINE LAKAIEN

Nach diesem Brecher mit einer inzwischen ein wenig betulich gewordenen Avantgarde Elektronik auf die Bühne steigen zu müssen gestaltete sich für Deine Lakaien als vergleichsweise undankbare Aufgabe, hätte das aufgepeitschte Publikum doch gerne direkt weiter getanzt. Das Interesse am Auftritt der Lakaien erwies sich dennoch als ungebrochen.

„Leipzig, 23:30 Uhr – die Frisur sitzt“ – starteten die Bayrisch Berlinerischen Szene Ikonen mit „On Your Stage Again“ vom aktuellen Album „Indicator“ in das Konzert. Mit Ernst Horn am Flügel, Alex Veljánov am Gesang, Ivee Leon und B.Deutung an den Streichinstrumenten, hüllte sich das Gespann zunächst in eine Wand aus Nebel, als wären gerade die Sisters of Mercy aus ihren Urnen gestiegen. Wenigstens herrschte damit Chancengleichheit für jene, die einen Platz vor der Bühne ergattern konnten und jene welche am Rande des Geschehens ohnehin wenig bis nichts von den Musikern zu sehen bekamen.

Während der knapp 90 Minuten setzte der Vortrag keine besonderen Schwerpunkte. Natürlich fanden sich mit „Who´ll Save Your World“ und „Europe“ noch einige Songs des aktuellen Albums im Programm, darüber hinaus wandelten Deine Lakaien überwiegend auf einem Pfad durch ihren umfangreichen Backkatalog und präsentierten neben jüngeren Hits, wie „Over and Done“, auch lieb gewonnene Perlen á la „Into My Arms“ (Kasmodiah), „Forest“, vom 1993´er Album Forest Enter Exit, „Fighting The Green“ (1996), den Uralt-Klassiker „Reincarnation“ und „Love Me To The End“.

Der geneigte Lakaien Fan wurde folglich an diesem Abend, pardon in dieser Nacht, reichlich bedacht. Auffällig war nur, dass es nach wie vor die Großtaten früherer Tage waren, die das Publikum verstärkt mitzureißen vermochten. Was vor allem dem Umstand geschuldet sein dürfte, dass die Songs jüngeren Semesters einerseits noch nicht komplett verinnerlicht sind, andererseits aber auch einen erhöhten Knödelfaktor mitbringen, der, mir sei diese Einschätzung verziehen so ich damit schief liege, eine gewisse Behäbigkeit ausstrahlt, die eventuell auch dem fortgeschrittenen Alter der kreativen Köpfe geschuldet sein könnte. Auffallend oft verlegten sich Deine Lakaien auf akustische Spielereien, sodass die kernigen Elektronikelemente zuweilen extrem in den Hintergrund rückten. Das kann begeistern, muss es aber nicht. So sorgten Deine Lakaien in der Summe zwar für einen gepflegten zweiten Tagesabschluss, konnten nach der schwedischen Steilvorlage den Spannungsbogen jedoch nicht durchgehend aufrecht erhalten.

HOME SWEET HOME

Auf dem Weg aus der Agra Halle machte ich mich anschließend auf die Suche nach dem unausweichlichen „Barden der Finsternis“, WGT Urgestein „Noctulus“. Sehr zu meiner Enttäuschung war der liebenswürdige Chaot aus der Galaxie Andromeda noch nicht mit seinem Blackmetal Spaceship auf dem WGT gelandet, sodass die traditionelle Portion zuckerböser Realsatire am Freitagabend leider ersatzlos entfiel. Entsprechend geknickt machte ich mich auf den Weg zur Tramstation. Da die nächtliche Heimreise auf sich warten ließ und mein Flüssigkeitspegel gegen null strebte, entschied ich mich zu einem Abstecher in die angrenzende Tankstelle, wo kühle Getränke und lecker Junkfood den Abend erst so richtig komplett machten. Da ich offensichtlich nicht allein war mit meinem Bedürfnis hatte sich der Tankstellenpächter einen eigenen Securityposten geleistet, der mit wachsamem Auge peinlich genau darauf achtete, dass gerade so viele Kunden in den mit schwarzen Seelen gefüllten Verkaufsraum strömten, wie es der knapp bemessene Platz zuließ.

Mit einer Flasche Cola und einer Überdosis Red Bull bepackt reihte ich mich schließlich zurück in die Schlange an der Tramhaltestelle, als auch schon die Wagen der Linie 11E vorfuhren. Rund 10 Minuten hieß es nun Kuscheln im Karton, dann war mein Ziel, kurz vor dem Connewitzer Kreuz, erreicht. Zufrieden wechselte ich nun auf die andere Straßenseite und freute mich auf mein Bett, da der morgige Tag erneut sehr ereignisreich und anstrengend zu werden versprach. Neben einem Abstecher in das Pantheon (ehemals Kuppelhalle) lockten sowohl die Parkbühne als auch die Alte Messehalle 15 mit gitarrenorientierten Klängen und einer exklusiven Show von Girls Under Glass, wie es sie so noch nie gegeben hat und wohl auch nie wieder geben wird. Weiteres dazu im dritten Teil des großen WGT Rückblicks 2011.