Review: With Full Force Festival 2012 (29.06. – 01.07.2012, Roitzschjora)

Foto: Sebastian Steinfort

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Endlich ist es soweit: Das With Full Force Festival öffnet zum 19. Mal die Tore des Flugplatzes Roitzschjora in Delitzsch und lädt Metal-, Punk- und Hardcorefans aus der ganzen Welt zum heißesten Wochenende des Jahres ein. Vom 29.06. – 01.07. reisen knapp 30.000 Besucher an, um gemeinsam eine riesige Party zu feiern. Bereits als wir am Donnerstagmittag das Gelände erreichen, stehen wir kilometerweit vor dem Festival im Stau und sind sind überrascht, dass es bereits jetzt schon den Anschein hat, als ob auf dem zur Verfügung gestellten Campingplatz kaum noch Platz für weitere Festivalbesucher ist.

Als wir uns dann doch einen Platz ergattern können und die Zelte aufgebaut und das Bier kalt gestellt (oder zumindest so kalt wie möglich) ist, machen wir uns auf den Weg, um uns einen ersten Überblick über das Gelände zu verschaffen. Das Besondere an diesem Jahr ist, dass sich die Tore zum Festival anlässlich des Deutschlandspiels gegen Italien im Rahmen der Fußball Europameisterschaft bereits schon am Donnerstag öffnen und den Besuchern wohl eins der größten Public Viewings in Deutschland geboten wird.

Dieses Angebot wird von fast jedem mehr oder weniger Fußballinteressierten wahrgenommen und die Idee des riesigen Public Viewings kommt sehr gut an. Allerdings kann selbst ein With Full Force Festival Veranstalter nicht das Glück der deutschen Mannschaft mit einplanen und so ist die Stimmung spätestens nach dem zweiten Tor der italienischen Mannschaft dann doch etwas gedrückt. Um sich die Feierlaune auf dem Full Force komplett verderben zu lassen, benötigt es jedoch mehr als bloß eine Niederlage im Fußball der heimischen Mannschaft und feiert ein Großteil der Besucher bereits am Donnerstag und der darauffolgenden Nacht ungehemmt und steigen so perfekt in den offiziellen Festivalbeginn am Freitagvormittag ein. Nach einer doch eher unerholsamen Nacht, machen auch wir uns Freitag auf den doch recht langen Weg aus unserem Camp zum Festivalgelände und entdecken erstmal die riesige Auswahl an Getränken- und Essensständen.

Foto: Sebastian Steinfort

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Wenn man so wie wir die letzten Jahre bereits auf dem WFF Festival war, fällt die Orientierung auf dem Gelände anfangs doch etwas schwer, da sich die Veranstalter dazu entschieden haben, für 2012 das Gelände komplett umzustrukturieren und den Aufbau neu anzuordnen. Mit Runningorder, Geländeplan und Bier gewappnet geht es dann auch los in Richtung Bühne, auf der bereits seit halb drei die ersten Bands spielen. Der Wettergott scheint sich bisweilen im Übrigen auch auf die Seite der Metalheads geschlagen zu haben. Bei fast tropischen Temperaturen bis zu knapp über 30 Grad suchen Viele Abkühlung unter den zahlreichen Getränkezelten oder gucken sich die Bands, die auf der Mainstage spielen, dann doch lieber aus weiterer Entfernung, dafür aber entspannt aus dem Schatten an.

Die gute Laune der Feierwütigen wird gegen 19 Uhr stark getrübt, als plötzlich auf einer der Leinwände neben der Mainstage die Nachricht übermittelt wird, dass einer der wohl am heißesten erwarteten Bands, nämlich niemand geringeres als Lamb of God ihren Auftritt auf dem With Full Force aufgrund eines Zwischenfalls auf einem Konzert leider kurzfristig absagen mussten. Auch von der Nachricht dass die gefeierte Metalcoreband Neaera spontan als Ersatz einspringen wird, lassen sich die Lamb of God Fans nur wenig trösten.

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Durch diese Umstrukturierung des geplanten Programms wird der Auftritt der US amerikanischen Metalcoreband Emmure von der Hardbowl auf die Mainstage verlegt. Als wir diese Information mitbekommen, machen auch wir uns schnurstracks auf den Weg gen Mainstage, um die Jungs aus New Fairfield, Connecticut, aus der Nähe betrachten zu können. Gerade als wir uns einen guten Erste-Reihe-Platz gesichert haben, entern Emmure auch schon die Bühne und zeigen direkt mit ihrem ersten Song, was Sache ist. Obwohl sie meist als Metalcoreband bezeichnet werden, erscheint es doch ungewöhnlich schwer, die Band einem passenden Genre zuzuordnen. Stark vom Hardcore und vom Metalcore beeinflusst, gewinnen Emmure doch eine Vielzahl an Breakdowns in ihren Stücken an Härte und bringen so die doch eher rabiaten Messages ihrer Songs gekonnt zum Ausdruck.

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Mit einer gesungen Mischung aus Songs des aktuellen Albums ''Slave to the game'', dem Vorgänger ''Speaker of the Dead'' und alten Klassikern von Platten wie ''Felony'' stellen Emmure mal wieder ihre unglaubliche Livekompetenz unter Beweis und stellen für uns bereits jetzt eins der Festivalhighlights dar. Unseren schwer erkämpften Platz behalten wir auch als Emmure ihren Auftritt beenden und warten nun voller Vorfreude auf die Nachfolger, die niemand geringeres als Suicide Silence sind. Mit gewohnt viel Wirbel und Drumherum betritt die Band um Frontmann Mitch Lucker dann auch endlich die Bühne und begeistert das Publikum sofort mit dem Megahit ''Unsanswered''. Eine Stunde lang spielen die Amerikaner mehr neue Hits der Platte ''The black Crown'' als alte Stücke. Der Höhepunkt wird jedoch bei einem der alten Songs erreicht: Als der Dauerbrenner ''No pity for a Coward'' angekündigt wird, fordert Mitch die Fans dazu auf, bei dem Song zu crowdsurfen, nach vorn zu schwimmen und ihm eine Highfive vor der Bühne zu geben.

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Dieses Angebot lassen sich die wahren Fans natürlich nicht entgehen und es steigen immer mehr und mehr Crowdsurfer aus der Masse auf und beginnen nach vorn zu schwimmen. Nach dem energiegeladenen Auftritt von Suicide Silence sind auch wir wirklich geschafft und sichern und einen Platz im Schatten, um mit ausreichend Wasser Machine Head anzugucken und dabei zu entspannen. Wer von Festivals sowieso schon vergleichsweise wenig Schlaf gewohnt ist, kann sich auf dem Full Force getrost auf noch viel weniger Schlaf einstellen. So kommt es, dass wir Samstagmorgen doch relativ unausgeschlafen bereits morgens gegen Acht Uhr aus dem Zelt kriechen, da man es im Zelt unter der prallen Sonne wirklich nicht mehr aushält. Wer sich nun denkt, man könne erst einmal schön entspannt duschen gehen, um sich abzukühlen, teilt diese Idee scheinbar mit 90% der restlichen Festivalbesucher. Als wir uns um kurz nach Acht an den Duschkabinen einfinden, dürfen wir noch über eine Stunde in der Sonne ausharren und darauf hoffen, dass endlich eine Kabine frei wird.

Endlich in der Dusche angekommen sind dann aber auch schnell die Strapazen der letzten Nacht und des stundenlangen Wartens vergessen. Im Gegensatz zu anderen großen Festivals, die meist nur Sammelduschen aufweisen, bietet das With Full Force in Sachen Duschen schon fast Festivalluxus. Einzelne Duschkabinen, faire Preise, ausreichend Spiegel und sogar Steckdosen, um Föhn, Glätteisen und Co. Zu benutzen. Nachdem wir uns also unter der Dusche erfrischt haben und uns einigen Flunkyballduellen mit Campnachbarn geliefert haben, machen wir uns langsam auf den Weg Richtung Festivalgelände. Die erste Band, die uns am

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Samstagnachmittag die Stirn bietet sind die Excrementory Grindfuckers, die uns in einer guten halbe Stunde eine skurrile Show bieten, getreu ihres Mottos ''Musik machen Andere''. Direkt nachdem die Grindfuckers die Mainstage verlassen, machen wir uns im Laufschritt über das halbe Festivalgelände auf den Weg zur Hardbowl, in der auch schon die Jungs von Stick to your Guns aus Orange County, Kalifornen ihre Performance beginnen. Ihr Programm besteht fast nur aus neuen Songs des kürzlich erschienenen Albums ''Diamond''. Zwischen den Songs baut Sänger Jesse Barnett eine bewegende Rede ein, in der er auf Missstände unserer Generation hinweist und dem Publikum Mut zuspricht, alle aufkommenden Hürden zu meistern und nach vorn zu schauen. Gerade durch diese Rede schaffen es Stick to your guns ihre Authenzität zu bewahren wie kaum andere Bands. Auch bei dieser Band verliert man seit Anfang des ersten Songs den Überblick über die übermäßig vielen Crowdsurfer, die immer wieder auf der Menge auftauchen und über das restliche Publikum Richtung Bühne schwimmen.

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Die nächste Band,die auf unserer persönlichen Runningorder steht, sind die Legenden von I killed the promqueen. Im Jahre 2007 trennte sich die Metalcoreband aus Adelaide, Australien aufgrund persönlicher Differenzen. Im März 2011 wurde bekannt, dass die Band wieder zusammengefunden hätte und eine Tour plante, die auch im Jahr 2011 stattfand. Mit Mitgliedern aus anderen großen Bands der Szene wie Deez Nuts und Bring me the horizon. Dementsprechend groß war der Andrang der Fans, die sich zu Tausenden versammelten, um I killed the promqueen endlich live zu sehen. Aber auch hier lohnt sich das Drängeln, Schubsen und Quetschen, wie sich bereits während der ersten Stücke herausstellt: Die langjährige Pause scheint der Band nur gut getan zu haben, denn live begeistern sie als hätten sie ihr Leben lang nichts anderes getan als Tourneen absolviert. Gegen Abend steigt die Freude immer mehr auf ein Urgestein des With Full Force, eine Band, die das Festival bereits ihr Zuhause nennt. Die aus Sachsen stammende Metalcoregröße Heaven shall burn gibt sich um halb elf die Ehre und lockt selbstverständliche Tausende Zuschauer an, sodass das Ende des Gedränges gar nicht mehr sichtbar ist.

Auch Petrus scheint bemerkt zu haben,dass sich nun heftig was tut: Die anhaltende Hitze der letzten Tage nimmt langsam aber sicher ab, ein leichter Wind kommt auf.
Das Equipment der Band wird inzwischen aufgebaut und der Soundcheck erfolgt vor den Augen der tausenden Fans und langsam wird wohl jedem wohl oder übel klar, dass sie nun nicht nur auf der Bühne richtig was geboten kriegen. Synchron zum Entern der Bühne durch Heaven shall burn, beginnt plötzlich ein ungewöhnlich starker Platzregen, der Himmel hat inzwischen eine tiefschwarze Farbe angenommen. Neben den heftigen Gitarrensounds ertönt von oben grollender Donner über das

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Festivalgelände, doch wahre Fans lassen sich davon nicht beeindrucken. Als der Regen so stark wird, dass die komplette Technik samt Ton und Videoleinwand einfach ausfällt, gibt die Band dennoch weiterhin alles, genau wie ihre Fans. Es gibt vermutlich mehr als eine Band, die unter diesen Extrembedingungen den Auftritt abgebrochen hätten, und einige Fans, die lieber Schutz im Trockenen gesucht hätten: Doch nicht Heaven shall burn.

Inzwischen ist das Gewitter in vollem Gange, Blitze zucken über den Himmel, wenn es gerade nicht wie aus Eimern gießt, hagelt es auf die Fans hinunter, der Donner ist ohrenbetäubend laut, doch gerade diese Umstände lassen die aufwändige Bühnenshow von Heaven shall burn, die jede Menge Feuer und Knalleffekte inkludiert, nur noch imposanter wirken und unterstützen die Message des Tophits Endzeit, den die Band gerade zum Besten gibt: ''We are the final resistance!'' Über eine Stunde kämpfen Band und Fans gemeinsam gegen den Sturm an, der sich gen Ende des Auftritts auch endlich wieder zu beruhigen scheint. Eins steht fest: Heaven shall burn Auftritte sind wirklich immer gut, aber dieser Auftritt wird garantiert in die Geschichte eingehen, wer dabei war, weiß genau, was gemeint ist. Die Band verlässt die Bühne und zeitgleich wird hinter der Bühne ein riesengroßes, fünfzehnminütiges Feuerwerk gestartet, das am immernoch sehr dunklen Himmel noch besser zur Geltung kommt. So wird allen Besuchern ein würdiger Abschluss für diese unglaubliche Leistung von Heaven Shall Burn geboten.

Wer nun aber glaubte, das Schlimmste am Unwetter war überstanden, der irrte leider: Nachts beginnt erneut ein schwerer Sturm über Roitzschjora hineinzubrechen

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und wütet so stark, dass sogar ein Blitz auf dem Gelände einschlägt und über fünfzig Menschen verletzt. Glücklicherweise wird die medizinische Notfallversorgung so gut geregelt, dass alle Opfer sofort versorgt werden konnten, sodass das Schlimmste verhindert wurde. Am Sonntagmorgen gleicht das Camping- und das Festivalgelände eher einem Schlachtfeld als einem ursprünglichen Flugplatz. Unzählige Pavillions und Zelte wurden vom Sturm beschädigt oder teilweise sogar komplett zerstört, sodass viele Besucher sich schweren Herzens dazu entscheiden, bereits am Sonntag abzureisen, bevor die letzten heiß ersehnten Bands gespielt haben.

Unter Anderem müssenleider auch wir diese schwere Entscheidung treffen und verpassen so Größen wie Soulfly, Broilers und Comeback Kid. Die einzige Band, zu der wir es noch pünztlich zum Festivalgelände schaffen, ist die kalifornische Beatdownband Xibalba. Obwohl die Jungs bisweilen noch nicht einmal ein Full-Length Album herausgebracht haben, überzeugen sie das Publikum in der Hardbowl doch sofort und im Moshpit ist der Anblick von Tänzern mit Jogginghose und Sturmhaube im Gesicht keine Seltenheit. Für uns bietet Xibalba so zumindest einen deftigen Abschluss für das With Full Force Festival 2012 und bereits beim Verlassen des Geländes wissen wir: Roitzschjora, wir sehen uns nächstes Jahr definitv wieder!

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