Review: Flow Festival Suvilahti/Helsinki, August 13-16, 2009

Bereits seit sechs Jahren kann man sich Mitte August, in Kombination mit dem Helsinki Festival in Finnland fast wie im Ruhrpott fühlen: Die Location für das Flow Festival ist zur Abwechslung kein für kulturelle Zwecke umfunktionierter Acker, sondern das Gelände eines ehemaligen Energiewerks.

Nett mit Glühlämpchen und Festzelten versehen, die beinahe an Biergartenatmosphäre in der heimischen Zechenkolonie vermitteln, glaubt man sich eher in Essen oder Oberhausen als im Süden Finnlands. Bis auf den obligatorisch eingezäunten Alkoholausschankbereich, zu dem den nach finnischer Manier nur Erwachsene über 18 und solche, die es mit überzeugend echt aussehenden Ausweispapieren noch werden wollen, Zutritt haben.

 

Die 2- und 3-Tages-Pässe für das in diesem Jahr zum ersten Mal auf vier Tage und sechs Venues erweiterte Spektakel waren bereits lange im Voraus ausverkauft. Karten für den Eröffnungs-Donnerstag mussten jedoch ergattert werden, denn da gab’s nicht Ruhrpott-, aber Rheinlandfeeling: Kraftwerk aus Düsseldorf machen wieder von sich Reden, trotz oder vielleicht auch gerade wegen des Ausstiegs von Gründungsmitglied Florian Schneider. Die legendären, teilweise auch von vielen Mythen umgebenen Elektro-Avantgardisten spielten am 12. August vor rund 6200 Anhängern auf der Hauptbühne.

 

Unter dem Motto „Kunst gehört allen“ gaben sich an den drei darauffolgenden Tagen insgesamt fünfundsechzig (!) Bands und 12,000 Festivalbesucher aus dem In- und Ausland die Ehre.

Highlights waren unter anderem Vampire Weekend (USA), Lily Allen (UK) und Ladyhawke (NZ), dennoch zog es sicherlich die meisten am Samstag zur Revival-Show einer Pop-Diva, die zuletzt in den 80ern vor allem durch ihr extravagantes Äußeres, aber auch durch ihre exzentrische Persönlichkeit Schlagzeilen machte.

 

Nach 19 Jahren Pause fragt man sich heute nicht mehr, ob in Grace Jones durchtrainiertem Körper mehr männliche oder weibliche Hormone schlummern. Zwar hat die ehemalige James Bond-Amazone inzwischen eindeutig die Wandlung zur schillernden Glamour Queen mit Tina Turner-Anstrich vollzogen, aber dennoch weder kraftvolle Stimme noch gestählte Muskeln eingebüsst. Einblicke gab’s zumindest genug – nicht zuletzt durch die Fischnetzmaschen eines überaus knappen String-Bodys. Aber mit mittlerweile 61 Jahren kann sich diese Frau immer noch sehen lassen, und mit ihrem 2008 erschienenen Comeback-Album „Hurricane“ eroberte sie an diesem Abend buchstäblich ihr Publikum im Sturm.  Und das, obwohl sicherlich nur ein Drittel der Anwesenden alt genug war, um sich an die Pop-Ikone zu erinnern.

Für ihre gut 20 Minuten Verspätung entschädigte sie mit einem satt 80-minütigen Set und einer Bühnenshow, die selbst Madonna vor Neid hätte erblassen lassen. Einem Ex-Topmodel steckt schnelles Umkleiden auch nach Jahrzehnten immer noch im Blut – wer will da schon bei einem Sound und Kleiderstil bleiben, wenn man sich auch für jeden einzelnen Song in ein neues, noch ausgefalleneres Outfit werfen kann? Die Setlist war, dazu passend, eine ebenso eklektische Mischung: Vom funkigen „Pull Up To The Bumper“, über Edith Piaf’s „La Vie En Rose“ zu Roxy Music’s glamrockigen „Love Is The Drug“ und Iggy Pop’s „Nightclubbing“ zog die Disco-Diva alle Register, die es nur zu ziehen gab.

Zum Abschluss gab’s dann mit dem gleichnamigen Titel-Song ihres aktuellen Albums „Hurricane“ den Beweis, dass Grace Jones nicht nur wieder da ist, sondern es immer noch drauf hat. Und das soll ihr erst einmal jemand nachmachen.

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