Review: Abbruch beim Müssen alle mit (2019)

Atmo (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)
Paul’s Jets (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)

Da sind wir wieder, im schönen Bürgerpark von Stade in dem das alljährliche, gemütliche Müssen Alle mit Festival abgehalten wird. Das Line-Up sieht gut aus und der Wettergott scheint gnädig, noch. Bereits vor der ersten Band werden die Plätze im Schatten knapp, denn die Sonne scheint erbarmungslos. Zum Glück hat Paul Buschnegg, Sänger von Paul’s Jets, den richtigen Sonnenhut dabei, sodass einem gelungenen Festivaleröffnungsgig in der brütenden Mittagssonne nichts im Wege steht. In der Theorie zumindest, denn vor der Bühne bleibt es sehr luftig. Ganz ähnlich bleibt es bei Tapete Records Newcomern Botschaft. Der blumfeldige Sound der Band scheint jedoch besser beim Publikum anzukommen, sodass sich die Gäste sogar für das wohl kleinste Crowdsurfing des deutschen Festivalsommers zusammentreiben lassen.

Botschaft (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)
Atmo (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)

Bei einem Festival mit nur einer Bühne lassen sich Umbaupausen natürlich nicht vermeiden. Immerhin für die Bespaßung der Kinder während dieser Zeit ist gesorgt. An dieser Stelle kommen wir zum ersten Manko des eigentlich ganz wundervollen MAMF: Heliumluftballons, die im Dauerflug in den Himmel steigen gelassen werden. Was kurze Zeit den kleinen Gästen Freude bereitet, bleibt noch sehr lange in der Umwelt als Andenken zurück. Nicht weit haben es die Ballons bis zum Wasser, wo sie entweder von Seevögeln als tödliches Nistmaterial aufgesammelt werden, oder sich über den Kurs vieler Jahrzehnte in Mikroplastik verwandeln. Wie wäre es denn an dieser Stelle statt Ballons für die Kinder, Angebote von NGO’s anzunehmen, die gerne kindgerechte Aufklärungsarbeit bei solchen Veranstaltungen leisten? Die Fridays For Future Bewegung zeigt doch am allerbesten, dass vor allem bei jungen Menschen eine große Sensitivität für das Thema Umwelt und Klima vorliegt.

Gurr (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)

Zurück auf der Bühne kündigt Bernd Begemann mit Gurr die nächste Band an und endlich kommt mal etwas Schwung vor die Bühne. Wer die Band kennt, weiß, dass an dieser Stelle das erste große Tageshighlight wartet. Der Sound ist jung, frisch und absolut unangepasst. Besonders die Performance von Andreya Casablanca reißt immer wieder mit.  Das Schöne ist, das absolut nichts perfekt läuft, sei es die Technik oder die holprige Darbietung des Fettes Brot Klassikers „Jein“ und das ist genau richtig so. Perfektionisten gibt’s genug.

Zoot Woman (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)

Zum Beispiel die britischen Synthie-Popper von Zoot Woman, die zwar den perfekten Soundtrack zum schönen Wetter liefern, aber von deren Auftritt im Großen und Ganzen nicht viel im Gedächtnis bleibt. Als Absacker nach der großen Party mit Frittenbude hätte die Band sicher einen besseren Slot gehabt. In der nächsten Umbaupause fällt eine Sache auf, die wirklich schade ist. Mit dem BegeBernd hat das MAMF sich einen tollen, vielseitigen Moderator ins Boot geholt. Leider begrenzt sich seine Aktivität auf zweiminütige Ansagen und einen kleinen Akustikauftritt vor den Kindern. Sicherlich wäre es anfangs vor der Bühne voller gewesen, hätte man Begemann etwas mehr Zeit für größere Programmslots zwischen den Bands eingeräumt.  

Atmo (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)

Scheiß auf Sexismus, ich hasse alle Menschen gleich
Und nenn ich Bitches „Bitches“, dann sind Rapper damit gemeint achso
Ja, Ja, ich weiß, du willst Meckern und Motzen, gut
Hier was zum Zitieren: „Alle Männer sind Fotzen“

Juse Ju (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)

Nach Hamburger Schule, Garagenrock und Elektro-Pop wird es Zeit für etwas Hip-Hop. Diese wichtige Aufgabe übernimmt der sympathische Juse Ju, der als Geheimwaffe neben seinem Baseballschläger auch noch Fatoni dabei hat, das kann ja nur gut werden. Wird es auch. Im Anschluss kommt die Band, auf die alle gewartet haben. Seit einem ganzen Jahr! Im letzten Jahr mussten Turbostaat ihren Auftritt krankheitsbedingt absagen, dafür sprangen kurzerhand die großartigen Kettcar ein. Schon damals wurde versprochen, dass der Auftritt im Folgejahr nachgeholt werden würde. Und so geschieht es.  Turbostaat kennen und lieben wir alle. Der Auftritt mängelfrei, dennoch springt der Funke nicht komplett zum Publikum über, zumindest ist man aus Clubshows eine wildere Publikumsbeteiligung gewohnt.

Turbostaat (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)

Überraschung des Abends, zumindest für uns, ist sicher MIA. Man muss nicht zwingend etwas mit dieser Sorte Popmusik am Hut haben, um zu erkennen, dass das eine wahnsinnig tolle, abwechslungsreiche Performance auf der Bühne ist.

Euer Lokalpatriotismus bleibt der kleine Bruder des Nationalsozialismus

Mia (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)

Weniger abwechslungsreich der Auftritt von Frittenbude, böse Zungen könnten behaupten, dass die ja im Prinzip nur einen Song in Endloslänge spielen. Musikalisch gibt’s da halt keine Überraschungen. Dennoch finden die Gäste das Geschehen auf der Bühne geil und allen stumpf dröhnenden Beats zum _Trotz hat die Band mit Songs wie „Die Dunkelheit darf niemals siegen“ hier und da ja auch was zu sagen. Also läuft’s doch, zumindest bis ein heftiges Gewitter für einen Konzertabbruch nach der Halbzeit sorgt, sodass die Veranstalter das „Müssen alle mit 2019“ vorzeitig, aber zum Schutze aller, beenden.

Frittenbude (Foto: Thea Drexhage bs! 2019)
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Thea Drexhage
Thea Drexhage hat Salma Hayek einiges voraus! 100 mm. Wie die meisten Frauen der Redaktion, Duffy, Beth Ditto, Joan Rivers oder Angus Young kann sie die MusikerInnen aus dem Bühnengraben also völlig problemlos sehen, wenn jemand ihren Hocker trägt, wird aber - das hat sie mit Salma dann doch wieder gemein - dennoch viel zu oft auf Ihre Körpergröße, ihre Mähne und ihre leicht misanthropischen Anflüge reduziert. Damit sie also nicht im nächstbesten Titty Twister von Sonnenunter- bis Sonnenaufgang Menschenmengen und Bläser mätzelt, halten wir “Aggro-Thea”, die zuvor ganze Landstriche in Mecklenburg Vorpommern ausgerottet hat, halbtags im spießbürgerlichen Oldenburger Exil an der langen Leine. Seither legt sich die scheißpünktliche existentialistische Besserwisserin analog mit Satre, Camus & Kodak an und ja, auch wir müssen neidlos zugestehen, dass der Instagram-Account ihrer beiden Katzen “Salma” und “Hayek” mehr Follower pro Tag hat, als unser webzine im ganzen Jahr.