Review: Scheiß auf Etikette – The National in der Elbphilharmonie (21.10.2017, Hamburg)

The National (Foto: Peter Hundert)

2100 Plätze bietet die Elbphilharmonie am Abend des 21.10.2017 für den Auftritt der heiß begehrten Indiegötter von The National im Rahmen des Reflektor Bryce Dessner Festivals.

2100 Plätze, die über ein Losverfahren vergeben wurden. Dies sind in Anbetracht der Schwarzmarktlage einige tausend Tickets zu wenig. Es werden nicht nur Karten für 500€ angeboten, sondern auch für solche Preise gekauft. Ob es sich bei den Käufern der Tickets um tatsächliche Fans der Band handelt oder nur um prestigesüchtige Monokelträger, die gerne mal in der Elbphilharmonie dabei sein würden, sei an dieser Stelle dahingestellt. Der unautorisierte Kartenhandel stößt auch den Veranstaltern bitter auf, so dass diese sich entschieden, an diesem Abend den Kartenweiterverkauf, welcher über Kleinanzeigen und Co. direkt im Haus stattfinden sollte, zu überwachen und die Preise human zu halten. Und auch die Daheimgebliebenen kommen nicht zu kurz, so wurde kurzerhand ein Live-Stream für den Konzertabend angekündigt und umgesetzt.

Ein kleiner Trost.

Nachdem der geneigte Konzertbesucher sich von den architektonischen Besonderheiten der Elbphilharmonie verzaubern lassen und den ein oder anderen Blick über Hamburgs Skyline schweifen lassen hat, öffnet sich das Foyer zum großen Saal. Unzählige Stufen ziehen sich durch die offenen Räume zu den jeweiligen Rängen. Durchweg freundliches und routiniertes Personal ermöglicht ruhigen und zügigen Einlass. Die 30 Minuten bis Konzertbeginn erscheinen in der Kulisse des großen Saals lächerlich kurz. Das Auge findet keine Ruhe, bis letztendlich das Licht erlischt.

The National (Foto: Peter Hundert)

„Nobody Else Will be There“ haucht Matt Berningers wunderbar tiefe, fast schon zu präsente Stimme ins Mikrofon. Gänsehaut vom ersten Ton. Eingepackt vom Klang staunen BesucherInnen fest verwurzelt auf ihren Plätzen. Acht Musiker, an diesem Abend inklusive der wundervollen Lisa Hannigan, fackeln nicht lange und präsentieren mit den ersten vier Songs durchgängig Stücke des jüngsten Langspielers „Sleep Well Beast“. Die charmanten Ansagen zwischen der Songs werden von ohrenbetäubendem Jubel übertönt.

WHAT?

Die Band nimmt es mit Humor und wiederholt die ein oder andere Anekdote auf Wunsch. Der „Sleep Well Beast“ Liederblock findet seinen Höhepunkt im Instrumentalpart von „Guilty Party“. Berninger verschwindet und überlässt seinen Bandkollegen die Bühne.

Augen schließen
Gänsehaut ausbauen.

Und dann beschwört „Don’t Swallow the Cap“ die ersten Mutigen. Tänzer die auf die Sicht ihrer Hintermänner und -frauen scheißen und den Abend genießen. Belohnt werden sie bei „Ohio Bloodbuzz“ mit einem Besuch Beringers. Der irgendwie Anti-Frontmann-Frontmann schreitet zu den Tänzern und begibt sich in ihre Mitte um die Show zu genießen –  die Sympathien sind klar verteilt. Und plötzlich erheben sich alle und tanzen, ganz kurz, verunsichert und heimlich und setzen sich mit dem verklingen der letzten Note wieder.
Nur Berninger bleibt in Bewegung, getrieben von seiner Wanderlust erkundet er die verschiedenen Ecken des Saals und verlässt diesen auch hier und da. Wohin weiß er nicht. Jede Wanderung wird mit dem erneuten Auffüllen seines „Tiny Cups“ beendet – Betrinken dauert an dieser Stelle etwas länger. Während seine Mitmusiker durch ununterbrochene Professionalität beeindrucken, wirkt Berninger amateurhaft, unruhig und aufgeregt – Dinge für die er des Öfteren in die Kritik der Zuschauer gerät. Im Endeffekt ist es jedoch hauptsächlich eines:

authentisch, ehrlich,
sympathisch unangepasst.

The National (Foto: Peter Hundert)

In kleinen Portionen verwandelt er die Bühne in Chaos. Mikrofonständer werden überall verteilt, PA-Elemente umgeworfen und verschoben – die Roadies verbringen fast mehr Zeit auf der Bühne als Berninger selbst, um das veranstaltete Chaos im Rahmen zu halten. Spätestens mit dem großartigen „Turtleneck“ reizt Berninger die Grenzen der Etiquette des Hauses aus. Gefüllte Weinbecher werden auf die oberen Ränge geworfen, Fans unfreiwillig auf die Bühne gezerrt und auch Gesangsnoten entpuppen sich nur als Empfehlung. Doch auch während all dieser Aufregung übt das Publikum bis auf einige Ausnahmen nur den wenig aufgeregten Sitztanz aus und lässt sich berieseln, bei dieser Klangkulisse sicherlich nicht falsch, aber irgendwie doch komisch. Der Band ist es egal. Sie spielen und spielen und spielen ihre wundervoll traurigen Lieder. Egal ob alte Stücke wie das vom Publikum ersehnte „About Today“, das beliebte „Fake Empire“ oder das mächtige, neue „Sleep Well Beast“. Der Jubel ist so oder so kaum in Worte zu fassen. Erst recht nicht, als die Pause vor der Zugabe beginnt.

The National (Foto: Peter Hundert)

Und diese Zugabe stellt sicherlich eine Premiere in der Elbphilharmonie dar: Die ersten Noten des Ramones Klassikers „The KKK took my Baby away“ ertönen. Die Widmung gilt dem aktuellen, peinlichen Us-Präsidenten.

Und auf einmal wird getanzt.
Von allen.

The National (Foto: Peter Hundert)

Berninger klettert über die Sitze der ersten Reihen, packt Leute am Kragen und schreit Gesicht an Gesicht mit ihnen ins Mikrofon. Für die letzten vier Songs bleibt das Publikum auf den Beinen, verlässt seine Plätze und tanzt in den Gängen. Das ganze Konzert ist klanglich umwerfend und vor allem in den Instrumentalparts der Dessner-Zwillinge wird den ZuschauerInnen die Besonderheit dieses Abends bewusst. Als absolutes Highlight entpuppt sich jedoch das große Finale, das den wirklichen Fan vom Monokelträger trennt. „Vanderlyle Crybaby Geeks“ ertönt akustisch. Den Gesang übernehmen die Gäste, auf welche die Bühnenmikrofone nun gerichtet sind. 2100 Stimmen in 360°. Die Anzahl der Fans überwiegt deutlich. Der Klang unbeschreiblich. Ein würdiges Finale. Unter nicht endendem Applaus verlässt Berninger nach dem zerschmettern seiner Weinflasche die Bühne.

The National (Foto: Peter Hundert)

Ein letztes bisschen Unangepasstheit vor dem zu Bett gehen.

The National (Foto: Peter Hundert)

Setlist:

1. Nobody Else Will Be There
2. The System Only Dreams in Total Darkness
3. Walk It Back
4. Guilty Party
5. Don’t Swallow the Cap
6. Bloodbuzz Ohio
7. Born to Beg
8. I’ll Still Destroy You
9. I Need My Girl
10. Dark Side of the Gym
11. Turtleneck
12. Wasp Nest
13. Green Gloves
14. Slow Show
15. Carin at the Liquor Store
16. Day I Die
17. Fake Empire
18. Sleep Well Beast
19. About Today
20. Lucky You
21. The KKK Took My Baby Away
22. Mr. November
23. Terrible Love
24. Vanderlyle Crybaby Gee

Links:
www.americanmary.com
www.elbphilharmonie.de

Vorheriger ArtikelPreview: Hilfe, Die Russen kommen! Russkaja live (2017)
Nächster ArtikelPreview: Igorrr auf „Savage“ Tour (2017)
Thea Drexhage
Thea Drexhage hat Salma Hayek einiges voraus! 10 mm. Wie die meisten Frauen der Redaktion, Duffy, Beth Ditto, Joan Rivers oder Angus Young kann sie die MusikerInnen aus dem Bühnengraben also völlig problemlos sehen, wenn jemand ihren Hocker trägt, wird aber - das hat sie mit Salma dann doch wieder gemein - dennoch viel zu oft auf Ihre Körpergröße, ihre Mähne und ihre leicht misanthropischen Anflüge reduziert. Damit sie also nicht im nächstbesten Titty Twister von Sonnenunter- bis Sonnenaufgang Menschenmengen und Bläser mätzelt, halten wir “Aggro-Thea”, die zuvor ganze Landstriche in Mecklenburg Vorpommern ausgerottet hat, halbtags im spießbürgerlichen Oldenburger Exil an der langen Leine. Seither legt sich die scheißpünktliche existentialistische Besserwisserin analog mit Sartre, Camus & Kodak an und ja, auch wir müssen neidlos zugestehen, dass der Instagram-Account ihrer beiden Katzen “Salma” und “Hayek” mehr Follower pro Tag hat, als unser webzine im ganzen Jahr.