Review: Zwischen Kirchenbank und Schlachthof – Subway To Sally feiern ein emotionales Tourfinale (09.05.2026, Dresden)

Es gibt Konzerte, bei denen schon der Weg hinein zeigt, dass etwas Besonderes passiert. Beim Abschlusskonzert der „Nackt II“-Akustiktour von Subway To Sally am 09. Mai 2026 im Alten Schlachthof beginnt der Abend zunächst mit einer fast schon traditionellen Schlachthof-Prüfung: Parkplatzsuche. Der Parkplatz selbst? Hoffnungslos voll. Also kurvt halb Dresden durch die umliegenden Straßen, wägt die Chancen zwischen Glück und Strafzettel ab und pilgert schließlich Richtung Venue.

Drinnen wartet dann direkt die erste Überraschung. Keine Vorband. Kein Gedränge vor der Bühne. Keine Bierduschen. Stattdessen: ein fast ausverkaufter, komplett bestuhlter Schlachthof. Wer Subway To Sally sonst hier erlebt, kennt eher verschwitzte Menschenmassen, wildes Mitsingen und wenig Raum für Besinnlichkeit. Heute dagegen wirkt der Saal beinahe ehrfürchtig — und gleichzeitig gespannt darauf, ob ein Sitzkonzert mit dieser Band überhaupt funktionieren kann.

Spoiler: und wie es funktioniert.

Subway To Sally (Foto: Kristin Hofmann bs! 2026)

Das Bühnenbild erinnert irgendwo zwischen mittelalterlicher Tafelrunde und düsterer Kircheninszenierung. Jeder Musiker sitzt auf einem kunstvoll wirkenden Stuhl, beleuchtet von farblich abgestimmten LEDs. Alles wirkt reduziert, fast intim. Die Band trägt Schwarz, nur Geigerin Ally Storch sticht heraus — in einem traumhaften roten Tüllkleid, das sie wie eine Figur aus einem dunkelromantischem Märchen wirken lässt. Allein optisch ist sie bereits ein Blickfang des Abends.

Subway To Sally (Foto: Kristin Hofmann bs! 2026)

Lediglich Schlagzeuger Simon Michael verlässt seinen Platz immer wieder, wechselt zwischen klassischem Schlagzeug und einzelner Trommel und bringt zusätzliche Dynamik in das ansonsten bewusst entschleunigte Setting. Unterstützt wird die Band zudem von einem zusätzlichen Cellisten, der den Songs noch mehr Tiefe verleiht.

Und obwohl alle sitzen, dauert es nicht lange, bis Eric Fish grinsend feststellt:

„Es ist gewöhnungsbedürftig, dass ihr alle sitzt hier im Schlachthof.“

Subway To Sally (Foto: Kristin Hofmann bs! 2026)

Die Stimmung ist trotzdem sofort da. Vielleicht sogar intensiver als sonst, weil jeder Ton mehr Raum bekommt.

Schon früh zeigt sich, wie hervorragend die Akustikfassungen funktionieren. Besonders bei „Böses Erwachen“ wird es beinahe bedrückend still im Saal. Eric Fish spricht über die dunklen Seiten des Lebens, darüber, dass das Böse selten „mit Hörnern“ komme, sondern schmeichle und umgarne — bis es irgendwann zu spät sei. Man spürt förmlich, wie aufmerksam der gesamte Schlachthof zuhört.

Doch ein Subway-To-Sally-Konzert bleibt natürlich niemals nur melancholisch.

Bei „Traum vom Tod II“ fordert Eric Fish das Publikum schließlich zum ersten großen Mitsingen auf:
„So, seid ihr eingesungen? Dann könnt ihr jetzt ganz laut mitschmettern!“

Und Dresden liefert.

Subway To Sally (Foto: Kristin Hofmann bs! 2026)

Spätestens bei „Minne“ verwandelt sich der Saal in eine einzige rhythmische Klatsch-Orgie. Das Publikum beweist eindrucksvoll, dass Sitzplätze nicht automatisch bedeuten, dass man still bleibt. Im Gegenteil — der Applaus ist mindestens genauso laut wie bei einem regulären Rockkonzert.

Überhaupt zeigt dieser Abend eindrucksvoll, dass Akustik nicht gleichbedeutend mit „zahm“ ist.

Das merkt man spätestens bei „Das Rätsel II“. Eric Fish kündigt den Song als Stück aus den späten 90ern an — damals geschrieben voller Fragen über die eigenen Lieder. Die Antwort darauf kennt Dresden natürlich längst. Und so fordert Fish einen „fulminanten Schrei“.

Der erste Versuch? Bereits ohrenbetäubend. Für Eric Fish allerdings noch nicht fulminant genug.

Also folgt Versuch Nummer zwei — und der Schlachthof explodiert akustisch beinahe komplett. Genau diese Momente zeigen, warum selbst ein bestuhltes Subway-To-Sally-Konzert immer noch verdammt rocken kann.

Fast magisch wird es anschließend bei „Kleid aus Rosen“. Gitarrist Ingo Hampf trägt das Stück beinahe zerbrechlich an, Eric Fish summt leise dazu, und nach und nach summt plötzlich ganz Dresden mit. Für einige Minuten fühlt sich der riesige Schlachthof erstaunlich klein an. Persönlich. Warm. Nah. Als Eric Fish schließlich mit der berühmten roten Rose die Bühne betritt, brandet großer Applaus für Komponist Ingo auf.

35 Jahre Bandgeschichte schweben ohnehin permanent über diesem Abend. Eric Fish bringt es irgendwann selbst auf den Punkt:

„Wenn ihr bezahlt mit Lachen und Weinen, dann macht uns das glücklich.“

Und genau das passiert hier.

Ein absolutes Highlight folgt mit „Weit ist das Meer“. Fish kündigt eine „Experience“ an und teilt das Publikum kurzerhand in verschiedene Chöre auf — männlich, weiblich oder divers. Zusammen mit Simon Michael dirigiert er die Menschenmassen wie einen riesigen akustischen Klangkörper. Erst summen die Gruppen abwechselnd, dann singt der gesamte Schlachthof am Ende komplett a cappella. Ein Gänsehautmoment, der zeigt, wie besonders diese Tour wirklich ist.

Nach rund einer Stunde gibt es eine zwanzigminütige Pause, bevor der zweite Teil deutlich energischer startet.

Mit „Wenn Engel hassen“ kehrt plötzlich die typische Subway-To-Sally-Wucht zurück. Die ersten Pommesgabeln schnellen in die Luft, Arme wippen im Takt, und langsam merkt man: Die Sitzplätze werden nicht mehr ewig akzeptiert werden.

Bei „Leinen los“ verwandelt sich der gesamte Saal schließlich in ein wogendes Meer. Eric Fish fordert lachend:


„Bekommen wir mal alle Hände dafür?“

Subway To Sally (Foto: Kristin Hofmann bs! 2026)

Und plötzlich gehen von vorne bis hinten Wellenbewegungen durch den kompletten Schlachthof.

Spätestens jetzt ist endgültig klar: Dieses Publikum hält es nicht mehr lange auf den Stühlen.

Herrlich skurril wird es anschließend bei „Krähenfrass“. Während Fish erklärt, dass der Song auf einem alten gälischen Lied basiert und von Bodenski übertragen wurde, schleicht plötzlich eine Krähe in Menschengestalt über die Bühne, tanzt frech um Eric Fish herum und sorgt für große Erheiterung.

Überhaupt pendelt das Konzert permanent zwischen Tiefgang und völliger Albernheit — und genau das macht Subway To Sally seit Jahrzehnten aus.

Auch „Falscher Heiland“ wirkt erschreckend aktuell. Eric Fish bezeichnet „Engelskrieger“ als seine Lieblingsplatte und tatsächlich merkt man dem Song an, wie zeitlos viele der Bilder und Themen geblieben sind.

Richtig ausgelassen wird es dann bei „Die Ratten“. Fish erzählt von uralten Probentagen in einem Kohlenmeiler voller echter Ratten — die angeblich verschwanden, sobald die Band einmal wirklich gute Musik schrieb. Kurz darauf surft ein kleines Schlauchboot mit Plastikratten durchs Publikum. Komplett albern. Komplett großartig.

Und dann kippt der Abend endgültig in den Partymodus.

Mit dem Party-Medley aus „Sag dem Teufel“, „Ohne Liebe“ und „Tanz auf dem Vulkan“ gibt es plötzlich kein Halten mehr. Die Sitzplätze werden zu Stehplätzen, der Schlachthof steht geschlossen und dreht komplett auf. Fast zwei Stunden Sitzen reichen schließlich auch irgendwann.

Vor „Sieben“ wird es nochmal emotional. Eric Fish spricht offen darüber, wie anstrengend Touren inzwischen für seine Stimme seien. Vielleicht gebe es 2045 nur noch Karaoke-Versionen mit der Band im Rollstuhl auf der Bühne, während das Publikum übernimmt.

Der Testlauf dafür funktioniert hervorragend.

Der gesamte Schlachthof singt „Sieben“ lautstark mit. Wenn das die Zukunft ist, dann funktioniert selbst das noch.

Nebenbei gibt es dann noch eine Nachricht, die viele Fans freuen dürfte:
2027 wird die „Nackt“-Tour fortgesetzt.

Bevor der Abend endet, wird es mit „Maria“ noch einmal ganz intim. Nur Ingo und Eric Fish stehen gemeinsam im Licht. Kein großes Spektakel. Keine Wucht. Einfach nur Musik.

Doch natürlich wäre ein Subway-To-Sally-Abend nicht komplett ohne Dudelsack und Eskalation.

Und so kommt zum Finale bei „Julia und die Räuber“ doch noch der Dudelsack auf die Bühne. Ob das überhaupt ein Instrument ist? Wahrscheinlich diskutabel. Aber spätestens bei „Räuber saufen Blut“ interessiert das ohnehin niemanden mehr.

Der Schlachthof singt ein letztes Mal komplett aus voller Kehle.

Und ehrlich: Wahrscheinlich würde in Dresden tatsächlich Mord und Totschlag ausbrechen, wenn Subway To Sally jemals ein Konzert ohne diesen Song beenden würden.

Galerie (by Kristin Hofmann bs! 2026)

Subway To Sally (09.05.2026, Dresden)

Setlist:

Subway To Sally (Foto: Kristin Hofmann bs! 2026)
  1. Lacrimae ’74
  2. Feuerkind
  3. Eisblumen
  4. Auf dem Hügel
  5. Böses Erwachen
  6. Traum vom Tod II
  7. Minne / Herz in der Rinde
  8. Mitgift
  9. Das Rätsel II
  10. Kleid aus Rosen
  11. Was ihr wollt
  12. Weit ist das Meer
  13. Wenn Engel hassen
  14. Leinen los
  15. Unsterblich
  16. Krähenfrass
  17. Henkersbraut
  18. Post Mortem
  19. Falscher Heiland
  20. Die Ratten
  21. Arche
  22. Party-Medley: Sag dem Teufel / Ohne Liebe / Tanz auf dem Vulkan
  23. Sieben
  24. Veitstanz
  25. Maria
  26. Julia und die Räuber

Links:
https://www.subwaytosally.de

Veranstalter:
https://www.aust-konzerte.com (lokal Dresden)

Kristin Hofmann
Kristin Hofmannhttp://www.fotokatz.de/
Kristin Hofmann, das schnurrende Fotokatzl, ist uns von den Elbwiesen zwischen Nightwish und Lacrimas Profundere im Fotograben irgendwie zugelaufen. Das „Spätzchen“ fährt in der Regel nicht die Krallen aus, voll auf weißblaue Vierräder ab und hat die anderen sechs Nerdzwerge zwischen Datenkraken, Mediendschungel und Hexadezimal im Blinzelwettbewerb längst platt gemacht. Schnurrbart steht ihr übrigens nicht so gut wie DocMartens, aber irgendwas is’ ja immer. Bitte nicht füttern!

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